Viktor stand an der Bar, den Rücken zum Raum, ein Glas in der Hand, in dem der Whisky sich nicht bewegte. Sie drehte sich nicht um, als Lena kam. Sie wartete, bis Lena neben ihr stand, und dann sagte sie, ohne das Glas abzusetzen: „Du hast dir das Hemd selbst zugeknöpft. Und dann wieder aufgemacht."
„Ja", sagte Lena.
„Warum."
Lena sah auf ihre eigenen Hände. Die Knöpfe. Sie hatte nicht darüber nachgedacht, und jetzt sollte sie es in Worte fassen, hier, an einer Bar, im Licht, das aus der Flasche hinter ihr kam. „Weil ich es so wollte."
Viktor drehte das Glas einmal zwischen den Fingern und stellte es ab. „Gut." Sie sah Lena an, von den nackten Füßen aufwärts, ohne Eile, und Lena stand still und ließ es zu. „Die beiden haben mir gesagt, dass du bleiben willst. Ich will es von dir hören."
„Ich will bleiben."
„Und du willst auf die Bühne."
Lena schwieg. Es war nicht das Zögern von vor drei Wochen. Es war das Schweigen vor einem Ja, das sie schon kannte und nur noch nicht aussprechen wollte, weil Aussprechen es endgültig machte. „Ja", sagte sie.
Viktor nickte, knapp, und etwas in ihrem Gesicht wurde fertig. „Dann geh nach hinten. Sie warten schon." Sie nahm das Glas wieder auf. „Und Lena."
„Ja?"
„Wenn du heute etwas lernst, dann das: Du kannst jederzeit aufhören. Aber du kannst nicht jederzeit anfangen. Fang jetzt an, oder geh nach Hause."
Lena ging nach hinten.
Der Club war voller als an den Dienstagen. Schon durch den Gang hinter der Bar drang das Geräusch von vielen Stimmen, dumpf durch die Wand, das Schaben von Stühlen, das Klirren von Gläsern, und darunter das tiefe, gleichmäßige Brummen der Luft, das sie schon kannte und das jetzt lauter war. Hinter dem Vorhang zum Umkleideraum wurde es stiller, aber nicht ruhig. Der Marmortisch war abgeräumt. Auf dem Hocker daneben lag etwas, das Lena auf den ersten Blick für ein Knäuel schwarzer Schnur hielt, und dann erkannte sie es: ein Gewebe, so fein, dass es kaum mehr war als ein Schatten mit Maschen.
„Ausziehen", sagte die mit dem Hoodie. Sie hatte den Hoodie abgelegt. Darunter trug sie nur die Hose und ein Band um den Oberkörper, und ihre Arme waren dünn und sehnig, und an ihren Handgelenken sah Lena die Spuren der Seile von der Bühne, verblasst, aber da. „Alles."
Lena zog das Hemd aus und die Hose. Die andere nahm die Sachen, faltete sie nicht, legte sie einfach auf den Stuhl in der Ecke, und Lena sah das und dachte nichts dabei, und das war neu. Vor drei Wochen hätte sie gewusst, wo ihre Sachen lagen, weil sie gewusst hätte, wann sie gehen würde.
Die mit dem Hoodie nahm das schwarze Gewebe vom Hocker und hielt es auf. Es war ein Body, eng, aus Maschen, die kaum etwas verdeckten, und die Maschen waren so klein, dass sie nur die Haut zu einem Raster machten, aber nichts verbargen. Lena streckte die Arme, und der Stoff glitt über ihre Schultern, und die mit dem Hoodie zog ihn an den Seiten zu, mit Haken, die kalt waren, und sie zog die Träger über Lenas Schultern und richtete sie mit zwei Fingern, ruhig, als richte sie ein Bild an der Wand aus.
Der Body saß. Und saß nicht. Über ihre Brüste lief der Stoff nur bis zum Rand der Warzenhöfe und ließ sie frei. Zwischen ihren Beinen war ein Schlitz, kein Schlitz, eine Öffnung, die nichts war als die Stelle, wo der Stoff aufhörte, und die andere fuhr mit dem Daumen an ihrem Schenkel entlang, ohne die Stelle zu berühren, und Lena hörte sich selbst atmen.
„Nicht zu eng", sagte die andere von der Seite. „Sie muss atmen können."
„Sie atmet." Die mit dem Hoodie trat zurück und sah sie an, und Lena stand in dem Raster aus schwarzen Maschen und war nackter als nackt, weil das, was sie trug, ihre Nacktheit betonte, und sie merkte, dass sie die Arme nicht verschränkte.
Dann kam die Maske.
Sie war aus Leder, schwarz, weich, und sie hatte Löcher für die Augen und einen Schlitz für den Mund, und nichts sonst. Die mit dem Hoodie setzte sie ihr an und zog die Riemen nach hinten, und der Rand legte sich über Lenas Wangenknochen, rau, wo das Leder nicht eingetragen war, und als sie den Kopf drehte, spürte sie die Kante unter dem Auge, ein dünner, trockener Strich, der bleiben würde, wenn sie die Maske abnahm. Das Leder roch nach Öl und nach jemand anderem. Sie schloss die Augen, während es festgezogen wurde, und als sie sie öffnete, sah sie durch die zwei Löcher die andere vor sich stehen, und die andere sah sie an und lächelte nicht, aber ihr Gesicht war anders geworden, ruhiger, als hätte sie etwas wiedererkannt.
„Kannst du sprechen?"
„Ja."
„Gut. Du wirst es brauchen."
Die Tür zum Bühnenraum ging auf, und das Geräusch der Menge kam herein, voll, warm, viele Kehlen, und darunter das Klatschen, das noch nicht für sie war, ein Rhythmus, der sich suchte. Die mit dem Hoodie nahm eine Schale vom Boden auf, eine flache Keramikschale, und in ihr lagen die Klammern, klein, aus Metall, mit Gummizügen, und sie klirrten leise, als sie die Schale hochhob, und Lena hörte dieses Klirren deutlicher als alles andere.
Sie führten sie hinaus, eine links, eine rechts, und Lena ging zwischen ihnen wie etwas, das geführt wird, und das war es auch, und sie spürte ihre eigenen Fußsohlen auf dem Holz, kalt erst, dann warm. Der Raum hinter dem Vorhang war voll. Mehr als voll. An den Tischen saßen sie in Reihen, an der Bar standen sie, an der Seite, wo die Käfige hingen, standen sie dicht, und alle Gesichter waren zum Kubus gedreht, und der Kubus war leer und glänzte unter dem Scheinwerfer, und das Licht lag darauf wie Wasser auf Lack.
Die Menge wurde leiser, als Lena durch den Vorhang trat. Nicht still. Leiser. Ein Absinken von Stimmen, ein Umdrehen von Köpfen, das Rascheln von Kleidung, und irgendwo vorne lachte jemand kurz und verstummte. Lena sah die Gesichter nicht. Sie sah den Boden, das Holz, die Fugen, dann hob sie den Kopf und sah das Kreuz.
Es stand am hinteren Rand des Kubus, zwei schwarze Balken, die sich kreuzten, mit Ringen an den Enden, und Lena ging darauf zu, weil man sie darauf zuführte, und weil sie es so wollte, und weil das Gehen jetzt nichts mehr war, worüber sie nachdachte. Sie stellte sich mit dem Rücken an den Balken. Das Holz war warm von dem Licht, das den ganzen Tag daraufgelegen hatte, oder von der Luft, und es drückte sich in ihre Wirbelsäule, und sie lehnte sich an und wartete.
Die mit dem Hoodie nahm ihre Handgelenke und hob sie über den Kopf, und die andere nahm das Seil, und sie banden sie nicht, sie legten sie, erst um die Handgelenke, dann durch den Ring, dann zurück, und zogen an, und Lenas Arme strafften sich, und ihre Schultern wurden lang, und ihr ganzer Körper wurde zu einer Linie, die von den Händen bis zu den Fersen ging. Sie zog einmal, um zu prüfen, und das Seil hielt, und sie ließ es halten. Ihre Pulsadern lagen sichtbar unter der Haut ihrer Handgelenke, ein blaues Zucken im Scheinwerferlicht, und sie sah es, weil sie nach oben schaute, und sie sah es an, bis es ihr gleichgültig wurde.
Die Menge war jetzt stiller. Ein Stuhl schabte. Jemand stellte ein Glas ab, zu laut, und das Glas und die Stille waren eins, und dann war nur noch das Brummen der Luft.
Die andere kniete sich vor sie und band ihre Fußknöchel an den Fuß des Kreuzes, gespreizt, nicht weit, aber weit genug, dass Lena spürte, wie ihre Schenkel sich öffneten, und der Body gab die Stelle frei, und die Luft traf sie dort, kühl, und sie merkte, dass sie feucht war, und dass jeder im Raum es sehen konnte, wenn er hinsah, und sie merkte auch, dass sie aufhörte, das zu bedenken.
Die mit dem Hoodie nahm die Schale auf. Sie stellte sie auf den Boden neben Lenas Fuß, und die Klammern klirrten, und dann nahm sie eine heraus, und sie hielt sie hoch, damit die Menge sie sah, und die Menge sah sie, und es kam kein Ton.
„Atme aus", sagte sie leise, nur für Lena.
Lena atmete aus. Sie sah den Metallbügel auf sich zukommen, klein, kalt, und sie sah ihn ihre linke Brustwarze berühren, und sie fühlte, wie die Kälte sich zusammenzog, und dann biss der Gummi zu, und der Schmerz kam nicht sofort, er kam als ein Aufblitzen, das durch ihren Brustkorb lief und in ihrem Hals ankam, und sie riss die Luft ein, und die Maske schluckte es, und unter dem Leder wurde ihr Atem ein Geräusch, das nur sie hörte.
Und dann, darunter, der andere Schmerz, der kein Schmerz war. Er breitete sich aus, langsam, von der Brustwarze nach innen, als hätte jemand eine Saite in ihr angeschlagen, und die Saite zitterte, und sie zitterte bis hinunter in ihren Bauch, und zwischen ihren Beinen zog sich etwas zusammen, heiß, und sie spürte es und verstand es nicht und wollte es nicht verstehen.
