Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss, und das Geräusch war lauter, als es sein sollte, weil sie es zu langsam zugedrückt hatte, um es leise zu machen. Lena stand im Flur, die Wohnungstür im Rücken, den Schlüssel noch in der Hand, und wartete, dass sich etwas in ihr bewegte. Sie wartete drei Atemzüge lang. Dann zog sie die Schuhe aus, stellte sie ordentlich nebeneinander, wie sie es immer tat, und ging durch den dunklen Flur in ihr Zimmer, ohne das Licht anzumachen.
Der Plug saß. Er saß seit dem Club, seit über einer Stunde, und ihr Körper hatte sich noch nicht entschieden, was er davon halten sollte. Beim Gehen war es ein Druck gewesen, ein fremdes Gewicht, das jeden Schritt begleitete wie ein zweiter Puls. Beim Sitzen in der Straßenbahn war es ein Stechen gewesen, kurz, jedes Mal wenn der Wagen über die Weichen ruckte. Und jetzt, im Stehen, im eigenen Zimmer, war es nur noch da. Ein Ding in ihr, das nicht sie war und doch nicht wegzudenken.
Sie setzte sich auf die Bettkante. Die Matratze gab nach, und der Plug bewegte sich mit ihr, eine kleine Verschiebung nach innen, und Lena hielt die Luft an, bis die Bewegung aufhörte. Dann atmete sie aus, langsam, durch den Mund. Ihre Hände lagen auf den Knien. Der Strickpullover kratzte am Hals. Sie hatte ihn den ganzen Tag getragen, und er roch jetzt nach dem Club, nach dem Öl, nach dem warmen Staub des Kellers.
Sie zog den Pullover über den Kopf und ließ ihn neben sich aufs Bett fallen. Darunter das T-Shirt, das sie unter dem Pullover getragen hatte, dünn, grau, an den Ärmeln ausgeleiert. Sie sah an sich herunter. Der Bauch, die Hüften, die Oberschenkel, blass im Licht der Straßenlaterne, das durch die halb geschlossene Jalousie fiel. Sie legte die flache Hand auf den Unterbauch, unterhalb des Nabels, und drückte. Nicht fest. Nur so viel, dass sie den Plug durch die Bauchdecke hindurch erahnen konnte, ein kleines rundes Etwas, tief in ihr, das auf den Druck reagierte, indem es sich einen Millimeter verschob.
Es tat nicht weh. Das war das Erste, was sie feststellte, und es überraschte sie. Sie hatte mit Schmerz gerechnet, irgendwie, mit einem Brennen oder Ziehen, mit einem Körper, der sich wehrt. Aber da war kein Schmerz. Da war nur Fülle. Ein Ausgefülltsein, das sie nicht kannte, das sich nicht mit dem vergleichen ließ, was sie mit den eigenen Fingern machte, nachts, unter der Decke, schnell und heimlich und immer ein bisschen schuldbewusst. Das hier war anders. Das hier war kein Höhepunkt. Das hier war ein Zustand.
Sie stand wieder auf und ging zum Spiegel, dem großen, hohen Spiegel an der Schranktür, der ihr ganzes Zimmer verdoppelte. Sie drehte sich, den Rücken zum Glas, und schaute über die Schulter. Im halbdunklen Zimmer konnte sie kaum etwas erkennen. Sie knipste die kleine Lampe auf dem Schreibtisch an, und das warme Licht fiel schräg über ihren Rücken, über das T-Shirt, das den Po halb bedeckte, über die nackten Oberschenkel. Sie zog das T-Shirt hoch, gerade so weit, dass die Unterkante des Pos sichtbar wurde, und hielt es mit einer Hand fest.
Nichts zu sehen. Natürlich nicht. Der Plug war drin, ganz drin, und von außen war da nur ihre Haut, blass und glatt, und die Schatten, die das Licht warf. Sie drehte sich ein Stück, hob das Becken, suchte den Winkel, in dem sie etwas hätte sehen können, irgendeinen Beweis, dass das, was sie fühlte, auch stimmte. Aber ihr Körper zeigte nichts. Er war derselbe wie vorher. Und trotzdem war er nicht derselbe.
Sie ließ das T-Shirt fallen und setzte sich zurück aufs Bett, diesmal mit dem Rücken gegen die Wand, die Knie angezogen. In dieser Haltung war der Druck am deutlichsten, weil ihr Becken sich kippte und der Plug nach vorn gegen die vordere Wand drückte, sanft, unaufhörlich. Sie schloss die Augen und versuchte, das Gefühl zu benennen, wie sie es in der Kunstgeschichte gelernt hatte, wie sie ein Bild benannte, wenn der Professor fragte, was sie sah. Da war Wärme. Da war Gewicht. Da war eine Art Warten, als würde etwas in ihr auf etwas anderes warten, auf eine Bewegung, die noch nicht gekommen war.
Und da war, ganz leise, unter allem, ein Gedanke, den sie nicht laut werden ließ. Der Gedanke, dass sie es nicht herausnehmen wollte. Dass sie es drin lassen wollte, noch eine Weile, noch ein bisschen länger, einfach um zu wissen, wie es sich anfühlte, wenn sie damit einschlief. Sie öffnete die Augen und sah auf die Uhr auf dem Nachttisch. Kurz nach zehn. Der Dienstag hatte noch nicht angefangen. Viktor hatte gesagt, sie solle am Dienstag wiederkommen, und der Dienstag war morgen, und jetzt war es Nacht, und zwischen jetzt und morgen lag nur noch sie selbst und dieses Ding in ihr.
Sie griff nach dem Laptop, der neben dem Bett auf dem Boden lag, klappte ihn auf und setzte sich mit dem Rücken gegen die Wand, den Laptop auf den angezogenen Knien. Das WLAN brauchte einen Moment. Während sie wartete, spürte sie wieder den Plug, diesmal, weil sie sich vorgebeugt hatte, und sie musste kurz lächeln, ohne dass sie sagen konnte, worüber. Dann lud die Seite, und sie tippte in das Suchfeld das ein, was sie seit dem Club nicht losließ.
Fesseln. Erst nur das Wort, dann, nachdem die Ergebnisse sie nicht befriedigt hatten, genauer: Bondage für Anfänger. Seile. Handgelenke. Sie klickte sich durch Foren, durch Anleitungen, durch Bilder von Knoten, die sie nicht verstand und dann doch verstand, weil ihre Hände die Bewegung nachmachten, während sie las, über der Bettdecke, ohne Seil, nur mit den Fingern. Ein Thread trug den Titel her first cuffs, und sie blieb hängen, las jeden Beitrag, die Fragen einer Frau, die wie sie neu war, die Antworten derer, die schon länger dabei waren, und zwischen den Zeilen etwas, das sie nicht in Worte fasste, aber spürte: dass es nicht um das Seil ging. Sondern um das, was passierte, wenn man die Hände nicht mehr benutzen konnte.
