Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss, und das Geräusch war lauter, als es sein sollte, weil sie es zu langsam zugedrückt hatte, um es leise zu machen. Lena stand im Flur, die Wohnungstür im Rücken, den Schlüssel noch in der Hand, und wartete, dass sich etwas in ihr bewegte. Sie wartete drei Atemzüge lang. Dann zog sie die Schuhe aus, stellte sie ordentlich nebeneinander, wie sie es immer tat, und ging durch den dunklen Flur in ihr Zimmer, ohne das Licht anzumachen.
Der Plug saß. Er saß seit dem Club, seit über einer Stunde, und ihr Körper hatte sich noch nicht entschieden, was er davon halten sollte. Beim Gehen war es ein Druck gewesen, ein fremdes Gewicht, das jeden Schritt begleitete wie ein zweiter Puls. Beim Sitzen in der Straßenbahn war es ein Stechen gewesen, kurz, jedes Mal wenn der Wagen über die Weichen ruckte. Und jetzt, im Stehen, im eigenen Zimmer, war es nur noch da. Ein Ding in ihr, das nicht sie war und doch nicht wegzudenken.
Sie setzte sich auf die Bettkante. Die Matratze gab nach, und der Plug bewegte sich mit ihr, eine kleine Verschiebung nach innen, und Lena hielt die Luft an, bis die Bewegung aufhörte. Dann atmete sie aus, langsam, durch den Mund. Ihre Hände lagen auf den Knien. Der Strickpullover kratzte am Hals. Sie hatte ihn den ganzen Tag getragen, und er roch jetzt nach dem Club, nach dem Öl, nach dem warmen Staub des Kellers.
Sie zog den Pullover über den Kopf und ließ ihn neben sich aufs Bett fallen. Darunter das T-Shirt, das sie unter dem Pullover getragen hatte, dünn, grau, an den Ärmeln ausgeleiert. Sie sah an sich herunter. Der Bauch, die Hüften, die Oberschenkel, blass im Licht der Straßenlaterne, das durch die halb geschlossene Jalousie fiel. Sie legte die flache Hand auf den Unterbauch, unterhalb des Nabels, und drückte. Nicht fest. Nur so viel, dass sie den Plug durch die Bauchdecke hindurch erahnen konnte, ein kleines rundes Etwas, tief in ihr, das auf den Druck reagierte, indem es sich einen Millimeter verschob.
Es tat nicht weh. Das war das Erste, was sie feststellte, und es überraschte sie. Sie hatte mit Schmerz gerechnet, irgendwie, mit einem Brennen oder Ziehen, mit einem Körper, der sich wehrt. Aber da war kein Schmerz. Da war nur Fülle. Ein Ausgefülltsein, das sie nicht kannte, das sich nicht mit dem vergleichen ließ, was sie mit den eigenen Fingern machte, nachts, unter der Decke, schnell und heimlich und immer ein bisschen schuldbewusst. Das hier war anders. Das hier war kein Höhepunkt. Das hier war ein Zustand.
Sie stand wieder auf und ging zum Spiegel, dem großen, hohen Spiegel an der Schranktür, der ihr ganzes Zimmer verdoppelte. Sie drehte sich, den Rücken zum Glas, und schaute über die Schulter. Im halbdunklen Zimmer konnte sie kaum etwas erkennen. Sie knipste die kleine Lampe auf dem Schreibtisch an, und das warme Licht fiel schräg über ihren Rücken, über das T-Shirt, das den Po halb bedeckte, über die nackten Oberschenkel. Sie zog das T-Shirt hoch, gerade so weit, dass die Unterkante des Pos sichtbar wurde, und hielt es mit einer Hand fest.
Nichts zu sehen. Natürlich nicht. Der Plug war drin, ganz drin, und von außen war da nur ihre Haut, blass und glatt, und die Schatten, die das Licht warf. Sie drehte sich ein Stück, hob das Becken, suchte den Winkel, in dem sie etwas hätte sehen können, irgendeinen Beweis, dass das, was sie fühlte, auch stimmte. Aber ihr Körper zeigte nichts. Er war derselbe wie vorher. Und trotzdem war er nicht derselbe.
Sie ließ das T-Shirt fallen und setzte sich zurück aufs Bett, diesmal mit dem Rücken gegen die Wand, die Knie angezogen. In dieser Haltung war der Druck am deutlichsten, weil ihr Becken sich kippte und der Plug nach vorn gegen die vordere Wand drückte, sanft, unaufhörlich. Sie schloss die Augen und versuchte, das Gefühl zu benennen, wie sie es in der Kunstgeschichte gelernt hatte, wie sie ein Bild benannte, wenn der Professor fragte, was sie sah. Da war Wärme. Da war Gewicht. Da war eine Art Warten, als würde etwas in ihr auf etwas anderes warten, auf eine Bewegung, die noch nicht gekommen war.
Und da war, ganz leise, unter allem, ein Gedanke, den sie nicht laut werden ließ. Der Gedanke, dass sie es nicht herausnehmen wollte. Dass sie es drin lassen wollte, noch eine Weile, noch ein bisschen länger, einfach um zu wissen, wie es sich anfühlte, wenn sie damit einschlief. Sie öffnete die Augen und sah auf die Uhr auf dem Nachttisch. Kurz nach zehn. Der Dienstag hatte noch nicht angefangen. Viktor hatte gesagt, sie solle am Dienstag wiederkommen, und der Dienstag war morgen, und jetzt war es Nacht, und zwischen jetzt und morgen lag nur noch sie selbst und dieses Ding in ihr.
Sie griff nach dem Laptop, der neben dem Bett auf dem Boden lag, klappte ihn auf und setzte sich mit dem Rücken gegen die Wand, den Laptop auf den angezogenen Knien. Das WLAN brauchte einen Moment. Während sie wartete, spürte sie wieder den Plug, diesmal, weil sie sich vorgebeugt hatte, und sie musste kurz lächeln, ohne dass sie sagen konnte, worüber. Dann lud die Seite, und sie tippte in das Suchfeld das ein, was sie seit dem Club nicht losließ.
Fesseln. Erst nur das Wort, dann, nachdem die Ergebnisse sie nicht befriedigt hatten, genauer: Bondage für Anfänger. Seile. Handgelenke. Sie klickte sich durch Foren, durch Anleitungen, durch Bilder von Knoten, die sie nicht verstand und dann doch verstand, weil ihre Hände die Bewegung nachmachten, während sie las, über der Bettdecke, ohne Seil, nur mit den Fingern. Ein Thread trug den Titel her first cuffs, und sie blieb hängen, las jeden Beitrag, die Fragen einer Frau, die wie sie neu war, die Antworten derer, die schon länger dabei waren, und zwischen den Zeilen etwas, das sie nicht in Worte fasste, aber spürte: dass es nicht um das Seil ging. Sondern um das, was passierte, wenn man die Hände nicht mehr benutzen konnte.
Ihr Handy vibrierte auf der Matratze, und sie zuckte zusammen, so sehr, dass der Laptop auf ihren Knien verrutschte. Sie griff nach dem Handy. Eine Nachricht. Miriam. Der Name stand oben im Display, und Lena starrte ihn an, bevor sie die Nachricht öffnete, weil sie nicht wusste, was sie erwartete, und weil sie nicht wusste, was sie hoffte.
„Dienstag. 19 Uhr. Bring nichts mit. Und iss vorher."
Kein Fragezeichen. Kein Gruß. Kein „wie geht es dir". Lena las die drei Sätze dreimal. Dann tippte sie eine Antwort, löschte sie, tippte eine andere, löschte auch die, und schrieb schließlich nur ein Wort.
„Okay."
Sie legte das Handy weg, und in dem Moment, in dem der Bildschirm dunkel wurde, fiel ihr ein, was die mit dem Hoodie gesagt hatte. Sagst du es ihr. Nicht mir. Ihr. Sie merkt es sowieso. Lena sah auf den Laptop, auf den Thread mit den Fesseln, auf die Knotenbilder, die noch offen waren, und dann auf ihre eigenen Handgelenke, die schmal und blass auf der Bettdecke lagen. Sie wusste, dass Miriam es merken würde. Sie wusste es, und sie wusste auch, dass sie es trotzdem sagen musste, mit eigenen Worten, und dass es genau darum ging. Nicht um den Plug. Um das Sagen.
Sie machte den Laptop zu und legte ihn auf den Boden zurück. Dann stand sie auf, ging ins Bad, und setzte sich auf die kalten Fliesen, weil es sich richtig anfühlte, nicht auf die Toilette, sondern auf den Boden, mit dem Rücken gegen die Badewanne. Sie atmete ein paar Mal tief durch, und dann griff sie zwischen ihre Beine, fand den Rand des Plugs mit den Fingern, und zog ihn langsam heraus. Es war ein Ziehen, ein Nachgeben, ein kurzes Gefühl von Leere, das sofort von etwas anderem abgelöst wurde, von einem warmen Nachbeben, das ihre Schenkel hinunterlief. Sie hielt den Plug in der Hand, das Silikon glänzte im Licht der Badezimmerlampe, und sie wusch ihn unter dem Hahn ab, mit Seife, gründlich, so wie sie es bei allem tat, was ihr wichtig war.
Danach lag sie im Bett, auf dem Rücken, die Decke bis zum Kinn gezogen, und starrte an die Zimmerdecke. Der Plug lag in einem sauberen Handtuch neben dem Bett. Sie hatte ihn nicht weggeräumt. Sie hatte ihn nicht in die Schublade gelegt, zu den anderen Dingen, die man nicht sieht. Sie hatte ihn neben sich gelegt, in Reichweite, und sie wusste genau, dass sie das tat, weil sie ihn morgen wieder mitnehmen würde. Sie wusste es, bevor sie es sich eingestand.
