Die Stille im Club war keine Leere. Sie hatte ein Gewicht, sie drückte auf die Trommelfelle, sie summte in der Wand wie das Wasser in den alten Rohren, und Lena stand mitten in ihr und wagte nicht, die Füße zu heben.
Vier Punkte. Sie zählte sie nicht, sie fühlte sie. Zwei an den Brustwarzen, wo die Klammern saßen und mit jedem Herzschlag ein wenig enger zu werden schienen, obwohl sie sich nicht bewegten. Zwei weiter unten, an den inneren Schamlippen, wo das Metall an Stellen biss, von denen sie bis vor einer Woche nicht einmal gewusst hätte, dass man sie so nennen kann. Und dazwischen, tiefer, die Kugel. Rund, glatt, schwer. Ein fremdes Gewicht, das nicht zu ihr gehörte und trotzdem in ihr war, und das sich bei jedem Atemzug um einen Millimeter verschob, so als wollte es ihr zeigen, dass sie es nicht vergessen durfte.
Sie atmete flach. Sehr flach. Tief ging nicht, tief zog an den Klammern, und das Ziehen war ein heller, klarer Schmerz, der sich in etwas anderes auflöste, sobald er ankam, in eine Wärme, die sie nicht benennen wollte. Miriams Finger waren weg. Miriams Hand war weg. Aber die Stelle, an der sie gewesen waren, erinnerte sich.
Von der Bar her kam das Klirren eines Glases.
Lena hob den Kopf. Sie hatte nicht gehört, dass jemand hereingekommen war. Vielleicht waren sie schon die ganze Zeit da gewesen, hinter der Theke, im Halbdunkel, wo das Licht der einen Lampe nicht hinreichte. Zwei Gestalten lehnten am Tresen, die eine mit dem Rücken zur Wand, die andere mit dem Ellbogen auf dem Holz, und beide sahen zu ihr herüber.
Die mit dem Hoodie. Und die andere, die vorne gekniet hatte.
Sie sagten nichts. Das war das Erste, was Lena begriff: Sie sagten nichts. Nicht „na endlich", nicht „sieh an", nicht das kleine spöttische Willkommen, das sie erwartet hatte, weil sie es aus der Umkleide kannte, aus dem Spiegel, aus den Blicken, die ihr gefolgt waren, als sie den Stab benutzt hatte. Nichts. Nur zwei Gesichter im Dämmerlicht, ruhig, offen, wartend.
Lena spürte, wie ihr die Hitze in den Nacken stieg. Sie stand da wie ein Ding, das man aufgestellt hatte. Die Klammern an ihr, die Kugel in ihr, und nichts an ihrem Körper, das sie hätte bedecken können, weil Miriam ihr das Höschen zerschnitten und die Fetzen auf der Bank liegen gelassen hatte, ordentlich, wie sie alles ordnete.
„Ich", sagte Lena, und ihre Stimme brach nach dem ersten Laut ab.
Die mit dem Hoodie griff nach einer Flasche, die neben ihr auf dem Tresen stand. Kein Etikett. Sie drehte den Verschluss auf, und das Geräusch war im leeren Raum so laut wie ein Knacken. Dann nahm sie ein Glas, das schon dort stand, und goss Wasser hinein, langsam, ohne Hast, bis es zwei Fingerbreit unter dem Rand stand. Sie schob es über die Theke. Nicht zu sich, nicht weg von sich. Einfach ein Stück nach vorn, in Lenas Richtung, und ließ die Hand daneben liegen.
„Komm her", sagte die andere.
Es war kein Befehl. Es war die Feststellung einer Tatsache, die Lena noch nicht wusste. Komm her, weil du es ohnehin tun wirst, und es ist einfacher, wenn du es jetzt tust.
Lena machte den ersten Schritt.
Sie spürte ihn bis in die Zähne. Die Kugel rutschte nach vorn, nur ein wenig, aber genug, dass ihr die Luft stockte, und die Klammern zogen an ihren Brustwarzen, als hätte jemand an einem Faden gezogen, der durch ihren ganzen Körper lief. Ihr Knie wurde weich. Sie fing sich, indem sie das andere Bein vorsetzte, und der zweite Schritt war schlimmer als der erste, weil sie jetzt wusste, was kam.
Der Boden war kalt. Der Boden war aus Stein, dunkler Stein, geschliffen, und ihre nackten Sohlen klebten ein wenig daran, als sie sich löste. Zwischen ihr und der Bar lagen vielleicht sechs Meter. Sechs Meter, die sie früher in drei Atemzügen gegangen wäre, ohne nachzudenken. Jetzt war jeder Schritt eine Frage, die ihr Körper beantwortete, bevor ihr Kopf sie stellen konnte.
Drei. Die Kugel drehte sich. Ein dumpfes, volles Drücken, tief innen, dort, wo sie noch nie etwas gehalten hatte, und es war nicht nur Druck, es war eine Antwort, ein Kreisen, das sich in ihr ausbreitete wie ein Tropfen Öl auf Wasser.
Vier. Die andere Frau richtete sich ein wenig auf. Sie hatte die Arme verschränkt, und ihre Augen waren die ganze Zeit auf Lena, nicht auf ihr Gesicht, sondern tiefer, auf die Stelle zwischen ihren Beinen, wo die Klammern saßen, und auf die Art, wie sie ging. Als könnte sie von außen sehen, was in Lena vorging. Als hätte sie es schon einmal gesehen.
Fünf. Lena merkte, dass sie die Schultern hochgezogen hatte. Sie ließ sie sinken, und das Sinken zog an den Klammern, und sie biss sich auf die Innenseite der Lippe, um nicht zu atmen.
Die mit dem Hoodie sah es. Natürlich sah sie es. Sie sah alles, sie hatte Lena damals im Umkleideraum zugesehen, wie sie den Plug eingesetzt hatte, mit dem Öl, mit den zitternden Fingern, und sie hatte nichts gesagt, nur genickt. Jetzt nickte sie wieder, kaum sichtbar, und dieses Nicken war schlimmer als jedes Wort.
Sechs. Lena erreichte die Theke.
Sie griff nach dem Glas, und ihre Hand war nicht ruhig. Sie war nicht grob am Zittern, aber sie war auch nicht ihre Hand, es war eine Hand, die jemandem gehörte, der gerade etwas gelernt hatte und noch nicht wusste, was. Das Glas war kühl. Sie merkte es an den Fingerspitzen, bevor sie es ganz umschloss, und dann merkte sie, dass es gar nicht kühl war. Es war lauwarm. Jemand hatte es vorher gefüllt.
Sie hob es und trank.
Das Wasser lief ihr die Kehle hinunter, und mit dem Schlucken kam eine Bewegung in ihren Körper, die sie nicht eingeplant hatte. Die Kugel schob sich nach hinten, die Klammern an den Schamlippen zogen, und Lena hörte sich selbst ein Geräusch machen, klein, halb geschluckt, halb ausgestoßen, und sie stellte das Glas schneller ab als nötig, sodass es auf dem Holz aufsetzte.
Die andere Frau sah auf das Glas. Dann sah sie Lena an.
„Du gehst schon anders", sagte sie.
Lena wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. Sie wusste nicht, ob es ein Lob war oder eine Beobachtung oder eine Warnung. Sie wusste nur, dass es stimmte. Ihre Beine standen anders, breiter, suchender, als hätten sie Angst, sich zu schließen. Ihre Hüfte war ein wenig gekippt, ohne dass sie es beschlossen hatte. Ihr Körper hatte sich in den letzten Minuten umgebaut, und sie war nicht gefragt worden.
„Wie lange", sagte Lena, und diesmal trug die Stimme.
Die mit dem Hoodie zuckte mit einer Schulter. „Bis es aufhört, dein zu sein."
Lena sah sie an. „Was?"
„Das Gehen." Die Frau nahm ihr eigenes Glas vom Tresen, das halb leer war, und trank, ohne Lena aus den Augen zu lassen. „Am Anfang denkst du bei jedem Schritt, du tust es. Nach einer Weile tust du es nicht mehr, dann tut es dich. Dann ist es vorbei, und du merkst, dass du die ganze Zeit nur zugehört hast."
„Und dann?"
„Dann fängst du an, es zu wollen, statt es auszuhalten."
Die andere lachte. Es war ein kurzes, trockenes Geräusch, das nicht böse war, aber auch nicht freundlich. „Sie redet gern in Rätseln", sagte sie. „Sie hat es selbst so gelernt, irgendwann, bei jemandem, der es auch so gesagt hat. Es stimmt trotzdem."
Lena hielt sich am Rand der Theke fest. Nicht, weil sie schwankte. Weil ihre Hände etwas tun mussten. Das Holz war alt, an der Kante abgestoßen, mit unzähligen kleinen Kerben, und ihre Finger fanden eine davon und blieben darin liegen, wie in einer Rille, die jemand für sie gemacht hatte.
„Viktor weiß es", sagte sie.
Die mit dem Hoodie stellte ihr Glas ab. „Natürlich weiß er es."
„Er hat nichts gesagt."
„Was hätte er sagen sollen?" Die Frau sah sie an, und in ihrem Blick war zum ersten Mal etwas, das Lena nicht einordnen konnte, keine Kälte, keine Wärme, nur Aufmerksamkeit, scharf und genau. „Du hast es getan. Er hat es gesehen. Es gibt nichts zu sagen. Sagen ist für Leute, die es nicht getan haben."
Lena dachte an die Bank. An das Seil, das Miriam ordentlich zurückgelegt hatte. An das Öl, an den Deckel, an die Flasche neben dem Seil. An die Art, wie Miriam dagestanden und auf die Dinge gesehen hatte, und wie dieses Nichtstun die Antwort gewesen war. Sie verstand jetzt ein wenig mehr davon. Nicht viel. Aber genug, dass ihr die Kehle eng wurde.
„Er hat gesagt, ich soll am Dienstag kommen", sagte sie.
„Dienstag." Die andere nickte langsam, als hätte sie eine Bestätigung bekommen, die sie erwartet hatte. „Dann kommst du am Dienstag."
„Ich habe nicht gesagt, dass ich komme."
„Du stehst hier." Die mit dem Hoodie deutete mit dem Kinn auf sie, auf ihren nackten Körper, auf die Klammern, auf die Art, wie sie die Beine hielt. „Mit den Dingern dran. Und du hast dir das Wasser genommen."
Lena sah auf das Glas. Es stand noch da, wo sie es abgestellt hatte, halb leer, und auf dem Holz daneben ein feuchter Ring, der langsam kleiner wurde. Sie hatte nicht gefragt, ob sie trinken durfte. Sie hatte einfach getrunken. Sie hatte nicht gefragt, ob sie näher kommen durfte. Sie war gekommen. Es gab eine Reihe von Dingen, die sie heute getan hatte, ohne zu fragen, und sie konnte sich nicht mehr an den Moment erinnern, in dem sie sich entschieden hatte.
„Warum seid ihr hier", sagte sie.
Die mit dem Hoodie sah zu der anderen. Die andere sah zurück. Es war ein Blick, der nicht länger als einen Herzschlag dauerte und in dem etwas ausgetauscht wurde, das Lena nicht lesen konnte, aber es war ein Blick von zwei Menschen, die zusammen etwas taten, seit langer Zeit, und die nicht mehr darüber reden mussten.
„Wir räumen auf", sagte die andere.
„Nach der Show?"
„Nach dir."