Ein Schweißtropfen lief ihre Rippen hinunter, langsam, und blieb an dem Rand des Bodys hängen, und der Scheinwerfer trocknete ihn, bevor er weit kam.
Die mit dem Hoodie trat zurück und sah sie an, und in der ersten Reihe, vorne, wo das Licht ins Dunkel überging, bewegte sich etwas, ein Stoff, ein Arm, ein Schatten, der kurz ein Gesicht war und dann keines mehr, und Lena sah es nur halb durch die zwei Löcher der Maske, und sie wusste nicht, ob es jemand war, den sie kannte, und sie hatte keine Zeit, es zu wissen.
Die andere Hand kam mit der zweiten Klammer. Sie hielt sie an Lenas rechter Brustwarze, kalt, wartend, und die Klammer hing da und berührte sie noch nicht, und die Menge wartete mit ihr, und Lena wartete auch, die Arme über dem Kopf, die Fersen am Holz, und sie wusste nicht, ob der nächste Druck Schmerz sein würde oder das, was danach kam, und sie spannte sich an, und ihr Herz schlug sichtbar in ihrem Hals.
Die Klammer blieb. Sie berührte sie nicht, und das war das Schlimmste. Lena hing an ihren eigenen Handgelenken, das Seil schnitt nicht, es hielt nur, und die Kälte an ihrer rechten Brustwarze wurde zu einem eigenen kleinen Zentrum, um das sich alles drehte. Sie hörte das Brummen der Luft. Sie hörte ihren Atem unter dem Leder. Sie hörte, wie jemand in der zweiten Reihe den Stuhl verlagerte, ein leises Scharren, das durch die Stille ging wie ein Stein über ein Brett.
„Zähl", sagte die mit dem Hoodie, an die Menge, nicht an Lena. „Von der ersten."
Und die Menge zählte. Nicht laut, nicht einstimmig, sondern als ein Gemurmel, das sich selbst nicht finden wollte, „eins", „zwei", und Lena verstand nicht, was gezählt wurde, bis ihr klar wurde, dass sie nicht sie zählten, sondern die Sekunden, die die Klammer über der Brustwarze hing, ohne zuzubeißen. Jede Zahl war ein Tropfen auf derselben Haut. Bei „vier" spürte sie, wie die Brustwarze sich unter der Kälte zusammenzog, ohne dass die Klammer sie berührte, nur weil sie wusste, dass sie wartete. Bei „sechs" zog sich ihr Bauch zusammen, und der Body rieb an ihrer Hüfte, und sie merkte, dass sie sich nicht mehr bewegte, weil jede Bewegung die Klammer näher brachte.
Bei „acht" ließ die andere sie zubeißen.
Der Schmerz kam diesmal sofort, und er kam anders als der erste. Der erste war ein Aufblitzen gewesen, weg und wieder da; dieser war ein Zug, der nicht aufhörte, ein Griff, der die Brustwarze packte und sie nach vorn zog, als wollte er sie von ihr lösen, und Lenas Rücken hob sich von dem Balken ab, ihr ganzer Körper machte einen Bogen, die Fersen am Holz, die Arme gespannt, und die Maske presste ihren Schrei gegen ihr eigenes Gesicht. Sie hörte ihn selbst nicht. Sie fühlte ihn nur als Druck hinter den Zähnen. Und dann, während der Schmerz noch da war, kam das andere wieder, dieses Ziehen, das kein Schmerz war, das von beiden Brustwarzen gleichzeitig nach innen lief, zwei Fäden, die sich in ihrer Brust trafen und sich kreuzten und weiter nach unten gingen, bis in den Bauch, bis zwischen die Beine, und dort blieb es und wurde warm und wurde mehr.
„Sieh sie an", sagte die mit dem Hoodie, und die andere stand auf und trat einen Schritt zurück, und Lena sah durch die zwei Löcher, wie die Menge sie ansah. Nicht die Menge. Die eine Reihe, die vorne saß, die Gesichter, die im Licht lagen, und auf jedem von ihnen derselbe Ausdruck, kein Grinsen, kein Spott, nur dieses stille, angespannte Sehen, als sähen sie etwas, das ihnen selbst gehörte.
Ein Finger berührte sie zwischen den Beinen.
Sie wusste nicht, wessen Finger. Sie sah es nicht, sie sah nach oben, in den Scheinwerfer, in das Weiß, das hinter dem Licht lag, und der Finger fuhr an ihr entlang, einmal, von vorn nach hinten, durch die Öffnung des Bodys, und er fand sie feucht, und er machte keinen Laut darüber, und das war schlimmer als jeder Kommentar. Er fuhr wieder, langsamer, und blieb am oberen Rand, wo die Haut am dünnsten war, und drückte, ohne einzudringen, und Lenas Hüften machten eine Bewegung, die sie nicht geplant hatte, ein kleines Vorschieben, ein Betteln ohne Worte, und sie hörte es selbst und schloss die Augen hinter dem Leder.
„Nicht", sagte die mit dem Hoodie, und der Finger ging weg.
Sie atmete. Sie atmete durch den Mundschlitz der Maske, kurz, und der Schweiß lief ihr jetzt in zwei Bahnen an den Seiten des Halses hinunter, und eine davon erreichte den Rand des Leders und sammelte sich dort, ein kleiner Vorrat, der nicht ablaufen konnte. Ihre Schultern brannten von dem Seil. Ihre Zehen waren kalt geworden, obwohl der Kubus warm war, und sie merkte, dass sie auf den Zehen stand, ohne es zu wollen, als könnte sie dem entgehen, was kam, und sie ließ die Fersen wieder sinken und spürte, wie das Seil an den Handgelenken nachgab und wieder zog.
Die andere kam zurück, und diesmal hatte sie etwas in der Hand, das Lena nicht sah, weil es hinter ihr war. Sie hörte es. Ein leises Klicken, Metall auf Metall, ein kurzes, trockenes Geräusch, das nichts war als eine Vorbereitung, und die Menge hörte es auch, denn das Gemurmel in den hinteren Reihen setzte aus, und dann war wieder nur die Luft.
„Sieh mich an", sagte die mit dem Hoodie, und Lena sah sie an, durch die zwei Löcher, und das Gesicht der anderen war nah, sehr nah, und es war ruhig, und es war das einzige ruhige Gesicht im Raum. „Du weißt, wo du bist."
„Ja."
„Und du weißt, dass du bleiben kannst."
„Ja."
„Dann bleib." Sie trat zurück. „Und atme."
Lena atmete. Sie atmete ein, und mit der Luft kam der Geruch, Leder, Öl, Schweiß, und darunter etwas, das sie kannte, das Öl aus dem Umkleideraum, das Öl, das die andere ihr zwischen die Beine gegeben hatte, an einem Dienstag, der jetzt weit weg war. Sie atmete aus, und während sie ausatmete, spürte sie, wie die Klammern an ihren Brustwarzen sich mit jeder Bewegung ihres Brustkorbs bewegten, und der Schmerz kam und ging mit ihrem Atem, kam und ging, und sie begann, ihn zu atmen, statt ihn zu erleiden.
Und dann, ganz vorne, in der ersten Reihe, wo das Licht ins Dunkel überging, bewegte sich etwas wieder. Nicht ein Gesicht. Ein Stoff. Ein Ärmel, der sich hob, um ein Glas zu halten, und die Bewegung war ruhig, war langsam, war so ruhig, dass Lena sie kannte, bevor sie sie sah. Sie konnte nicht erkennen, wer es war. Das Licht lag auf der falschen Seite. Aber sie wusste, dass jemand dort saß und sie ansah, und sie wusste auch, dass es dieselbe Bewegung war, mit der jemand an einer Bar ein Glas zwischen den Fingern dreht, bevor er es abstellt.
Sie schloss die Augen hinter dem Leder. Als sie sie wieder öffnete, war die Bewegung weg, und der Scheinwerfer war wieder nur ein Scheinwerfer, und die Menge war wieder nur eine Menge, und die zweite Klammer hing noch an ihrer rechten Brustwarze, und der Finger war noch nicht zurückgekommen, und Lena wartete, mit langen Schultern und gespreizten Fersen, und sie wusste nicht, ob der nächste Druck Schmerz sein würde oder das, was danach kam.
Die Klammer hing noch. Sie hing, und Lena hing mit ihr, und dann ließ die andere sie zubeißen, und diesmal war der Schmerz kein Zug mehr, sondern ein Griff, der blieb und nicht nachließ, und Lena hörte sich selbst einen Ton machen, der unter dem Leder zerbrach.
„Gut", sagte die mit dem Hoodie. „Jetzt die andere Seite."
Sie nahm Lenas Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger und drehte ihren Kopf, nicht grob, nur bestimmt, und Lena sah die Menge nicht mehr, sie sah nur noch die eine Reihe, die im Licht lag, und die Gesichter darin waren offen und hungrig und ohne Spott, und irgendwo weiter hinten, wo das Licht nicht hinreichte, saß jemand und drehte ein Glas zwischen den Fingern.
Die dritte Klammer kam. Sie kam kalt an ihre rechte Brustwarze und wartete, und Lena wartete mit ihr, und diesmal zählte die Menge nicht, diesmal ließ die andere sie einfach zubeißen, ohne Vorwarnung, und der Schmerz fuhr durch sie hindurch wie ein Ruck in einem Seil, das zu weit gespannt war.
Und darunter, wieder, das andere. Das Ziehen. Der heiße Faden, der von beiden Brustwarzen aus nach innen lief und sich in ihrem Bauch kreuzte und dann weiter nach unten ging, dorthin, wo der Body aufhörte, und Lena spürte, wie es dort feucht wurde, und sie spürte es nicht als Scham, sie spürte es als Antwort.
Die mit dem Hoodie kniete sich vor sie. Sie nahm die vierte Klammer aus der Schale, und sie hielt sie nicht hoch diesmal, sie zeigte sie niemandem, sie führte sie nur zwischen Lenas Beine, und Lena sah den Metallbügel nicht, sie fühlte nur die Kälte an der Innenseite ihres Schenkels, wo die Haut am dünnsten war.
