Die Lehrzeit
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Die Lehrzeit

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Gang zwischen den Tischen
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Chapter 4 of 4

Gang zwischen den Tischen

Lena steht in der Mitte des leeren Clubs, die Klammern beißen an vier Stellen, die Kugel tief in ihr. Sie hört Stimmen von der Bar — die mit dem Hoodie und die andere, die vorne gekniet hat. Sie lehnen am Tresen, sehen sie an, sagen kein Wort. Die mit dem Hoodie schiebt ein Glas Wasser über die Theke, und Lena spürt, wie ihr Körper das Gehen neu erlernen muss, jeden Schritt eine Antwort auf den Druck in ihr. The act this chapter delivers: null

Die Stille im Club war keine Leere. Sie hatte ein Gewicht, sie drückte auf die Trommelfelle, sie summte in der Wand wie das Wasser in den alten Rohren, und Lena stand mitten in ihr und wagte nicht, die Füße zu heben.

Vier Punkte. Sie zählte sie nicht, sie fühlte sie. Zwei an den Brustwarzen, wo die Klammern saßen und mit jedem Herzschlag ein wenig enger zu werden schienen, obwohl sie sich nicht bewegten. Zwei weiter unten, an den inneren Schamlippen, wo das Metall an Stellen biss, von denen sie bis vor einer Woche nicht einmal gewusst hätte, dass man sie so nennen kann. Und dazwischen, tiefer, die Kugel. Rund, glatt, schwer. Ein fremdes Gewicht, das nicht zu ihr gehörte und trotzdem in ihr war, und das sich bei jedem Atemzug um einen Millimeter verschob, so als wollte es ihr zeigen, dass sie es nicht vergessen durfte.

Sie atmete flach. Sehr flach. Tief ging nicht, tief zog an den Klammern, und das Ziehen war ein heller, klarer Schmerz, der sich in etwas anderes auflöste, sobald er ankam, in eine Wärme, die sie nicht benennen wollte. Miriams Finger waren weg. Miriams Hand war weg. Aber die Stelle, an der sie gewesen waren, erinnerte sich.

Von der Bar her kam das Klirren eines Glases.

Lena hob den Kopf. Sie hatte nicht gehört, dass jemand hereingekommen war. Vielleicht waren sie schon die ganze Zeit da gewesen, hinter der Theke, im Halbdunkel, wo das Licht der einen Lampe nicht hinreichte. Zwei Gestalten lehnten am Tresen, die eine mit dem Rücken zur Wand, die andere mit dem Ellbogen auf dem Holz, und beide sahen zu ihr herüber.

Die mit dem Hoodie. Und die andere, die vorne gekniet hatte.

Sie sagten nichts. Das war das Erste, was Lena begriff: Sie sagten nichts. Nicht „na endlich", nicht „sieh an", nicht das kleine spöttische Willkommen, das sie erwartet hatte, weil sie es aus der Umkleide kannte, aus dem Spiegel, aus den Blicken, die ihr gefolgt waren, als sie den Stab benutzt hatte. Nichts. Nur zwei Gesichter im Dämmerlicht, ruhig, offen, wartend.

Lena spürte, wie ihr die Hitze in den Nacken stieg. Sie stand da wie ein Ding, das man aufgestellt hatte. Die Klammern an ihr, die Kugel in ihr, und nichts an ihrem Körper, das sie hätte bedecken können, weil Miriam ihr das Höschen zerschnitten und die Fetzen auf der Bank liegen gelassen hatte, ordentlich, wie sie alles ordnete.

„Ich", sagte Lena, und ihre Stimme brach nach dem ersten Laut ab.

Die mit dem Hoodie griff nach einer Flasche, die neben ihr auf dem Tresen stand. Kein Etikett. Sie drehte den Verschluss auf, und das Geräusch war im leeren Raum so laut wie ein Knacken. Dann nahm sie ein Glas, das schon dort stand, und goss Wasser hinein, langsam, ohne Hast, bis es zwei Fingerbreit unter dem Rand stand. Sie schob es über die Theke. Nicht zu sich, nicht weg von sich. Einfach ein Stück nach vorn, in Lenas Richtung, und ließ die Hand daneben liegen.