Lena blinzelte. Sie verstand es nicht sofort. Dann verstand sie es. Die beiden waren nicht zufällig hier. Sie waren nicht geblieben, um zu trinken. Sie waren geblieben, weil Miriam gegangen war und weil sie nicht gehen wollten, solange noch jemand da war, der allein war. Sie hatten gewartet. Sie hatten sich an die Bar gestellt und gewartet, so lange, wie es dauerte, bis Lena sich von der Stelle löste, an der Miriam sie zurückgelassen hatte.
„Wie lange steht ihr schon da", fragte Lena.
„Lange genug", sagte die mit dem Hoodie.
„Ihr habt zugesehen."
„Wir haben gewartet." Sie nahm das Glas, das Lena benutzt hatte, und stellte es zur Seite, nicht weg, nur ein Stück, damit es nicht mehr im Weg stand. „Zusehen ist, wenn man etwas will. Warten ist, wenn man nichts will."
„Und was wollt ihr?"
„Nichts." Die Frau sah sie an, und ihr Gesicht war ruhig, vollkommen ruhig, und Lena begriff, dass das keine Abweisung war. Es war die Wahrheit. Sie wollten nichts von ihr. Sie standen einfach da, weil sie es so gelernt hatten, weil man nicht wegging, solange jemand noch nicht wusste, wohin mit sich.
Lena atmete. Es ging tiefer als vorhin, und es zog an den Klammern, und sie ließ es ziehen. Der Schmerz kam, hell, sauber, und verschwand in der Wärme, die er hinterließ, und sie merkte, dass sie sich darauf freute, als er kam, und dass sie das nicht mehr wegdenken konnte.
„Das Wasser", sagte sie. „Es ist warm."
Die mit dem Hoodie sah auf das Glas. Sie sagte nichts.
„Ich dachte, es wäre kalt", sagte Lena. „Es stand da, ich habe es angefasst, es war kühl. Und dann war es warm."
„Vielleicht war es das von Anfang an", sagte die andere.
„Nein." Lena schüttelte den Kopf, langsam. „Ich habe es gemerkt. Es war kühl, und dann war es warm. Jemand hat es gewechselt."
Die beiden Frauen sahen sich nicht an. Sie sahen sie an. Und in ihren Gesichtern war nichts, keine Bestätigung, kein Widerspruch, nur diese seltsame, geduldige Offenheit, die Lena langsam unheimlicher wurde als jede Drohung. Sie wusste nicht, ob das Wasser gewechselt worden war. Sie wusste nur, dass sie es gesagt hatte, und dass niemand ihr widersprach, und dass das Schweigen der beiden Frauen auf eine Art, die sie nicht benennen konnte, ein Ja war.
„Ich muss gehen", sagte Lena.
„Du musst gar nichts", sagte die mit dem Hoodie. „Aber du kannst."
Lena löste die Hand von der Theke. Ihre Finger hatten Kerben im Holz hinterlassen, Abdrücke, die sofort wieder verschwanden, weil Holz zurückfedert, und sie sah ihnen einen Moment nach, wie sie sich schlossen. Dann drehte sie sich um.
Die Tür war am Ende des Raums. Der Weg dorthin war derselbe Weg, den sie gekommen war, sechs Meter Stein, und dann die Stufen, und dann die Straße, und dann die Kälte, und dann ihr Zimmer, in dem alles noch so war wie heute Morgen, als sie den Plug in die Tasche gesteckt und sich gesagt hatte, dass sie ihn nur ansah.
Sie machte den ersten Schritt zur Tür, und die Kugel verschob sich, und die Klammern zogen, und ihr Körper, der eben noch geglaubt hatte, er hätte es gelernt, musste es von vorn lernen, Schritt für Schritt, wie ein Kind, das laufen übt, und sie ging, und sie wusste, dass die beiden Frauen ihr nachsahen, und sie wusste, dass sie es nicht mehr verbergen konnte, und sie wusste, dass sie es auch nicht mehr wollte.
Die Stufen hinauf waren schlimmer als der Weg zur Bar.
Sechs Stufen, dann eine schwere Tür, dann die Gasse. Lena nahm sie einzeln, eine Hand am Geländer, das aus einem alten Heizungsrohr geschweißt war, kalt und rau unter der Handfläche. Bei jeder Stufe zog die Kugel nach unten, ein Gewicht, das sich nicht absetzte, und die Klammern an den Brustwarzen schaukelten mit dem Schritt wie kleine Pendel. Auf der dritten Stufe blieb sie stehen, weil ihr einfiel, dass sie keine Unterhose anhatte. Nur den Mantel über dem nackten Körper, den sie unten von der Bank geholt hatte, den Mantel, in dem sie gekommen war, und darunter nichts. Sie zog ihn fester um sich, und der Stoff rieb über die Klammern, und sie musste sich mit der Schulter an die Wand lehnen, bis es vorbei war.
Draußen war es noch dunkel. Kein Morgen, nur die späte Nacht, in der die Stadt sich selbst gehört. Die Straße glänzte vom Regen, den sie nicht gehört hatte, und der Asphalt roch nach kaltem Wasser und Abgasen. Ein Taxi fuhr vorbei, ohne anzuhalten. Sie ging zu Fuß, weil sie nicht wusste, was sie dem Fahrer hätte sagen sollen, und weil Sitzen nicht in Frage kam, nicht mit dem Ding in ihr, das bei jedem Aufprall gesprochen hätte.
Sie ging langsam. Jeder Schritt war eine Verhandlung mit ihrem eigenen Körper, und ihr Körper war schlecht darin, sich verhandeln zu lassen. Die Klammern zwickten im Takt. An der ersten Ampel legte sie die Hand auf den Mantel über der Brust, nicht aus Scham, sondern um zu spüren, dass es noch da war, dass sie es nicht geträumt hatte. Der Stoff war dünn. Sie spürte das Metall durch.
Zu Hause war das Zimmer, wie sie es verlassen hatte. Das Bett ungemacht. Der Tee von gestern Morgen auf dem Schreibtisch, kalt, mit einem Ring im Boden der Tasse. Die Stehlampe, die sie angelassen hatte, weil sie morgens immer dachte, sie käme im Dunkeln zurück. Sie kam im Dunkeln zurück. Die Lampe hatte gewartet.
Sie schloss die Tür ab. Drehte den Schlüssel zweimal, wie immer, und blieb mit dem Rücken an der Tür stehen, und in der Stille hörte sie sich selbst atmen, zu laut, zu schnell, und darunter, ganz klein, den Klang der Klammern, wenn sie sich bewegte.
Sie zog den Mantel aus.
Er fiel auf den Boden, und sie sah an sich hinunter, zum ersten Mal richtig, unter dem Licht ihrer eigenen Lampe, und es war ein Bild, das sie nicht gewohnt war. Vier Klammern, ordentlich wie von einer Hand gesetzt, die wusste, was sie tat. Und ihre Haut, die um die Klammern herum rot war, blassrot, gereizt, mit den kleinen Druckstellen, die das Metall hinterließ. Sie sah aus wie etwas, das jemand bearbeitet hatte. Sie sah aus wie etwas, das jemand gehören konnte.
Sie ging ins Bad.
Das Licht über dem Spiegel war kalt und weiß, das Licht, das keine Fehler verzeiht, und sie drehte es gleich wieder aus und machte nur die kleine Lampe neben dem Waschbecken an, die warme. Dann setzte sie sich auf den Rand der Wanne, weil ihre Beine es so wollten, und sah auf ihre Hände, die noch immer die Kerben des Tresens in den Fingerkuppen trugen, obwohl das Holz zurückgefedert war und die Kerben längst nicht mehr existierten.
Sie begann mit den Klammern an den Brustwarzen.
Sie hatte Angst davor. Sie wusste nicht, wie es sich anfühlen würde, wenn das Blut zurückkam, und sie hatte im Club gehört, dass man sie langsam öffnen sollte, dass es brannte, wenn man es falsch machte. Sie nahm die erste Klammer zwischen Daumen und Zeigefinger, hielt sie einen Moment, atmete, und ließ sie aufklappen.
Es war, als hätte jemand einen Faden durch ihre Brust gezogen und losgelassen.
Der Schmerz kam nicht da, wo sie ihn erwartet hatte. Er kam von innen, ein glühender Punkt, der sich in Sekunden ausbreitete, und sie biss die Zähne zusammen und ließ das Metall in ihre Hand fallen. Dann sah sie zu, wie die Brustwarze sich färbte, dunkelrot, und wie das Gefühl zurückkehrte, kribbelnd, stechend, und dann etwas anderes wurde, ein Ziehen, das nach unten lief, tief in ihren Bauch, wo es nichts zu suchen hatte. Sie wartete, bis es sich ein wenig gelegt hatte. Dann nahm sie die zweite Klammer.
Die zweite war schlimmer, weil sie wusste, was kam. Sie öffnete sie schneller, als sie wollte, und der Schmerz riss durch ihre Brust, und sie hörte sich selbst einen Laut machen, halb Atem, halb etwas anderes, und sie ließ sich auf den Wannenrand zurücksinken und presste die flache Hand auf die Stelle, nicht um ihn wegzudrücken, sondern um ihn zu halten.
Die Klammern an den Schamlippen waren anders.
Sie musste sich auf den Wannenrand setzen und die Beine öffnen, und als sie öffnete, merkte sie, dass sie schon feucht war, feuchter, als sie gedacht hätte, und dass die Feuchtigkeit an den Innenseiten der Schenkel glänzte, und sie schämte sich einen Moment, ehe ihr einfiel, dass niemand es sah. Sie tastete nach der ersten Klammer und fand sie nicht sofort, weil ihre Finger nicht dorthin wollten, und dann fand sie sie doch, und sie saß an einer Stelle, die so empfindlich war, dass allein die Berührung sie zusammenzucken ließ. Sie zählte bis drei und öffnete sie.
Der Schmerz war hell und kurz und ging in eine Wärme über, die sie noch nie an sich gespürt hatte, ein warmes Auslaufen von der Stelle aus, an der das Metall gewesen war, und sie ließ die Klammer in die Wanne fallen und merkte, dass ihre Hand zitterte. Die zweite löste sie langsamer, weil ihr Körper es verlangte, weil er sich an die erste erinnerte, und als sie sie öffnete, kam das Blut zurück, und mit ihm ein Gefühl, das sie nicht beschreiben konnte, ein Pulsieren, das die Stelle anschwellen ließ und sie gleichzeitig leer machte.
Sie saß auf dem Wannenrand und atmete. Ihre Brust tat weh. Zwischen ihren Beinen tat es weh. Und in ihr war noch die Kugel, das letzte Ding, das Miriam ihr gelassen hatte, das einzige, das sie nicht mit einer Klammer hatte öffnen können.
Sie ließ Wasser in die Wanne.
Das Rohr rumpelte, wie es immer rumpelte, und sie hielt die Hand hinein, bis es die richtige Wärme hatte, und dann stieg sie ein, und beim ersten Kontakt mit dem Wasser zog sie die Luft ein, weil die offenen Stellen brannten, alle vier auf einmal, und weil das heiße Wasser die Kugel in ihr bewegte, ein wenig, und sie spürte sie ganz deutlich, ein runder, glatter Fremdkörper, der beim Sitzen tiefer rutschte.
Sie setzte sich langsam. Ganz langsam. Sie ließ sich in die Wanne sinken, bis das Wasser bis zu den Schultern stand, und dann lehnte sie den Kopf an den Rand und schloss die Augen, und die Wärme um sie herum war so groß, dass der Schmerz sich auflöste und in ihr blieb nur noch das dumpfe, volle Gewicht.