„Was", sagte Lena, und es war kein Wort, es war nur Luft.
„Du weißt, was."
Die Klammer fand sie. Sie setzte sich an die kleine Lippe, nicht an die große, an die innere, wo jeder Nerv einzeln lag, und sie biss zu, und der Schmerz war anders als alles vorher, war kein Zug und kein Griff, war ein kleiner, scharfer Stern, der in ihr aufging, und Lenas Hüften schoben sich vor, ohne dass sie es wollte, und ihr Kopf fiel zurück gegen den Balken.
„Atme", sagte die mit dem Hoodie, und Lena atmete, und mit dem Atem wurde der Stern größer, wurde warm, wurde feucht, und sie spürte, wie es an ihr hinunterlief, an der Innenseite des Schenkels, langsam, ein einzelner Faden, der sich in der Kälte der Luft kühlte, und sie wusste, dass jeder im Raum es sehen konnte, und sie wusste auch, dass sie es nicht mehr bedachte.
Die fünfte Klammer kam auf die andere Seite. Die andere Lippe. Der zweite Stern, der zweite Faden, und jetzt zog es von allen Seiten gleichzeitig, von den Brustwarzen, von den Lippen, fünf kleine Zentren, die alle in dieselbe Richtung zogen, und Lena hing an ihren Handgelenken und ließ sich ziehen, und das Seil schnitt nicht, es hielt nur, und sie merkte, dass sie das Seil nicht mehr als etwas Fremdes spürte, sondern als das, was sie hielt, damit sie das Ziehen spüren konnte.
„Sieh", sagte die mit dem Hoodie, und sie sprach wieder zur Menge. „So sieht es aus, wenn jemand es will."
Die Menge machte kein Geräusch. Nur das Atmen, das viele Atmen, das leiser war als das Brummen der Luft.
Lena schloss die Augen. Hinter dem Leder war es warm und dunkel, und in der Dunkelheit war nur das Ziehen, fünf Fäden, die sich in ihr trafen, und sie ließ sie sich treffen, und irgendwo unter dem Ziehen, ganz tief, wurde etwas weich und schwer und heiß, und sie spürte, wie ihr ganzer Unterleib sich öffnete, nicht den Fingern, nicht der Menge, nur der Möglichkeit.
Dann kam die mit dem Hoodie näher, und ihre Hand lag auf Lenas Hüfte, flach, warm, ruhig, und sie sagte leise, nur für sie: „Jetzt lassen wir dich atmen."
Sie nahm die Klammern nicht ab. Sie ließ sie. Sie ließ ihre Hand auf Lenas Hüfte liegen und fuhr mit dem Daumen langsam an der Innenseite entlang, an dem Faden entlang, der dort hinunterlief, und sie sammelte ihn auf, den Daumen, und hielt ihn hoch, und Lena sah es durch die zwei Löcher, und die Menge sah es auch, und irgendwo vorne atmete jemand scharf ein.
„Das", sagte die mit dem Hoodie, „ist keine Angst."
Dann kniete die andere sich auf die andere Seite, und jetzt waren sie zu zweit vor ihr, links und rechts, und Lena stand zwischen ihnen wie etwas, das zwei Seiten hat, und beide Seiten begannen gleichzeitig, sie zu berühren. Die mit dem Hoodie fuhr mit zwei Fingern an ihrer Innenseite entlang, langsam, immer wieder, ohne zwischen die Lippen zu gehen, und die andere legte ihre Hand auf Lenas Bauch, unter den Body, flach auf die Haut, und hielt sie dort, während sie mit dem Daumen kleine Kreise auf die Stelle unter dem Bauchnabel malte.
„Nicht kommen", sagte die mit dem Hoodie.
„Ich—"
„Nicht."
Lena biss die Zähne zusammen. Das Ziehen in ihr war jetzt nicht mehr fünf Fäden, es war ein einziges Feld, ein heißes, weiches Feld, in dem jede Berührung eine Welle war, und die Wellen kamen schneller, als sie sie ordnen konnte, und sie begann, gegen sie anzugehen, mit den Fersen gegen das Holz, mit den Schultern gegen das Seil, und es half nicht, es machte es schlimmer.
Die andere beugte sich vor. Sie beugte sich zwischen Lenas Beine, und Lena spürte ihren Atem dort, warm, und dann ihre Zunge, flach, ein einzelner Strich von unten nach oben, der genau an den Klammern vorbei ging, genau an den Rändern, wo die Haut am empfindlichsten war, und Lenas Knie gaben einen Zentimeter nach, und die andere fing sie mit der Schulter auf.
„Bleib stehen", sagte die mit dem Hoodie.
Lena blieb stehen. Sie blieb stehen mit gespreizten Fersen und langen Schultern, und die Zunge kam wieder, langsamer diesmal, und blieb oben, wo die Haut am dünnsten war, und drückte, ohne einzudringen, und Lena hörte sich selbst ein Geräusch machen, das kein Wort war und kein Schrei, ein hohes, dünnes Geräusch, das unter dem Leder blieb und nur ihr gehörte.
Die mit dem Hoodie ließ ihre Finger jetzt tiefer gehen. Sie ging nicht in sie hinein, sie strich nur an den Rändern entlang, an den Lippen, an den Klammern, und sie tat es mit einer Ruhe, die Lena wahnsinnig machte, weil jede Berührung so nah war an der Stelle, wo sie es brauchte, und keine sie erreichte. „Du bist so nass", sagte sie, und es war keine Frage und kein Lob, es war eine Feststellung, ein Fakt, den sie der Menge gab. „Hörst du das?"
Lena hörte es. Sie hörte das feuchte Geräusch ihrer eigenen Finger, ihrer eigenen Haut, das in der Stille des Raumes so laut war wie ein Atemzug neben ihrem Ohr, und sie schloss die Augen, und als sie sie wieder öffnete, sah sie durch die zwei Löcher, wie die erste Reihe sich vorgebeugt hatte, alle, jede einzelne Person, als hätten sie Angst, etwas zu verpassen.
„Fast", sagte die mit dem Hoodie. „Aber nicht."
Sie zog die Finger weg. Die andere hob den Kopf, und ihr Mund war nass, und sie sah Lena an, und ihr Gesicht war ruhig und offen, und dann stand sie auf und trat zurück, und Lena stand da, allein zwischen ihnen, mit fünf Klammern und einem Seil und einem Körper, der nicht mehr ihr gehörte.
Sie atmete. Sie atmete und spürte, wie das Feld in ihr nicht verschwand, sondern blieb, ein heißes, schweres Bleiben, und sie wusste, dass es nicht weggehen würde, bis es fertig war, und sie wusste auch, dass sie es nicht selbst fertig machen durfte.
Die andere kam zurück. Sie hatte etwas in der Hand, das Lena nicht sah, weil es hinter ihr war, und dann hörte sie es, das Klicken, das sie schon kannte, Metall auf Metall, und dann ein zweites Geräusch, weicher, das Rascheln von Leder, und die Menge wurde stiller, als wäre die Stille selbst eine Form von Applaus.
„Schau", sagte die mit dem Hoodie, und sie hielt es hoch, damit die erste Reihe es sehen konnte, und Lena sah es auch, halb, durch die Löcher, ein schwarzer Riemen, breit, mit Schnallen, und darunter etwas aus Metall, geschwungen, poliert, und sie wusste nicht, was es war, und sie wollte es nicht wissen.
Die andere kniete sich hinter sie. Sie hörte, wie die andere sich aufrichtete, wie ihr Atem näher kam, wie die Hand auf ihrem Rücken lag, flach, zwischen den Schulterblättern, und dann fuhr die Hand langsam hinunter, über die Wirbelsäule, über das Kreuz, über die Rundung ihres Arsches, und blieb dort, offen, ruhig, und Lena spürte, wie der Body an dieser Stelle nachgab, weil er dort offen war, weil er dort immer offen gewesen war.
„Du weißt, was kommt", sagte die andere, leise, nah an ihrem Ohr.
„Ja."
„Sag es."
Lena schluckte. „Ich will es."
„Gut."
Die Hand verschwand. Dann kam etwas Kaltes, Rundes, Gleitendes, das an ihr ansetzte, und Lena spannte sich an, und die andere sagte: „Nicht. Lass los." Und Lena ließ los, und das Kalte glitt in sie hinein, langsam, ohne Widerstand, weil sie so nass war, dass es keinen Widerstand gab, und es füllte sie, und es war größer als der Kugel, viel größer, und es ging tiefer, als sie gedacht hatte, und sie hörte sich selbst einen langen, tiefen Ton machen, der unter dem Leder zu einem Brummen wurde.
„Atme", sagte die andere. „Es ist nur der Anfang."
Die mit dem Hoodie kam zurück. Sie hatte den Riemen in der Hand, den breiten, schwarzen, und sie legte ihn Lena um die Hüften, und sie zog ihn zu, und die Schnalle klickte, und der Riemen hielt das Kalte in ihr fest, presste es gegen sie, und jede Bewegung, die Lena machte, jede kleinste Verschiebung ihres Beckens, drückte es tiefer, und sie merkte, dass sie aufhörte, sich zu bewegen, weil Bewegung es schlimmer machte, und dass sie sich dann doch bewegte, weil sie es schlimmer wollte.
„Sieh sie an", sagte die mit dem Hoodie, und die erste Reihe sah sie an, und Lena sah zurück, durch die zwei Löcher, und die Gesichter waren jetzt nicht mehr nur hungrig, sie waren offen, sie waren bei ihr, und irgendwo in der Mitte saß jemand und sah sie an, und die Hand dieses Jemand lag auf dem Tisch, ruhig, und drehte kein Glas mehr, sie lag nur da.
Dann kam der Spreizer.
Die andere holte ihn aus der Schale, und diesmal hielt sie ihn hoch, und die Menge sah ihn, und Lena sah ihn auch, durch die Löcher, halb, ein Ding aus poliertem Metall, mit zwei gebogenen Armen und einer Schraube in der Mitte, und sie verstand nicht, was es tat, bis die andere es zwischen ihre Beine führte und die Arme ansetzte, einen links, einen rechts, an den Innenseiten der Lippen, und dann die Schraube drehte.