Sie schlief nicht gut. Sie wachte um drei auf, weil sie von einem Seil geträumt hatte, das sich um ihre Handgelenke legte, ohne dass jemand es zog, und sie lag danach lange wach und hörte dem Verkehr auf der Straße zu. Am Morgen war der Dienstag da, und der Dienstag war ein Tag wie jeder andere, mit einer Vorlesung, die sie nicht besuchte, mit einem Kaffee, den sie in der Küche stehen ließ, bis er kalt war, und mit einem Nachmittag, der sich dehnte und nicht vorbeigehen wollte.
Um Viertel vor sechs zog sie sich an. Nicht den weiten Strickpullover. Sie zog ihn an, hielt ihn vor dem Spiegel an sich, und legte ihn dann zurück in den Schrank, und nahm stattdessen ein dünnes, dunkles Langarmshirt, das sich enger an ihren Körper legte, und darunter eine Hose, die sie kaum trug, weil sie sich darin beobachtet fühlte. Sie sah sich im Spiegel an, länger als nötig. Dann nahm sie den Plug vom Nachttisch, wickelte ihn in ein sauberes Taschentuch, schob ihn in ihre Handtasche, neben die Brieftasche, neben die Schlüssel, neben die Einladungskarte, die sie seit dem ersten Abend in der Galerie aufbewahrte.
Kurz vor sieben stand sie im Treppenhaus. Sie hörte ihre eigenen Schritte auf den Stufen, das Klacken der Absätze, das sie sonst vermied, weil sie lieber leise war. Sie hielt die Handtasche mit beiden Händen, die Riemen fest um die Finger gewickelt, und während sie die letzte Treppe hinunterstieg, dachte sie an Miriams Stimme, an das, was Miriam im Club gesagt hatte, mit dieser ruhigen, gesetzten Selbstverständlichkeit, die keine Frage war und keine Drohung, sondern einfach die Wahrheit, wie Miriam sie sah.
Sie blieb an der Haustür stehen, tastete nach dem Schlüssel, und in dem Moment, in dem sie die Tür aufschloss und das Schloss klickte, spürte sie es. Nicht den Plug, der lag in der Tasche. Sondern die Leere. Ein Hohlraum, der gestern noch gefüllt gewesen war, ein Körperteil, das sich an etwas gewöhnt hatte und es jetzt vermisste, so wie man ein Geräusch vermisst, wenn es plötzlich aufhört. Sie trat auf die Straße, zog die Tür hinter sich zu, und steckte den Schlüssel ein.
Die Straße war leer genug, dass sie ihre Schritte hören konnte. Sie ging nicht die Route, die sie sonst nahm, nicht an der Bäckerei vorbei und nicht über den Platz mit den drei Bäumen, sondern den Weg, der länger war und an der Rückseite der Hochschule entlangführte, wo nachts niemand war und wo sie sich einbilden konnte, dass die Stadt ihr gehörte. Die Luft war kühl geworden. Sie spürte es an den Handgelenken, wo das Langarmshirt zu kurz war, und an den Knöcheln, die unter den Hosenbeinen hervorschauten, und sie spürte es an einer anderen Stelle, tief innen, wo gestern noch etwas gewesen war.
Sie dachte nicht in ganzen Sätzen. Sie dachte in Bildern, wie sie es immer tat, wenn etwas sie nicht losließ. Der Plug, den sie in der Tasche trug, das Taschentuch, in das er gewickelt war, das Silikon, das sie mit Seife gewaschen hatte, bis es sich anfühlte wie neu. Sie hatte ihn eingepackt wie etwas, das man nicht sieht, und sie wusste, dass sie ihn nicht gebraucht hätte, weil Miriam gesagt hatte, sie solle nichts mitbringen. Aber sie hatte ihn trotzdem eingepackt, und der Grund dafür war kein Grund, sondern ein Gefühl, und das Gefühl war, dass sie nicht leer ankommen wollte.
An der Ecke zur Unterführung blieb sie stehen. Vor ihr lag der Eingang, den sie beim ersten Mal fast verpasst hätte, die Stufen, die nach unten führten, das Geländer, an dem der Lack abblätterte. Sie zog die Handtasche höher auf die Schulter, prüfte mit zwei Fingern, ob der Reißverschluss zu war, und stieg hinunter. Die Luft wurde schwerer, als sie die unterste Stufe erreichte, und das Geräusch ihrer Absätze auf dem Beton war das letzte, was sie von der Straße hörte, bevor die Tür sie schluckte.
Die Tür ging auf, bevor sie klopfen konnte. Miriam stand im Rahmen, in einem schmalen schwarzen Hemd, die Ärmel bis zum Ellbogen hochgerollt, und sah sie an, ohne etwas zu sagen, so lange, dass Lena den Griff ihrer Handtasche fester zog.
„Du bist früh", sagte Miriam. Dann trat sie zur Seite und ließ sie ein.
Der Club war leer. Nicht so leer wie am Dienstag, als die Frauen gegangen waren und nur das Öl getropft hatte, sondern anders leer: die Stühle standen auf den Tischen, das Licht über der Bar brannte, und die Bühne lag im Halbdunkel wie ein Raum, der noch nicht wusste, was er heute werden sollte. Kein Bass. Kein Murmeln. Die Wand summte, wie sie immer summte, aber heute war das Summen das lauteste Geräusch im Raum.
„Setz dich nicht", sagte Miriam, als Lena auf die Bank am Bühnenrand zusteuerte. „Nicht heute."
Lena blieb stehen. Ihre Absätze hatten auf dem Beton der Treppe geklackt, und hier, auf dem nackten Boden, klangen sie noch einmal nach, als hätte jemand anders sie gemacht.
Miriam ging zur Bar, nahm zwei Gläser, schenkte Wasser ein, ohne zu fragen, und stellte eines davon auf die Theke, in Lenas Reichweite. Sie selbst trank nicht. Sie lehnte sich mit dem Rücken an die Theke, die Arme verschränkt, und sah Lena zu, wie sie das Glas nahm, einen Schluck trank, es wieder absetzte, die Finger nicht davon wegnahm.
„Die mit dem Hoodie hat mir gesagt, dass du es mir sagen wirst", sagte Miriam.
Lena sah in ihr Glas. Der Reißverschluss der Handtasche war zu. Der Plug lag darin, in ein Taschentuch gewickelt, neben der Einladungskarte. Sie hätte es einfach sagen können. Sie hatte es sich auf dem ganzen Weg zurechtgelegt, in drei verschiedenen Versionen, und jetzt, hier, mit Miriams Blick auf sich, kam keine davon heraus.
„Ich habe ihn", sagte sie.
„Ich weiß."
Lena hob den Kopf.
„Du gehst anders", sagte Miriam. „Du hast es den ganzen Weg hierher gewusst und trotzdem getragen. Warum?"
„Weil ich nicht leer ankommen wollte."
Es war heraus, bevor sie es sortiert hatte, und sie bereute es sofort, so wie sie früher in der Schule Dinge bereut hatte, die im richtigen Moment richtig geklungen hatten und danach nur noch nackt waren.
Miriam nickte. Nur einmal. „Das ist eine ehrliche Antwort." Sie löste die Arme und ging an Lena vorbei, zur Bühne, und blieb vor der Bank stehen, auf der sonst die Zuschauer saßen. „Komm her."
Lena stellte das Glas ab. Ihre Absätze auf dem Boden. Sie ging hin.
„Setz dich auf den Boden."
Sie setzte sich. Der Boden war kalt durch die dünne Hose, und sie spürte ihn an den Sitzknochen, an der Rückseite der Oberschenkel, überall dort, wo ihr Körper den Beton berührte. Miriam blieb vor ihr stehen, und von unten war sie größer, als Lena sie in Erinnerung hatte.
„Ich frage dich jetzt etwas", sagte Miriam. „Und ich will eine Antwort, keine Höflichkeit. Willst du lernen?"
„Ja."
„Was?"
Lena sah zu ihr hoch. Die Frage war keine Falle. Sie war nur eine Frage, die wartete.
„Ich will wissen, wie es ist", sagte Lena. „Wenn ich mich nicht bewegen kann. Wenn ich nicht entscheide, was passiert. Ich habe es gestern im Internet gelesen, und es hat mir nichts erklärt. Es waren nur Knoten. Ich will das andere."
Miriam sah sie an, länger, als es für eine Antwort nötig gewesen wäre. Dann ging sie zur Vitrine an der Wand, schloss sie auf, dasselbe Schloss wie am Dienstag, und nahm etwas heraus. Kein Seil. Ein Riemen. Breit, dunkel, weich gegerbt, mit einer Schnalle an einem Ende.
„Aufstehen", sagte sie. „Und die Hände auf den Rücken."
Lena stand auf. Sie legte die Hände hinter sich, so wie sie es sich vorgestellt hatte, und es fühlte sich falsch an, sofort, weil die Schultern nach hinten gezogen wurden und der Brustkorb sich öffnete, als würde sie sich jemandem entgegenstrecken, obwohl sie das Gegenteil tat.
Miriam trat hinter sie. Lena hörte den Riemen, wie er sich entrollte, das Leder, das über die eigene Handfläche glitt. Dann legte Miriam ihn um ihre Handgelenke, einmal, zweimal, und zog ihn zu.
Es war kein Knoten. Es war eine Schnalle, und Miriam zog sie nicht fest, sondern setzte sie, und das war schlimmer, weil Lena nicht wusste, wie viel noch kam. Das Leder war warm, kurz, dann nahm es die Temperatur ihrer Haut an, und sie spürte ihre eigenen Pulse gegen den Riemen schlagen, links und rechts, wie zwei kleine Tiere, die gegen eine Wand stoßen.
„Atme", sagte Miriam.
Lena atmete. Sie merkte erst jetzt, dass sie es nicht getan hatte.