Das Wasser wurde ruhig.
Und in der Ruhe kamen die Bilder zurück.
Sie kamen nicht, wie sie befürchtet hatte, als Film. Sie kamen als Körper. Miriams Finger, zwei, die in sie gegangen waren, ohne zu zögern, so sicher, als hätte sie es hundertmal getan, und die Art, wie sie sich bewegt hatten, nicht schnell, nicht langsam, einfach richtig. Lenas Rücken, der sich gekrümmt hatte, ohne dass sie es beschlossen hatte. Das Seil, das um ihren Hals gelegen hatte, nicht eng, nur da, ein Gewicht, das gesagt hatte: du kannst dich nicht wegnehmen. Die Art, wie Miriam dagestanden hatte, als sie fertig war, wie sie das Seil aufgerollt und zurückgelegt hatte, ordentlich, gleichmäßig, als hätte sie nicht eben etwas getan, das Lena noch immer nicht ganz begriff.
Und dann das, was sie nicht vergessen konnte. Der Moment, in dem es aufgehört hatte, ihr zu gehören. Als die Finger in ihr waren und die Klammern saßen und das Seil am Hals lag, und alles zusammen zu viel war, zu viel, um es noch zu steuern, und in dem Moment war etwas in ihr umgefallen, umgekippt, und sie hatte es nicht kommen sehen. Sie hatte sich nicht mehr gehalten. Sie hatte sich nicht mehr halten müssen. Und in dem Augenblick, in dem sie aufhörte, sich zu halten, war etwas durch sie hindurchgegangen, das sie nicht hatte benennen können, und sie wusste bis jetzt nicht, ob es der Schmerz war oder das Gegenteil oder beides gleichzeitig, und sie wusste nur, dass sie es wieder wollte.
Ihre Hand lag auf ihrem Bauch.
Sie merkte es erst jetzt. Beim Denken war die Hand gewandert, langsam, ohne Auftrag, und sie lag unter Wasser auf ihrem Bauch, und die Finger waren ein wenig gespreizt, als hätten sie es sich vorgenommen. Sie ließ sie liegen. Sie sagte sich nicht, dass sie es nicht tun sollte, und sie sagte sich auch nicht, dass sie es tun sollte. Sie ließ sie einfach liegen, und die Hand blieb liegen, und das Wasser war warm, und in ihr war noch die Kugel.
Sie öffnete die Beine, so weit die Wanne es zuließ.
Ihre Finger fanden die Stelle, an der die Klammern gesessen hatten. Sie war geschwollen, wärmer als der Rest, und als sie sie berührte, zuckte sie zusammen, nicht vor Schmerz, jedenfalls nicht nur, und sie zog die Hand nicht weg. Sie tastete an sich entlang, vorsichtig, wie jemand, der einen Ort zum ersten Mal betritt, und sie merkte, dass sie glitschig war, glatter als sonst, und dass die Feuchtigkeit sich mit dem Wasser nicht vermischte, sondern blieb, wo sie war, ein eigener Film, der ihren Fingern sagte, wohin sie gehörten.
Sie glitt in sie hinein, erst mit einem Finger, und der Finger ging leicht, viel zu leicht, und sie hielt einen Moment inne, weil sie das Gefühl kannte, aber nicht so, nicht von sich selbst, und dann bewegte sie ihn, langsam, und ihr Körper antwortete, ohne dass sie ihn fragen musste.
Sie dachte an Miriams Hand. Sie dachte an die Sicherheit, mit der sie gekommen war, an die Art, wie sie die Klammern gesetzt hatte, eine nach der anderen, ohne zu fragen, ohne zu zögern, einfach weil sie es wusste. Sie dachte daran, wie es gewesen war, als sie nicht mehr diejenige war, die es tat, sondern diejenige, der es geschah, und wie sie dabei etwas verloren hatte, das sie nicht vermisste.
Ihre Finger wurden schneller.
Sie spürte, dass die Kugel sich mit jeder Bewegung ein wenig mitschob, ein zweites Zentrum, das nicht sie war, und sie ließ den Daumen nach oben gleiten, fand die Stelle, die sie suchte, und drückte, und ihr Rücken hob sich aus dem Wasser, ein Stück, dann wieder zurück, und sie hörte sich selbst atmen, kurz, hart, und sie biss sich auf die Lippe, weil die Nachbarn nebenan schliefen und weil sie es nicht unterdrücken wollte, aber auch nicht teilen.
In dem Moment, in dem es am stärksten war, sah sie etwas, das sie nicht gesucht hatte.
Sie sah sich selbst. Nicht hier, in der Wanne. Sie sah sich in dem Raum unten, in dem Licht, das von der Bühne kam, und sie stand nicht mehr am Rand und hielt eine Handtasche, sie stand auf dem Podest, und die Leute sahen zu, und jemand band ihr die Hände, und sie ließ es zu, weil sie es wollte, und in dem Bild war sie ruhig, vollkommen ruhig, ruhiger als sie sich je gefühlt hatte.
Sie kam mit dem Bild im Kopf.
Es ging durch sie hindurch, vom Bauch nach oben, und ihr Körper bäumte sich auf, und die Kugel schob sich vor, und die offenen Stellen brannten im heißen Wasser, und sie presste die Hand zwischen die Beine und hielt sie dort, bis das Letzte vorbei war und ihr Atmen wieder flacher wurde und das Wasser sich beruhigte. Über ihr tropfte der Hahn. Ein Tropfen, dann Stille, dann wieder ein Tropfen.
Sie blieb liegen.
Die Frage war noch da. Sie war nicht verschwunden mit dem, was sie eben getan hatte, sie war größer geworden, größer als vorher, weil sie jetzt wusste, dass sie sich das, was sie sich vorgestellt hatte, nicht nur vorstellen konnte. Sie hatte sich auf einer Bühne gesehen, mit gebundenen Händen, unter einem Licht, und sie hatte sich dabei nicht geschämt. Sie hatte sich dabei ruhig gefühlt. Und das war die Frage, die sie nicht losließ, jetzt, in der warmen Wanne, mit dem Daumen noch feucht und dem Ding noch in ihr: ob sie das eines Tages tun würde. Ob sie eines Tages da oben stehen würde, nicht zum Zusehen, sondern zum Angesehenwerden. Ob das in ihr war, dieses Etwas, das Miriam in den Händen hielt, oder ob sie nur die war, die zusah und sich dabei wünschte, sie wäre die andere.
Sie wusste es nicht.
Sie wusste nur, dass die Vorstellung sie nicht erschreckt hatte. Und dass das vielleicht die Antwort war, jedenfalls ein Teil davon, ein Teil, den sie noch nicht aussprechen konnte, nicht einmal vor sich selbst, nicht in dieser Wanne, nicht heute.
Sie ließ das Wasser ab.
Es lief gurgelnd in den Abfluss, und sie stieg aus der Wanne und griff nach dem Handtuch und trocknete sich ab, langsam, und als sie zwischen den Beinen trocknete, spürte sie die Kugel wieder, dieses runde, glatte Gewicht, das immer noch in ihr war, das sie immer noch nicht herausgenommen hatte. Sie hatte es vergessen. Nein, sie hatte es nicht vergessen. Sie hatte es gelassen. Und das war etwas anderes.
Sie stand vor dem Spiegel, und diesmal machte sie das große Licht an.
Ihr Haar war nass und hing ihr in Strähnen über die Schultern. Ihre Brustwarzen waren noch gerötet, dunkler als sonst, und die Stellen zwischen ihren Beinen, die konnte sie im Spiegel nicht sehen, aber sie wusste, dass sie da waren, und sie wusste, dass sie morgen noch da sein würden. Sie sah sich an. Sie sah eine, die heute etwas getan hatte, das sie gestern nicht getan hätte, und sie war nicht stolz darauf und sie schämte sich auch nicht, und in ihrem Gesicht war nichts von beidem zu lesen, nur Müdigkeit und etwas Wachheit darunter, das nicht ins Bett gehörte.
Sie ging ins Zimmer.
Der Mantel lag noch auf dem Boden, wo er hingefallen war. Sie hob ihn auf und hängte ihn über die Stuhllehne, und dabei fiel ihr der Zettel ein, die Karte, die Viktor ihr in der Galerie gegeben hatte, mit der Adresse und der Zeit und dem Wort, das sie damals nicht verstanden hatte. Sie lag in ihrer Handtasche, unter dem Portemonnaie, und Lena zog sie nicht heraus. Sie wusste, was auf ihr stand. Sie musste es nicht nachlesen.
Dienstag.
Sie legte sich ins Bett, auf die Seite, weil auf dem Rücken nicht ging, und zog die Decke bis zum Kinn, und die Kugel war noch in ihr, und sie ließ sie darin. Sie würde sie morgen herausnehmen. Vielleicht. Sie schloss die Augen, und draußen fuhr ein Auto vorbei, und das Licht der Stehlampe brannte noch, weil sie zu müde war, um aufzustehen und sie auszumachen, und sie lag im warmen Schein und dachte an das Podest, an das Licht, an die Hände, die sie binden würden, und sie wusste nicht, ob sie es wollte, und sie wusste, dass sie es nicht mehr nicht-wollte, und das war ein Unterschied, der sie wach hielt, länger, als ihr lieb war.
Irgendwann, gegen Morgen, schlief sie ein.
Das Licht der Stehlampe brannte noch, als sie die Augen aufschlug, und für einen Moment wusste sie nicht, wo sie war. Dann spürte sie es. Das runde, glatte Gewicht, tief in ihr, unverändert, geduldig, als hätte es die ganze Nacht auf sie gewartet.
Sie lag auf der Seite, die Decke bis zum Kinn gezogen, und ihr Körper hatte sich im Schlaf um das Ding herum eingerichtet, ohne sie zu fragen. Ihre Hüfte war ein wenig gekippt. Ihre Schenkel lagen nicht aufeinander, sie lagen übereinander, eins über dem anderen, und dazwischen, an der Stelle, wo die Klammern gesessen hatten, war ein dumpfes Ziehen, das die Nacht nicht weggetragen hatte.
Sie blieb liegen. Draußen war es noch grau, das Grau, das keine Uhrzeit hat, und irgendwo in der Wohnung über ihr ging jemand, Schritt für Schritt, von einem Zimmer ins andere.
Dienstag.
Der Gedanke war da, bevor sie ihn denken wollte, und sie schob ihn nicht weg. Sie ließ ihn liegen, wie sie das andere liegen ließ, und sah an sich hinunter, an der Decke vorbei, auf ihren Bauch, der sich unter dem Laken hob und senkte. Nichts an ihr sah anders aus. Und alles an ihr war anders.
Sie setzte sich auf.
Es war der erste Schritt des Tages, und er ging durch sie hindurch wie der letzte des gestrigen. Die Kugel rutschte beim Aufrichten, ein wenig nach vorn, und sie hielt einen Moment still, die Hände auf der Matratze, und wartete, bis ihr Körper sich entschieden hatte, ob er das mochte. Er entschied sich. Er entschied sich schneller als gestern.
Sie stand auf und ging ins Bad.
Das Wasser aus dem Hahn war kalt. Sie ließ es laufen, bis es warm wurde, und wusch sich das Gesicht und die Hände, und als sie sich abtrocknete, fiel ihr Blick auf die Wanne. Da war der Rand, auf dem sie gesessen hatte. Da war das Handtuch, das sie über die Stange gehängt hatte, halb trocken, halb noch feucht, und da war der Abdruck ihrer Hand im Frottee, ein dunkler Fleck, der langsam verblasste.