Sie drehte langsam. Die Arme öffneten sich, Millimeter um Millimeter, und Lena spürte, wie sie sich öffnete, nicht schmerzhaft, nur weit, weiter, als sie sich je geöffnet hatte, und die Luft traf sie dort, kühl, und dann traf die Luft auch das Kalte, das noch in ihr war, und das Kalte wurde kälter, und sie spürte sich selbst als etwas, das offen lag, offen und gehalten, und die Schraube drehte noch eine halbe Umdrehung.
„Gut so", sagte die mit dem Hoodie. „Bleib."
Und dann berührte sie sie.
Sie berührte sie an der Stelle, die jetzt frei lag, offen, die kleine, harte Stelle oben, und sie berührte sie mit einem Finger, der feucht war von Lena selbst, und sie machte es langsam, so langsam, dass jede Bewegung eine eigene Entscheidung war, und die andere kniete sich vor sie und legte ihren Mund an die Innenseite von Lenas Schenkel und biss hinein, leicht, nur mit den Zähnen, und Lena riss an ihren Handgelenken, und das Seil hielt, und sie schrie, und die Maske schluckte den Schrei, und die Menge hörte ihn trotzdem.
Es kam nicht auf einmal. Es kam in Wellen, die sich übereinander legten, eine von dem Finger, eine von den Zähnen, eine von dem Kalten, das in ihr saß, und Lena verlor die Orientierung, verlor, wo oben war, verlor, wessen Finger, verlor, wessen Mund, und sie hörte sich selbst Dinge sagen, die sie nicht geplant hatte, „ja", „bitte", „mehr", und die mit dem Hoodie hörte es und machte weiter, und die andere biss fester, und der Finger wurde schneller, und dann kam es, und es kam nicht als Höhepunkt, es kam als Zusammenbruch, als würde alles, was in ihr gespannt war, gleichzeitig reißen, und sie schrie, lang und hoch, und ihr Körper zog sich zusammen, und dann stieß sie aus, in einem Schwall, heiß, über die Finger der mit dem Hoodie, über den Boden des Kubus, ein Bogen, der im Scheinwerferlicht glänzte, und die Menge machte ein Geräusch, ein tiefes, kollektives, das kein Klatschen war und noch kein Jubel, ein Erschrecken, das Anerkennung war.
Und dann klatschten sie.
Sie klatschten nicht sofort, sie klatschten, nachdem das erste Geräusch verklungen war, als hätten sie sich erst sammeln müssen, und dann war es laut, und es war warm, und es war für sie, und Lena hing in ihrem Seil und hörte es, und sie hörte es nicht als Applaus, sie hörte es als etwas, das sie nicht mehr rückgängig machen konnte.
Die mit dem Hoodie nahm die Klammern ab. Eine nach der anderen, und jede löste einen kleinen, scharfen Schmerz aus, der in das Nachbeben fiel und darin verschwand, und die andere drehte die Schraube zurück, langsam, und das Metall glitt aus ihr heraus, und Lena spürte die Leere als etwas Eigenes, als einen Raum, der noch offen war.
Sie machten das Seil los. Ihre Arme fielen, und sie fielen nicht, weil die mit dem Hoodie sie auffing, und Lena stand auf ihren eigenen Füßen, die kalt waren und taub, und die Maske wurde ihr abgenommen, und das Licht traf ihr Gesicht wie etwas Fremdes, und sie blinzelte, und die Menge war noch da, und sie sahen sie an, und Lena sah zurück, ohne die Augen zu senken.
Die mit dem Hoodie hielt sie an den Schultern. „Kannst du gehen?"
„Ja."
„Dann geh."
Lena ging. Der Weg zurück durch den Vorhang war kurz, und hinter dem Vorhang war es still, und im Umkleideraum brannte das Licht, und auf dem Hocker lag ihre Kleidung, gefaltet, ordentlich, und daneben lag etwas, das sie nicht hingelegt hatte, ein Handtuch, warm, und ein Glas Wasser, und Lena nahm das Handtuch und wusste nicht, ob es für sie war oder für alle, und sie nahm es trotzdem.
Sie setzte sich auf den Stuhl in der Ecke. Das Wasser lief an ihren Beinen hinunter und kühlte, und sie trank das Glas in einem Zug leer, und dann saß sie da, in dem leeren Raum, und hörte durch die Wand das Klatschen, das noch nicht aufhörte, und sie wusste, dass sie es war, für die sie klatschten, und sie wusste auch, dass sie morgen wiederkommen würde.
Die Tür ging auf. Jemand kam herein, und Lena hob den Kopf, und es war Viktor, und Viktor blieb in der Tür stehen und sah sie an, lange, und dann sagte sie: „Du bist geblieben."
„Ja."
Viktor nickte, und dann kam sie näher, und sie setzte sich nicht, sie blieb stehen, und sie sah auf Lena hinunter, auf das Handtuch, auf das nasse Glas, und dann sagte sie: „Zieh dich an. Ich bringe dich nach Hause."
Lena zog sich an. Das Hemd roch nach dem Raum, nach Leder und Schweiß, und sie knöpfte es zu, alle Knöpfe, bis zum Hals, und dann ließ sie den obersten wieder offen, weil sie nicht wusste, warum, und weil es ihr egal war. Die Hose war kalt. Sie schob die Füße in die Schuhe, ohne die Socken zu suchen, und als sie sich aufrichtete, spürte sie das Ziehen in den Brustwarzen und in den Lippen, fünf kleine, wunde Zentren, die sich unter dem Stoff bemerkbar machten wie Sätze, die man nicht vergisst.
Das Handtuch ließ sie auf dem Stuhl. Das Glas stellte sie auf den Marmortisch, leer, und sie drehte es, dass der Boden nach oben zeigte, ohne nachzudenken.
Viktor stand an der Tür, die Schulter gegen den Rahmen, und wartete, und sie wartete so, wie sie an der Bar gewartet hatte, ohne Eile, ohne Ungeduld, als wäre Warten das, was sie am besten konnte. Als Lena fertig war, ging sie voraus, ohne sich umzusehen, und Lena folgte.
Sie nahmen nicht den Weg durch den Hauptraum. Viktor ging einen Gang, den Lena noch nicht kannte, schmal, mit Rohren an der Decke, die warm waren, und einer Glühbirne, die summte, und am Ende eine Eisentür, die auf einen Hof ging, in dem die Nacht stand, kühl und nach Regen riechend, obwohl es nicht geregnet hatte. Viktors Auto war ein alter Kombi, grau, mit einem Kratzer an der Fahrertür, und Lena sah den Kratzer und dachte, dass sie sich ein Auto mit einem Kratzer nicht vorgestellt hätte, und dass sie Viktor überhaupt nicht vorgestellt hatte, in keinem Auto, in keinem Alltag.
Sie stiegen ein. Viktor drehte den Schlüssel, und der Motor lief, und die Lüftung kam an, lauwarm, und dann fuhren sie los, und die Straßen waren leer, und die Ampel an der Kreuzung vor dem Bahnhof schaltete von Rot auf Grün, obwohl niemand da war, für den sie es tat.
„Wo wohnst du?", fragte Viktor.
Lena sagte die Straße. Viktor nickte, als hätte sie es gewusst, und bog ab, ohne zu fragen, und Lena lehnte den Kopf gegen die Scheibe und sah die Stadt vorbeiziehen, die Schaufenster, die dunklen Balkone, die eine Bäckerei, in der noch das Licht brannte und jemand den Boden wischte.
„Du hast es die ganze Zeit gewusst", sagte Lena. „Dass ich bleiben würde."
„Nein." Viktor sah nach vorn. „Ich habe gewusst, dass du nicht gehst, bevor du es dir selbst gesagt hast. Das ist etwas anderes."
„Und woher?"
„Weil du an der Bar gestanden hast und auf deine Hände gesehen hast." Viktor schaltete in den dritten Gang. „Menschen, die gehen wollen, sehen zur Tür."
Lena schwieg eine Weile. Die Scheibenwischer machten einen halben Bogen, weil ein Insekt auf der Scheibe lag, und Viktor schaltete sie wieder aus.
„Ich habe über etwas nachgedacht", sagte Lena. „Schon vorher. Nicht heute."
Viktor sagte nichts. Sie wartete, und ihr Warten war jetzt anders, es war das Warten einer Frau, die zuhörte, nicht einer Lehrerin, die prüfte, und Lena merkte den Unterschied und wusste nicht, was sie damit tun sollte.
„Ich studiere Kunstgeschichte", sagte Lena. „Erstes Semester. Ich habe es gewählt, weil ich Bilder ansehen wollte. Weil ich dachte, dass ich darin gut wäre, Dinge zu sehen."
„Bist du."
„Vielleicht." Lena sah auf ihre Hände. „Aber ich sitze in einem Seminar über Barock und denke die ganze Zeit über etwas anderes nach. Nicht über die Bilder. Über die Leute, die sie angesehen haben. Was sie gefühlt haben, als sie davorstanden. Warum manche Leute vor einem Bild weinen und andere davorstehen und nichts fühlen und weitergehen."
Viktor fuhr langsamer, ließ einen Radfahrer vorbei, der ohne Licht unterwegs war, und bog dann in Lenas Straße ein.
„Das ist nicht Kunstgeschichte", sagte sie.
„Nein."
„Das ist Psychologie."
Lena hob den Kopf. „Ich weiß."
Viktor hielt an, am Randstein, den Motor laufen lassend, und drehte sich zu ihr. Im Licht der Straßenlaterne sah Lena ihr Gesicht, und es war nicht das Gesicht der Frau aus der Galerie, nicht das Gesicht von der Bar, es war ein Gesicht, das müde war und wach, beides gleichzeitig, und das auf eine Frage wartete, die noch nicht gestellt worden war.
„Und was hält dich davon ab?", fragte Viktor.