„Das ist die erste Hingabe", sagte Miriam, und ihre Stimme war hinter ihr, nah am Ohr, nicht laut. „Nicht das Seil. Nicht die Schnalle. Die erste Hingabe ist, dass du dich nicht mehr bewegen kannst und trotzdem bleibst. Alles andere kommt danach."
Lena versuchte, die Hände zu heben. Der Riemen hielt. Sie versuchte es noch einmal, fester, und die Schnalle drückte gegen die Innenseite des einen Handgelenks, ein kurzer, klarer Schmerz, und sie hörte auf.
„Gut", sagte Miriam. „Du hast es gemerkt."
Sie ging um Lena herum, langsam, und Lena folgte ihr nicht mit den Augen, weil sie das Gefühl hatte, dass es verboten war, und dann tat sie es doch, und Miriam ließ es zu. Vor ihr blieb sie stehen. Nah. So nah, dass Lena den Stoff ihres Hemdes riechen konnte, dunkel, ein bisschen wie Zedernholz, ein bisschen wie der Raum selbst.
Miriam legte zwei Finger unter Lenas Kinn und hob es an, gerade so weit, dass sie ihr in die Augen sehen konnte, und Lena spürte, wie ihr der Hals eng wurde, nicht vor Angst, sondern vor dem Gegenteil, vor etwas, das sie nicht benennen wollte, weil Benennen es kleiner gemacht hätte.
„Du zitterst nicht", sagte Miriam.
„Nein."
„Noch nicht." Miriam ließ das Kinn los und ging zur Seite. „Dreh dich um. Langsam."
Lena drehte sich. Mit gefesselten Händen war jeder Schritt ein anderes Gehen, ein Gehen aus der Mitte heraus, und als sie stand, mit dem Rücken zu Miriam, hörte sie das Leder wieder, das leise Knacken, mit dem ein Riemen sich bewegt, wenn er in einer Hand liegt.
Dann spürte sie ihn.
Miriam fuhr ihr mit der flachen Seite des Riemens die Innenseite des linken Schenkels hinauf, vom Knie bis fast zum Schritt, langsam, mit gleichmäßigem Druck. Das Leder war kühl gegen die Haut, die dort dünn und warm war, und Lena machte einen halben Schritt nach vorn, ohne es zu wollen, und der Riemen folgte ihr, weil Miriam wartete.
„Steh still", sagte Miriam.
Lena stand still.
Der Riemen fuhr zurück, hinunter, und dann wieder hinauf, und diesmal ließ Miriam ihn an der Innenseite entlanggleiten, bis dorthin, wo der Schenkel aufhörte und etwas anderes anfing, und blieb dort, ohne Druck, ohne Bewegung, nur das Leder, das lag, wo es lag, und Lenas Knie wurden weich, so weich, dass sie die Zehen anspannte, um nicht zu wanken.
„Und?", sagte Miriam hinter ihr.
„Ich weiß nicht", sagte Lena, und ihre Stimme klang fremd, höher, als sie sie kannte.
„Du weißt es. Du sagst es nur nicht."
Der Riemen bewegte sich wieder. Auf der anderen Seite jetzt, dieselbe Linie, dieselbe Langsamkeit, und Lena schloss die Augen, weil Sehen nicht half, weil Sehen es nur schlimmer machte, und weil sie mit geschlossenen Augen jedes Millimeterchen des Leders besser spürte. Ihre Hände lagen hinter ihr im Riemen, und sie merkte, wie sie die Finger öffnete und schloss, öffnete und schloss, ohne dass es etwas änderte.
„Was macht es mit dir", sagte Miriam, und es war keine Frage, sondern eine Aufforderung.
Lena hörte sich selbst schlucken. „Es ist wie eine Linie", sagte sie. „Wie wenn man mit dem Finger über ein Bild fährt. Man kann nicht aufhören, weil man wissen will, wie es an der nächsten Stelle ist."
Miriam lachte. Nicht laut, nur ein kurzes Ausatmen, und es war das erste Mal, dass Lena sie lachen hörte, und sie wollte sich umdrehen, um es zu sehen, und konnte nicht, weil die Hände hinten waren und ihr Körper nicht wusste, wie man sich so dreht.
„Das hast du gut gesagt", sagte Miriam. „Für jemanden, der nichts weiß."
Der Riemen verschwand. Lena hörte, wie Miriam ihn zusammenrollte, das Leder über Leder, und dann kam sie wieder nach vorn, trat in ihr Blickfeld, und sie hielt den Riemen jetzt in einer Hand, nicht mehr zum Fahren, sondern einfach als Ding, und Lena sah ihn an, wie sie die Knotenbilder angesehen hatte, mit demselben Nichtverstehen, das langsam zu einem Verstehen wurde.
„Ich mache dich jetzt los", sagte Miriam.
„Nicht", sagte Lena.
Es war heraus, bevor sie es dachte. Sie hörte es selbst, und sie hörte, wie es klang, und sie schämte sich nicht, so wie sie sich am Morgen geschämt hätte. Miriam sah sie an. Ihre Hände blieben ruhig.
„Warum nicht", sagte sie.
Lena suchte nach Worten. Sie fand keine, die groß genug waren, und dann nahm sie die kleinen. „Weil es das erste ist, was ich richtig gespürt habe", sagte sie. „Seit gestern. Es ist einfach da, und ich muss nicht entscheiden, was ich damit mache."
Miriam stand still. Einen Moment lang tat sie gar nichts, und in diesem Moment war Lena sicher, dass sie zu weit gegangen war, dass das hier ein Ort war, an dem man solche Sätze nicht sagt, und sie bereitete schon die Entschuldigung vor, in drei Versionen, wie sie alles vorbereitete.
Dann ging Miriam einen Schritt auf sie zu und legte die Hand auf ihren Oberarm. Nur die Hand. Sie hielt sie dort, warm, fest genug, dass Lena sie spürte, und sie sagte nichts, und Lena verstand, dass das die Antwort war.
„Noch fünf Minuten", sagte Miriam schließlich. „Dann mache ich dich los. Und dann zeige ich dir, wie man den Riemen selbst anlegt. Nicht heute. Irgendwann."
Sie ging hinter sie, und Lena stand da, in der leeren Mitte des Clubs, mit gefesselten Händen, und hörte das Summen der Wand und den Kühlschrank der Bar und ihren eigenen Atem, der langsam ging, weil sie ihn langsam gehen ließ, und sie dachte nicht an Clara, und sie dachte nicht an morgen, und sie dachte nicht daran, was sie später davon erzählen könnte oder nicht. Sie dachte an die Innenseite ihrer Schenkel, wo das Leder gewesen war, und an die Linie, die es gezogen hatte, und daran, dass sie die Stelle noch spürte, obwohl der Riemen längst weg war.
Dann kam Miriam zurück und löste die Schnalle.
Die Hände fielen nach vorn, schwer, als gehörten sie jemandem, der sie gerade erst bekommen hatte. Lena rieb die Handgelenke, ohne nachzudenken, und sah die roten Streifen, die der Riemen hinterlassen hatte, zwei schmale Bänder auf der blassen Haut, und sie hörte auf zu reiben, weil sie sie ansehen wollte.
„Bis Dienstag", sagte Miriam. „Und diesmal bringst du es mit. Nicht in der Tasche."
Lena sah sie an. Miriam hielt ihr den Riemen hin, zusammengerollt, und Lena begriff erst nach einem Moment, dass sie ihn nehmen sollte, und dann nahm sie ihn, und das Leder war noch warm von ihren eigenen Handgelenken.
Sie schob ihn in die Handtasche, neben das Taschentuch, neben die Einladungskarte, und der Reißverschluss ging zu, und Miriam stand schon an der Tür und hielt sie auf, und draußen, auf der Treppe, war die Luft wieder kühl, und Lena merkte, dass sie den Plug die ganze Zeit getragen hatte, ohne ihn zu tragen, weil ihr Körper in der Zwischenzeit etwas anderes gelernt hatte.
Die Treppe hinauf war es still. Auf halber Höhe blieb sie stehen und hörte nach unten, aber da war nur die Tür, die ins Schloss fiel, dumpf, endgültig, und darüber das Rauschen der Straße, das sie auf dem Weg hierher nicht gehört hatte.
Sie ging weiter. Oben, an der Ecke, unter der Laterne, blieb sie noch einmal stehen und öffnete die Handtasche. Der Riemen lag zusammengerollt zwischen dem Taschentuch und der Karte, und sie fuhr mit dem Daumen über die Schnalle, einmal, und schloss die Tasche wieder.
Zu Hause zog sie die Schuhe aus, ohne das Licht anzumachen. Die Wohnung war kalt. Sie hängte die Jacke auf, ging ins Bad, setzte sich auf den Rand der Wanne und ließ Wasser über die Handgelenke laufen, kalt, bis die Haut darunter taub wurde. Die Streifen blieben. Zwei schmale Bänder, links und rechts, und als sie mit dem Finger darüberstrich, waren sie glatt und ein bisschen erhaben, wie etwas, das noch nicht entschieden hatte, ob es verschwinden wollte.
In ihrem Zimmer legte sie den Riemen auf den Schreibtisch. Nicht in die Schublade. Sie legte ihn hin, wo sie ihn sehen würde, wenn sie morgen früh aufwachte, und dann setzte sie sich aufs Bett und sah ihn an, bis es dunkel genug war, dass sie ihn nur noch als Form erkannte.
Der Plug steckte noch. Sie hatte ihn vergessen. Nein, nicht vergessen — sie hatte ihn die ganze Zeit gespürt, jede Stufe der Treppe, jede Bewegung in der Bahn, dieses leichte Dasein, das einen nicht in Ruhe ließ, aber auch nicht störte, sondern einfach da war, wie ein zweiter Puls. Jetzt, im Sitzen, drückte er anders. Sie stand wieder auf, weil sie nicht wusste, wie man sitzt, wenn man so etwas trägt, und ging ins Bad und zog ihn heraus, langsam, mit zwei Fingern, und wusch ihn unter dem Hahn ab und wickelte ihn in ein Handtuch und legte das Handtuch neben den Riemen.