Sie stellte sich breitbeinig hin, weil sie es musste, und sah in den Spiegel.
Ihr Haar war über Nacht halb getrocknet und hing ihr in losen Wellen über die Schultern, das Kastanienbraune jetzt dunkler an den Spitzen, wo es noch feucht war. Ihre Brustwarzen waren ruhiger als gestern, nur noch ein wenig dunkler als der Rest der Haut, und die kleinen Druckstellen daneben, die vier Punkte, waren verblasst, aber nicht weg. Sie sah aus wie jemand, der etwas getragen hatte. Sie sah aus wie jemand, der es noch trug.
Sie schob den Daumen unter den Bund ihres Slips — nein. Sie hatte keinen Slip. Sie hatte nichts. Sie hatte den Mantel, den Strickpullover, die Jeans von gestern, alles auf dem Stuhl, und darunter war sie nackt, und das war der Punkt, an dem sie gestern aufgehört hatte, es zu bemerken.
Sie zog den Pullover an. Er fiel über ihre Hüften, weit und weich, und darunter war sie noch immer nichts als Haut. Dann setzte sie sich auf den Wannenrand, genau dorthin, wo sie gestern gesessen hatte, weil sie wusste, dass sie es so wollte, und nicht weil es ihr jemand gesagt hatte.
Sie spreizte die Knie.
Der erste Finger fand sie leicht. Sie war nicht feucht wie gestern, aber sie war auch nicht trocken, sie war einfach da, warm und weich, und sie tastete sich an sich entlang, bis sie die Stelle fand, an der das Ende der Kugel saß. Der Ring. Es war ein kleiner Ring, rund, aus weichem Silikon, und er lag zwischen ihren Schamlippen wie ein Wort, das man nicht ausgesprochen hatte.
Sie hielt inne.
Sie wusste, dass sie es tun konnte. Sie wusste auch, dass sie es nicht tun musste. Gestern, im Club, hatte es ihr jemand gegeben, und heute, in ihrem Bad, lag es an ihr, und das war der Unterschied, um den es die ganze Zeit gegangen war, ohne dass sie es benennen konnte.
Sie griff nach dem Ring.
Sie zog nicht. Sie wartete, bis ihr Körper sich öffnete, und dann zog sie, langsam, sehr langsam, und die Kugel kam, Zentimeter für Zentimeter, und mit ihr kam ein Gefühl, das sie nicht erwartet hatte. Es war kein Schmerz. Es war eine Leere, die sich aufbaute, während die Kugel noch in ihr war, als würde der Raum, den sie füllte, größer, je weiter sie sich zurückzog, und als sie am äußersten Punkt war, am Rand, an dem sie fast herausglitt, hielt Lena an.
Sie spürte die Kante. Den letzten Millimeter, an dem das Silikon sie noch berührte, und in diesem Millimeter war alles, was gestern gewesen war, auf einen Punkt gezogen, und Lena atmete, und dann ließ sie los.
Die Kugel fiel in ihre Handfläche.
Sie war warm. Sie war glatt. Sie war kleiner, als sie sie in Erinnerung gehabt hatte, kleiner und leichter, und sie lag in Lenas Hand wie ein Kiesel, den man am Strand aufhebt, ohne zu wissen, warum. Ein wenig feucht war sie, ein wenig glänzend, und Lena sah sie an, und sie sah aus wie das, was sie war: ein Ding aus Silikon, in einer Fabrik gemacht, in einer Schublade gelegen, in einem Club verschenkt. Nicht mehr.
Und trotzdem.
Sie hielt sie in der geschlossenen Hand, und ihre Hand wollte sie nicht öffnen. Sie saß auf dem Wannenrand, den Pullover bis über die Knie gezogen, und in ihrer Faust war die Kugel, und in ihr war jetzt eine Leere, die sie kannte, weil sie sie gestern Abend gespürt hatte, als Miriams Finger weg waren. Nur war es diesmal ihre eigene Leere. Sie hatte sie selbst gemacht. Sie hatte sie selbst herbeigeführt, mit zwei Fingern und einem Ring, und niemand hatte ihr dabei zugesehen.
Sie öffnete die Hand.
Die Kugel lag in ihrer Handfläche, und sie sah sie an, und sie wusste, was sie jetzt tun würde. Sie wusste, dass sie sie nicht wegwerfen würde. Sie wusste, dass sie sie auch nicht zurückgeben würde. Sie wusste, dass sie sie behalten würde, in einer Schublade, in einem Fach, in dem sie ihre Ohrringe aufbewahrte, oder in der Innentasche ihres Mantels, oder in der kleinen Dose, in der sie ihre Sicherheitsnadel aufbewahrte, weil sie noch nicht wusste, wo der richtige Ort für so ein Ding war.
Sie legte sie auf den Wannenrand.
Dann stand sie auf, und als sie stand, merkte sie, dass ihr Körper sich schon wieder verschlossen hatte, als hätte er die Kugel nie gekannt, und dass die Stelle, an der sie gewesen war, jetzt nur noch ein dumpfes, warmes Erinnern war, ein Nachhall, der nicht weh tat.
Sie wusch sie ab.
Sie hielt sie unter den warmen Strahl und drehte sie zwischen den Fingern, bis nichts mehr an ihr war, kein Geruch, kein Geschmack, nur das Silikon, glatt und neutral, und sie trocknete sie an einem Stück Küchenrolle ab, das sie aus der Küche holte, und legte sie in ihre Hand.
Dann stand sie im Bad und sah in den Spiegel, und in ihrer Hand war die Kugel, und in ihr war die Leere, und sie wusste, dass sie sie nicht weglegte.
Nicht heute. Nicht so. Nicht, solange sie noch nicht wusste, ob sie am Dienstag zurückgehen würde. Sie hob die Kugel ein wenig, bis sie auf Augenhöhe war, und sah sie an, und die Kugel sah nicht zurück, weil sie nichts war, was sehen konnte, aber Lena hielt sie trotzdem, länger, als nötig war, und dann ließ sie die Hand sinken und wusste, dass sie sie in die Schublade legen würde, in die Schublade mit den Ohrringen, und dass sie sie am Dienstag dort herausholen würde, oder nicht, und dass beides möglich war, und dass die Möglichkeit selbst das war, was sie nicht mehr hergab.
Sie zog die Schublade auf.
Sie waren da, die Ohrringe, ein Paar kleine Silberne, die Clara ihr geschenkt hatte, als sie achtzehn geworden war, und ein einzelner, dessen Gegenstück sie verloren hatte, und ein Armband, das sie nie trug. Sie legte die Kugel dazu. Sie lag zwischen dem Silber, ein matt schimmerndes Ding, das nicht dorthin gehörte und trotzdem dort lag, und Lena schob die Schublade zu, langsam, ohne Geräusch, und wusste, dass sie sie öffnen würde, wenn sie sie brauchte.
Sie sah auf die Uhr.
Es war kurz nach sieben. Der Tag lag vor ihr, ein Dienstag, ein gewöhnlicher Dienstag, mit einer Vorlesung um zehn und einem Tutorium um zwei und einem Abend, der nichts Besonderes war, und sie wusste, dass sie hingehen würde, und sie wusste auch, dass sie, wenn sie ging, etwas mit sich tragen würde, das niemand sah.
Sie zog sich an.
Slip. Jeans. Socken. Der Pullover blieb, weil er warm war, und weil er weit war, und weil er der einzige war, der nichts verriet. Sie kämmte sich das Haar, ohne es ganz zu trocknen, und band es hoch, und im Spiegel sah sie eine Studentin, neunzehn, mit ein paar Sommersprossen auf den Schultern, die gleich zur Uni gehen würde, als wäre nichts geschehen.
Als wäre nichts geschehen.
Sie nahm die Handtasche vom Stuhl, und ihre Hand fuhr hinein, ohne dass sie es beschlossen hatte, und fand unter dem Portemonnaie die Karte. Sie zog sie nicht heraus. Sie spürte nur die Kante, die Ecke, das Papier, und dann ließ sie sie liegen und schloss die Tasche.
Dienstag.
Sie ging zur Tür, und beim ersten Schritt in den Flur spürte sie nichts mehr in sich, keine Kugel, keine Klammer, nur ihren eigenen Körper, der sich wieder ganz ihr gehörte, und sie merkte, dass sie das nicht beruhigte. Sie blieb an der Tür stehen, die Hand am Griff, und sah zurück in das Zimmer, auf die Schublade, die geschlossen war, und auf den Stuhl, auf dem der Mantel hing, und dann öffnete sie die Tür und ging hinaus, und hinter ihr blieb das Zimmer, wie es war, mit der Stehlampe, die noch brannte, obwohl es hell war.
Sie würde sie heute Abend ausmachen.
Oder morgen.
Die Tür fiel ins Schloss, und das Geräusch war lauter, als sie erwartet hatte, lauter als die Wohnung verdiente. Sie blieb im Flur stehen, den Rücken gegen das kalte Holz, und wartete, dass ihr Atem sich wieder einfand, obwohl er sich nie verloren hatte. Der Hausflur roch nach Bohnerwachs und dem Zwiebeligen aus der Wohnung unter ihr, und irgendwo lief ein Radio, gedämpft, ein Nachrichtensprecher, der Zahlen vorlas, die niemanden mehr betrafen.
Sie ging die Treppe hinunter, und jede Stufe war eine Entscheidung, die sie schon getroffen hatte, ohne sie zu treffen. Die Kugel lag jetzt in der Schublade, zwischen dem Silber, und sie trug sie trotzdem mit sich, in einem Körper, der sich erinnerte, wo sie gewesen war.
Draußen war die Luft kühl und roch nach nassem Laub, obwohl es nicht geregnet hatte. Ein Radfahrer zog an ihr vorbei, ohne zu klingeln, und Lena trat einen Schritt zur Seite, weil sie es gewohnt war, Platz zu machen, und merkte, dass sie es auch diesmal tat, ohne darüber nachzudenken.
Der Weg zur Uni war kurz, sie kannte ihn auswendig, und weil sie ihn auswendig kannte, konnte sie ihn gehen, ohne zu sehen, wohin. Die Bäckerei an der Ecke hatte auf, das Licht in ihrem Fenster war warm, und der Mann dahinter, den sie nicht kannte und der sie nicht kannte, schob ein Blech mit Brötchen in die Auslage, mit einer Bewegung, die er tausendmal gemacht hatte.
Lena blieb stehen.
Sie blieb nicht stehen, weil sie etwas kaufen wollte. Sie blieb stehen, weil ihr plötzlich auffiel, dass sie den ganzen Weg über nichts gedacht hatte. Nicht an die Vorlesung, nicht an das Tutorium, nicht an Clara, die sie am Sonntag anrufen sollte und nicht angerufen hatte. Sie hatte nur die Straße vor sich gesehen und die Kugel in ihrer Schublade und die Stelle zwischen ihren Beinen, die noch ein wenig warm war, als hätte sie sich verabschiedet.
Sie kaufte ein Brötchen, weil sie es nun mal vor der Tür stand, und aß es unterwegs, im Gehen, was sie sonst nie tat. Der erste Bissen war trocken, der zweite besser, und der dritte schmeckte nach nichts, weil sie schon wieder nicht bei der Sache war.