„Ich weiß nicht, ob man einfach so wechseln kann. Ob es klug ist. Meine Schwester würde sagen, dass ich nach drei Wochen nicht schon wieder alles umwerfe."
„Deine Schwester."
„Clara." Lena sagte den Namen und merkte, dass sie ihn lange nicht gesagt hatte, nicht laut, und dass er in ihrem Mund schwerer war als erwartet. „Sie studiert Jura. Sie hat einen Plan. Sie weiß, wo sie in fünf Jahren sein wird."
„Und du weißt es nicht."
„Nein."
„Das ist kein Fehler", sagte Viktor. „Das ist dein Alter."
Lena sah aus dem Fenster. In ihrer Wohnung brannte kein Licht, weil sie keins angelassen hatte, und das Fenster im dritten Stock war schwarz wie ein ausgeschalteter Bildschirm, und sie dachte daran, dass sie in diesem Fenster seit Wochen saß und las und nichts verstand, was sie las, und dass sie das nicht Clara sagen konnte, weil Clara es als Schwäche lesen würde, und dass sie es überhaupt niemandem sagen konnte, außer jetzt, hier, im Auto einer Frau, die sie vor drei Wochen in einer Galerie kennengelernt hatte.
„Ich habe einen Psychologiekurs belegt", sagte Lena. „Als Wahlfach. Nur einen. Ich habe ihn belegt und dann nie hingegangen, weil ich dachte, dass es nicht zu mir gehört."
„Und jetzt?"
„Jetzt denke ich, dass es zu mir gehört."
Viktor sah sie an, lange, und dann tat sie etwas, das Lena nicht erwartet hatte. Sie lachte. Nicht laut, nicht spöttisch, nur ein kurzes, leises Lachen, das aus dem Nichts kam und sofort wieder weg war, und es klang wie ein Zugeständnis, wie etwas, das sie sich selbst selten erlaubte.
„Was?", sagte Lena.
„Nichts." Viktor stellte den Motor ab. „Du bist die erste, die nach einer Show über ihr Studium redet."
„Ist das schlimm?"
„Nein." Viktor nahm die Hände vom Lenkrad. „Es ist gut. Es bedeutet, dass du noch da bist. Die meisten, die ich hierher bringe, sind eine Weile niemand. Sie sind nur das, was auf der Bühne passiert ist. Du bist nach der Bühne wieder eine Person geworden. Das ist nicht selbstverständlich."
Lena sah auf die Straße. Ein Fenster gegenüber ging an, jemand zog einen Vorhang zu, und die Bewegung war so gewöhnlich, dass Lena sie fast nicht ertrug.
„Ich möchte bei der nächsten Show wieder mitmachen", sagte sie.
Viktor drehte den Kopf zu ihr, langsam, und ihre Augen wurden wieder die Augen aus der Galerie, ruhig, prüfend, ohne Überraschung.
„Warum?", fragte sie.
„Weil ich nicht fertig bin."
„Das ist keine Antwort."
Lena atmete aus. Sie hörte sich selbst, und was sie hörte, klang fester als alles, was sie an diesem Abend gesagt hatte. „Weil ich es beim ersten Mal nicht gewusst habe. Ich habe es zugelassen, und es ist passiert, und ich habe es gesehen, aber ich habe nicht gewusst, was ich tue. Ich will es wissen. Ich will es tun und dabei wissen, was ich tue."
Viktor sah sie an, und in ihrem Gesicht bewegte sich nichts, und dann nickte sie, knapp, und es war dasselbe Nicken wie an der Bar, und Lena wusste, dass es ein Ja war, bevor Viktor es aussprach.
„Freitag", sagte Viktor. „Nicht Dienstag. Freitag ist voller, und die Leute, die kommen, kommen für die Show und nicht für die Lehre. Das ist ein Unterschied. Dienstag ist Arbeit. Freitag ist Auftritt."
„Freitag."
„Und diesmal entscheidest du vorher, was du zulässt. Nicht ich. Nicht die beiden. Du. Bring es mit, wenn du kommst. Eine Zahl. Einen Satz. Etwas, das du sagen kannst, wenn es zu viel wird. Und dann hältst du es."
Lena dachte nach. „Ein Wort."
„Welches?"
„Später."
Viktor sah sie an, und etwas in ihrem Gesicht wurde fertig, wie schon einmal an diesem Abend, und sie nickte wieder. „Gut."
Sie saßen eine Weile im Dunkeln, ohne dass der Motor lief, und die Kälte kroch langsam durch die Scheiben, und Lena merkte, dass sie nicht aussteigen wollte, und dass sie das nicht sagen würde, weil es nicht nötig war.
„Kann ich dich etwas fragen?", sagte sie.
„Ja."
„Warum Viktor?"
Viktor sah nach vorn, durch die Scheibe, auf die Straße, die leer war, und sie antwortete nicht sofort, und Lena wartete, und das Warten war jetzt ihres.
„Weil Miriam nicht in den Keller passt", sagte Viktor. „Miriam hat eine Wohnung mit zwei Fenstern nach Süden und einen Bruder, der sie anruft, wenn er Geld braucht. Miriam geht auf Beerdigungen und bringt Kuchen mit." Sie machte eine Pause. „Viktor geht in den Keller und macht die Tür zu. Das ist alles. Es ist kein Geheimnis. Es ist nur ein Name, der weiß, wo er hingehört."
„Und welcher bist du jetzt?"
Viktor sah sie an, und in der Dunkelheit des Autos war ihr Gesicht halb Licht, halb nichts. „Jetzt bin ich die, die dich nach Hause fährt. Das ist keiner von beiden."
Lena öffnete die Tür. Die Kälte kam herein, und mit ihr der Geruch der Straße, feucht, nach Laub, nach dem Abend, und sie stand einen Moment auf dem Asphalt, die Hand auf dem Türrahmen, und sah Viktor an, die sitzen blieb, die Hände wieder am Lenkrad, als würde sie gleich weiterfahren.
„Danke", sagte Lena.
„Wofür."
„Dass du nicht gefragt hast, ob ich es bereue."
Viktor sah nach vorn. „Das hätte ich gefragt, wenn ich es nicht gewusst hätte."
Lena schloss die Tür. Sie ging über den Hof, die Treppe hinauf, und sie drehte sich an der Haustür nicht um, weil sie wusste, dass Viktor nicht winken würde, und weil sie das nicht brauchte.
In der Wohnung war es warm und still. Sie zog das Hemd aus und die Hose, und sie ging nicht ins Bad, sie blieb im Flur stehen, im Dunkeln, die Hand an der Wand, und spürte die fünf Stellen an ihrem Körper, jede für sich, wie kleine, saubere Wunden, die morgen noch da sein würden. Sie tastete nach dem Lichtschalter und ließ ihn aus.
Später saß sie auf dem Bett, das Handy in der Hand, und schrieb eine Nachricht an Clara, dann löschte sie sie, dann schrieb sie eine andere, kürzere, dann löschte sie die auch. Sie legte das Handy auf den Nachttisch, neben die Schublade, in der der Kugel lag, und sie machte die Schublade auf, ohne hineinzusehen, und schob sie wieder zu.
Sie zog das Laken hoch bis zum Kinn und starrte die Decke an, und in ihrem Kopf stand kein Bild von der Bühne mehr. Es stand etwas anderes dort, ein Satz, den Viktor gesagt hatte, ohne es zu wissen: dass sie eine Person geworden war. Sie drehte sich auf die Seite und schlief ein, und in der Nacht wachte sie einmal auf, weil ihre Brustwarzen brannten, und sie lag still und lächelte in die Dunkelheit, ohne zu wissen, dass sie es tat.
Am nächsten Morgen rief Clara an.
Lena sah den Namen auf dem Display, und sie ließ es klingeln, und dann, beim vierten Klingeln, nahm sie ab.
„Wo warst du?", sagte Clara. „Ich habe dreimal angerufen."
„Ich war weg."
„Weg wo?"
Lena sah aus dem Fenster. Der Himmel war grau, und auf der Straße wischte der Bäcker den Gehsteig, und es war derselbe Gehsteig wie immer, und Lena wusste, dass er es nie wieder ganz sein würde.
„Ich habe nachgedacht", sagte sie. „Über den Studiengang."
Eine Pause am anderen Ende, kurz, wachsam. „Was heißt das?"
„Dass ich vielleicht wechsle. Psychologie."
„Lena." Claras Stimme wurde zu der Stimme, die Lena kannte, die Stimme, die aus Sorge machte, dass sie Recht hatte. „Du bist im ersten Semester. Du kannst nicht einfach—"
„Ich weiß, was ich kann", sagte Lena, und sie sagte es ruhig, und sie merkte, dass es stimmte. „Ich rufe dich später an."
Sie legte auf, bevor Clara antworten konnte, und sie legte das Handy auf den Tisch und blieb am Fenster stehen, und unter ihr ging der Bäcker ins Haus, und die Tür fiel zu, und der Morgen war ein ganz normaler Morgen, und Lena stand darin und wusste, dass sie am Freitag wiederkommen würde.
Das Bad war klein, gefliest in einem Weiß, das früher einmal heller gewesen war, und Lena zog die Tür hinter sich zu, obwohl sie allein in der Wohnung war. Sie ließ das Licht aus, stand im Halbdunkel vor dem Waschbecken und hörte das Wasser im Rohr, das irgendwo über ihr durch die Wand lief, das Geräusch der Nachbarin, die duschte, das Geräusch von jemandes Morgen, der nicht ihrer war.
Dann knipste sie das Licht an.
Der Spiegel war alt, mit einer abgeplatzten Stelle an der unteren Ecke, und er zeigte sie ganz, den Kopf, die Schultern, den Bauch, die Oberschenkel, alles auf einmal, weil er zu hoch hing und sie zu nah stand. Sie sah sich an, wie man ein Bild ansieht, von dem man nicht weiß, ob es fertig ist. Ihr kastanienbraunes Haar fiel ihr über die Schultern, wellig vom Schlaf, und ihre Haut war blass, sommersprossig an den Schultern, und unter der Blässe lagen die fünf Stellen, als hätte jemand sie mit einem dünnen Stift eingetragen.