Zwei Dinge auf dem Schreibtisch. Sie sah sie an und fühlte sich wie jemand, der eine Sprache lernt und die ersten Wörter auf Zettel schreibt und sie an die Wand klebt, obwohl sie noch nicht weiß, wann man sie benutzt.
Am nächsten Morgen war der Riemen noch da. Sie hatte halb damit gerechnet, dass er weg wäre, dass die Nacht ihn zurückgeholt hätte, aber er lag genau so, wie sie ihn hingelegt hatte, und das Licht, das durch die Vorhänge kam, machte das Leder braun und weich, und sie merkte, dass sie ihn anfasste, bevor sie richtig wach war.
Sie zog sich an. Der Streifenpullover, die Jeans, die Schuhe. Sie ging zur Uni, saß in der Vorlesung über barocke Perspektive und schrieb mit, und in der Pause, in der Schlange vor dem Kaffeeautomaten, hörte sie sich selbst mit einer Kommilitonin reden, über ein Referat, über einen Professor, und ihre Stimme klang normal, und sie dachte, dass es seltsam war, wie normal eine Stimme klingen konnte, während in der Tasche zu Hause ein Stück Leder lag, das jemand ihr gegeben hatte, damit sie es zurückbringt.
Dienstag war zwei Tage weg. Sie zählte nicht. Sie zählte nur einmal, am Montagabend, als sie im Bett lag und der Riemen auf dem Schreibtisch im Dunkeln lag und sie wusste, dass es noch einen Tag war, und dann drehte sie sich zur Wand und schlief, schneller, als sie erwartet hatte.
Am Dienstag stand sie vor der Tür, zehn Minuten zu früh, und diesmal klopfte sie. Es dauerte. Dann ging die Tür auf, und Miriam stand da, im selben schmalen Hemd, als hätte sie es nie ausgezogen, und sah auf Lenas Handtasche, die sie in der Hand hielt, nicht am Griff, sondern mit beiden Händen, vor dem Bauch, wie man etwas trägt, das man nicht verlieren will.
„Du bist wieder früh", sagte Miriam.
„Ich wollte nicht warten."
Miriam trat zur Seite. Der Club war noch leerer als beim letzten Mal. Die Stühle standen noch auf den Tischen, das Licht über der Bar war aus, und nur die Wand summte, dieses tiefe, alte Summen, das Lena inzwischen erkannte, wie man einen Geruch erkennt, der zu einem Ort gehört.
„Gib her", sagte Miriam.
Lena öffnete die Tasche. Sie nahm den Riemen heraus, zusammengerollt, und legte ihn Miriam in die offene Hand, und Miriam wickelte ihn auf, ein Stück, prüfte die Schnalle, drehte das Leder einmal durch die Finger, und Lena stand da und sah zu, wie jemand etwas ansah, das sie selbst gemacht hatte.
„Gut", sagte Miriam. „Dann fangen wir an."
Sie ging voraus, nicht zur Bühne, sondern zur Seite, an der Vitrine vorbei, zu einer Bank, die an der Wand stand, gepolstert, mit Riemen an den Seiten, von denen Lena beim ersten Mal gedacht hatte, dass sie zu irgendetwas gehörten, das nicht für sie war. Miriam klopfte auf die Sitzfläche.
„Setz dich. Mit dem Rücken zur Wand."
Lena setzte sich. Das Leder der Bank war kühl und glatt, und der Rücken fand die Wand, und sie lehnte sich an, und es war ein bisschen wie in der Schule, wie damals, wenn man sich an die Heizung lehnte und wusste, dass etwas gleich anfangen würde.
Miriam kniete sich vor sie, nicht hinunter zu ihr, sondern auf dieselbe Höhe, und nahm ihre Hände, eine nach der anderen, und legte sie auf die Lehnen, links und rechts, mit den Handflächen nach oben, und Lena ließ es geschehen, ohne nachzudenken, weil es einfacher war, die Hände liegen zu lassen, als sie zu bewegen.
„Was ich jetzt mache", sagte Miriam, „ist nichts Neues. Es ist dasselbe wie letztes Mal. Der Riemen um die Handgelenke. Aber du sitzt, und du siehst mich, und das macht es anders. Verstehst du?"
„Ja."
„Nein", sagte Miriam. „Du verstehst es noch nicht. Du wirst es verstehen, wenn du nicht mehr weißt, wohin mit deinen Augen."
Sie nahm den Riemen und legte ihn um Lenas rechtes Handgelenk, führte ihn unter der Armlehne durch, dann um das linke, und zog ihn durch die Schnalle, und diesmal zog sie fester als beim letzten Mal, fest genug, dass Lena die Haut an der Schnalle spürte, und sie hörte das Leder arbeiten, das leise Knirschen, mit dem es sich an die Form eines Handgelenks gewöhnt.
Dann trat Miriam einen Schritt zurück.
Lena hob die Hände. Sie kamen nicht mit. Der Riemen lief unter den Armlehnen durch, und sie konnte die Arme bewegen, ein Stück, und dann war Schluss, und sie saß da, mit offenen Handflächen nach oben, und ihr Körper wusste plötzlich nicht mehr, wohin mit dem Gewicht, weil die Arme nicht mehr mitzählten.
„Und jetzt", sagte Miriam, und ihre Stimme war ruhig, „sitzt du."
Lena saß. Sie merkte, wie ihre Schultern nach vorn kamen, wie die Brust sich senkte, wie der Atem flacher wurde, nicht aus Angst, sondern weil der Körper sich anders sortierte, wenn die Arme nicht mehr halfen. Miriam ging um die Bank herum, langsam, und Lena folgte ihr nicht mit den Augen, weil sie wusste, dass sie es nicht sollte, und dann tat sie es doch, und Miriam ließ es zu, wie beim letzten Mal, und blieb hinter ihr stehen.
Lena hörte sie atmen. Sie hörte das Leder, das Miriam in der Hand hielt, das andere, das breite, das sie vorher aus der Vitrine genommen hatte, das Knacken, mit dem es sich bewegte, wenn eine Hand sich bewegte.
Dann kam Miriams Hand. Nicht der Riemen. Die Hand. Sie legte sie auf Lenas Schulter, von hinten, und ließ sie dort liegen, warm, schwer, und Lena spürte jeden Finger einzeln durch den Pullover, und sie spürte, wie die Hand sich nicht bewegte, wie sie einfach da war, und das war schlimmer als alles, was der Riemen je gemacht hatte.
„Wehrlos", sagte Miriam, leise, neben ihrem Ohr. „Das ist das Wort. Nicht gefesselt. Wehrlos. Es ist ein Unterschied."
Lena wollte etwas sagen und merkte, dass sie nicht wusste, was, und dass es auch nicht nötig war, und sie ließ den Kopf ein Stück nach hinten sinken, gegen die Wand, und Miriams Hand blieb auf ihrer Schulter, und dann, langsam, fuhr sie ihr den Arm hinunter, über den Ärmel, bis zum Ellbogen, und wieder zurück, und es war eine Berührung, die nichts tat, und genau deshalb tat sie alles.
Dann nahm Miriam die Hand weg. Lena hörte das Leder wieder, das breite, und dann kam es, von hinten, und legte sich an ihren Hals, flach, kühl, die Schnalle irgendwo seitlich, und Miriam zog es nicht zu, sie hielt es nur, und Lena spürte, wie ihr Schlucken gegen das Leder ging, wie ihr Puls dagegen schlug, wie das Leder sich mit jedem Atemzug ein bisschen hob.
„Fühlst du das", sagte Miriam.
„Ja."
„Was ist es."
Lena schloss die Augen. „Es ist da", sagte sie. „Es ist einfach da, und ich kann nichts dagegen tun, und ich will auch nichts dagegen tun."
Miriam nahm das Leder vom Hals. Sie ging nach vorn, trat in Lenas Blickfeld, kniete sich wieder auf ihre Höhe, und sah sie an, und Lena sah zurück, länger als sonst, ohne wegzuschauen, und Miriam ließ es geschehen, ohne etwas zu sagen, und dann nahm sie den Riemen und fuhr ihn an Lenas linkem Knie entlang, hinauf, über den Stoff der Jeans, langsam, bis zur Innenseite des Schenkels, wo der Stoff dünner war und die Haut darunter wärmer.
„Steh still", sagte sie, obwohl Lena saß.
Lena stand still. Sie saß still. Sie wusste nicht mehr, was sie tat, aber sie tat es.
Der Riemen fuhr zurück, hinunter, und dann wieder hinauf, und diesmal schob Miriam ihn ein Stück unter den Saum der Jeans, gerade so weit, dass das Leder auf die nackte Haut traf, und Lena spürte es dort, auf der Innenseite, wo sie sich selbst nie berührte, und der Atem ging ihr aus, kurz, und sie biss die Zähne zusammen, weil sie nicht wollte, dass es hörbar war.
„Nicht", sagte Miriam. „Lass es."
Lena ließ es. Sie hörte sich atmen, laut, in dem leeren Raum, und es war ihr gleich, und Miriam fuhr mit dem Riemen weiter, den Schenkel hinauf, bis dorthin, wo der Schenkel aufhörte, und blieb dort, ohne Druck, und wartete, und Lena wartete mit, und in dem Warten war mehr als in allem, was der Riemen tat.
Dann zog Miriam den Riemen heraus, langsam, und legte ihn beiseite, und legte ihre Hand auf Lenas Knie, flach, warm, und ließ sie dort, und Lena sah auf die Hand, und auf ihren eigenen offenen Handflächen lag nichts, und sie konnte nichts tun, und sie tat nichts, und sie blieb.
Sie schloss die Augen.