Ihr Handy vibrierte auf der Matratze, und sie zuckte zusammen, so sehr, dass der Laptop auf ihren Knien verrutschte. Sie griff nach dem Handy. Eine Nachricht. Miriam. Der Name stand oben im Display, und Lena starrte ihn an, bevor sie die Nachricht öffnete, weil sie nicht wusste, was sie erwartete, und weil sie nicht wusste, was sie hoffte.
„Dienstag. 19 Uhr. Bring nichts mit. Und iss vorher."
Kein Fragezeichen. Kein Gruß. Kein „wie geht es dir". Lena las die drei Sätze dreimal. Dann tippte sie eine Antwort, löschte sie, tippte eine andere, löschte auch die, und schrieb schließlich nur ein Wort.
„Okay."
Sie legte das Handy weg, und in dem Moment, in dem der Bildschirm dunkel wurde, fiel ihr ein, was die mit dem Hoodie gesagt hatte. Sagst du es ihr. Nicht mir. Ihr. Sie merkt es sowieso. Lena sah auf den Laptop, auf den Thread mit den Fesseln, auf die Knotenbilder, die noch offen waren, und dann auf ihre eigenen Handgelenke, die schmal und blass auf der Bettdecke lagen. Sie wusste, dass Miriam es merken würde. Sie wusste es, und sie wusste auch, dass sie es trotzdem sagen musste, mit eigenen Worten, und dass es genau darum ging. Nicht um den Plug. Um das Sagen.
Sie machte den Laptop zu und legte ihn auf den Boden zurück. Dann stand sie auf, ging ins Bad, und setzte sich auf die kalten Fliesen, weil es sich richtig anfühlte, nicht auf die Toilette, sondern auf den Boden, mit dem Rücken gegen die Badewanne. Sie atmete ein paar Mal tief durch, und dann griff sie zwischen ihre Beine, fand den Rand des Plugs mit den Fingern, und zog ihn langsam heraus. Es war ein Ziehen, ein Nachgeben, ein kurzes Gefühl von Leere, das sofort von etwas anderem abgelöst wurde, von einem warmen Nachbeben, das ihre Schenkel hinunterlief. Sie hielt den Plug in der Hand, das Silikon glänzte im Licht der Badezimmerlampe, und sie wusch ihn unter dem Hahn ab, mit Seife, gründlich, so wie sie es bei allem tat, was ihr wichtig war.
Danach lag sie im Bett, auf dem Rücken, die Decke bis zum Kinn gezogen, und starrte an die Zimmerdecke. Der Plug lag in einem sauberen Handtuch neben dem Bett. Sie hatte ihn nicht weggeräumt. Sie hatte ihn nicht in die Schublade gelegt, zu den anderen Dingen, die man nicht sieht. Sie hatte ihn neben sich gelegt, in Reichweite, und sie wusste genau, dass sie das tat, weil sie ihn morgen wieder mitnehmen würde. Sie wusste es, bevor sie es sich eingestand.
Sie schlief nicht gut. Sie wachte um drei auf, weil sie von einem Seil geträumt hatte, das sich um ihre Handgelenke legte, ohne dass jemand es zog, und sie lag danach lange wach und hörte dem Verkehr auf der Straße zu. Am Morgen war der Dienstag da, und der Dienstag war ein Tag wie jeder andere, mit einer Vorlesung, die sie nicht besuchte, mit einem Kaffee, den sie in der Küche stehen ließ, bis er kalt war, und mit einem Nachmittag, der sich dehnte und nicht vorbeigehen wollte.
Um Viertel vor sechs zog sie sich an. Nicht den weiten Strickpullover. Sie zog ihn an, hielt ihn vor dem Spiegel an sich, und legte ihn dann zurück in den Schrank, und nahm stattdessen ein dünnes, dunkles Langarmshirt, das sich enger an ihren Körper legte, und darunter eine Hose, die sie kaum trug, weil sie sich darin beobachtet fühlte. Sie sah sich im Spiegel an, länger als nötig. Dann nahm sie den Plug vom Nachttisch, wickelte ihn in ein sauberes Taschentuch, schob ihn in ihre Handtasche, neben die Brieftasche, neben die Schlüssel, neben die Einladungskarte, die sie seit dem ersten Abend in der Galerie aufbewahrte.
Kurz vor sieben stand sie im Treppenhaus. Sie hörte ihre eigenen Schritte auf den Stufen, das Klacken der Absätze, das sie sonst vermied, weil sie lieber leise war. Sie hielt die Handtasche mit beiden Händen, die Riemen fest um die Finger gewickelt, und während sie die letzte Treppe hinunterstieg, dachte sie an Miriams Stimme, an das, was Miriam im Club gesagt hatte, mit dieser ruhigen, gesetzten Selbstverständlichkeit, die keine Frage war und keine Drohung, sondern einfach die Wahrheit, wie Miriam sie sah.
Sie blieb an der Haustür stehen, tastete nach dem Schlüssel, und in dem Moment, in dem sie die Tür aufschloss und das Schloss klickte, spürte sie es. Nicht den Plug, der lag in der Tasche. Sondern die Leere. Ein Hohlraum, der gestern noch gefüllt gewesen war, ein Körperteil, das sich an etwas gewöhnt hatte und es jetzt vermisste, so wie man ein Geräusch vermisst, wenn es plötzlich aufhört. Sie trat auf die Straße, zog die Tür hinter sich zu, und steckte den Schlüssel ein.
Die Straße war leer genug, dass sie ihre Schritte hören konnte. Sie ging nicht die Route, die sie sonst nahm, nicht an der Bäckerei vorbei und nicht über den Platz mit den drei Bäumen, sondern den Weg, der länger war und an der Rückseite der Hochschule entlangführte, wo nachts niemand war und wo sie sich einbilden konnte, dass die Stadt ihr gehörte. Die Luft war kühl geworden. Sie spürte es an den Handgelenken, wo das Langarmshirt zu kurz war, und an den Knöcheln, die unter den Hosenbeinen hervorschauten, und sie spürte es an einer anderen Stelle, tief innen, wo gestern noch etwas gewesen war.
Sie dachte nicht in ganzen Sätzen. Sie dachte in Bildern, wie sie es immer tat, wenn etwas sie nicht losließ. Der Plug, den sie in der Tasche trug, das Taschentuch, in das er gewickelt war, das Silikon, das sie mit Seife gewaschen hatte, bis es sich anfühlte wie neu. Sie hatte ihn eingepackt wie etwas, das man nicht sieht, und sie wusste, dass sie ihn nicht gebraucht hätte, weil Miriam gesagt hatte, sie solle nichts mitbringen. Aber sie hatte ihn trotzdem eingepackt, und der Grund dafür war kein Grund, sondern ein Gefühl, und das Gefühl war, dass sie nicht leer ankommen wollte.