Am Hauptgebäude standen die üblichen Grüppchen, Raucher, die nicht rauchten, weil es zu kalt war, sondern nur die Hände um Kaffeebecher legten. Ein Mädchen aus ihrem Proseminar winkte ihr zu, und Lena hob die Hand, halb, und ließ sie wieder sinken, weil die Geste nicht ganz zu ihr gehörte. Sie war nicht unfreundlich. Sie war nur woanders.
Der Hörsaal war zu zwei Dritteln voll, und sie setzte sich in die drittletzte Reihe, wo sie immer saß, obwohl sie sich geschworen hatte, diesmal weiter vorne zu sitzen. Der Professor redete über die Perspektive in der niederländischen Malerei des siebzehnten Jahrhunderts, über Fluchtpunkte und Horizonte und die Frage, wo der Betrachter steht, und Lena schrieb mit, weil ihre Hand es konnte, während ihr Kopf etwas anderes tat.
Fluchtpunkte.
Sie schrieb das Wort hin, und dann sah sie es an, und dann dachte sie, dass sie gestern einen Fluchtpunkt gehabt hatte, nur einen, und der hatte nicht auf einem Bild gelegen, sondern in einem Keller, unter einer Bühne, zwischen Klammern und Seilen und Händen, die ihr gesagt hatten, wo sie stehen sollte. Und jetzt hatte sie keinen mehr, und das war das Problem, oder es war die Lösung, sie wusste es noch nicht.
Nach der Vorlesung ging sie in die Mensa, weil sie hungrig war, und setzte sich allein an einen Tisch für vier, was sie sonst nie tat, weil sie es hasste, allein an einem Tisch für vier zu sitzen. Sie aß Nudeln mit einer Sauce, die nach nichts schmeckte, und trank Wasser, und in der Schlange hatte sie für einen Moment die Hand einer anderen Studentin an deren Rücken gesehen, wie sie ein Buch unter dem Arm hielt, und sie hatte weggeschaut, weil sie sich dabei erwischt hatte, wie sie hinsah.
Es war nichts. Es war ein Buch. Es war ein Rücken.
Sie aß weiter und dachte an die Kugel in der Schublade, und dann dachte sie an den Ring, an das kleine Silikon, das sie zwischen den Fingern gehalten hatte, und an die Stelle, an der es gesessen hatte, und sie merkte, dass sie beim Essen saß und an sich dachte, und sie wusste nicht, ob das normal war, und ob es ihr wichtig war, ob es normal war.
Um zwei war das Tutorium. Der Raum war zu warm, die Heizung lief, und jemand hatte ein Fenster aufgemacht, das nicht mehr zuging, und so saßen alle im Zug, mit Jacken an, und redeten über ein Referat, das jemand halten sollte. Lena hörte zu, nickte, machte sich Notizen, die sie nicht lesen würde, und als der Tutor sie fragte, was sie zu dem Aufsatz meine, sagte sie etwas, das klug klang, und es war auch klug, sie hatte es nur nicht gedacht, sondern gesagt.
Danach, im Flur, hielt sie ihr Handy in der Hand, ohne es zu entsperren. Clara hatte am Sonntag geschrieben, eine Nachricht mit zwei Sätzen und einem Fragezeichen, und Lena hatte nicht geantwortet. Sie sah die Nachricht jetzt an, das kleine blaue Symbol, und ihren Daumen über dem Feld, und dann sperrte sie das Handy wieder und steckte es in die Tasche, weil sie nicht wusste, was sie schreiben sollte, und weil jede Antwort gelogen hätte, und weil sie sich nicht überlegen wollte, welche Lüge die beste war.
Sie ging nach Hause.
Der Weg zurück war derselbe wie der Weg hin, aber er war nicht derselbe, weil sie ihn jetzt mit offenen Augen ging. Sie sah die Bäckerei, das Blech in der Auslage, das jetzt leer war bis auf zwei Brötchen. Sie sah den Radfahrer von heute Morgen, oder einen anderen, mit derselben Jacke, der in dieselbe Richtung fuhr. Sie sah die Blätter auf dem Gehweg, die nass waren und glänzten, und die Laternen, die noch nicht an waren, weil es noch nicht dunkel genug war.
In der Wohnung war es still, wie sie es verlassen hatte, und die Stehlampe brannte noch, und das war das Erste, was sie sah, und sie ging hin und machte sie aus. Der Schalter klickte, und das Zimmer wurde grauer, das Grau des Nachmittags, das keine Uhrzeit hat, und für einen Moment war es das Grau von heute Morgen, und sie stand da und sah es an.
Dann ging sie ins Bad.
Sie wusste, was sie tun würde, bevor sie es tat, und sie tat es trotzdem, oder gerade deshalb. Sie zog den Pullover aus und legte ihn über die Stange, und dann setzte sie sich wieder auf den Wannenrand, an dieselbe Stelle, weil es ihre Stelle war, und spreizte die Knie.
Sie war trocken diesmal, wirklich trocken, und der erste Finger musste suchen, und sie spürte, wie ihr Körper sich erst weigerte, und dann nachgab, langsam, wie ein Tier, das sich an eine Hand gewöhnt. Sie tastete sich an sich entlang, an der Stelle vorbei, wo die Klammern gesessen hatten, wo nur noch Haut war, bis sie den Eingang fand, und dann den ersten Finger hineinschob, und dann den zweiten.
Es war enger als gestern. Es war enger, weil nichts mehr darin war, und die Leere war größer, als sie sie in Erinnerung gehabt hatte, größer als die Kugel, größer als die zwei Finger, die sie jetzt füllten, und sie lag da und fühlte es, dieses Missverhältnis, diese Rechnung, die nicht aufging. Ihre Finger waren nicht genug. Sie waren nie genug gewesen, sie hatte es nur nicht gewusst, bis sie etwas gehabt hatte, das mehr war.
Sie zog die Finger heraus.
Sie hielt sie hoch, und sie waren feucht, nur ein wenig, nur so viel, wie der Körper gibt, wenn man ihn bittet, und sie sah sie an, und dann legte sie die Hand auf ihren Schenkel, und ihre Hand war warm, und ihr Schenkel war warm, und der Rest von ihr war es nicht.
Sie stand auf und ging in ihr Zimmer, und sie zog die Schublade auf.
Die Kugel lag da, zwischen dem Silber, das sie nie trug, und dem Armband, das sie nie trug, und sie lag da wie etwas, das dazugehörte und nicht dazugehörte, und Lena sah sie an, lange, ohne sie zu nehmen.
Dann nahm sie sie.
Sie war kalt, weil das Zimmer kalt war, und sie schloss die Hand darum, bis sie warm war, und dann ging sie zurück ins Bad, und dann setzte sie sich wieder hin, und dann führte sie sie ein. Langsam. Sie war enger als am Morgen, oder ihre Hand war unsicherer, oder beides, und sie musste nachhelfen, mit einem Finger, mit dem Daumen, bis die Kugel saß, und als sie saß, spürte Lena sie nicht so wie gestern. Sie spürte sie deutlicher. Sie spürte jede Kante, jede Rundung, das ganze Gewicht von etwas, das sie selbst hineingetan hatte, und das war ein anderes Gefühl als das, was Viktor ihr gegeben hatte, und beides war dasselbe Ding.
Sie blieb sitzen, eine Weile, und ihr Körper gewöhnte sich, und als er sich gewöhnt hatte, war es fast angenehm, und dann stand sie auf, und dann ging sie ins Zimmer, und dann holte sie das Handy aus der Tasche.
Sie tippte: Ich komme.
Sie schickte es nicht. Sie sah die zwei Wörter an, das Blinken des Cursors daneben, und dann löschte sie sie, Buchstabe für Buchstabe, bis das Feld leer war, und dann legte sie das Handy auf die Kommode, mit dem Bildschirm nach unten.
Es war nicht nötig, es zu schreiben. Viktor wusste es. Viktor hatte es gewusst, bevor Lena es gewusst hatte, in dem Moment, in dem sie den Ring gefasst hatte, in ihrem Bad, heute Morgen, allein.
Sie zog den Pullover wieder an.
Er fiel über ihre Hüften, weit und weich, und darunter saß die Kugel, und Lena stand in ihrem Zimmer, im grauen Licht des Nachmittags, und merkte, dass sie den ganzen Tag darauf gewartet hatte, hierher zurückzukommen, an diesen Ort, in diesen Körper, mit diesem Ding, und dass sie es erst jetzt wusste, jetzt, wo es wieder so war.
Sie würde warten.
Es war noch nicht Dienstagabend. Es war noch nicht einmal Abend. Sie hatte Stunden vor sich, und in diesen Stunden war nichts zu tun, außer zu wissen, dass sie sie tragen würde, bis sie sie nicht mehr trug, und dass sie sie nicht mehr tragen würde, bevor sie am Dienstag ging, oder danach, oder nie.
Sie setzte sich auf das Bett, mit dem Rücken zur Wand, und zog die Knie an, und die Kugel drückte, ein wenig, an einer Stelle, die sie heute Morgen noch nicht gekannt hatte, und sie blieb sitzen und ließ sie drücken, und sah aus dem Fenster, auf die Straße, auf die Menschen, die vorbeigingen, ohne etwas zu ahnen, und auf den Himmel, der langsam dunkler wurde, ohne dass sie es sah.
Sie saß so lange, bis das Licht draußen die Farbe wechselte, von Grau zu Blau zu dem tiefen Violett, das nur ein paar Minuten hält. Dann stand sie auf, weil ihr Rücken vom Anlehnen steif war, und weil ihr plötzlich einfiel, dass sie noch nicht gegessen hatte, seit dem Brötchen am Morgen.
Sie ging in die Küche und machte sich ein Brot, das sie nicht aufaß. Sie stand am Fenster und sah in den Hof, wo jemand Wäsche abhängte, im Halbdunkel, mit routinierten Bewegungen, und sie dachte an nichts Bestimmtes, und das war neu, weil sie seit gestern eigentlich nur an Bestimmtes gedacht hatte.
Dann ging sie ins Bad, und diesmal zögerte sie nicht.
Sie zog den Pullover aus und legte ihn ordentlich auf den Wannenrand, und dann setzte sie sich hin, auf dieselbe Stelle, die jetzt ihre war, und spreizte die Knie. Sie brauchte keinen Finger zum Suchen. Sie wusste, wo der Ring saß, weil sie ihn den ganzen Nachmittag getragen hatte, und ihr Körper hatte sich daran gewöhnt, so wie er sich an alles gewöhnte, wenn man ihm Zeit ließ.
Sie fasste den Ring zwischen Daumen und Zeigefinger und zog.
Es war ein anderes Gefühl als heute Morgen. Heute Morgen war es eine Entscheidung gewesen, ein langsames Öffnen einer Tür, die noch zu war. Jetzt war es ein Nachlassen. Die Kugel kam in einem Zug, glatt, warm, und Lena atmete aus, lang, und merkte, dass sie die Luft angehalten hatte, ohne es zu wissen, und dass das Anhalten nicht Angst gewesen war, sondern etwas anderes, das sie nicht benennen wollte, weil Benennen es wegnehmen würde.
Sie hielt sie in der Hand. Wieder warm, wieder glatt, wieder kleiner, als sie sie im Gefühl hatte.
Dann stand sie auf, wusch sie ab, trocknete sie an dem Küchenpapier, das noch auf dem Wannenrand lag, und ging ins Zimmer. Sie legte sie auf den Nachttisch, nicht in die Schublade mit den Ohrringen, nicht in die Dose mit den Sicherheitsnadeln. Auf den Nachttisch. Neben die kleine Lampe, neben das Buch, das sie seit drei Wochen nicht aufschlug, neben das Glas Wasser, das sie gestern Abend nicht ausgetrunken hatte.