Es war keine Entscheidung, jedenfalls keine, die sie getroffen hätte. Es war einfach, dass die Lider schwer wurden, dass das Licht der Bar und das Halbdunkel über der Bühne und Miriams Gesicht vor ihr zu viel wurden auf einmal, und dass es einfacher war, sie zuzumachen. Die Welt hinter ihren Augen war warm und rot und leer. Der Riemen an ihren Handgelenken war immer noch da, das Leder arbeitete leise, wenn sie atmete, und sie atmete, weil Miriam es gesagt hatte, und weil ihr Körper sich daran erinnerte, auch wenn sie selbst es fast vergessen hätte.
Dann lehnte sie sich zurück.
Nicht weit. Nur so weit, wie die Wand es zuließ, und die Wand war direkt hinter ihr, kühl und rau unter dem dünnen Stoff des Langarmshirts, und sie spürte jede Fuge der Steine einzeln, als hätte jemand sie absichtlich so gelegt, dass man sie fühlen konnte. Ihr Kreuz fand die Wand. Ihre Schultern sanken. Der Kopf kippte ein Stück nach hinten, bis der Hinterkopf die Steine berührte, und in dem Moment, in dem er auflag, ging etwas in ihr los, das sie nicht benennen konnte, ein Nachgeben, das nichts mit dem Riemen zu tun hatte und alles mit dem Kopf, der nichts mehr halten musste.
Miriams Hand blieb auf ihrem Knie.
Sie blieb einfach da. Flach, warm, die Finger ein bisschen gespreizt, so dass Lena den Daumen auf der einen Seite spürte und den kleinen Finger auf der anderen, und dazwischen die drei, die über die Kniescheibe lagen, ohne zu drücken, ohne zu streicheln, ohne irgendetwas zu tun, was man hätte beschreiben können. Es war nur eine Hand. Und es war unmöglich, sie zu vergessen.
Lena hörte die Wand summen. Sie hörte den Kühlschrank hinter der Bar, dieses tiefe, gleichmäßige Brummen, das sie beim ersten Mal für ein Gerücht gehalten hatte und das jetzt so selbstverständlich war wie ihr eigener Puls. Sie hörte Miriam atmen, ruhig, ein bisschen langsamer als sie selbst, und sie merkte, dass sie versuchte, ihren eigenen Atem an diesen Rhythmus zu hängen, wie man sich an ein Geländer hängt, wenn der Boden schwankt.
Es gelang nicht. Ihr Atem blieb zu schnell, zu flach, und sie wusste, dass Miriam es hörte, weil Miriam alles hörte, weil Miriam die ganze Zeit nichts tat außer zuhören, und dass sie trotzdem schwieg, war schlimmer als jede Frage.
„Du hältst die Schultern hoch", sagte Miriam.
Lena öffnete die Augen nicht. „Ich weiß."
„Lass sie fallen."
Sie versuchte es. Es ging nicht, jedenfalls nicht so, wie man etwas fallen lässt, das man in der Hand hält. Die Schultern wollten nicht. Sie hingen irgendwo zwischen der Wand und dem Riemen und ihrem eigenen Kopf, und je mehr sie versuchte, sie loszulassen, desto höher kamen sie, bis sie es spürte, den Zug in den Schulterblättern, das leise Ziehen an der Innenseite der Handgelenke, wo das Leder lag.
„Nicht versuchen", sagte Miriam. „Nur lassen."
„Das ist dasselbe."
„Nein." Die Hand auf ihrem Knie bewegte sich nicht, aber die Stimme kam ein Stück näher, als hätte Miriam sich vorgebeugt. „Versuchen kommt von dir. Lassen kommt von woanders. Du musst nur aufhören, dagegenzuhalten."
Lena atmete aus. Lang, durch den Mund, so lang, dass am Ende kaum noch etwas übrig war. Und dann, in dem Moment, in dem sie dachte, sie hätte es wieder nicht geschafft, sanken die Schultern. Einfach so. Sie fielen in die Wand zurück, und der Riemen an ihren Handgelenken wurde einen Hauch lockerer, weil die Arme sich anders setzten, und Lena hörte sich selbst etwas tun, das zwischen einem Seufzen und einem Lachen lag, und sie wusste nicht, welches von beidem es war.
„Da", sagte Miriam.
Lena nickte. Der Hinterkopf rieb an den Steinen, auf und ab, ein kleines Geräusch, das nur sie hörte. Sie fühlte ihren Puls in den offenen Handflächen, die nach oben lagen, links und rechts, und sie fühlte ihn in den Handgelenken unter dem Leder, und sie fühlte ihn dort, wo Miriams Hand lag, obwohl das nicht sein konnte, weil dort keine Ader war, die man hätte fühlen können.
So saß sie eine Weile. Sie wusste nicht, wie lange. Die Zeit in diesem Raum machte etwas anderes als draußen, sie floss nicht, sie stand, wie die Luft stand, wie das Summen stand, und Lena fing an, in diesem Stehen mitzustehen, ohne es zu merken.
Irgendwann kam ein Geräusch dazu. Nicht von Miriam. Von ihr selbst, ganz tief, ein kleines Knacken in der Kehle, weil sie geschluckt hatte, und sie merkte, dass ihr Hals trocken war, und dass sie das Glas Wasser auf der Theke vergessen hatte, und dass sie es nicht holen konnte, weil ihre Hände unter den Armlehnen lagen, und dass sie es nicht holen wollte, weil sie nicht aufstehen wollte, und dass sie zum ersten Mal seit dem Keller nicht wusste, ob sie durstig war oder ob sie nur etwas zu tun haben wollte.
„Du denkst", sagte Miriam.
„Immer."
„Ich weiß." Ein kurzes Ausatmen, das fast ein Lachen war, das erste an diesem Abend. „Das ist dein Problem. Du bist nicht hier, um zu denken. Du bist hier, um zu spüren."
„Ich spüre doch."
„Du spürst und kommentierst. Das ist etwas anderes." Miriams Hand bewegte sich zum ersten Mal, seit sie dort lag, ein einziger Millimeter, das Gewicht verlagerte sich vom Handballen auf die Fingerspitzen, und Lena spürte es durch den Stoff der Hose wie einen kleinen Stich, der nirgendwohin ging. „Du hast vorhin gesagt, es ist wie eine Linie. Wenn man mit dem Finger über ein Bild fährt. Weißt du noch?"
„Ja."
„Ein Bild kann man kommentieren. Man kann sagen, was für eine Farbe das ist und aus welcher Epoche es kommt und warum der Maler es so gemalt hat. Man kann es in einen Rahmen hängen und darüber reden." Die Finger auf ihrem Knie wurden wieder flach. „Aber irgendwann muss man aufhören zu reden und einfach davorstehen. Sonst hat man es nie gesehen."
Lena öffnete die Augen.
Miriam kniete vor ihr, ein Stück entfernt, die Hände auf den Oberschenkeln, und sah sie an, ruhig, ohne Ungeduld, ohne etwas, das sie erwartete. Über ihr die nackte Betondecke mit den alten Rohren. Hinter ihr die Bühne, im Halbdunkel, das Kreuz, die Bank, die Riemen an den Seiten. Und Lena saß in der Mitte von allem, mit offenen Händen, und wusste plötzlich nicht mehr, wie sie hierhergekommen war, nicht den Weg, sondern das Hier, das Ankommen, das Sitzen, das Bleiben.
„Ich kann nicht aufhören", sagte sie.
„Nein."
„Ist das schlimm?"
Miriam sah sie an, länger als nötig. Dann schüttelte sie kaum merklich den Kopf. „Es ist deins. Mach damit, was du willst."
Sie stand auf, langsam, ohne sich abzustützen, und Lena merkte, wie die Stelle auf ihrem Knie kalt wurde, sofort, in dem Moment, in dem die Hand weg war, als hätte die Haut sich schon daran gewöhnt und wüsste nicht mehr, wie man ohne etwas auskommt. Miriam ging zur Seite, an ihr vorbei, und ihre Schritte auf dem Boden waren die einzigen Geräusche im Raum außer dem Summen der Wand.
Lena lehnte den Kopf wieder an die Steine. Sie schloss die Augen nicht. Sie sah Miriam zu, wie sie zur Vitrine ging, das Schloss aufschloss, das sie schon kannte, das gleiche leise Klicken wie beim ersten Mal, und etwas herausnahm, das Lena nicht gleich erkannte, weil ihre Augen noch an dem Nachbild der Hand auf ihrem Knie hingen.
Es war ein Seil.
Kein Riemen. Ein Seil, dünn, hanffarben, aufgerollt wie ein Ring, und Miriam wickelte es im Gehen ab, langsam, ließ es durch die Finger gleiten, und das Rascheln war feiner als das Leder, trockener, wie etwas, das noch nie jemanden berührt hatte. Sie blieb neben der Bank stehen, nicht vor Lena, sondern seitlich, so dass Lena ihren Kopf drehen musste, wenn sie sie ansehen wollte, und Lena drehte ihn nicht.
„Ich mache dich jetzt los", sagte Miriam. „Und dann mache ich es anders."
Lena hörte das Seil. Sie hörte, wie Miriam es über die eigene Hand gleiten ließ, einmal, zweimal, als prüfte sie es, und sie hörte ihre eigene Stimme, bevor sie wusste, dass sie etwas sagen würde.
„Nicht."
Es war dasselbe Wort wie beim letzten Mal. Es kam aus derselben Stelle, aus dem Bauch, nicht aus dem Kopf, und diesmal schämte sie sich nicht einmal mehr, weil sie inzwischen wusste, dass Miriam es hörte, und weil Miriam beim letzten Mal stehengeblieben war.
Miriam blieb stehen.
„Warum", sagte sie. Es war keine Frage, die eine Antwort verlangte. Es war eine, die Platz ließ.