An der Ecke zur Unterführung blieb sie stehen. Vor ihr lag der Eingang, den sie beim ersten Mal fast verpasst hätte, die Stufen, die nach unten führten, das Geländer, an dem der Lack abblätterte. Sie zog die Handtasche höher auf die Schulter, prüfte mit zwei Fingern, ob der Reißverschluss zu war, und stieg hinunter. Die Luft wurde schwerer, als sie die unterste Stufe erreichte, und das Geräusch ihrer Absätze auf dem Beton war das letzte, was sie von der Straße hörte, bevor die Tür sie schluckte.
Die Tür ging auf, bevor sie klopfen konnte. Miriam stand im Rahmen, in einem schmalen schwarzen Hemd, die Ärmel bis zum Ellbogen hochgerollt, und sah sie an, ohne etwas zu sagen, so lange, dass Lena den Griff ihrer Handtasche fester zog.
„Du bist früh", sagte Miriam. Dann trat sie zur Seite und ließ sie ein.
Der Club war leer. Nicht so leer wie am Dienstag, als die Frauen gegangen waren und nur das Öl getropft hatte, sondern anders leer: die Stühle standen auf den Tischen, das Licht über der Bar brannte, und die Bühne lag im Halbdunkel wie ein Raum, der noch nicht wusste, was er heute werden sollte. Kein Bass. Kein Murmeln. Die Wand summte, wie sie immer summte, aber heute war das Summen das lauteste Geräusch im Raum.
„Setz dich nicht", sagte Miriam, als Lena auf die Bank am Bühnenrand zusteuerte. „Nicht heute."
Lena blieb stehen. Ihre Absätze hatten auf dem Beton der Treppe geklackt, und hier, auf dem nackten Boden, klangen sie noch einmal nach, als hätte jemand anders sie gemacht.
Miriam ging zur Bar, nahm zwei Gläser, schenkte Wasser ein, ohne zu fragen, und stellte eines davon auf die Theke, in Lenas Reichweite. Sie selbst trank nicht. Sie lehnte sich mit dem Rücken an die Theke, die Arme verschränkt, und sah Lena zu, wie sie das Glas nahm, einen Schluck trank, es wieder absetzte, die Finger nicht davon wegnahm.
„Die mit dem Hoodie hat mir gesagt, dass du es mir sagen wirst", sagte Miriam.
Lena sah in ihr Glas. Der Reißverschluss der Handtasche war zu. Der Plug lag darin, in ein Taschentuch gewickelt, neben der Einladungskarte. Sie hätte es einfach sagen können. Sie hatte es sich auf dem ganzen Weg zurechtgelegt, in drei verschiedenen Versionen, und jetzt, hier, mit Miriams Blick auf sich, kam keine davon heraus.
„Ich habe ihn", sagte sie.
„Ich weiß."
Lena hob den Kopf.
„Du gehst anders", sagte Miriam. „Du hast es den ganzen Weg hierher gewusst und trotzdem getragen. Warum?"
„Weil ich nicht leer ankommen wollte."
Es war heraus, bevor sie es sortiert hatte, und sie bereute es sofort, so wie sie früher in der Schule Dinge bereut hatte, die im richtigen Moment richtig geklungen hatten und danach nur noch nackt waren.
Miriam nickte. Nur einmal. „Das ist eine ehrliche Antwort." Sie löste die Arme und ging an Lena vorbei, zur Bühne, und blieb vor der Bank stehen, auf der sonst die Zuschauer saßen. „Komm her."
Lena stellte das Glas ab. Ihre Absätze auf dem Boden. Sie ging hin.
„Setz dich auf den Boden."
Sie setzte sich. Der Boden war kalt durch die dünne Hose, und sie spürte ihn an den Sitzknochen, an der Rückseite der Oberschenkel, überall dort, wo ihr Körper den Beton berührte. Miriam blieb vor ihr stehen, und von unten war sie größer, als Lena sie in Erinnerung hatte.
„Ich frage dich jetzt etwas", sagte Miriam. „Und ich will eine Antwort, keine Höflichkeit. Willst du lernen?"
„Ja."
„Was?"
Lena sah zu ihr hoch. Die Frage war keine Falle. Sie war nur eine Frage, die wartete.
„Ich will wissen, wie es ist", sagte Lena. „Wenn ich mich nicht bewegen kann. Wenn ich nicht entscheide, was passiert. Ich habe es gestern im Internet gelesen, und es hat mir nichts erklärt. Es waren nur Knoten. Ich will das andere."
Miriam sah sie an, länger, als es für eine Antwort nötig gewesen wäre. Dann ging sie zur Vitrine an der Wand, schloss sie auf, dasselbe Schloss wie am Dienstag, und nahm etwas heraus. Kein Seil. Ein Riemen. Breit, dunkel, weich gegerbt, mit einer Schnalle an einem Ende.
„Aufstehen", sagte sie. „Und die Hände auf den Rücken."
Lena stand auf. Sie legte die Hände hinter sich, so wie sie es sich vorgestellt hatte, und es fühlte sich falsch an, sofort, weil die Schultern nach hinten gezogen wurden und der Brustkorb sich öffnete, als würde sie sich jemandem entgegenstrecken, obwohl sie das Gegenteil tat.
Miriam trat hinter sie. Lena hörte den Riemen, wie er sich entrollte, das Leder, das über die eigene Handfläche glitt. Dann legte Miriam ihn um ihre Handgelenke, einmal, zweimal, und zog ihn zu.
Es war kein Knoten. Es war eine Schnalle, und Miriam zog sie nicht fest, sondern setzte sie, und das war schlimmer, weil Lena nicht wusste, wie viel noch kam. Das Leder war warm, kurz, dann nahm es die Temperatur ihrer Haut an, und sie spürte ihre eigenen Pulse gegen den Riemen schlagen, links und rechts, wie zwei kleine Tiere, die gegen eine Wand stoßen.
„Atme", sagte Miriam.
Lena atmete. Sie merkte erst jetzt, dass sie es nicht getan hatte.
„Das ist die erste Hingabe", sagte Miriam, und ihre Stimme war hinter ihr, nah am Ohr, nicht laut. „Nicht das Seil. Nicht die Schnalle. Die erste Hingabe ist, dass du dich nicht mehr bewegen kannst und trotzdem bleibst. Alles andere kommt danach."