Sie hob die Arme und legte sie hinter den Kopf, so wie sie auf der Bühne gehangen hatte, und da waren sie: die Brustwarzen, beide, gerötet, die linke dunkler als die rechte, jede mit einem kleinen, halbmondförmigen Abdruck, dort, wo der Gummi der Klammer gesessen hatte. Sie berührte die linke mit dem Zeigefinger, ganz leicht, und der Schmerz war nicht mehr der Schmerz von gestern, es war ein Nachhall, ein Wundsein, das mehr in der Erinnerung lag als in der Haut, und sie drückte fester, um zu prüfen, ob es noch da war, und es war da.
Sie drehte sich halb zum Licht, damit die Rippen die Schatten warfen, die sie sehen wollte, und ihre Augen wanderten weiter hinunter, über den Bauch, über den Nabel, über die Linie, die vom Nabel nach unten ging, und dann spreizte sie die Beine ein wenig, nur so weit, wie das kleine Bad es erlaubte, und beugte sich nach vorn, die Hände auf den Rand des Waschbeckens gestützt, und sah.
Die Innenseiten ihrer Lippen waren gerötet, geschwollen, die kleinen, die inneren, die sie sonst nie sah, und auf jeder von ihnen saß derselbe halbmondförmige Abdruck, kleiner als die an den Brustwarzen, aber schärfer, wie ein Siegel, das jemand mit dem Fingernagel in weiches Wachs gedrückt hatte. Sie sah den Abdruck und wusste nicht, was sie dabei fühlte, und sie sah länger hin, als sie musste, weil sie wollte, dass das Gefühl sich entschied.
Zwischen den Lippen lag noch etwas, ein dunklerer Streifen, getrocknet, und sie fuhr mit einem Finger daran entlang, ohne es wegzuwischen, und der Finger kam feucht zurück, nicht von Wasser, und sie roch daran, kurz, ohne nachzudenken, und der Geruch war der Geruch der Nacht, Leder, Öl, sie selbst, und sie ließ die Hand sinken und sah sich wieder ins Gesicht.
Ihr Gesicht war das Gesicht von gestern, aber die Augen darin waren es nicht ganz. Sie sah es, ohne es benennen zu können, dieses Etwas um die Augen, das nicht Müdigkeit war und nicht Stolz, und sie drehte den Kopf zur Seite, um es besser zu sehen, und dann wieder zurück, und es blieb. Sie hatte sich früher oft im Spiegel angesehen, in der Schule, im Bus, in Schaufenstern, immer mit dieser kleinen, schnellen Frage: ist das in Ordnung. Und jetzt stand sie hier und fragte es nicht.
Sie trat einen Schritt zurück, so weit, wie das Bad es zuließ, und der Spiegel zeigte sie ganz, und sie sah die Stelle an ihrem Hals, wo der Riemen der Maske gesessen hatte, einen dünnen, trockenen Strich, der die Haut ein wenig heller machte als drumherum, und darunter, an den Handgelenken, die Ringe der Seile, blass, aber da, wie Armbänder, die man nicht abnehmen kann. Sie hob die Hände und drehte die Gelenke im Licht, und die Ringe drehten sich mit, und sie dachte, dass sie am Freitag wieder welche haben würde, dieselben oder andere, und dass sie es nicht nur duldete, sondern wollte, und dieser Gedanke war kein Gedanke mehr, er war eine Tatsache, die sie im Spiegel überprüfte, so wie man überprüft, ob der Ofen aus ist.
Sie legte die Handflächen auf ihren Bauch, unter den Nabel, dort, wo gestern das Metall gesessen hatte, das Kalte, das Größere als der Kugel, und sie drückte mit den Fingerspitzen, als könnte sie es noch spüren, und sie spürte es nicht, aber sie spürte die Stelle, an der es gewesen war, so wie man eine Tür spürt, die man zugemacht hat. Sie schob die Hand tiefer, zwischen die Beine, und legte sie flach dorthin, ohne zu reiben, ohne etwas zu tun, nur um zu fühlen, wie warm sie war, und sie war warm, und sie war feucht, und sie war es nicht von der Dusche, die sie noch nicht genommen hatte.
Sie sah sich dabei zu, im Spiegel, wie sie die Hand dort liegen ließ, und für einen Moment sah sie nicht sich, sondern die andere, die auf der Bühne gestanden hatte, die mit langen Schultern und gespreizten Fersen, und sie sah, dass diese andere sie war, und dass sie es bleiben würde, auch jetzt, im Bad, im grauen Morgenlicht, mit einer Hand zwischen den Beinen und keinem Grund, sie wegzunehmen.
Sie nahm sie weg.
Sie drehte sich zur Seite, um ihren Rücken zu sehen, und der Spiegel gab ihr nur ein Stück, die Schulter, die Wirbelsäule, die Rundung, und sie drehte sich weiter, bis sie den Rest erahnen konnte, und sie sah das Seil nicht mehr, aber sie wusste, wo es gewesen war, an den Schultern, unter den Achseln, um die Hüfte, und sie zog die Schulterblätter zusammen, um zu prüfen, ob die Muskeln noch wund waren, und sie waren wund, ein tiefer, guter Schmerz, der beim Zusammenziehen aufblühte und beim Loslassen wieder wegging, und sie machte es ein zweites Mal, nur um ihn noch einmal zu spüren.
Sie hockte sich hin, dort auf die kalten Fliesen, den Rücken gegen die Wanne, und der Spiegel hing jetzt über ihr, sodass sie nur den unteren Rand ihres Gesichts sah, das Kinn, den Mund, und sie sah ihren Mund von unten, was sie nie tat, und der Mund sah anders aus als in ihrem Kopf, breiter, weicher, und sie dachte, dass sie diesen Mund gestern geschrien hatte, und dass sie das nicht gewusst hätte, wenn sie es nicht durch das Leder gehört hätte, dumpf, ihr eigenes, fremdes Geräusch.
Sie sah auf ihre Knie. Sie waren rot, beide, dort, wo sie gestern auf dem Holz gekniet hatte, nicht lange, aber lang genug, und die roten Stellen waren keine Abschürfungen, nur Druck, nur Haut, die sich erinnert. Sie strich mit der flachen Hand darüber, einmal, und dann stand sie auf, weil der Boden kalt war und weil sie genug gesehen hatte, und weil sie wusste, dass sie am Freitag mehr sehen würde.
Sie nahm das Handtuch vom Haken und hielt es vor sich, ohne sich abzutrocknen, und sah über den Rand des Handtuchs hinweg in den Spiegel, und da war sie wieder, ganz, das Mädchen aus dem ersten Semester, das Mädchen mit den weiten Pullovern, und sie sah, dass dieses Mädchen nicht verschwunden war, dass es unter den Ringen und den Rötungen dasselbe war wie vorher, und dass das sie nicht beruhigte und nicht erschreckte, sondern nur stimmte.
Sie ließ das Handtuch sinken.
Sie zog den Ärmel des Hemdes hoch, das sie noch trug, das Hemd von gestern, das nach dem Raum roch, und sie sah die Innenseite ihres Arms, wo das Seil nicht gewesen war, und dann die Außenseite, wo es gewesen war, und der Unterschied war so fein, dass nur sie ihn sah, und sie sah ihn lange, so lange, bis sie ihn nicht mehr sah, und dann ließ sie den Ärmel wieder fallen.
Sie drehte den Wasserhahn auf, kalt, und ließ das Wasser über ihre Handgelenke laufen, über die blassen Ringe, und das Wasser war so kalt, dass es brannte, und sie hielt es trotzdem darunter, und dann drehte sie den Hahn wieder zu und sah, wie das Wasser an ihren Fingerspitzen abtropfte, Tropfen für Tropfen, in das Becken, und der letzte Tropfen hing und fiel und war weg.
Sie sah sich ein letztes Mal an, ohne Pose, ohne Prüfen, einfach so, wie man jemanden ansieht, der im selben Raum wohnt. Und in diesem Blick lag etwas, das sie nicht aussprach, weil es noch zu früh war, es auszusprechen: die Ahnung, dass die fünf Stellen nicht die letzten waren, die sie auf ihrem Körper finden würde, und dass sie sie nicht verstecken würde, nicht vor sich, und dass der Freitag eine andere sein würde als der Dienstag, weil sie es diesmal vorher wusste.
Sie zog das Hemd über den Kopf, und die fünf Stellen verschwanden unter dem Stoff, und sie ging aus dem Bad, und die Tür fiel hinter ihr zu, und im Spiegel blieb nichts als das leere, weiße Licht.
In der Küche war es kalt, weil das Fenster über Nacht offen gestanden hatte, und sie schloss es, ohne sich zu beeilen. Auf dem Tisch lagen noch die Schlüssel, das Handy, ein Glas mit Wasser von gestern, in dem sich Staub gesammelt hatte. Sie trank es trotzdem, in drei Zügen, und stellte es zurück, und der Abdruck ihres Mundes blieb am Rand, ein Halbmond aus Lippen, den sie stehen ließ.
Sie setzte sich auf den Stuhl am Fenster, den einzigen, der nicht wackelte, und zog die Beine an, die Fersen auf die Sitzfläche, die Knie unter dem Kinn. Das Hemd von gestern hing ihr bis zu den Oberschenkeln, und darunter war nichts, und die Luft im Zimmer ging über ihre Haut wie etwas, das sie prüfte. Sie sah auf die Straße hinunter. Der Bäcker hatte den Gehsteig gewischt, und jetzt kam eine Frau mit einem Kinderwagen vorbei, und ein Hund zog an einer Leine, und alles ging seinen Weg, und keiner von ihnen wusste, was sie wusste.
Sie dachte an die fünf Stellen. Nicht an die Nacht, nicht an die Bühne, nicht an die Hände der anderen — nur an die Stellen selbst, an das Wundsein, das jetzt unter dem Stoff saß und sich an ihr festhielt wie ein Finger, der nicht loslässt. Sie hatte sie nicht versteckt. Sie hatte sie angesehen, jede einzelne, und sie hatte sie gelassen, wo sie waren. Das war es, was sie heute morgen gelernt hatte, ohne dass es jemand ihr gesagt hatte: dass man etwas behalten kann, wenn man es ansieht, und dass man es verlieren kann, wenn man es wegsieht.