Lena sah an sich herunter. Ihre Handgelenke lagen unter den Armlehnen, blass, die roten Streifen vom letzten Mal waren verblasst zu einem Braun, das man nur sah, wenn man es wusste, und darüber der Riemen, das Leder, das sich an ihre Form gewöhnt hatte. Ihre Knie waren angezogen. Ihre Füße standen auf dem Boden. Und in ihrem Bauch war ein Hohlraum, der gestern noch gefüllt gewesen war, und sie wusste, dass er nicht das war, was sie hier festhielt, und sie wusste auch, dass sie ihn trotzdem mitgebracht hatte.
„Weil ich noch nicht weiß, wie es ist, wenn ich nichts mehr tun kann", sagte sie. „Ich weiß nur, wie es ist, wenn ich die Hände nicht benutzen kann. Das ist noch nicht dasselbe."
Miriam sah sie an. Ihre Hände waren ruhig, das Seil lag in der einen, das Leder in der anderen, und sie hielt beides, ohne sich zu entscheiden, und in diesem Halten lag mehr als in allem, was sie hätte tun können.
„Du hast recht", sagte sie schließlich. „Es ist nicht dasselbe."
Sie legte das Seil auf die Bank, neben Lenas Hüfte, so nah, dass Lena es mit dem Ellbogen hätte berühren können, wenn ihr Ellbogen sich hätte bewegen lassen. Dann ging sie hinter die Bank, und Lena hörte sie, hörte das Leder, das sich löste, die Schnalle, die aufging, und dann fiel der Riemen von ihrem rechten Handgelenk, und die Hand kam frei, und es war ein Gefühl, als hätte jemand einen Stein von ihr genommen, den sie nicht als Stein bemerkt hatte, weil er schon immer da gewesen war.
Dann das linke. Die Finger kribbelten, als das Blut zurückkam, und Lena schloss die Hände zu Fäusten, öffnete sie wieder, ließ sie auf die Armlehnen sinken, und sie fühlten sich an wie Hände, die jemand anderem gehörten.
„Aufstehen", sagte Miriam.
Lena stand auf. Ihre Beine waren schwer, als hätte sie lange gesessen, und sie musste sich an der Bank abstützen, kurz, und dann stand sie, in der Mitte des Raums, die Arme hängen lassend, und sah Miriam an, die das Seil wieder in die Hand genommen hatte und es langsam durch die Finger gleiten ließ.
„Nimm die Hände nach vorn", sagte Miriam. „Und halte sie zusammen."
Lena tat es. Sie legte die Handgelenke aneinander, die Streifen über die Streifen, und sie fühlte, wie das Blut in beiden Händen gleichzeitig pochte, und wie die Berührung ihrer eigenen Haut an der Stelle, wo das Leder gewesen war, sich anfühlte wie eine fremde.
Miriam trat vor sie. Sie wickelte das Seil um Lenas Handgelenke, einmal, zweimal, und es war anders als das Leder, dünner, schärfer, es schnitt nicht, aber es lag nicht auf, es lag in, jede Windung ein eigener Druck, und Lena konnte die einzelnen Runden zählen, wenn sie wollte, und sie wollte, weil Zählen einfacher war als Denken.
„Fühlst du den Unterschied", sagte Miriam.
„Ja."
„Was ist er."
Lena sah auf ihre Hände. Das Seil war hell gegen ihre blasse Haut, und wo es sich kreuzte, bildete es ein kleines Viereck, und in dem Viereck war ihre eigene Haut zu sehen, unversehrt, und sie wusste, dass sie das nie vergessen würde, dieses Viereck, diese Stelle, die zwischen den Windungen durchschaute.
„Das Leder hält mich", sagte sie. „Das Seil berührt mich."
Miriam nickte. Sie zog den letzten Knoten, keinen festen, nur einen, der sich nicht von selbst öffnete, und trat einen Schritt zurück, um es anzusehen, wie jemand ein Bild ansieht, das noch nicht fertig ist und trotzdem schon stimmt.
„Und jetzt", sagte sie, „schließ die Augen. Und lehn dich zurück."
Lena sah sie an. Dann tat sie es.
Die Welt hinter ihren Lidern war rot. Nicht das Schwarz, das sie erwartet hatte, sondern ein warmes, durchblutetes Rot, wie wenn man im Sommer mit geschlossenen Augen in die Sonne sieht. Sie wartete darauf, dass es sich legte. Es legte sich nicht. Es wurde tiefer, je länger sie es aushielt, bis sie die Augen wieder aufmachen wollte, nur um zu prüfen, ob das Licht noch da war — und es dann doch nicht tat, weil Miriam gesagt hatte, sie solle sie schließen, und weil es einfacher war, einer Anweisung zu folgen als einer eigenen Neugier.
Das Seil lag um ihre Handgelenke. Vorn, übereinander, die Streifen vom Leder genau unter den Windungen, so dass sie nicht sagen konnte, wo der alte Druck aufhörte und der neue anfing. Sie zählte sie nicht mehr. Sie hatte aufgehört zu zählen, als Miriam den letzten Knoten gezogen hatte, und sie wusste nicht genau, wann das gewesen war, nur dass danach eine Stille gekommen war, die nicht leer war.
Sie hörte Miriam nicht gehen. Sie hätte es gehört — der Beton trug jeden Schritt, das wusste sie inzwischen, sie hatte es vorhin an sich selbst gemerkt, ihre eigenen Absätze, die hier nachklangen wie die einer anderen. Aber da war nichts. Nur das Summen der Wand. Nur der Kühlschrank hinter der Bar. Nur ihr eigener Atem, der durch den Mund ging, weil die Nase nicht genug war.
Dann spürte sie die Luft sich bewegen. Nicht als Wind — als Nähe. Miriam stand irgendwo vor ihr, ein halber Meter, vielleicht weniger, und Lena konnte sie nicht sehen, und das machte die Nähe größer, nicht kleiner. Sie wusste, dass Miriam sie ansah. Sie wusste es an derselben Stelle, an der sie vorhin gewusst hatte, dass Miriam die Schultern bemerkt hatte, bevor sie etwas gesagt hatte.
„Du hältst den Atem an", sagte Miriam.
Lena ließ ihn raus. Er kam zu schnell, und dann holte sie zu viel nach, und es klang in dem leeren Raum wie etwas, das man hätte verbergen sollen.
„Nicht so", sagte Miriam. „Nicht durch den Mund hetzen. Durch die Nase. Langsam. So wie du es machst, wenn du schläfst."
„Ich weiß nicht, wie ich es mache, wenn ich schlafe."
„Doch. Du weißt es. Du denkst nur zu viel darüber nach."
Lena versuchte es. Sie holte Luft durch die Nase, langsam, so langsam, dass sie am Ende das Gefühl hatte, nicht genug zu bekommen, und dann kam der Atem von selbst nach, tiefer, und in diesem Nachkommen sank irgendetwas in ihr ein Stück nach unten, ein kleines Nachgeben, das sie nicht gemacht hatte. Ihre Schultern gingen mit. Der Rücken fand die Wand neu, millimeterweise, und dann lag er da, vollständig, und sie merkte erst in diesem Moment, dass sie vorher nur gelehnt hatte und jetzt lag.
„Da", sagte Miriam. „Das ist es."
Lena wollte fragen, was. Sie fragte nicht. Die Frage wäre aus dem Kopf gekommen, und der Kopf war gerade woanders, irgendwo hinter den Augen, hinter dem roten Licht, und sie hatte keine Lust, ihn zurückzuholen.
Miriam bewegte sich. Nicht weg — seitlich. Lena hörte das Seil, das sie noch in der Hand hielt, das leise Rascheln, mit dem seine Enden über den Boden strichen, und dann hörte sie es nicht mehr, weil Miriam es weglegte, irgendwo auf die Bank, außerhalb von Lenas Reichweite, und die Hände kamen zurück, leer.
Dann berührte Miriam sie.
Zwei Finger am Hals. Nicht an der Kehle — seitlich, dort, wo der Puls unter der Haut arbeitet, und Lena spürte ihre eigenen Schläge gegen die Fingerspitzen, hart, schnell, viel zu schnell für jemanden, der ruhig atmete. Die Finger blieben liegen. Sie drückten nicht. Sie zählten nicht. Sie waren einfach da, und Lena merkte, dass ihr Hals trocken war, und dass sie das Schlucken hinauszögerte, weil sie nicht wollte, dass Miriam es unter den Fingern fühlte.
Sie schluckte doch. Miriam sagte nichts.
„Fünf Minuten", sagte Miriam schließlich. „Vielleicht weniger. Ich sage es dir nicht."
„Warum nicht."
„Weil du dann zählen würdest."
Lena lachte. Es kam als Luft aus der Nase, kurz, ein halber Ton, und sie hörte sich selbst überrascht zu, wie sie es am Dienstag getan hatte, als Miriam gelacht hatte und sie sich umdrehen wollte, um es zu sehen, und nicht gedurft hatte. Diesmal war es ihr eigenes Lachen, und sie konnte es nicht zurückholen, und Miriam ließ es einfach stehen, ohne es zu kommentieren, was schlimmer war als jeder Kommentar.
Die Finger am Hals bewegten sich. Nur ein Stück, ein Zentimeter, den Puls hinauf, unter den Kiefer, wo die Haut dünner war, und dort blieben sie, und Lena merkte, wie ihr Kinn sich heben wollte, ohne dass sie es befahl. Sie ließ es nicht zu. Sie hielt dagegen, den Kopf gegen die Wand gepresst, und Miriam wartete, und in dem Warten wurde aus dem Dagegenhalten ein Zittern, ganz fein, in den Muskeln unter dem Kinn, und dann gab das Kinn nach, einen Millimeter, und Miriams Finger folgten ihm nicht. Sie blieben, wo sie waren, und Lena hob das Kinn in die Finger hinein, weil sie es nicht mehr aushielt, und als sie es gehoben hatte, nahm Miriam die Hand weg.