Lena versuchte, die Hände zu heben. Der Riemen hielt. Sie versuchte es noch einmal, fester, und die Schnalle drückte gegen die Innenseite des einen Handgelenks, ein kurzer, klarer Schmerz, und sie hörte auf.
„Gut", sagte Miriam. „Du hast es gemerkt."
Sie ging um Lena herum, langsam, und Lena folgte ihr nicht mit den Augen, weil sie das Gefühl hatte, dass es verboten war, und dann tat sie es doch, und Miriam ließ es zu. Vor ihr blieb sie stehen. Nah. So nah, dass Lena den Stoff ihres Hemdes riechen konnte, dunkel, ein bisschen wie Zedernholz, ein bisschen wie der Raum selbst.
Miriam legte zwei Finger unter Lenas Kinn und hob es an, gerade so weit, dass sie ihr in die Augen sehen konnte, und Lena spürte, wie ihr der Hals eng wurde, nicht vor Angst, sondern vor dem Gegenteil, vor etwas, das sie nicht benennen wollte, weil Benennen es kleiner gemacht hätte.
„Du zitterst nicht", sagte Miriam.
„Nein."
„Noch nicht." Miriam ließ das Kinn los und ging zur Seite. „Dreh dich um. Langsam."
Lena drehte sich. Mit gefesselten Händen war jeder Schritt ein anderes Gehen, ein Gehen aus der Mitte heraus, und als sie stand, mit dem Rücken zu Miriam, hörte sie das Leder wieder, das leise Knacken, mit dem ein Riemen sich bewegt, wenn er in einer Hand liegt.
Dann spürte sie ihn.
Miriam fuhr ihr mit der flachen Seite des Riemens die Innenseite des linken Schenkels hinauf, vom Knie bis fast zum Schritt, langsam, mit gleichmäßigem Druck. Das Leder war kühl gegen die Haut, die dort dünn und warm war, und Lena machte einen halben Schritt nach vorn, ohne es zu wollen, und der Riemen folgte ihr, weil Miriam wartete.
„Steh still", sagte Miriam.
Lena stand still.
Der Riemen fuhr zurück, hinunter, und dann wieder hinauf, und diesmal ließ Miriam ihn an der Innenseite entlanggleiten, bis dorthin, wo der Schenkel aufhörte und etwas anderes anfing, und blieb dort, ohne Druck, ohne Bewegung, nur das Leder, das lag, wo es lag, und Lenas Knie wurden weich, so weich, dass sie die Zehen anspannte, um nicht zu wanken.
„Und?", sagte Miriam hinter ihr.
„Ich weiß nicht", sagte Lena, und ihre Stimme klang fremd, höher, als sie sie kannte.
„Du weißt es. Du sagst es nur nicht."
Der Riemen bewegte sich wieder. Auf der anderen Seite jetzt, dieselbe Linie, dieselbe Langsamkeit, und Lena schloss die Augen, weil Sehen nicht half, weil Sehen es nur schlimmer machte, und weil sie mit geschlossenen Augen jedes Millimeterchen des Leders besser spürte. Ihre Hände lagen hinter ihr im Riemen, und sie merkte, wie sie die Finger öffnete und schloss, öffnete und schloss, ohne dass es etwas änderte.
„Was macht es mit dir", sagte Miriam, und es war keine Frage, sondern eine Aufforderung.
Lena hörte sich selbst schlucken. „Es ist wie eine Linie", sagte sie. „Wie wenn man mit dem Finger über ein Bild fährt. Man kann nicht aufhören, weil man wissen will, wie es an der nächsten Stelle ist."
Miriam lachte. Nicht laut, nur ein kurzes Ausatmen, und es war das erste Mal, dass Lena sie lachen hörte, und sie wollte sich umdrehen, um es zu sehen, und konnte nicht, weil die Hände hinten waren und ihr Körper nicht wusste, wie man sich so dreht.
„Das hast du gut gesagt", sagte Miriam. „Für jemanden, der nichts weiß."
Der Riemen verschwand. Lena hörte, wie Miriam ihn zusammenrollte, das Leder über Leder, und dann kam sie wieder nach vorn, trat in ihr Blickfeld, und sie hielt den Riemen jetzt in einer Hand, nicht mehr zum Fahren, sondern einfach als Ding, und Lena sah ihn an, wie sie die Knotenbilder angesehen hatte, mit demselben Nichtverstehen, das langsam zu einem Verstehen wurde.
„Ich mache dich jetzt los", sagte Miriam.
„Nicht", sagte Lena.
Es war heraus, bevor sie es dachte. Sie hörte es selbst, und sie hörte, wie es klang, und sie schämte sich nicht, so wie sie sich am Morgen geschämt hätte. Miriam sah sie an. Ihre Hände blieben ruhig.
„Warum nicht", sagte sie.
Lena suchte nach Worten. Sie fand keine, die groß genug waren, und dann nahm sie die kleinen. „Weil es das erste ist, was ich richtig gespürt habe", sagte sie. „Seit gestern. Es ist einfach da, und ich muss nicht entscheiden, was ich damit mache."
Miriam stand still. Einen Moment lang tat sie gar nichts, und in diesem Moment war Lena sicher, dass sie zu weit gegangen war, dass das hier ein Ort war, an dem man solche Sätze nicht sagt, und sie bereitete schon die Entschuldigung vor, in drei Versionen, wie sie alles vorbereitete.
Dann ging Miriam einen Schritt auf sie zu und legte die Hand auf ihren Oberarm. Nur die Hand. Sie hielt sie dort, warm, fest genug, dass Lena sie spürte, und sie sagte nichts, und Lena verstand, dass das die Antwort war.
„Noch fünf Minuten", sagte Miriam schließlich. „Dann mache ich dich los. Und dann zeige ich dir, wie man den Riemen selbst anlegt. Nicht heute. Irgendwann."
Sie ging hinter sie, und Lena stand da, in der leeren Mitte des Clubs, mit gefesselten Händen, und hörte das Summen der Wand und den Kühlschrank der Bar und ihren eigenen Atem, der langsam ging, weil sie ihn langsam gehen ließ, und sie dachte nicht an Clara, und sie dachte nicht an morgen, und sie dachte nicht daran, was sie später davon erzählen könnte oder nicht. Sie dachte an die Innenseite ihrer Schenkel, wo das Leder gewesen war, und an die Linie, die es gezogen hatte, und daran, dass sie die Stelle noch spürte, obwohl der Riemen längst weg war.
Dann kam Miriam zurück und löste die Schnalle.
Die Hände fielen nach vorn, schwer, als gehörten sie jemandem, der sie gerade erst bekommen hatte. Lena rieb die Handgelenke, ohne nachzudenken, und sah die roten Streifen, die der Riemen hinterlassen hatte, zwei schmale Bänder auf der blassen Haut, und sie hörte auf zu reiben, weil sie sie ansehen wollte.