Sie stand auf, weil das Sitzen sie fröstelte, und ging ins Schlafzimmer, und dort zog sie die Schublade auf, in der der Kugel lag, in dem Stück Stoff, in dem er immer lag. Sie nahm ihn nicht heraus. Sie sah ihn nur an, das kleine, dunkle Ding in seiner Mulde, und dann schob sie die Schublade wieder zu, langsam, bis sie einrastete, und das Geräusch war leise und endgültig, und sie stand einen Moment davor und hörte es nachklingen.
Am nächsten Morgen ging sie zur Studienberatung, und es dauerte keine zwanzig Minuten. Der Mann am Schreibtisch hatte einen roten Kugelschreiber und eine Mappe, in der die Fächer standen wie Gerichte auf einer Karte, und Lena sagte den Satz, den sie sich im Treppenhaus zurechtgelegt hatte, und der Mann nickte, als hätte er ihn schon oft gehört, und schob ihr ein Formular hin. Sie schrieb ihren Namen in die dafür vorgesehene Zeile, und der Kugelschreiber kratzte, und dann schrieb sie ihn noch einmal, weil das erste Mal zu klein geraten war, und diesmal saß er in der Zeile. Psychologie, Bachelor, erstes Semester, zum Sommersemester. Sie legte den Stift hin und sah ihre eigene Handschrift an, und das war alles.
Clara rief am Abend noch einmal an, und Lena ging nicht ran, und dann schrieb sie ihr eine Nachricht, kurz, ohne Entschuldigung, und Clara antwortete mit einem Daumen, der nichts bedeutete, oder alles, und Lena ließ das Handy auf dem Tisch liegen und ging schlafen. Am Mittwoch war nichts. Am Donnerstag war nichts. Und dann war Freitag.
Der Club war ein anderer. Schon der Gang hinter der Bar war voll, Menschen standen mit Gläsern an die Rohre gelehnt und rückten kaum zur Seite, und das Brummen der Luft war unter den Stimmen nicht mehr zu hören. Die Käfige, die sonst an der Seite hingen und leer waren, hingen jetzt nicht leer. In jedem saß oder stand eine Frau, leicht, in Bändern und nichts sonst, und sie bewegten sich langsam in dem Licht, das von unten kam, und die Männer und Frauen davor standen mit erhobenen Gesichtern. An den Wänden brannten Kerzen, Kerzenleuchter, so viele, dass die Luft wärmer war als sonst und nach Wachs roch, und der Geruch legte sich auf alles, auf die Haut, auf den Atem.
Die Bühne war umgebaut. Der Kubus war weg. In der Mitte stand ein Stuhl, ein Stuhl wie aus einer Praxis, mit gepolsterten Beinen, mit zwei Bügeln, die hochragten, mit Gurten an den Seiten und einer Rückenlehne, die sich neigen ließ, und Lena erkannte ihn, bevor sie ihn benennen konnte, und dann benannte sie ihn, still, für sich: ein Stuhl wie beim Frauenarzt. Das Licht darauf war weiß und genau, kein Scheinwerfer, nur Helligkeit, und daneben, auf einem kleinen Tisch, lagen Dinge, die sie nicht einzeln sah, weil sie zu weit weg war, und das war Absicht, und sie wusste es.
Im Umkleideraum lagen die Sachen auf dem Hocker, und es war weniger als beim letzten Mal. Ein Body, schwarz, dünn, mit Trägern und einem Verschluss zwischen den Beinen. Keine Hose. Kein Hemd. Keine Maske, diesmal. Die andere stand daneben und sah zu, wie Lena sich auszog, und nahm ihr die Kleider ab, und faltete sie diesmal, ordentlich, und legte sie in einen Spind, und schloss den Spind, und steckte den Schlüssel in ihre Hosentasche, und Lena sah das und sagte nichts.
Der Body saß wie eine zweite Haut. Er war weich und spannte sich über ihren Bauch, über die Hüften, und die Träger lagen schmal auf ihren Schultern, und zwischen ihren Beinen war der Verschluss, drei kleine Haken, kalt, und die andere kniete sich hin und schloss sie, einen nach dem anderen, ohne etwas zu sagen, und ihre Finger waren ruhig, und Lena stand da und sah auf ihren eigenen Scheitel hinunter, wie die andere arbeitete, und sie spürte die Haken sitzen.
„Keine Maske?", fragte Lena.
„Heute nicht." Die mit dem Hoodie kam herein, und auch sie hatte den Hoodie nicht an, sondern nur Hose und Band, und ihre Handgelenke waren heute ohne Spuren, als hätte sie eine Woche Pause gehabt. „Heute sollen sie dein Gesicht sehen."
„Warum?"
„Weil du es willst." Sie sah Lena an, kurz, und dann ging sie voraus, und Lena ging hinter ihr her, und an der Tür zum Bühnenraum blieb sie stehen und hörte die Menge, und die Menge war laut, lauter als Dienstag, lauter als alles, und darunter ein Klatschen, das schon begonnen hatte, obwohl noch nichts begonnen hatte.
Sie gingen hinaus. Diesmal führte man sie nicht. Sie ging selbst, zwischen ihnen, die nackten Füße auf dem Holz, und das Licht traf sie, und die Menge sah sie, und Lena sah zurück, in die Reihen, in die Gesichter, die im Kerzenlicht standen, und sie senkte den Blick nicht. Sie ging auf den Stuhl zu und stellte sich davor und wartete.
Die mit dem Hoodie nahm sie an der Schulter und führte sie herum, und Lena setzte sich, den Rücken gegen die Lehne, und die Lehne war kalt und gepolstert und gab nach, und dann hob die andere ihre Beine, eines nach dem anderen, und legte sie in die Bügel, und die Bügel waren breit und gepolstert, und ihre Knie kamen hoch, und als die Gurte geschlossen wurden, über die Schenkel, über die Fußknöchel, über die Hüften, lag sie mit gespreizten Beinen da, offen, und der Body deckte nichts mehr, weil er nichts zu decken hatte.
Gurte an den Handgelenken, an den Unterarmen, seitlich, die Arme nach außen gelegt, die Handflächen nach oben, und Lena zog einmal, um zu prüfen, und alles hielt, und sie ließ es halten. Über ihr brannte das weiße Licht, und sie schloss die Augen, und als sie sie wieder öffnete, sah sie ihr eigenes Spiegelbild nicht, aber sie sah, wie die erste Reihe sich vorbeugte, und sie wusste, wie sie aussah.
Die Menge war jetzt still. Das Kerzenlicht flackerte an den Wänden, und irgendwo in einem Käfig bewegte sich eine Frau, und das leise Metallgeräusch trug bis zur Bühne.
Die mit dem Hoodie trat an ihre Seite. Sie hatte eine Feder in der Hand, lang, weiß, und hielt sie hoch, damit die erste Reihe sie sah, und dann setzte sie sie an Lenas Hals an, unter dem Kinn, und zog sie langsam hinunter, über das Schlüsselbein, über das Brustbein, über den Bauch, und die Feder kitzelte nicht, sie strich, sie war ein Finger, der überall zugleich war, und Lena hörte sich atmen und schloss den Mund.
Die andere kam von der anderen Seite. Sie hatte einen Riemen, weich, breit, und ließ ihn über Lenas Arm gleiten, von der Schulter bis zum Handgelenk, langsam, und dann wieder zurück, und der Riemen und die Feder trafen sich auf ihrem Bauch und kreuzten sich und gingen weiter, und Lena lag zwischen ihnen und spürte, wie ihre Haut sich überall aufrichtete, und sie hatte keine Stelle, an die sie sich wenden konnte, weil jede Stelle berührt wurde.
„Sieh sie an", sagte die mit dem Hoodie, und Lena sah in die erste Reihe, und die Gesichter waren ruhig und wach, und in dem Kerzenlicht sahen sie aus wie Menschen, die etwas lesen, und sie lasen sie.
Dann kam die Schere.
Sie war klein, aus Metall, mit geraden Klingen, und die mit dem Hoodie hielt sie hoch, und das Licht lief über das Metall, und die Menge sah sie, und Lena sah sie auch, und sie wusste, was kam, und sie spannte sich nicht an. Die Klinge setzte an ihrem Hals an, kalt, und fuhr über die Haut, ohne zu schneiden, nur die Kälte, und dann, am Rand des Trägers, biss sie zu.
Der Stoff trennte sich mit einem Geräusch, leise, trocken, ein Faden nach dem anderen, und der Träger fiel auseinander und lag auf ihren Schultern wie etwas, das nicht mehr gebraucht wurde. Die mit dem Hoodie schnitt langsam, sie schnitt nicht, sie führte, und der Träger fiel, und darunter kam ihre Haut, blass, sommersprossig, und die Menge sah sie, und Lena sah, dass sie es sah, und lag still.
Der zweite Träger. Dieselbe Kälte, dasselbe Geräusch, und dann lag ihr ganzer Oberkörper frei, und die Luft war warm von den Kerzen und ging über ihre Brustwarzen, und sie wurden hart, und sie konnte es nicht verhindern, und sie wollte es nicht verhindern. Die Klinge fuhr weiter, über den Bauch, über die Hüfte, und schnitt den Body auf, Stück für Stück, in Streifen, die auf ihr lagen wie Fetzen, und die andere nahm die Streifen und zog sie weg, und legte sie auf den Boden neben dem Stuhl, ordentlich, als sammle sie etwas.
Am Verschluss hielt die mit dem Hoodie inne. Sie sah Lena an, und Lena sah zurück, und dann schnitt sie auch das auf, die drei Haken und das Band darunter, und der letzte Rest des Bodys ließ sich abheben, und die andere hob ihn ab, vorsichtig, über die Schenkel, über die Knie, und dann war Lena nackt, ganz, auf dem Stuhl, mit gespreizten Beinen, und die Kerzen brannten, und die Menge war still, und Lena lag in dem weißen Licht und fror nicht.