„Komm her", sagte die andere.

Es war kein Befehl. Es war die Feststellung einer Tatsache, die Lena noch nicht wusste. Komm her, weil du es ohnehin tun wirst, und es ist einfacher, wenn du es jetzt tust.

Lena machte den ersten Schritt.

Sie spürte ihn bis in die Zähne. Die Kugel rutschte nach vorn, nur ein wenig, aber genug, dass ihr die Luft stockte, und die Klammern zogen an ihren Brustwarzen, als hätte jemand an einem Faden gezogen, der durch ihren ganzen Körper lief. Ihr Knie wurde weich. Sie fing sich, indem sie das andere Bein vorsetzte, und der zweite Schritt war schlimmer als der erste, weil sie jetzt wusste, was kam.

Der Boden war kalt. Der Boden war aus Stein, dunkler Stein, geschliffen, und ihre nackten Sohlen klebten ein wenig daran, als sie sich löste. Zwischen ihr und der Bar lagen vielleicht sechs Meter. Sechs Meter, die sie früher in drei Atemzügen gegangen wäre, ohne nachzudenken. Jetzt war jeder Schritt eine Frage, die ihr Körper beantwortete, bevor ihr Kopf sie stellen konnte.

Drei. Die Kugel drehte sich. Ein dumpfes, volles Drücken, tief innen, dort, wo sie noch nie etwas gehalten hatte, und es war nicht nur Druck, es war eine Antwort, ein Kreisen, das sich in ihr ausbreitete wie ein Tropfen Öl auf Wasser.

Vier. Die andere Frau richtete sich ein wenig auf. Sie hatte die Arme verschränkt, und ihre Augen waren die ganze Zeit auf Lena, nicht auf ihr Gesicht, sondern tiefer, auf die Stelle zwischen ihren Beinen, wo die Klammern saßen, und auf die Art, wie sie ging. Als könnte sie von außen sehen, was in Lena vorging. Als hätte sie es schon einmal gesehen.

Fünf. Lena merkte, dass sie die Schultern hochgezogen hatte. Sie ließ sie sinken, und das Sinken zog an den Klammern, und sie biss sich auf die Innenseite der Lippe, um nicht zu atmen.

Die mit dem Hoodie sah es. Natürlich sah sie es. Sie sah alles, sie hatte Lena damals im Umkleideraum zugesehen, wie sie den Plug eingesetzt hatte, mit dem Öl, mit den zitternden Fingern, und sie hatte nichts gesagt, nur genickt. Jetzt nickte sie wieder, kaum sichtbar, und dieses Nicken war schlimmer als jedes Wort.

Sechs. Lena erreichte die Theke.

Sie griff nach dem Glas, und ihre Hand war nicht ruhig. Sie war nicht grob am Zittern, aber sie war auch nicht ihre Hand, es war eine Hand, die jemandem gehörte, der gerade etwas gelernt hatte und noch nicht wusste, was. Das Glas war kühl. Sie merkte es an den Fingerspitzen, bevor sie es ganz umschloss, und dann merkte sie, dass es gar nicht kühl war. Es war lauwarm. Jemand hatte es vorher gefüllt.

Sie hob es und trank.

Das Wasser lief ihr die Kehle hinunter, und mit dem Schlucken kam eine Bewegung in ihren Körper, die sie nicht eingeplant hatte. Die Kugel schob sich nach hinten, die Klammern an den Schamlippen zogen, und Lena hörte sich selbst ein Geräusch machen, klein, halb geschluckt, halb ausgestoßen, und sie stellte das Glas schneller ab als nötig, sodass es auf dem Holz aufsetzte.

Die andere Frau sah auf das Glas. Dann sah sie Lena an.

„Du gehst schon anders", sagte sie.

Lena wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. Sie wusste nicht, ob es ein Lob war oder eine Beobachtung oder eine Warnung. Sie wusste nur, dass es stimmte. Ihre Beine standen anders, breiter, suchender, als hätten sie Angst, sich zu schließen. Ihre Hüfte war ein wenig gekippt, ohne dass sie es beschlossen hatte. Ihr Körper hatte sich in den letzten Minuten umgebaut, und sie war nicht gefragt worden.