„Bis Dienstag", sagte Miriam. „Und diesmal bringst du es mit. Nicht in der Tasche."
Lena sah sie an. Miriam hielt ihr den Riemen hin, zusammengerollt, und Lena begriff erst nach einem Moment, dass sie ihn nehmen sollte, und dann nahm sie ihn, und das Leder war noch warm von ihren eigenen Handgelenken.
Sie schob ihn in die Handtasche, neben das Taschentuch, neben die Einladungskarte, und der Reißverschluss ging zu, und Miriam stand schon an der Tür und hielt sie auf, und draußen, auf der Treppe, war die Luft wieder kühl, und Lena merkte, dass sie den Plug die ganze Zeit getragen hatte, ohne ihn zu tragen, weil ihr Körper in der Zwischenzeit etwas anderes gelernt hatte.
Die Treppe hinauf war es still. Auf halber Höhe blieb sie stehen und hörte nach unten, aber da war nur die Tür, die ins Schloss fiel, dumpf, endgültig, und darüber das Rauschen der Straße, das sie auf dem Weg hierher nicht gehört hatte.
Sie ging weiter. Oben, an der Ecke, unter der Laterne, blieb sie noch einmal stehen und öffnete die Handtasche. Der Riemen lag zusammengerollt zwischen dem Taschentuch und der Karte, und sie fuhr mit dem Daumen über die Schnalle, einmal, und schloss die Tasche wieder.
Zu Hause zog sie die Schuhe aus, ohne das Licht anzumachen. Die Wohnung war kalt. Sie hängte die Jacke auf, ging ins Bad, setzte sich auf den Rand der Wanne und ließ Wasser über die Handgelenke laufen, kalt, bis die Haut darunter taub wurde. Die Streifen blieben. Zwei schmale Bänder, links und rechts, und als sie mit dem Finger darüberstrich, waren sie glatt und ein bisschen erhaben, wie etwas, das noch nicht entschieden hatte, ob es verschwinden wollte.
In ihrem Zimmer legte sie den Riemen auf den Schreibtisch. Nicht in die Schublade. Sie legte ihn hin, wo sie ihn sehen würde, wenn sie morgen früh aufwachte, und dann setzte sie sich aufs Bett und sah ihn an, bis es dunkel genug war, dass sie ihn nur noch als Form erkannte.
Der Plug steckte noch. Sie hatte ihn vergessen. Nein, nicht vergessen — sie hatte ihn die ganze Zeit gespürt, jede Stufe der Treppe, jede Bewegung in der Bahn, dieses leichte Dasein, das einen nicht in Ruhe ließ, aber auch nicht störte, sondern einfach da war, wie ein zweiter Puls. Jetzt, im Sitzen, drückte er anders. Sie stand wieder auf, weil sie nicht wusste, wie man sitzt, wenn man so etwas trägt, und ging ins Bad und zog ihn heraus, langsam, mit zwei Fingern, und wusch ihn unter dem Hahn ab und wickelte ihn in ein Handtuch und legte das Handtuch neben den Riemen.
Zwei Dinge auf dem Schreibtisch. Sie sah sie an und fühlte sich wie jemand, der eine Sprache lernt und die ersten Wörter auf Zettel schreibt und sie an die Wand klebt, obwohl sie noch nicht weiß, wann man sie benutzt.
Am nächsten Morgen war der Riemen noch da. Sie hatte halb damit gerechnet, dass er weg wäre, dass die Nacht ihn zurückgeholt hätte, aber er lag genau so, wie sie ihn hingelegt hatte, und das Licht, das durch die Vorhänge kam, machte das Leder braun und weich, und sie merkte, dass sie ihn anfasste, bevor sie richtig wach war.
Sie zog sich an. Der Streifenpullover, die Jeans, die Schuhe. Sie ging zur Uni, saß in der Vorlesung über barocke Perspektive und schrieb mit, und in der Pause, in der Schlange vor dem Kaffeeautomaten, hörte sie sich selbst mit einer Kommilitonin reden, über ein Referat, über einen Professor, und ihre Stimme klang normal, und sie dachte, dass es seltsam war, wie normal eine Stimme klingen konnte, während in der Tasche zu Hause ein Stück Leder lag, das jemand ihr gegeben hatte, damit sie es zurückbringt.
Dienstag war zwei Tage weg. Sie zählte nicht. Sie zählte nur einmal, am Montagabend, als sie im Bett lag und der Riemen auf dem Schreibtisch im Dunkeln lag und sie wusste, dass es noch einen Tag war, und dann drehte sie sich zur Wand und schlief, schneller, als sie erwartet hatte.
Am Dienstag stand sie vor der Tür, zehn Minuten zu früh, und diesmal klopfte sie. Es dauerte. Dann ging die Tür auf, und Miriam stand da, im selben schmalen Hemd, als hätte sie es nie ausgezogen, und sah auf Lenas Handtasche, die sie in der Hand hielt, nicht am Griff, sondern mit beiden Händen, vor dem Bauch, wie man etwas trägt, das man nicht verlieren will.
„Du bist wieder früh", sagte Miriam.
„Ich wollte nicht warten."
Miriam trat zur Seite. Der Club war noch leerer als beim letzten Mal. Die Stühle standen noch auf den Tischen, das Licht über der Bar war aus, und nur die Wand summte, dieses tiefe, alte Summen, das Lena inzwischen erkannte, wie man einen Geruch erkennt, der zu einem Ort gehört.
„Gib her", sagte Miriam.
Lena öffnete die Tasche. Sie nahm den Riemen heraus, zusammengerollt, und legte ihn Miriam in die offene Hand, und Miriam wickelte ihn auf, ein Stück, prüfte die Schnalle, drehte das Leder einmal durch die Finger, und Lena stand da und sah zu, wie jemand etwas ansah, das sie selbst gemacht hatte.
„Gut", sagte Miriam. „Dann fangen wir an."
Sie ging voraus, nicht zur Bühne, sondern zur Seite, an der Vitrine vorbei, zu einer Bank, die an der Wand stand, gepolstert, mit Riemen an den Seiten, von denen Lena beim ersten Mal gedacht hatte, dass sie zu irgendetwas gehörten, das nicht für sie war. Miriam klopfte auf die Sitzfläche.
„Setz dich. Mit dem Rücken zur Wand."
Lena setzte sich. Das Leder der Bank war kühl und glatt, und der Rücken fand die Wand, und sie lehnte sich an, und es war ein bisschen wie in der Schule, wie damals, wenn man sich an die Heizung lehnte und wusste, dass etwas gleich anfangen würde.