Sie sah sie dort liegen. Ein Ding aus Silikon, matt, rund, auf einem Nachttisch, auf dem sonst nichts lag, was nicht dazugehörte.
Es gehörte jetzt dazu.
Sie zog sich an, den Slip, die Jeans, den Pullover, und ging in die Küche und aß das Brot doch noch, im Stehen, ohne es zu schmecken, und dann setzte sie sich auf das Sofa und wartete, dass der Abend verging, und der Abend verging, langsam, wie Abende das tun, wenn man auf sie wartet.
Am Dienstagmorgen wachte sie früher auf als der Wecker.
Es war noch dunkel, und sie lag einen Moment und horchte auf ihren Körper, der nichts sagte. Kein Gewicht, keine Klammer, keine Kugel. Nur sie, im Bett, in ihrem Zimmer, an einem Dienstag. Sie lag da und wartete auf das Gefühl, das sie erwartet hatte, das Ziehen, die Sehnsucht, das Wissen, aber es kam nicht. Was kam, war nur der Tag, gewöhnlich, mit seinem Licht und seinem Geräusch von draußen, und Lena stand auf, weil es nichts gab, worauf sie hätte warten müssen.
Sie ging zur Uni. Sie saß in der Vorlesung. Sie aß in der Mensa. Sie ging nach Hause, und als sie nach Hause kam, war es noch nicht Abend, und sie wusste nicht, was sie mit den Stunden anfangen sollte, und sie merkte, dass sie sie nicht mit Warten verbrachte, sondern mit dem, was sie immer mit Stunden verbrachte, und dass das gut war, oder dass es wenigstens nicht schlecht war, und dass sie nicht wusste, ob der Unterschied zählte.
Sie aß. Sie duschte. Sie zog sich an, die Jeans, den Pullover, den Mantel darüber, weil es kalt war.
Sie ging.
Der Weg zum Club war derselbe wie beim ersten Mal, und er war nicht derselbe, weil sie ihn jetzt kannte, die Gasse, die Stufen, die schwere Tür, und weil sie sich nicht mehr fragte, ob sie die richtige Adresse hatte. Sie ging die Stufen hinunter, und die Tür war nur angelehnt, und sie schob sie auf, und der Geruch kam ihr entgegen, der Geruch aus Stein und Öl und warmem Holz, und sie merkte, dass sie ihn wiedererkannte, und dass das Wiedererkennen etwas in ihr löste, das sie nicht erwartet hatte.
Der Club war noch leer.
Nicht ganz leer. Die Bühne war beleuchtet, das eine Licht, das immer brannte, und auf der Bühne stand ein Ständer, an dem Seile hingen, ordentlich aufgerollt, wie alles hier ordentlich war. An der Bar saß niemand. Die Stühle waren hochgestellt, die Gläser standen kopfüber auf einem Tuch. Und in der Mitte des Raums, zwischen Bühne und Bar, standen zwei Frauen.
Die mit dem Hoodie. Und die andere.
Sie hatten Lena gehört, bevor sie sie sahen, oder sie hatten sie erwartet, oder beides, und die mit dem Hoodie drehte sich um, langsam, und sah sie an, und ihr Gesicht war ruhig, wie es immer ruhig war, und in ihrer Hand hielt sie etwas, das Lena nicht sofort erkannte.
„Du bist früh", sagte sie.
„Ich war in der Nähe", sagte Lena, und es war gelogen, und beide wussten es, und die mit dem Hoodie nickte trotzdem, als wäre es die Wahrheit, die sie hören wollte.
„Viktor ist noch nicht da." Die andere lehnte an der Bühnenkante, die Arme verschränkt, und sah Lena an, von oben bis unten, ohne Eile. „Er kommt später. Er kommt immer später, wenn er will, dass man allein ankommt."
Lena blieb stehen, wo sie stand, ein paar Schritte von ihnen entfernt, und wartete, dass jemand ihr sagte, was jetzt kam. Niemand sagte es. Die beiden Frauen sahen sie an, und Lena sah zurück, und im Raum war nur das Summen der Wand und das Klirren von irgendwo, ein Glas, das jemand in der Lounge absetzte.
Dann hob die mit dem Hoodie die Hand.
In ihrer Hand war ein Bügel, ein schmaler, aus schwarzem Metall, und daran hing etwas, das Lena zuerst für einen Fehler hielt, für einen umgestürzten Stuhl, für ein Stück Stoff, das jemand vergessen hatte. Dann sah sie es richtig. Es war ein Kleid. Nein, es war kein Kleid. Es war eine Form, eine schwarze, glänzende Form, die aussah, als hätte jemand eine Frau in Lack gegossen und die Frau dann herausgenommen.
„Das ist für dich", sagte die mit dem Hoodie.
Lena sah auf das Ding an dem Bügel. Es war schmal, sehr schmal, ein Ganzkörperanzug, hochgeschlossen, mit langen Ärmeln, mit Beinen, die in Füßlinge übergingen, und vorn, auf der Höhe des Bauchs, war ein Reißverschluss, ein kleiner, silberner, der wie ein Fremdkörper in der glatten Fläche saß.
„Ich", sagte Lena, und dann wusste sie nicht weiter.
„Zieh es an", sagte die andere. „Oder zieh es nicht an. Aber wenn du es anziehst, dann zieh es ganz an."
Lena nahm den Bügel. Der Lack war kalt, kälter als die Luft im Raum, und er war glatt, so glatt, dass ihre Finger ein wenig abrutschten, als sie ihn hielten. Sie sah die beiden Frauen an, und die beiden Frauen sahen zurück, und in ihrem Blick war nichts, keine Aufforderung, kein Spott, nur diese seltsame, geduldige Offenheit, die Lena langsam kannte, und die sie trotzdem jedes Mal aufs Neue nicht einordnen konnte.
„Wo", sagte sie.
„Hinten. Im Umkleideraum. Wo du schon warst."
Lena ging durch die Lounge, an der Bar vorbei, durch die Tür, die sie kannte, und der Umkleideraum war, wie sie ihn in Erinnerung hatte, die Spinde, der Marmortisch, der Spiegel, die Haken. Sie hängte den Bügel an einen Haken und sah den Anzug an, der da hing, schwarz, glänzend, leer, und dann zog sie sich aus. Den Mantel. Den Pullover. Die Jeans. Den Slip. Sie legte alles auf den Marmortisch, ordentlich, wie sie es gelernt hatte, und dann stand sie nackt vor dem Anzug und sah ihn an, und dann griff sie hinein.
Es war eng. Enger, als sie gedacht hatte. Der Lack gab nicht nach, er war nicht wie Stoff, er war wie eine zweite Haut, die noch nicht warm war, und sie musste sich mit dem Fuß hineinzwängen, und dann mit dem Bein, und dann mit dem anderen, und dann mit den Armen, und der Anzug schloss sich um sie wie eine Hand, die zudrückt, langsam, aber unaufhaltsam.
Sie zog den Reißverschluss hoch. Er lief vom Bauch bis zum Hals, ein silberner Strich, und als er oben ankam, saß der Anzug an ihr wie angegossen, und Lena sah in den Spiegel.
Sie erkannte sich nicht sofort. Das Gesicht war ihres, das Haar ihres, aber der Körper darunter war ein anderer, ein glänzender, schwarzer Körper, in dem jede Linie nachgezeichnet war, die Hüfte, die Taille, die Brust, und nichts davon ließ sich verbergen. Der Lack saß so eng, dass sie ihre eigene Wärme darin spürte, zurückgeworfen, und als sie sich bewegte, bewegte sich der Anzug mit, ohne Falte, ohne Luft dazwischen, und es war, als wäre ihre Haut selbst schwarz und glänzend geworden.
Sie stand da und sah sich an, und dann sah sie auf die Uhr, und dann ging sie hinaus.
Die beiden Frauen warteten am Fuß der Bühne, und als Lena aus der Lounge kam, sahen sie sie an, und die mit dem Hoodie nickte, kaum sichtbar, und die andere sagte nichts, aber ihre Augen gingen über den Anzug, langsam, von den Schultern bis zu den Füßen, und blieben an dem Reißverschluss hängen, an dem kleinen silbernen Strich auf dem Bauch.
„Gut", sagte die mit dem Hoodie.
Sie ging zur Bühne und nahm ein Seil von dem Ständer, ein langes, dunkles, und ließ es durch ihre Hände laufen, prüfend, wie sie es immer tat, und dann sah sie Lena an.
„Komm rauf."
Lena ging die Stufen hinauf, und die Bühne war warm unter ihren Füßen, wärmer als der Boden unten, weil das Licht darauf fiel, und sie stand in dem einen Licht, das immer brannte, und die beiden Frauen standen unter ihr, und Lena war plötzlich höher als sie, und das war ein Gefühl, das sie nicht kannte, gesehen zu werden und dabei oben zu sein.
Die mit dem Hoodie kam die Stufen hinauf und trat hinter sie.
„Arme", sagte sie.
Lena hob die Arme, ohne zu fragen, und die Frau legte das Seil um ihre Handgelenke, einmal, zweimal, und zog es an, nicht fest, nur so, dass es saß, und dann führte sie Lenas Arme nach oben, über den Kopf, und die andere Frau warf ihr ein zweites Seil zu, das von der Decke kam, von einem Haken, den Lena nicht gesehen hatte, und die mit dem Hoodie verband die beiden Seile, das an Lenas Handgelenken und das von der Decke, mit einem Knoten, den Lena nicht lesen konnte, aber der sich nicht löste, als die Frau daran zog.
„Füße", sagte sie.
Lena spreizte die Beine, ein wenig, so weit der Lack es zuließ, und die Frau band ihre Fußknöchel, einen nach dem anderen, und führte die Seile zu Ringen im Boden, links und rechts, sodass Lena stand, die Arme über dem Kopf, die Beine geöffnet, und nicht mehr viel tun konnte, außer zu stehen.
„Ich zieh dich jetzt hoch", sagte die mit dem Hoodie.
Sie ging zu einem Rad, das an der Wand hing, oder an einem Pfosten, Lena konnte es nicht sehen, weil sie nicht mehr nach hinten schauen konnte, und dann drehte sie es, langsam, und das Seil an Lenas Handgelenken straffte sich, und Lena spürte, wie ihre Fersen den Boden verließen.
Es war ein Gefühl, das sie nicht gekannt hatte.
Ihr Gewicht verlagerte sich, von den Füßen in die Arme, in die Schultern, in den Rücken, und der Lack spannte sich um sie, als würde er mitgezogen, und dann hing sie, ein paar Zentimeter über dem Boden, und die Seile an ihren Fußknöcheln hinderten sie daran, sich zu drehen, und sie hing da, in dem einen Licht, und sah auf die Bühne hinunter, die jetzt unter ihr war, und auf die beiden Frauen, die zu ihr aufsahen.
Die andere drehte das Rad weiter.
Lena stieg, langsam, Zentimeter für Zentimeter, und mit jedem Zentimeter wurde das Gefühl in ihren Armen größer, ein Ziehen, das von den Handgelenken bis in die Schultern lief, und sie merkte, dass sie die Luft anhielt, und dann ließ sie sie los, und das Loslassen tat weh, in den Armen, in der Brust, und sie ließ es wehtun, weil sie nichts anderes konnte.
Sie hörte das Seil arbeiten, ein Knarren, das durch die Decke kam, und dann hörte sie auf zu steigen.