„Gut", sagte sie.
Lena atmete aus. Es klang wie etwas, das sie lange gehalten hatte, und sie hätte sich dafür schämen können, aber da war keine Scham, da war nur der Hals, der jetzt frei war, und die Kühle der Luft an der Stelle, wo die Finger gewesen waren.
Miriam ging. Diesmal hörte Lena die Schritte, drei, vier, weg von ihr, zur Seite, und dann das Geräusch von Metall, klein, ein Klicken, das sie einordnete, bevor sie es sah: die Vitrine. Wieder. Sie öffnete die Augen einen Spalt, gerade so viel, dass das Halbdunkel durch die Wimpern drang, und sah Miriams Rücken an der Wand, den Arm, der in das Glas griff, und dann machte sie die Augen wieder zu, weil sie es nicht sehen wollte, nicht weil es verboten war, sondern weil sie das Geräusch haben wollte und nicht das Bild.
Die Vitrine schloss sich. Die Schritte kamen zurück. Etwas legte sich auf die Bank neben ihr — nicht auf sie, neben sie, ein Gewicht, das das Leder der Sitzfläche ein Stück nachgab, und Lena wartete, dass eine Hand kam, oder ein Riemen, oder das Seil, und es kam nichts.
„Mach die Augen auf", sagte Miriam.
Lena machte sie auf. Das Licht war ein Schmerz, kurz, ein Zusammenzucken der Pupillen, und dann fand der Raum sich wieder zusammen: die Betondecke, die Rohre, die Bühne im Halbdunkel, Miriam, die vor ihr kniete, näher als vorhin, dieselbe Höhe, die Hände auf den eigenen Oberschenkeln. Auf der Bank neben Lenas Hüfte lag es. Ein Stück Metall, schmal, gebogen, an einem Ende ein kleines Schloss, am anderen eine Öse. Lena kannte die Form, aber nicht den Namen, und sie wollte den Namen nicht wissen, weil Namen Dinge kleiner machten.
„Das ist für später", sagte Miriam. „Nicht heute."
„Warum zeigst du es mir dann."
„Damit du weißt, dass es da ist."
Lena sah das Metall an. Es lag auf dem Leder, und das Licht der Bar, das einzige, das brannte, fing sich in der Biegung und warf einen kleinen Strich auf die Wand hinter der Bank, dünn und weiß, und sie sah den Strich an und nicht das Ding, weil der Strich bewegte sich, wenn sie den Kopf bewegte, und das Ding nicht.
„Und jetzt", sagte Miriam, und ihre Stimme war dieselbe wie vorhin, ruhig, ohne Druck, „lehne dich zurück. Richtig zurück. So weit die Wand dich lässt."
Lena lehnte sich zurück. Es war nicht viel — die Bank stand dicht an der Wand, und die Wand war aus Steinen, uneben, und ihr Rücken fand die Unebenheiten wie etwas, das sich anpasst, ohne dass sie es befahl. Die Schulterblätter fanden zwei Fugen. Die Wirbelsäule fand den Spalt dazwischen. Der Hinterkopf fand einen Stein, der ein Stück vorstand, und sie ließ ihn dort liegen, obwohl er hart war, weil es sich richtig anfühlte, hart zu sein.
„Die Beine", sagte Miriam. „Nach vorn. Ausstrecken."
Lena streckte die Beine aus. Die Fersen fanden den Boden, die Sohlen kippten zur Seite, und in dieser Haltung, halb liegend, halb sitzend, mit ausgestreckten Beinen und gefesselten Händen über dem Schoß, merkte sie, dass sie nichts mehr halten musste. Nicht den Rücken. Nicht den Kopf. Nicht die Arme. Der Beton hielt sie. Die Wand hielt sie. Das Seil hielt ihre Hände, und ihre Hände hielten nichts, weil sie nichts halten konnten, und in dem Moment, in dem sie das dachte, ging es los.
Es fing in den Händen an. Ein Kribbeln, das sie vom Zahnarzt kannte, von der Betäubung, nur wärmer, nur ohne Taubheit. Es lief die Unterarme hinauf, langsam, wie Wasser, das einen kleinen Weg findet, und als es die Ellbogen erreichte, merkte Lena, dass ihre Arme schwer waren, schwerer als vorher, als hätte jemand Gewichte hineingelegt, während sie die Augen zu hatte. Sie wollte die Hände heben, um zu prüfen, ob es stimmte, und die Hände hoben sich nicht. Sie kamen bis zum Bauch und dann war Schluss, weil das Seil kurz war und weil sie es nicht mehr versuchte.
„Da", sagte Miriam. „Jetzt."
Lena hatte die Augen wieder geschlossen. Sie wusste nicht, wann sie sie geschlossen hatte. Sie wusste nur, dass das rote Licht wieder da war, wärmer als vorher, tiefer, und dass ihr Körper unter dem Licht etwas tat, das sie nicht befohlen hatte. Die Schultern sanken. Die Rippen wurden weit. Der Bauch wurde weich, so weich, dass sie das Seil über dem Schoß nicht mehr spürte, obwohl es da war, und irgendwo unter dem weichen Bauch, tief innen, an der Stelle, wo gestern der Plug gesessen hatte, war ein Hohlraum, und der Hohlraum war nicht leer. Er war voll von etwas, das kein Ding war. Er war voll von Warten, und das Warten tat nicht weh.
„Was fühlst du", sagte Miriam.
Es war dieselbe Frage wie vorhin, am Hals, und Lena hätte dieselbe Antwort geben können, das mit der Linie, das mit dem Bild. Sie tat es nicht.
„Nichts", sagte sie. „Es ist nichts. Es ist nur — ich muss nichts."
„Das ist nicht nichts."
„Ich weiß."
Miriams Hand kam auf ihr Knie, flach, wie vorhin, und Lena spürte die Wärme durch den Stoff und darunter die eigene Haut, die sich daran erinnerte, und sie merkte, dass ihr Knie unter der Hand zitterte, ganz fein, ein Zittern, das nicht aus dem Bein kam, sondern von weiter oben, von der Stelle unter dem Bauch, die nicht leer war. Miriam hielt die Hand still. Sie sagte nichts über das Zittern. Sie ließ es einfach zu, und das Zulassen war die Antwort, die Lena gebraucht hätte, wenn sie gewusst hätte, dass sie eine Frage gestellt hatte.
Die Zeit tat wieder das, was sie in diesem Raum tat. Sie stand. Lena wusste nicht, wie lange sie so lag, mit geschlossenen Augen, mit dem Seil um die Hände, mit der Hand auf dem Knie. Sie wusste nur, dass irgendwann ihr eigenes Gewicht sich verschob, ohne dass sie es wollte, ein Rutschen auf der Bank, ein paar Zentimeter nach unten, und dass Miriams Hand mitging, ohne zu greifen, und dass in diesem Mitgehen etwas lag, das Lena nicht benennen konnte und nicht benennen wollte.
Dann hörte sie Miriam atmen. Nicht ruhig. Einmal tief, durch die Nase, und dann ein Halten, kurz, und Lena merkte, dass es das erste Geräusch war, das Miriam machte, das nicht für sie bestimmt war. Sie öffnete die Augen.
Miriam kniete noch vor ihr, dieselbe Höhe, dieselbe Haltung, aber ihr Blick war nicht mehr auf Lenas Gesicht. Er war tiefer. Auf ihren Händen, auf dem Seil, auf der Stelle, wo die Windungen sich kreuzten und das kleine Viereck aus Haut durchließen, und in ihrem Gesicht war etwas, das Lena nicht kannte, weil sie es bei Miriam noch nie gesehen hatte: eine Winzigkeit zu viel Aufmerksamkeit. Ein Blick, der länger blieb, als er musste.
Lena sagte nichts. Sie tat, was Miriam tat. Sie sah auf ihre eigenen Hände, auf das Seil, auf das Viereck aus Haut, das zwischen den Windungen durchschaute, unversehrt, blass, mit dem Puls, der darin schlug, sichtbar, weil die Haut dort so dünn war, dass man ihn sehen konnte, wenn man wusste, wo man hinsehen musste. Sie wusste jetzt, wo man hinsehen musste. Sie hatte es vorher nicht gewusst.
„Miriam", sagte sie.
Es war das erste Mal, dass sie den Namen laut sagte. Nicht Viktor. Miriam. Der Name, den Viktor ihr gegeben hatte wie etwas, das nicht in diesen Raum gehörte, und Lena hatte ihn ausgesprochen, und der Raum hatte ihn aufgenommen, ohne dass etwas passierte, ohne dass eine Wand einstürzte oder eine Tür aufging, und Miriam sah auf, und in ihrem Blick war für einen Moment nichts außer Lena, ganz und gar, und dann war es wieder das andere, das ruhige, das gesetzte, das wusste, was es tat.
„Ja", sagte Miriam.
Lena suchte nach dem, was sie sagen wollte. Sie wusste es nicht. Sie wusste nur, dass sie den Namen nicht umsonst gesagt hatte, und dass es zu spät war, ihn zurückzunehmen, und dass Miriam das wusste und wartete, ohne zu helfen, weil Hilfe hier nicht half.
„Nichts", sagte Lena. „Ich wollte nur wissen, ob du es bist."
Miriam sah sie an. Dann nickte sie, einmal, kaum sichtbar, und der Blick, der eine Winzigkeit zu lange geblieben war, war wieder der ihre, und sie nahm die Hand vom Knie, langsam, und Lena spürte die Kälte sofort, an derselben Stelle, an der vorher die Wärme gewesen war, und sie merkte, dass sie die Knie zusammenziehen wollte, um die Stelle zu halten, und dass die Beine nicht gehorchten, weil sie ausgestreckt waren und weil ihr Körper inzwischen etwas anderes gelernt hatte als Gehorchen.