„Gut", sagte die mit dem Hoodie. Sie ging zum Tisch und kam zurück, und diesmal hatte sie nichts in der Hand, was Lena sah, und dann sah sie es, zwei kleine Glocken, aus Glas, mit einem Gummiball daran und einem Schlauch, und sie verstand nicht, was sie waren, bis die andere eine davon hochhielt und den Ball drückte und die Glocke sich zusammenzog und dann wieder öffnete, mit einem leisen, saugenden Geräusch.
„Keine Klammern", sagte die mit dem Hoodie, und es war an die Menge gerichtet, nicht an Lena. „Heute etwas anderes."
Sie setzte die erste Glocke an Lenas linker Brustwarze an, und die Glocke war kalt und breit, und sie drückte den Ball, und die Luft in der Glocke wurde zu einem Zug, und die Brustwarze wurde hineingezogen, langsam, bis sie in der Glocke saß, hart, gefüllt, und Lena riss die Luft ein, und der Zug war kein Biss, er war ein Sog, ein Ziehen ohne Ende, das nicht nachließ, weil es nicht aufhören konnte, weil die Glocke hielt.
Die zweite Glocke an der rechten. Derselbe Sog, dieselbe Kälte, und dann beide zugleich, und Lena spürte ihre Brustwarzen als zwei Dinge, die nicht mehr ihr gehörten, zwei harte Punkte in einem Glas, und unter dem Sog lief etwas anderes, warm, und sie wusste, wohin es lief, und sie lag mit gespreizten Beinen da und konnte es nicht verbergen und wollte es nicht.
Die dritte Glocke war größer. Die mit dem Hoodie kniete sich zwischen ihre Beine, und die andere stand an ihrem Kopf, und die mit dem Hoodie setzte die große Glocke an, an die Stelle über ihrer Klitoris, und drückte den Ball, und der Sog nahm sie, und Lena hörte sich selbst einen Ton machen, hoch, kurz, und ihr Becken hob sich von dem Stuhl, so weit die Gurte es ließen, und die Gurte ließen nicht viel.
Der Sog zog an ihr, und es war kein Schmerz, es war ein Ziehen, das immer weiter ging, und sie konnte nicht nachgeben, weil es nichts gab, wohin, und sie lag da und ließ sich ziehen, und der Schweiß brach ihr aus unter den Armen und an der Stirn, und das weiße Licht trocknete ihn, sobald er kam.
„Atme", sagte die andere an ihrem Kopf, und Lena atmete, und mit dem Atem wurde der Sog mehr, und sie atmete gegen ihn an, und es half nicht.
Dann neigte die mit dem Hoodie die Lehne. Sie löste einen Hebel an der Seite, und der Stuhl kippte nach hinten, langsam, und Lenas Kopf sank, und ihre Hüften kamen hoch, und ihre Beine lagen in den Bügeln in der Luft, und die Welt kippte, und die Decke war über ihr, und die Menge war nicht mehr zu sehen, nur noch die Kerzen an der Wand, verkehrt, und ihre eigene Brust, die sich hob und senkte, und die drei Glocken, die daran hingen und sich mitbewegten.
„Halt still", sagte die mit dem Hoodie, und Lena hielt still, und ihre Schenkel zitterten in den Bügeln, und sie konnte nichts dagegen tun.
Die andere kam um den Stuhl herum, und jetzt waren sie zu zweit unten, eine links, eine rechts, und Lena spürte Hände an ihren Innenseiten, an den Schenkeln, an der Rückseite, und dann, an der Stelle, die sie nicht sah und nicht sah und dann doch fühlte, ein Finger, kalt und feucht, der an ihrem After ansetzte und kreiste, ohne einzudringen, nur kreiste, und der Sog an ihrer Klitoris zog weiter, und Lena lag mit dem Kopf nach unten und sah die Kerzen flackern.
„Du weißt, was wir tun", sagte die mit dem Hoodie.
„Ja."
„Sag es."
„Ihr öffnet mich."
„Gut."
Der Finger drang ein, langsam, bis zum ersten Gelenk, und blieb, und Lena spürte ihn als etwas Fremdes und Wartendes, und dann kam der zweite Finger, und beide zusammen, und sie dehnten sie, langsam, ohne Eile, und der Sog an ihren Brustwarzen und an ihrer Klitoris zog in dieselbe Richtung, und Lena wusste nicht mehr, welches Ziehen von wo kam.
Die andere setzte ihren Finger an, auf der anderen Seite, und dann lagen vier Finger an ihr, zwei und zwei, und sie spreizten, Millimeter um Millimeter, und Lena spürte, wie sie sich öffnete, wie die Haut nachgab, wie die Spannung kam, ein Ring, der sich dehnte, und dann der Punkt, an dem es nicht weiter ging, und sie hielten dort, und Lena hing in den Gurten und atmete.
„Noch", sagte die mit dem Hoodie, und sie spreizten weiter, und jetzt war es Spannung, echte Spannung, ein Brennen, das rundum ging, und Lena hörte sich selbst ein Geräusch machen, das kein Wort war, und ihre Hände in den Gurten schlossen sich zu Fäusten, und sie öffnete sie wieder, absichtlich, Finger für Finger.
„Gut", sagte die andere. „Bleib so."
Und dann ließen sie die Finger, wo sie waren, und beugten sich vor, beide, und ihre Zungen kamen, eine an ihrer Klitoris, unter der Glocke, am Rand, wo der Sog am stärksten war, und eine an ihren Lippen, flach, von unten nach oben, langsam, und Lena lag mit dem Kopf nach unten und mit gespreizten Beinen und mit vier Fingern in sich und wurde von zwei Munden geleckt, und sie hörte das feuchte Geräusch ihrer selbst, laut, in der Stille, und sie hörte, wie jemand in der ersten Reihe den Atem anhielt.
Die Zungen fanden einen Rhythmus. Nicht denselben, zwei verschiedene, eine schnell und flach, eine langsam und tief, und sie trafen sich nicht, und gerade das machte es unerträglich, weil Lena sich an keine gewöhnen konnte, weil immer die andere kam, wenn sie sich an die eine gewöhnt hatte. Der Sog an ihren Brustwarzen zog weiter, ohne Pause, und der Sog an ihrer Klitoris zog unter der Zunge, und die vier Finger hielten sie offen, gespannt, und Lena spürte, wie sich in ihrem Bauch etwas aufbaute, langsam, von innen, ein Druck, der nach unten drängte, und sie wusste, was es war, und sie ließ es kommen.
„Nicht kommen", sagte die mit dem Hoodie gegen ihre Haut, und die Zunge hörte nicht auf.
„Ich—"
„Nicht."
Lena biss die Zähne zusammen, und der Druck stieg weiter, und sie konnte ihn nicht halten, sie konnte nur warten, und die Zungen machten weiter, und die Finger spreizten noch einmal, ein letztes Millimeter, und das Brennen rund um ihren After wurde zu einem einzigen, heißen Ring, und dann sagte die mit dem Hoodie: „Jetzt."
Und Lena kam. Es kam nicht aus ihr heraus, es kam durch sie hindurch, ein Ziehen von allen drei Glocken zugleich, ein Krampf, der in ihrem Bauch begann und in ihre Schenkel lief und in ihre Zehen, und sie riss an den Gurten, und die Gurten hielten, und sie schrie, lang, hoch, und der Schrei ging in den Club hinaus, über die Kerzen, über die Käfige, über die erste Reihe, und niemand machte ein Geräusch, und alle hörten ihn.
Sie schrie, bis keine Luft mehr da war, und dann atmete sie, und ihr Körper zog sich zusammen und ließ wieder los, in Wellen, eine nach der anderen, und die Zungen machten weiter, bis die Wellen kleiner wurden, und dann hörten sie auf, beide zugleich, und die Finger glitten aus ihr heraus, langsam, und die Glocken wurden abgenommen, eine nach der anderen, und jede ließ einen kleinen, scharfen Schmerz zurück, der in das Nachbeben fiel.
Die Lehne kam wieder hoch. Die Welt richtete sich auf, langsam, und die Decke war nicht mehr über ihr, und die Menge war wieder da, und die erste Reihe sah sie an, und Lena lag in den Gurten und atmete durch den offenen Mund, und ihr Bauch glänzte, und ihre Schenkel zitterten, und sie sah zurück, in die Gesichter, ohne etwas zu sagen, weil sie nichts zu sagen hatte.
Dann klatschten sie. Diesmal sofort, als hätten sie nur darauf gewartet, dass sie atmen konnte, und das Klatschen war laut und warm und ging durch die Kerzen und durch die Käfige, und in einem der Käfige hörte die Frau auf, sich zu bewegen, und sah zur Bühne.
Die mit dem Hoodie löste die Gurte, einen nach dem anderen, und die andere hielt Lenas Beine, als sie aus den Bügeln kamen, weil sie nicht mehr trugen, und Lena stand auf, und ihre Füße waren taub, und sie ging zwei Schritte und blieb stehen, weil die mit dem Hoodie ihr die Hand auf die Schulter legte.
„Kannst du gehen?"
„Ja."
„Dann geh."
Lena ging. Durch den Vorhang, durch den Gang, und hinter ihr ging das Klatschen weiter, und im Umkleideraum war es still und warm, und auf dem Hocker lag ein Handtuch, und sie nahm es und setzte sich auf den Stuhl in der Ecke, und dann ging die Tür auf, und Viktor kam herein und blieb stehen und sah sie an, lange, und dann sagte sie: „Du hast geschrien."
„Ja."
„Das haben sie gehört, alle."
„Ich weiß."
Viktor nickte, und dann kam sie näher, und sie blieb stehen, und sie sah auf Lena hinunter, auf das Handtuch, auf die Stellen an ihren Brustwarzen, die noch rot waren, und dann sagte sie: „Zieh dich an. Ich bringe dich nach Hause."
Lena zog sich an. Das Hemd roch nach Wachs, weil die ganze Luft nach Wachs roch, und sie knöpfte es zu, alle Knöpfe, bis zum Hals, und dann ließ sie den obersten wieder offen, und diesmal wusste sie, warum.