Lena sah nach unten, und die Bühne war jetzt weit weg, nicht sehr, aber weit genug, dass die beiden Frauen zu ihr aufsehen mussten, und dann drehte die andere das Rad noch ein Stück, und Lenas Körper kippte nach vorn, ein wenig, sodass sie nicht mehr aufrecht hing, sondern geneigt, mit dem Bauch nach unten, und die Seile an den Fußknöcheln hielten sie, und ihr Gewicht hing in den Armen und in dem Lack, der sie umschloss.
Und dann sah sie, wo sie war.
Ihr Bauch war auf einer Höhe mit den Gesichtern der beiden Frauen. Nicht darüber. Nicht darunter. Auf einer Höhe. Der Reißverschluss, der silberne Strich auf ihrem Bauch, war genau dort, wo die mit dem Hoodie hinsehen musste, wenn sie nicht an ihr vorbeischauen wollte, und die mit dem Hoodie sah hin.
„Der Reißverschluss", sagte sie, und es war keine Frage.
Lena sagte nichts. Sie hing, und ihre Arme taten weh, und ihr Bauch war auf Augenhöhe mit zwei Frauen, die sie ansehen konnten, und der Lack saß so eng, dass sie jede Bewegung ihres eigenen Atems darin spürte, ein Anspannen und Nachlassen, das der Anzug mitmachte, ohne nachzugeben.
Die mit dem Hoodie trat näher.
Sie legte die Hand auf Lenas Bauch, flach, und der Lack war glatt unter ihrer Handfläche, und Lena spürte die Wärme durch die Schicht, und dann fand ihr Daumen den Reißverschluss, den kleinen silbernen Griff, und sie hielt ihn, ohne zu ziehen.
„Wenn ich ihn öffne", sagte sie, „dann ist es offen. Dann gibt es kein Zurück mehr für heute Abend. Dann bist du das, was man sieht."
Lena hing in den Seilen und sah auf sie hinunter, und ihr Gesicht war ruhig, ruhiger, als sie sich fühlte, und in ihrem Bauch war ein Zittern, das der Lack nicht zeigte, und sie wusste, dass sie jetzt etwas sagen musste, oder dass sie es nicht musste, und dass beides möglich war, und dass die Möglichkeit selbst das war, was sie nicht mehr hergab.
Sie atmete ein. So tief es ging, in den Seilen, in dem Lack, in der Höhe.
„Öffne ihn", sagte sie.
Die mit dem Hoodie sah sie an, einen Moment länger, als nötig war, und dann zog sie den Reißverschluss auf.
Er lief auf, Zahn für Zahn, mit einem Geräusch, das im leeren Raum so laut war wie das Knacken der Wasserflasche an der Bar, und mit jedem Zahn wurde der Lack ein wenig weiter, und die Luft kam an Lenas Haut, kühl, und dann war der Reißverschluss unten und der Anzug offen, und unter dem offenen Lack war Lena, nackt, und ihr Bauch war auf Augenhöhe mit den beiden Frauen, und zwischen ihren Beinen, in der Öffnung des Anzugs, war alles, was sie hatte, sichtbar, ohne Stoff davor, ohne etwas, das es verbergen konnte.
Die andere kam näher.
Sie stand neben der mit dem Hoodie, und beide sahen hin, und Lena hing in den Seilen und konnte nichts tun, außer zu hängen und gesehen zu werden, und sie merkte, dass sie die Beine nicht schließen konnte, dass die Seile an den Fußknöcheln es nicht zuließen, dass sie offen war, so offen wie sie noch nie gewesen war, und dass ihr Körper darauf antwortete, ohne sie zu fragen.
Die mit dem Hoodie legte die Hand auf Lenas Schenkel, innen, dort, wo der Lack aufhörte und die Haut anfing, und ihre Hand war warm, wärmer als der Raum, und Lena spürte sie durch die ganze Länge des Schenkels, bis in die Hüfte, bis in den Bauch.
„Ruhig", sagte die andere, und es war das erste Wort, das sie an diesem Abend sprach, das nur Lena galt.
Und dann beugte sich die mit dem Hoodie vor, und ihre Zunge fand Lena, dort, wo sie offen war, und Lena hing in den Seilen, die Arme über dem Kopf, und ihr ganzer Körper zog sich zusammen, ein Ruck, der durch die Seile ging, und die Seile hielten, und sie hing, und die Zunge war da, warm und sicher, und die andere Hand der Frau lag auf ihrem Schenkel und hielt sie, und Lena konnte nichts tun, außer zu hängen und es zu lassen, und sie ließ es.
Die andere Frau trat hinter sie, oder neben sie, Lena konnte es nicht sehen, weil sie nach vorn geneigt hing, und dann spürte sie eine zweite Hand, auf ihrem Rücken, auf der Höhe der Schulterblätter, und die Hand strich über den Lack, langsam, hinunter, bis zum Rand des offenen Reißverschlusses, und dann lag sie auf Lenas Rücken, warm, ruhig, und blieb dort.
Zwei Hände. Zwei Frauen. Lenas Bauch auf Augenhöhe, und die eine Zunge an ihr, und die andere Hand auf ihrem Rücken, und Lena hing in den Seilen und hörte sich selbst atmen, kurz, hart, und sie wusste, dass die Seile sie hielten, und dass sie sich nicht halten musste, und dass das der Punkt war, um den es die ganze Zeit gegangen war.
Die Zunge kam, und Lena kam mit ihr nicht zurecht.
Sie hing, und das Seil an ihren Handgelenken knarrte bei jeder Bewegung, die ihr Körper machte, ohne dass sie sie beschlossen hatte. Die mit dem Hoodie kniete jetzt nicht mehr, sie stand, den Kopf zwischen Lenas Schenkeln, die Hände flach auf Lenas Innenseiten gelegt, und hielt sie offen, so offen, wie die Seile an den Fußknöcheln es zuließen, und ihre Zunge fuhr rein, und dann raus, und dann wieder rein, ein Rhythmus, den sie nicht ankündigte und nicht änderte.
Lena sah auf sie hinunter. Der Lack stand offen, ein schwarzer Rahmen um ihre nackte Mitte, und darunter das Gesicht dieser Frau, die sie nicht kannte, die sie nie gefragt hatte, wie sie hieß, und die jetzt die Zunge in sie hineinlegte, als hätte sie es hundertmal getan. Von oben sah Lena nur den Ansatz ihrer Stirn, ihr Haar, das unter dem Rand der Kapuze hervorkam, und die Art, wie ihr Rücken arbeitete, langsam, gleichmäßig, ohne Eile.
Die andere stand hinter ihr. Ihre Hand lag noch auf Lenas Rücken, dort, wo der Lack endete, und sie bewegte sie nicht, sie ließ sie einfach liegen, ein warmes Gewicht auf der Wirbelsäule, und Lena wusste nicht, ob das half oder es schlimmer machte. Vielleicht machte es beides.
Die Zunge fand die Stelle, an der die Klammern gesessen hatten, und Lena ruckte im Seil.
Es war nicht der Schmerz, der sie rucken ließ. Es war das Gegenteil von Schmerz, ein weicher, breiter Druck, der sich in ihr ausbreitete, und sie spürte, wie ihr Becken sich nach vorn schob, ein Stück, ohne dass sie es wollte, und die Seile an den Fußknöcheln hielten es, sodass sie sich nicht mehr wegbewegen konnte, nicht nach vorn, nicht nach hinten, nicht zur Seite. Sie konnte nur hängen und es annehmen. Und sie nahm es an.
„Sie zittert", sagte die andere hinter ihr, nicht zu ihr, zu der Frau zwischen ihren Beinen.
Die mit dem Hoodie hob nicht den Kopf. Sie summte, ein kurzes, tiefes Geräusch, das Lena durch die Schenkel bis in den Bauch fuhr, und dann fuhr ihre Zunge wieder rein, langsamer diesmal, und blieb länger, und Lenas Atem brach in der Mitte ab.
Sie hörte sich selbst. Das war das Schlimmste. Sie hörte sich selbst, ein Geräusch, das nicht das ihre war, ein hohes, kurzes, das sie nicht gemacht hatte, seit sie ein Kind war, und es kam aus ihr heraus, während sie hing, während zwei Frauen sie ansahen, und niemand sagte etwas darüber, und niemand tat, als wäre es nichts.
Die Seile knarrten. Das Rad an der Wand, an dem sie hing, gab bei jeder Bewegung einen halben Zentimeter nach und holte ihn zurück, und so pendelte Lena, kaum sichtbar, ein Wippen, das nicht von ihr kam, sondern von dem, was mit ihr gemacht wurde. Bei jedem Vorwärtswippen traf ihr Becken die Zunge ein wenig härter. Bei jedem Rückwärtswippen verlor sie sie für einen Moment, und der Moment war schlimmer als alles.
„Nicht wegziehen", sagte die mit dem Hoodie, gegen ihre Haut, und es war kein Befehl, es war eine Erinnerung.
Lena hatte nicht gewusst, dass sie es tat. Sie zog sich nicht weg, sie zog sich zusammen, das war etwas anderes, und sie versuchte, es zu lassen, und das Lassen ging nicht, weil ihr Körper jetzt etwas tat, das älter war als sie, und sie merkte, dass sie nicht mehr die war, die entschied. Sie war die, die hing.
Die Hand auf ihrem Rücken bewegte sich. Langsam, den Lack hinauf, bis zum Nacken, und dann lag sie dort, warm, breit, und drückte ein wenig, nicht viel, nur so viel, dass Lenas Kinn sich einen Fingerbreit nach unten neigte, und dann sah Lena ihr eigenes Becken, von oben, und darunter den Kopf der Frau, und es war ein Bild, das sie nicht loslassen würde, sie wusste es in dem Moment, in dem sie es sah.
Die Zunge fuhr raus, und in dem kurzen Moment, in dem sie weg war, hörte Lena das Geräusch. Nass. Klein. Ein Geräusch, das sie sonst nie hörte, weil sie es nie hatte hören wollen, und jetzt hörte sie es, und es war nicht peinlich, es war das Ehrlichste, was in diesem Raum gesagt worden war, seit sie die Stufen heruntergekommen war.
„Hörst du das?", fragte die mit dem Hoodie, ohne den Kopf zu heben.
Lena antwortete nicht. Sie konnte nicht. Ihr Mund war trocken, und ihr Hals war zu, und in ihrem Bauch war ein Ziehen, das von unten kam und nach oben wollte, und sie drückte dagegen an, ohne zu wissen, wogegen sie drückte.
„Hörst du das", sagte die Frau noch einmal, und diesmal war es keine Frage mehr, sie sagte es nur, damit es gesagt war, und dann fuhr ihre Zunge wieder rein, und diesmal mit der ganzen Länge, flach, breit, und Lena ruckte so heftig im Seil, dass das Rad an der Wand ein Geräusch machte, ein Knacken, und die andere Hand auf ihrem Nacken drückte fester.
„Ruhig", sagte die andere. „Das Seil hält."
Das Seil hielt. Lena wusste es, weil sie es spürte, das Seil an den Handgelenken, das Seil an den Fußknöcheln, das Seil, das von der Decke kam und sie hielt, und in dem Wissen, dass es hielt, war etwas, das sie nicht erwartet hatte. Eine Erlaubnis. Sie musste sich nicht halten. Sie musste nichts tun. Sie konnte in den Seilen hängen und sich dem überlassen, was mit ihr gemacht wurde, und niemand würde es ihr übelnehmen, und niemand würde es ihr vorwerfen, und die Seile würden sie tragen, egal was ihr Körper tat.