Miriam kniete sich vor sie, nicht hinunter zu ihr, sondern auf dieselbe Höhe, und nahm ihre Hände, eine nach der anderen, und legte sie auf die Lehnen, links und rechts, mit den Handflächen nach oben, und Lena ließ es geschehen, ohne nachzudenken, weil es einfacher war, die Hände liegen zu lassen, als sie zu bewegen.
„Was ich jetzt mache", sagte Miriam, „ist nichts Neues. Es ist dasselbe wie letztes Mal. Der Riemen um die Handgelenke. Aber du sitzt, und du siehst mich, und das macht es anders. Verstehst du?"
„Ja."
„Nein", sagte Miriam. „Du verstehst es noch nicht. Du wirst es verstehen, wenn du nicht mehr weißt, wohin mit deinen Augen."
Sie nahm den Riemen und legte ihn um Lenas rechtes Handgelenk, führte ihn unter der Armlehne durch, dann um das linke, und zog ihn durch die Schnalle, und diesmal zog sie fester als beim letzten Mal, fest genug, dass Lena die Haut an der Schnalle spürte, und sie hörte das Leder arbeiten, das leise Knirschen, mit dem es sich an die Form eines Handgelenks gewöhnt.
Dann trat Miriam einen Schritt zurück.
Lena hob die Hände. Sie kamen nicht mit. Der Riemen lief unter den Armlehnen durch, und sie konnte die Arme bewegen, ein Stück, und dann war Schluss, und sie saß da, mit offenen Handflächen nach oben, und ihr Körper wusste plötzlich nicht mehr, wohin mit dem Gewicht, weil die Arme nicht mehr mitzählten.
„Und jetzt", sagte Miriam, und ihre Stimme war ruhig, „sitzt du."
Lena saß. Sie merkte, wie ihre Schultern nach vorn kamen, wie die Brust sich senkte, wie der Atem flacher wurde, nicht aus Angst, sondern weil der Körper sich anders sortierte, wenn die Arme nicht mehr halfen. Miriam ging um die Bank herum, langsam, und Lena folgte ihr nicht mit den Augen, weil sie wusste, dass sie es nicht sollte, und dann tat sie es doch, und Miriam ließ es zu, wie beim letzten Mal, und blieb hinter ihr stehen.
Lena hörte sie atmen. Sie hörte das Leder, das Miriam in der Hand hielt, das andere, das breite, das sie vorher aus der Vitrine genommen hatte, das Knacken, mit dem es sich bewegte, wenn eine Hand sich bewegte.
Dann kam Miriams Hand. Nicht der Riemen. Die Hand. Sie legte sie auf Lenas Schulter, von hinten, und ließ sie dort liegen, warm, schwer, und Lena spürte jeden Finger einzeln durch den Pullover, und sie spürte, wie die Hand sich nicht bewegte, wie sie einfach da war, und das war schlimmer als alles, was der Riemen je gemacht hatte.
„Wehrlos", sagte Miriam, leise, neben ihrem Ohr. „Das ist das Wort. Nicht gefesselt. Wehrlos. Es ist ein Unterschied."
Lena wollte etwas sagen und merkte, dass sie nicht wusste, was, und dass es auch nicht nötig war, und sie ließ den Kopf ein Stück nach hinten sinken, gegen die Wand, und Miriams Hand blieb auf ihrer Schulter, und dann, langsam, fuhr sie ihr den Arm hinunter, über den Ärmel, bis zum Ellbogen, und wieder zurück, und es war eine Berührung, die nichts tat, und genau deshalb tat sie alles.
Dann nahm Miriam die Hand weg. Lena hörte das Leder wieder, das breite, und dann kam es, von hinten, und legte sich an ihren Hals, flach, kühl, die Schnalle irgendwo seitlich, und Miriam zog es nicht zu, sie hielt es nur, und Lena spürte, wie ihr Schlucken gegen das Leder ging, wie ihr Puls dagegen schlug, wie das Leder sich mit jedem Atemzug ein bisschen hob.
„Fühlst du das", sagte Miriam.
„Ja."
„Was ist es."
Lena schloss die Augen. „Es ist da", sagte sie. „Es ist einfach da, und ich kann nichts dagegen tun, und ich will auch nichts dagegen tun."
Miriam nahm das Leder vom Hals. Sie ging nach vorn, trat in Lenas Blickfeld, kniete sich wieder auf ihre Höhe, und sah sie an, und Lena sah zurück, länger als sonst, ohne wegzuschauen, und Miriam ließ es geschehen, ohne etwas zu sagen, und dann nahm sie den Riemen und fuhr ihn an Lenas linkem Knie entlang, hinauf, über den Stoff der Jeans, langsam, bis zur Innenseite des Schenkels, wo der Stoff dünner war und die Haut darunter wärmer.
„Steh still", sagte sie, obwohl Lena saß.
Lena stand still. Sie saß still. Sie wusste nicht mehr, was sie tat, aber sie tat es.
Der Riemen fuhr zurück, hinunter, und dann wieder hinauf, und diesmal schob Miriam ihn ein Stück unter den Saum der Jeans, gerade so weit, dass das Leder auf die nackte Haut traf, und Lena spürte es dort, auf der Innenseite, wo sie sich selbst nie berührte, und der Atem ging ihr aus, kurz, und sie biss die Zähne zusammen, weil sie nicht wollte, dass es hörbar war.
„Nicht", sagte Miriam. „Lass es."
Lena ließ es. Sie hörte sich atmen, laut, in dem leeren Raum, und es war ihr gleich, und Miriam fuhr mit dem Riemen weiter, den Schenkel hinauf, bis dorthin, wo der Schenkel aufhörte, und blieb dort, ohne Druck, und wartete, und Lena wartete mit, und in dem Warten war mehr als in allem, was der Riemen tat.
Dann zog Miriam den Riemen heraus, langsam, und legte ihn beiseite, und legte ihre Hand auf Lenas Knie, flach, warm, und ließ sie dort, und Lena sah auf die Hand, und auf ihren eigenen offenen Handflächen lag nichts, und sie konnte nichts tun, und sie tat nichts, und sie blieb.
Sie schloss die Augen.
Es war keine Entscheidung, jedenfalls keine, die sie getroffen hätte. Es war einfach, dass die Lider schwer wurden, dass das Licht der Bar und das Halbdunkel über der Bühne und Miriams Gesicht vor ihr zu viel wurden auf einmal, und dass es einfacher war, sie zuzumachen. Die Welt hinter ihren Augen war warm und rot und leer. Der Riemen an ihren Handgelenken war immer noch da, das Leder arbeitete leise, wenn sie atmete, und sie atmete, weil Miriam es gesagt hatte, und weil ihr Körper sich daran erinnerte, auch wenn sie selbst es fast vergessen hätte.