„Wie lange", sagte Lena, und diesmal trug die Stimme.

Die mit dem Hoodie zuckte mit einer Schulter. „Bis es aufhört, dein zu sein."

Lena sah sie an. „Was?"

„Das Gehen." Die Frau nahm ihr eigenes Glas vom Tresen, das halb leer war, und trank, ohne Lena aus den Augen zu lassen. „Am Anfang denkst du bei jedem Schritt, du tust es. Nach einer Weile tust du es nicht mehr, dann tut es dich. Dann ist es vorbei, und du merkst, dass du die ganze Zeit nur zugehört hast."

„Und dann?"

„Dann fängst du an, es zu wollen, statt es auszuhalten."

Die andere lachte. Es war ein kurzes, trockenes Geräusch, das nicht böse war, aber auch nicht freundlich. „Sie redet gern in Rätseln", sagte sie. „Sie hat es selbst so gelernt, irgendwann, bei jemandem, der es auch so gesagt hat. Es stimmt trotzdem."

Lena hielt sich am Rand der Theke fest. Nicht, weil sie schwankte. Weil ihre Hände etwas tun mussten. Das Holz war alt, an der Kante abgestoßen, mit unzähligen kleinen Kerben, und ihre Finger fanden eine davon und blieben darin liegen, wie in einer Rille, die jemand für sie gemacht hatte.

„Viktor weiß es", sagte sie.

Die mit dem Hoodie stellte ihr Glas ab. „Natürlich weiß er es."

„Er hat nichts gesagt."

„Was hätte er sagen sollen?" Die Frau sah sie an, und in ihrem Blick war zum ersten Mal etwas, das Lena nicht einordnen konnte, keine Kälte, keine Wärme, nur Aufmerksamkeit, scharf und genau. „Du hast es getan. Er hat es gesehen. Es gibt nichts zu sagen. Sagen ist für Leute, die es nicht getan haben."

Lena dachte an die Bank. An das Seil, das Miriam ordentlich zurückgelegt hatte. An das Öl, an den Deckel, an die Flasche neben dem Seil. An die Art, wie Miriam dagestanden und auf die Dinge gesehen hatte, und wie dieses Nichtstun die Antwort gewesen war. Sie verstand jetzt ein wenig mehr davon. Nicht viel. Aber genug, dass ihr die Kehle eng wurde.

„Er hat gesagt, ich soll am Dienstag kommen", sagte sie.

„Dienstag." Die andere nickte langsam, als hätte sie eine Bestätigung bekommen, die sie erwartet hatte. „Dann kommst du am Dienstag."

„Ich habe nicht gesagt, dass ich komme."

„Du stehst hier." Die mit dem Hoodie deutete mit dem Kinn auf sie, auf ihren nackten Körper, auf die Klammern, auf die Art, wie sie die Beine hielt. „Mit den Dingern dran. Und du hast dir das Wasser genommen."

Lena sah auf das Glas. Es stand noch da, wo sie es abgestellt hatte, halb leer, und auf dem Holz daneben ein feuchter Ring, der langsam kleiner wurde. Sie hatte nicht gefragt, ob sie trinken durfte. Sie hatte einfach getrunken. Sie hatte nicht gefragt, ob sie näher kommen durfte. Sie war gekommen. Es gab eine Reihe von Dingen, die sie heute getan hatte, ohne zu fragen, und sie konnte sich nicht mehr an den Moment erinnern, in dem sie sich entschieden hatte.

„Warum seid ihr hier", sagte sie.

Die mit dem Hoodie sah zu der anderen. Die andere sah zurück. Es war ein Blick, der nicht länger als einen Herzschlag dauerte und in dem etwas ausgetauscht wurde, das Lena nicht lesen konnte, aber es war ein Blick von zwei Menschen, die zusammen etwas taten, seit langer Zeit, und die nicht mehr darüber reden mussten.