Also tat ihr Körper es.
Es begann in den Fußsohlen, die den Boden nicht berührten. Ein Kribbeln, das nach oben lief, durch die Waden, durch die Innenseiten der Schenkel, und dann war es in ihrem Becken, ein Klopfen, ein Pochen, das den Rhythmus der Zunge aufnahm und ihn weitertrug, und Lena hörte sich selbst atmen, kurz, hart, in Stößen, und sie wusste, dass es jetzt kam, und sie wusste auch, dass sie es nicht aufhalten konnte, und sie wollte es nicht aufhalten.
Die Zunge wurde schneller. Die Hände auf ihren Innenseiten hielten sie fester, und die Hand auf ihrem Nacken drückte sie nach unten, und Lena hing in den Seilen mit dem Bauch nach vorn, und ihr Becken wippte, und die Seile knarrten, und irgendwo in ihr war ein Punkt, auf den alles zulief, ein Punkt, der größer wurde, je näher sie ihm kam, und sie schloss die Augen, weil sie es nicht sehen wollte, und dann öffnete sie sie wieder, weil sie es sehen wollte.
„Komm", sagte die mit dem Hoodie, gegen ihre Haut, und es war das erste Wort, das sie an diesem Abend zu Lena sagte, das nur ihr galt, und es war kein Befehl, es war eine Feststellung, wie alles, was sie sagte.
Und Lena kam.
Es ging durch sie hindurch wie ein Ruck, der von innen kam, und ihr Körper bäumte sich im Seil auf, die Arme über dem Kopf, die Beine offen, und sie hörte sich selbst einen Laut machen, der zu groß war für den Raum, und die Seile hielten sie, und sie hing in dem Laut und in dem Ruck und in dem Zucken, das nicht aufhörte, das in Wellen kam, eine nach der anderen, und die Zunge hörte nicht auf, sie blieb, sie fuhr weiter rein und raus, langsam jetzt, während Lena noch zuckte, und jede Bewegung der Zunge war ein neuer kleiner Ruck, und Lena konnte nichts tun, außer zu hängen und es zu lassen.
Ihr Körper zitterte. Die Fußknöchel zitterten in den Seilen, die Schenkel zitterten, und ihre Hände, die über ihr hingen, hatten sich zu Fäusten geschlossen, ohne dass sie es gemerkt hatte, und ihre Fingernägel lagen in ihren Handflächen, und sie spürte es nicht.
Die mit dem Hoodie richtete sich auf. Langsam, die Hände noch auf Lenas Innenseiten, und ihr Gesicht war glänzend, und sie wischte sich mit dem Handrücken über den Mund, ohne Eile, und sah zu Lena hoch.
„Gut", sagte sie. Nur das.
Lena hing. Ihr Atem kam in Stößen, und ihre Schenkel zitterten noch, und zwischen ihren Beinen war die Stelle heiß und offen und leer, und die Leere war größer als gestern, größer als heute Morgen, und Lena wusste, dass sie sie heute nicht selbst füllen würde, weil sie jetzt wusste, wie es sich anfühlte, wenn es jemand anderes tat.
Die andere ließ ihren Nacken los. Ihre Hand fuhr den Lack hinunter, bis zum Rand des offenen Reißverschlusses, und blieb dort liegen, flach, ein warmes Gewicht auf Lenas unterem Rücken.
Dann trat sie zur Seite, sodass Lena sie sehen konnte, und sah zu ihr hoch, und ihr Gesicht war ruhig, wie es immer ruhig war, und in ihrer Stimme war nichts, keine Wärme, keine Kälte, nur diese seltsame, geduldige Offenheit, die Lena langsam kannte.
„Willst du nachher ein Teil der Show werden?", fragte sie.
Lena hing in den Seilen und verstand die Worte nicht sofort. Sie hörte sie, sie hörte jedes einzelne, aber sie kamen nicht an, weil ihr Körper noch damit beschäftigt war, das Zucken aus den Schenkeln zu vertreiben, und weil in ihrem Kopf noch das Bild war, das sie vorhin gesehen hatte, das Bild von sich selbst auf dem Podest, mit gebundenen Händen, unter dem Licht.
„Was", sagte sie.
„Die Show heute Abend." Die andere lehnte sich an die Bühnenkante, die Arme verschränkt, und sah zu ihr hoch. „Viktor gibt die Führung, dann läuft die Vorstellung. Zwei Frauen, die etwas tun, das andere sehen wollen. Wenn du willst, kannst du dazugehören. Nicht als Zuschauerin. Als die, die man sieht."
Lena sah auf sie hinunter. Der Lack saß noch an ihr, offen, und ihr Bauch war auf Augenhöhe mit den beiden Frauen, und sie hing, und sie konnte nicht aufstehen, und sie konnte nicht weggehen, und sie konnte auch nicht sagen, dass sie es nicht wollte, weil sie es nicht wusste.
„Ich weiß nicht", sagte sie.
„Das ist keine Antwort", sagte die mit dem Hoodie. Sie war zur Seite getreten und hatte ein Tuch vom Ständer genommen, ein dunkles, und wischte sich die Hände ab, langsam, Finger für Finger. „Eine Antwort ist ja oder nein. Ich weiß nicht ist das, was man sagt, wenn man schon ja meint und es noch nicht zugeben will."
„Ich weiß nicht, ob ich das bin", sagte Lena.
Die mit dem Hoodie ließ das Tuch sinken und sah sie an, und in ihrem Blick war nichts, was Lena hätte deuten können — keine Ungeduld, kein Spott, keine Enttäuschung. Nur dieses Warten, das aussah wie Ruhe und sich anfühlte wie eine offene Tür.
„Du bist nicht hier, weil du weißt, wer du bist", sagte sie. „Du bist hier, weil du es nicht weißt. Das ist der einzige Grund, aus dem jemand die Stufen runterkommt."
Lena hing noch, und ihr Gewicht zog an den Handgelenken, und die Seile hatten sich nicht gelockert, und sie merkte, dass niemand Anstalten machte, sie loszumachen. Die andere stand an der Bühnenkante, die Arme verschränkt, und sah nicht weg, und das war schlimmer als alles, was sie bisher gesagt hatten: dass sie einfach dastand und zuschaute, wie Lena in den Seilen hing und nicht antwortete.
„Wie lange", sagte Lena, und ihre Stimme kam tiefer heraus, als sie wollte.
„Die Show läuft zwei Stunden." Die andere löste die Arme und ließ die Hand auf die Bühnenkante sinken. „Du musst nicht die ganze Zeit auf dem Podest stehen. Du musst nur da sein, wenn Viktor dich holt. Den Rest entscheidest du selbst."
„Und wenn ich es nicht will, wenn ich oben bin?"
„Dann sagst du es, und dann hört es auf." Die andere sagte es ohne Betonung, so wie man eine Uhrzeit nennt. „Das ist die Regel. Nicht die Ausnahme."
Lena sah an sich hinunter. Der Lack stand offen, ihr Bauch nackt, die Innenseiten der Schenkel noch feucht, und zwischen ihren Beinen war die Stelle heiß und leer, und die Leere zog, und sie wusste, dass sie diese Ziehen heute nicht loswerden würde, egal, was sie antwortete. Sie dachte an die Klammern, die Viktor ihr abgenommen hatte, und daran, wie es gewesen war, sie zu tragen, und sie dachte an das, was Viktor gesagt hatte, bevor sie gegangen war: komm am Dienstag wieder und geh, weil du willst. Heute war nicht Dienstag. Heute war etwas anderes.
„Ich habe nichts anzuziehen", sagte Lena.
Die mit dem Hoodie lachte nicht. Sie sah zu der anderen hinüber, kurz, und die andere sah zurück, und in dem Blickwechsel lag etwas, das Lena nicht lesen konnte, und es dauerte nur einen Moment, und dann wandte die mit dem Hoodie sich wieder zu ihr.
„Das ist keine Sorge, die du haben musst", sagte sie. „Für das, was man auf der Bühne sieht, braucht man nichts. Und für das, was man nicht sieht, haben wir hier alles."
Lena schluckte. Ihr Hals war noch trocken, und in ihrem Kopf war ein Rauschen, kein klares Denken, nur das Bild von sich selbst auf dem Podest, mit gebundenen Händen, unter dem Licht, und sie merkte, dass das Bild sie nicht erschreckte. Dass es sie anzog. Dass sie es schon vorher gesehen hatte, als sie auf der Bank gesessen hatte, und dass sie damals nicht gewusst hatte, dass es sie selbst sein sollte.
„Hilfst du mir runter", sagte sie.
Die andere trat vor und löste zuerst die Seile an den Fußknöcheln, dann die an den Handgelenken, und als Lenas Arme fielen, kribbelten sie so heftig, dass sie sie kaum spürte. Sie stand auf wackligen Beinen, und der Lack rutschte ihr von den Schultern, und sie fing ihn mit einer Hand, und die andere Hand hielt sich an der Bühnenkante, und sie merkte, dass sie nackt war, bis auf den Lack, der halb von ihr herunterhing, und dass es sie nicht mehr kümmerte.
„Also ja", sagte die mit dem Hoodie, und es war keine Frage.
Lena sah sie an. Dann sah sie an sich hinunter, an ihren Beinen, die noch zitterten, und an der Stelle zwischen ihren Schenkeln, die noch nachklang, und an den Seilen, die jetzt leer von der Decke hingen.
„Ja", sagte sie.
Die mit dem Hoodie nickte, einmal, knapp, und nahm das Tuch wieder auf, und wischte sich die Hände ab, als hätte sie gerade etwas abgeschlossen, das längst beschlossen war. Die andere hatte sich abgewandt und ging zur Seite der Bühne, wo ein Ständer mit Kleidern stand, und zog eine dunkle Hose und ein Hemd heraus, das aussah wie das, was sie trug, und legte beides über die Bühnenkante.
„Zieh das an", sagte sie. „Nicht für die Show. Für jetzt. Du gehst nicht durch den Gang, wie du bist."
Lena nahm die Sachen. Der Stoff war weich und warm, als hätte ihn jemand getragen, und sie zog die Hose hoch und das Hemd über, und es saß ihr nicht, es hing an ihr, und es war ihr gleich. Sie knöpfte es nur halb zu und ließ den Rest offen, und sie merkte, dass sie das tat, weil sie es so wollte, nicht weil es jemand gesagt hatte.
„Wo ist Viktor", fragte sie.
„Vorne. Bei der Lounge." Die mit dem Hoodie hatte das Tuch zusammengelegt und auf den Ständer gelegt und sah sie an, und in ihrem Blick war wieder dieses Warten, aber diesmal war etwas anderes darin, etwas, das Lena nicht benennen konnte, und sie wollte es auch nicht benennen. „Geh hin. Sag ihr, dass du bleibst. Sie muss es von dir hören, nicht von uns."
Lena ging. Der Gang zwischen den Tischen lag vor ihr, leer, und die Lichter über der Bühne brannten noch, und irgendwo hinter der Bar hörte sie Stimmen, und das Geräusch von Flaschen, die aufeinandergesetzt wurden. Ihre Schenkel zitterten bei jedem Schritt, und zwischen ihren Beinen war die Stelle noch feucht, und sie spürte es bei jedem Schritt, und sie ging trotzdem weiter, und sie merkte, dass sie das Gehen jetzt anders ging als sonst, langsamer, aufrechter, als trüge sie etwas, das schwer war und das sie nicht ablegen wollte.