Dann lehnte sie sich zurück.
Nicht weit. Nur so weit, wie die Wand es zuließ, und die Wand war direkt hinter ihr, kühl und rau unter dem dünnen Stoff des Langarmshirts, und sie spürte jede Fuge der Steine einzeln, als hätte jemand sie absichtlich so gelegt, dass man sie fühlen konnte. Ihr Kreuz fand die Wand. Ihre Schultern sanken. Der Kopf kippte ein Stück nach hinten, bis der Hinterkopf die Steine berührte, und in dem Moment, in dem er auflag, ging etwas in ihr los, das sie nicht benennen konnte, ein Nachgeben, das nichts mit dem Riemen zu tun hatte und alles mit dem Kopf, der nichts mehr halten musste.
Miriams Hand blieb auf ihrem Knie.
Sie blieb einfach da. Flach, warm, die Finger ein bisschen gespreizt, so dass Lena den Daumen auf der einen Seite spürte und den kleinen Finger auf der anderen, und dazwischen die drei, die über die Kniescheibe lagen, ohne zu drücken, ohne zu streicheln, ohne irgendetwas zu tun, was man hätte beschreiben können. Es war nur eine Hand. Und es war unmöglich, sie zu vergessen.
Lena hörte die Wand summen. Sie hörte den Kühlschrank hinter der Bar, dieses tiefe, gleichmäßige Brummen, das sie beim ersten Mal für ein Gerücht gehalten hatte und das jetzt so selbstverständlich war wie ihr eigener Puls. Sie hörte Miriam atmen, ruhig, ein bisschen langsamer als sie selbst, und sie merkte, dass sie versuchte, ihren eigenen Atem an diesen Rhythmus zu hängen, wie man sich an ein Geländer hängt, wenn der Boden schwankt.
Es gelang nicht. Ihr Atem blieb zu schnell, zu flach, und sie wusste, dass Miriam es hörte, weil Miriam alles hörte, weil Miriam die ganze Zeit nichts tat außer zuhören, und dass sie trotzdem schwieg, war schlimmer als jede Frage.
„Du hältst die Schultern hoch", sagte Miriam.
Lena öffnete die Augen nicht. „Ich weiß."
„Lass sie fallen."
Sie versuchte es. Es ging nicht, jedenfalls nicht so, wie man etwas fallen lässt, das man in der Hand hält. Die Schultern wollten nicht. Sie hingen irgendwo zwischen der Wand und dem Riemen und ihrem eigenen Kopf, und je mehr sie versuchte, sie loszulassen, desto höher kamen sie, bis sie es spürte, den Zug in den Schulterblättern, das leise Ziehen an der Innenseite der Handgelenke, wo das Leder lag.
„Nicht versuchen", sagte Miriam. „Nur lassen."
„Das ist dasselbe."
„Nein." Die Hand auf ihrem Knie bewegte sich nicht, aber die Stimme kam ein Stück näher, als hätte Miriam sich vorgebeugt. „Versuchen kommt von dir. Lassen kommt von woanders. Du musst nur aufhören, dagegenzuhalten."
Lena atmete aus. Lang, durch den Mund, so lang, dass am Ende kaum noch etwas übrig war. Und dann, in dem Moment, in dem sie dachte, sie hätte es wieder nicht geschafft, sanken die Schultern. Einfach so. Sie fielen in die Wand zurück, und der Riemen an ihren Handgelenken wurde einen Hauch lockerer, weil die Arme sich anders setzten, und Lena hörte sich selbst etwas tun, das zwischen einem Seufzen und einem Lachen lag, und sie wusste nicht, welches von beidem es war.
„Da", sagte Miriam.
Lena nickte. Der Hinterkopf rieb an den Steinen, auf und ab, ein kleines Geräusch, das nur sie hörte. Sie fühlte ihren Puls in den offenen Handflächen, die nach oben lagen, links und rechts, und sie fühlte ihn in den Handgelenken unter dem Leder, und sie fühlte ihn dort, wo Miriams Hand lag, obwohl das nicht sein konnte, weil dort keine Ader war, die man hätte fühlen können.
So saß sie eine Weile. Sie wusste nicht, wie lange. Die Zeit in diesem Raum machte etwas anderes als draußen, sie floss nicht, sie stand, wie die Luft stand, wie das Summen stand, und Lena fing an, in diesem Stehen mitzustehen, ohne es zu merken.
Irgendwann kam ein Geräusch dazu. Nicht von Miriam. Von ihr selbst, ganz tief, ein kleines Knacken in der Kehle, weil sie geschluckt hatte, und sie merkte, dass ihr Hals trocken war, und dass sie das Glas Wasser auf der Theke vergessen hatte, und dass sie es nicht holen konnte, weil ihre Hände unter den Armlehnen lagen, und dass sie es nicht holen wollte, weil sie nicht aufstehen wollte, und dass sie zum ersten Mal seit dem Keller nicht wusste, ob sie durstig war oder ob sie nur etwas zu tun haben wollte.
„Du denkst", sagte Miriam.
„Immer."
„Ich weiß." Ein kurzes Ausatmen, das fast ein Lachen war, das erste an diesem Abend. „Das ist dein Problem. Du bist nicht hier, um zu denken. Du bist hier, um zu spüren."
„Ich spüre doch."
„Du spürst und kommentierst. Das ist etwas anderes." Miriams Hand bewegte sich zum ersten Mal, seit sie dort lag, ein einziger Millimeter, das Gewicht verlagerte sich vom Handballen auf die Fingerspitzen, und Lena spürte es durch den Stoff der Hose wie einen kleinen Stich, der nirgendwohin ging. „Du hast vorhin gesagt, es ist wie eine Linie. Wenn man mit dem Finger über ein Bild fährt. Weißt du noch?"
„Ja."
„Ein Bild kann man kommentieren. Man kann sagen, was für eine Farbe das ist und aus welcher Epoche es kommt und warum der Maler es so gemalt hat. Man kann es in einen Rahmen hängen und darüber reden." Die Finger auf ihrem Knie wurden wieder flach. „Aber irgendwann muss man aufhören zu reden und einfach davorstehen. Sonst hat man es nie gesehen."
Lena öffnete die Augen.
Miriam kniete vor ihr, ein Stück entfernt, die Hände auf den Oberschenkeln, und sah sie an, ruhig, ohne Ungeduld, ohne etwas, das sie erwartete. Über ihr die nackte Betondecke mit den alten Rohren. Hinter ihr die Bühne, im Halbdunkel, das Kreuz, die Bank, die Riemen an den Seiten. Und Lena saß in der Mitte von allem, mit offenen Händen, und wusste plötzlich nicht mehr, wie sie hierhergekommen war, nicht den Weg, sondern das Hier, das Ankommen, das Sitzen, das Bleiben.