„Wir räumen auf", sagte die andere.

„Nach der Show?"

„Nach dir."

Lena blinzelte. Sie verstand es nicht sofort. Dann verstand sie es. Die beiden waren nicht zufällig hier. Sie waren nicht geblieben, um zu trinken. Sie waren geblieben, weil Miriam gegangen war und weil sie nicht gehen wollten, solange noch jemand da war, der allein war. Sie hatten gewartet. Sie hatten sich an die Bar gestellt und gewartet, so lange, wie es dauerte, bis Lena sich von der Stelle löste, an der Miriam sie zurückgelassen hatte.

„Wie lange steht ihr schon da", fragte Lena.

„Lange genug", sagte die mit dem Hoodie.

„Ihr habt zugesehen."

„Wir haben gewartet." Sie nahm das Glas, das Lena benutzt hatte, und stellte es zur Seite, nicht weg, nur ein Stück, damit es nicht mehr im Weg stand. „Zusehen ist, wenn man etwas will. Warten ist, wenn man nichts will."

„Und was wollt ihr?"

„Nichts." Die Frau sah sie an, und ihr Gesicht war ruhig, vollkommen ruhig, und Lena begriff, dass das keine Abweisung war. Es war die Wahrheit. Sie wollten nichts von ihr. Sie standen einfach da, weil sie es so gelernt hatten, weil man nicht wegging, solange jemand noch nicht wusste, wohin mit sich.

Lena atmete. Es ging tiefer als vorhin, und es zog an den Klammern, und sie ließ es ziehen. Der Schmerz kam, hell, sauber, und verschwand in der Wärme, die er hinterließ, und sie merkte, dass sie sich darauf freute, als er kam, und dass sie das nicht mehr wegdenken konnte.

„Das Wasser", sagte sie. „Es ist warm."

Die mit dem Hoodie sah auf das Glas. Sie sagte nichts.

„Ich dachte, es wäre kalt", sagte Lena. „Es stand da, ich habe es angefasst, es war kühl. Und dann war es warm."

„Vielleicht war es das von Anfang an", sagte die andere.

„Nein." Lena schüttelte den Kopf, langsam. „Ich habe es gemerkt. Es war kühl, und dann war es warm. Jemand hat es gewechselt."

Die beiden Frauen sahen sich nicht an. Sie sahen sie an. Und in ihren Gesichtern war nichts, keine Bestätigung, kein Widerspruch, nur diese seltsame, geduldige Offenheit, die Lena langsam unheimlicher wurde als jede Drohung. Sie wusste nicht, ob das Wasser gewechselt worden war. Sie wusste nur, dass sie es gesagt hatte, und dass niemand ihr widersprach, und dass das Schweigen der beiden Frauen auf eine Art, die sie nicht benennen konnte, ein Ja war.

„Ich muss gehen", sagte Lena.

„Du musst gar nichts", sagte die mit dem Hoodie. „Aber du kannst."

Lena löste die Hand von der Theke. Ihre Finger hatten Kerben im Holz hinterlassen, Abdrücke, die sofort wieder verschwanden, weil Holz zurückfedert, und sie sah ihnen einen Moment nach, wie sie sich schlossen. Dann drehte sie sich um.

Die Tür war am Ende des Raums. Der Weg dorthin war derselbe Weg, den sie gekommen war, sechs Meter Stein, und dann die Stufen, und dann die Straße, und dann die Kälte, und dann ihr Zimmer, in dem alles noch so war wie heute Morgen, als sie den Plug in die Tasche gesteckt und sich gesagt hatte, dass sie ihn nur ansah.

Sie machte den ersten Schritt zur Tür, und die Kugel verschob sich, und die Klammern zogen, und ihr Körper, der eben noch geglaubt hatte, er hätte es gelernt, musste es von vorn lernen, Schritt für Schritt, wie ein Kind, das laufen übt, und sie ging, und sie wusste, dass die beiden Frauen ihr nachsahen, und sie wusste, dass sie es nicht mehr verbergen konnte, und sie wusste, dass sie es auch nicht mehr wollte.

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