„Ich kann nicht aufhören", sagte sie.
„Nein."
„Ist das schlimm?"
Miriam sah sie an, länger als nötig. Dann schüttelte sie kaum merklich den Kopf. „Es ist deins. Mach damit, was du willst."
Sie stand auf, langsam, ohne sich abzustützen, und Lena merkte, wie die Stelle auf ihrem Knie kalt wurde, sofort, in dem Moment, in dem die Hand weg war, als hätte die Haut sich schon daran gewöhnt und wüsste nicht mehr, wie man ohne etwas auskommt. Miriam ging zur Seite, an ihr vorbei, und ihre Schritte auf dem Boden waren die einzigen Geräusche im Raum außer dem Summen der Wand.
Lena lehnte den Kopf wieder an die Steine. Sie schloss die Augen nicht. Sie sah Miriam zu, wie sie zur Vitrine ging, das Schloss aufschloss, das sie schon kannte, das gleiche leise Klicken wie beim ersten Mal, und etwas herausnahm, das Lena nicht gleich erkannte, weil ihre Augen noch an dem Nachbild der Hand auf ihrem Knie hingen.
Es war ein Seil.
Kein Riemen. Ein Seil, dünn, hanffarben, aufgerollt wie ein Ring, und Miriam wickelte es im Gehen ab, langsam, ließ es durch die Finger gleiten, und das Rascheln war feiner als das Leder, trockener, wie etwas, das noch nie jemanden berührt hatte. Sie blieb neben der Bank stehen, nicht vor Lena, sondern seitlich, so dass Lena ihren Kopf drehen musste, wenn sie sie ansehen wollte, und Lena drehte ihn nicht.
„Ich mache dich jetzt los", sagte Miriam. „Und dann mache ich es anders."
Lena hörte das Seil. Sie hörte, wie Miriam es über die eigene Hand gleiten ließ, einmal, zweimal, als prüfte sie es, und sie hörte ihre eigene Stimme, bevor sie wusste, dass sie etwas sagen würde.
„Nicht."
Es war dasselbe Wort wie beim letzten Mal. Es kam aus derselben Stelle, aus dem Bauch, nicht aus dem Kopf, und diesmal schämte sie sich nicht einmal mehr, weil sie inzwischen wusste, dass Miriam es hörte, und weil Miriam beim letzten Mal stehengeblieben war.
Miriam blieb stehen.
„Warum", sagte sie. Es war keine Frage, die eine Antwort verlangte. Es war eine, die Platz ließ.
Lena sah an sich herunter. Ihre Handgelenke lagen unter den Armlehnen, blass, die roten Streifen vom letzten Mal waren verblasst zu einem Braun, das man nur sah, wenn man es wusste, und darüber der Riemen, das Leder, das sich an ihre Form gewöhnt hatte. Ihre Knie waren angezogen. Ihre Füße standen auf dem Boden. Und in ihrem Bauch war ein Hohlraum, der gestern noch gefüllt gewesen war, und sie wusste, dass er nicht das war, was sie hier festhielt, und sie wusste auch, dass sie ihn trotzdem mitgebracht hatte.
„Weil ich noch nicht weiß, wie es ist, wenn ich nichts mehr tun kann", sagte sie. „Ich weiß nur, wie es ist, wenn ich die Hände nicht benutzen kann. Das ist noch nicht dasselbe."
Miriam sah sie an. Ihre Hände waren ruhig, das Seil lag in der einen, das Leder in der anderen, und sie hielt beides, ohne sich zu entscheiden, und in diesem Halten lag mehr als in allem, was sie hätte tun können.
„Du hast recht", sagte sie schließlich. „Es ist nicht dasselbe."
Sie legte das Seil auf die Bank, neben Lenas Hüfte, so nah, dass Lena es mit dem Ellbogen hätte berühren können, wenn ihr Ellbogen sich hätte bewegen lassen. Dann ging sie hinter die Bank, und Lena hörte sie, hörte das Leder, das sich löste, die Schnalle, die aufging, und dann fiel der Riemen von ihrem rechten Handgelenk, und die Hand kam frei, und es war ein Gefühl, als hätte jemand einen Stein von ihr genommen, den sie nicht als Stein bemerkt hatte, weil er schon immer da gewesen war.
Dann das linke. Die Finger kribbelten, als das Blut zurückkam, und Lena schloss die Hände zu Fäusten, öffnete sie wieder, ließ sie auf die Armlehnen sinken, und sie fühlten sich an wie Hände, die jemand anderem gehörten.
„Aufstehen", sagte Miriam.
Lena stand auf. Ihre Beine waren schwer, als hätte sie lange gesessen, und sie musste sich an der Bank abstützen, kurz, und dann stand sie, in der Mitte des Raums, die Arme hängen lassend, und sah Miriam an, die das Seil wieder in die Hand genommen hatte und es langsam durch die Finger gleiten ließ.
„Nimm die Hände nach vorn", sagte Miriam. „Und halte sie zusammen."
Lena tat es. Sie legte die Handgelenke aneinander, die Streifen über die Streifen, und sie fühlte, wie das Blut in beiden Händen gleichzeitig pochte, und wie die Berührung ihrer eigenen Haut an der Stelle, wo das Leder gewesen war, sich anfühlte wie eine fremde.
Miriam trat vor sie. Sie wickelte das Seil um Lenas Handgelenke, einmal, zweimal, und es war anders als das Leder, dünner, schärfer, es schnitt nicht, aber es lag nicht auf, es lag in, jede Windung ein eigener Druck, und Lena konnte die einzelnen Runden zählen, wenn sie wollte, und sie wollte, weil Zählen einfacher war als Denken.
„Fühlst du den Unterschied", sagte Miriam.
„Ja."
„Was ist er."
Lena sah auf ihre Hände. Das Seil war hell gegen ihre blasse Haut, und wo es sich kreuzte, bildete es ein kleines Viereck, und in dem Viereck war ihre eigene Haut zu sehen, unversehrt, und sie wusste, dass sie das nie vergessen würde, dieses Viereck, diese Stelle, die zwischen den Windungen durchschaute.
„Das Leder hält mich", sagte sie. „Das Seil berührt mich."
Miriam nickte. Sie zog den letzten Knoten, keinen festen, nur einen, der sich nicht von selbst öffnete, und trat einen Schritt zurück, um es anzusehen, wie jemand ein Bild ansieht, das noch nicht fertig ist und trotzdem schon stimmt.
„Und jetzt", sagte sie, „schließ die Augen. Und lehn dich zurück."
Lena sah sie an. Dann tat sie es.