Miriam stand auf. Sie ging zur Bank, nahm das Metall, das schmale, gebogene, und legte es zurück in die Vitrine, und das Klicken des Schlosses war das Ende von etwas, das noch nicht angefangen hatte. Dann kam sie zurück, und diesmal blieb sie nicht stehen. Sie kniete sich neben Lena, an die Seite, so dass ihre Schulter fast Lenas Schulter berührte, ohne sie zu berühren, und sie griff nach dem Seil an Lenas Handgelenken, und ihre Hände waren ruhig, so ruhig wie vorhin, als sie es angelegt hatte.
„Ich mache dich jetzt los", sagte sie. „Nicht weil es Zeit ist. Sondern weil ich es sage."
Lena nickte. Sie hielt die Augen offen, diesmal, und sah zu, wie Miriam den Knoten löste, keinen festen, nur einen, der sich nicht von selbst geöffnet hatte, und wie das Seil sich lockerte, Windung für Windung, und wie ihre Hände darunter hervorkamen, blass, mit den roten Streifen vom Leder und den neuen Streifen vom Seil, dünner, schärfer, ein Muster, das sie nicht geplant hatte und das trotzdem zu ihr gehörte.
Miriam wickelte das Seil um ihre eigene Hand, ordentlich, wie man etwas aufräumt, das man wieder benutzen will, und legte es auf die Bank, neben Lenas Hüfte, und dann sah sie Lena an, die noch lag, die Beine ausgestreckt, die Hände offen auf dem Schoß, und ihr Blick ging über die Hände, über die Handgelenke, über die Streifen, und blieb dort, einen Moment zu lang, wieder, und diesmal sah Lena es, weil sie die Augen offen hatte, und sie sagte nichts, weil sie nicht wusste, ob man das sagt.
„Und jetzt?", sagte Miriam.
Lena öffnete die Augen nicht.
„Es gibt noch eine andere Art", sagte Miriam. Sie stand neben der Bank, das Seil noch in der Hand, und sah nicht auf Lena, sondern auf die Wand über ihr, auf die Rohre, die an der Decke liefen, als suchte sie dort etwas, das sie noch nicht gefunden hatte. „Kein Leder. Kein Hanf. Seide. Sie hält dich nicht fest. Sie hält dich nur."
Lena lag noch, den Rücken an den Steinen, die Beine ausgestreckt, die Hände offen auf dem Schoß. Die Streifen vom Riemen und die neuen vom Seil lagen übereinander auf ihren Handgelenken, und sie sah sie an, während sie wartete, dass ihr Körper ihr sagte, was sie wollte.
„Bist du noch bereit", sagte Miriam.
Es war keine Frage, die eine Antwort verlangte. Es war eine, die Platz ließ. Lena merkte, dass ihre Stimme nicht kommen wollte, und dass ihr Kopf nickte, bevor sie ihn geschickt hatte, ein Nicken, das aus dem Nacken kam und nicht aus dem Denken. Miriam sah es. Sie legte das Hanfseil auf die Bank, neben Lenas Hüfte, und ging zur Vitrine, und diesmal war es kein Klicken, das Lena hörte, sondern ein Schieben, ein leises Gleiten, als zöge Miriam eine Schublade auf, die mit Stoff ausgelegt war.
Sie kam mit einem Knäuel zurück. Es war nichts, was man hätte sehen können, wenn man nicht gewusst hätte, dass es ein Seil war: eine Handvoll Elfenbein, matt, ohne Glanz, so weich, dass es aussah, als hätte jemand Licht zusammengewickelt und in eine Form gelegt. Miriam ließ es durch die Finger gleiten, und es machte kein Geräusch. Kein Rascheln. Nur das Gewicht, das sich verlagerte, lautlos, als hätte das Seil selbst gelernt, wie man sich in diesem Raum verhält.
„Seide reißt nicht", sagte Miriam. „Aber sie gibt nach. Wenn du dich bewegst, folgt sie dir. Sie hält dich nicht wie das Leder. Sie erinnert dich nur daran, wo du bist."
Sie hielt das Knäuel einen Moment über die offene Hand, als wöge sie es, und dann legte sie es auf die Bank, neben das Hanfseil, und die beiden lagen nebeneinander wie zwei Sätze in einer Sprache, die Lena erst anfing zu lesen.
„Zieh dich aus", sagte Miriam.
Lena setzte sich auf. Ihre Handgelenke waren noch kühl von der Luft, die an die Stellen kam, wo das Seil gewesen war, und sie rieb sie nicht, obwohl sie es wollte. Sie stand auf, und der Boden war kalt durch die Socken, und sie merkte, dass sie sich gefreut hatte, dass sie Socken trug, und dann, dass es albern war, sich darüber zu freuen, und dann dachte sie nichts mehr, weil Miriam zwei Schritte zurückging und wartete.
Der Pullover kam zuerst. Sie zog ihn über den Kopf, und es war der dünne, dunkle, den sie sich am Nachmittag ausgesucht hatte, und sie merkte, dass sie ihn ausgesucht hatte, ohne zu wissen, dass sie ihn ausziehen würde, und dass sie ihn trotzdem ausgesucht hatte, als hätte ihr Körper schon vorher gewusst, was ihr Kopf noch nicht wusste. Sie legte ihn auf die Bank. Nicht zusammengefaltet. Einfach hin, wie man etwas ablegt, das einem im Weg war.
Die Hose. Sie öffnete den Knopf, zog den Reißverschluss hinunter, und trat aus den Beinen, und die Luft am nackten Oberschenkel war kälter, als sie erwartet hatte, kälter als die Luft im Raum, die sie bis jetzt gar nicht als kalt empfunden hatte. Sie legte die Hose neben den Pullover. Dann das T-Shirt, das sie darunter trug, und sie machte es schnell, weil langsam etwas war, das man nur machen konnte, wenn man sich ansah, und sie sah sich nicht an.
Dann stand sie da. BH und Slip. Sonst nichts. Die Socken, ja, die Socken waren noch da, aber sie zählten nicht, und sie wusste, dass sie nicht zählten, und sie ließ sie trotzdem an, weil sie sich nicht vorstellen wollte, wie es wäre, sie auszuziehen. Ihre Arme hingen an den Seiten. Sie wusste nicht, wohin mit ihnen. Sie wusste nie, wohin mit ihren Armen, wenn sie nichts taten, und jetzt taten sie nichts, und Miriam sah sie an, ohne Eile, ohne etwas, das sie in ihrem Blick versteckte, und Lena merkte, dass sie die Schultern schon wieder hochzog, und dass sie es diesmal nicht versuchte zu lassen.
„Der BH auch", sagte Miriam.
Lena griff hinter sich. Die Häkchen gingen schwer, weil ihre Finger kalt waren, und sie brauchte zwei Versuche, und beim zweiten Versuch hörte sie Miriam nichts sagen, was schlimmer war, als wenn sie etwas gesagt hätte. Der BH fiel, und sie hielt ihn einen Moment in der Hand, das dünne Band, das noch ihre Wärme hatte, und legte ihn dann zu den anderen Sachen.
Ihre Brüste waren frei, und sie fühlte es sofort an der Temperatur, an der Bewegung der Luft, die durch den Raum zog, irgendwo, von einem Lüftungsgitter, das sie nicht kannte, und ihre Brustwarzen zogen sich zusammen, und sie wollte die Arme heben, um sie zu bedecken, und tat es nicht, weil sie wusste, dass Miriam es sah, und weil sie nicht wusste, ob es schlimmer war, zu bedecken oder nicht zu bedecken.
„Komm her", sagte Miriam.
Lena ging. Ihre Socken auf dem Beton, leise, und sie merkte, dass sie leise ging, obwohl sie es nicht musste, weil es hier nichts gab, das man wecken konnte. Miriam stand unter einem der Rohre, das quer über den Raum lief, und jetzt erst sah Lena, was sie beim ersten Mal nicht gesehen hatte: dass an dem Rohr, über der Bank, ein Haken war. Nicht einer, den man angebracht hatte. Er war alt, schmiedeeisern, in die Decke eingelassen, als hätte das Haus ihn schon immer gehabt, als wäre er nicht für das hier gedacht gewesen, sondern für etwas, das noch älter war.
Miriam nahm das Seidenseil und warf es über das Rohr. Es flog lautlos, ein heller Bogen, und das eine Ende kam auf der anderen Seite herunter, und sie fing es auf, ohne hinzusehen, und knotete die beiden Enden zusammen, und der Knoten war so klein, dass Lena ihn kaum sah, obwohl sie direkt davorstand.
„Du ziehst das Seil herunter", sagte Miriam. „So weit, wie du kommst. Dann lässt du es los. Es wird nicht fallen."
Lena griff nach dem Seil. Es war weich, wärmer als das Rohr, weicher als alles, was sie heute angefasst hatte, und sie zog es herunter, und es kam, und dann war Schluss, ein halber Meter über ihrem Kopf, und sie ließ es los, und es blieb hängen, pendelte ein wenig, und kam zur Ruhe.
„Hände hoch", sagte Miriam.
Lena hob die Hände. Sie hob sie über den Kopf, und Miriam trat hinter sie und nahm das Seil, und dann legte sie es um Lenas Handgelenke, und Lena merkte den Unterschied sofort. Das Leder war ein Ding gewesen, das man spürte, und das Hanf war ein Ding gewesen, das man zählte. Das hier war kein Ding. Es war ein Gewicht, das sich anlegte wie eine zweite Haut, so weich, dass Lena nicht sagen konnte, wo die Seide aufhörte und sie anfing, und sie zog es nicht zu, sie legte es nur, Windung für Windung, und zwischen den Windungen ließ sie einen Fingerbreit Luft, gerade so viel, dass Lena ihre eigenen Pulse sehen konnte, wenn sie nach oben schaute.
Dann zog sie die Enden nach oben und befestigte sie am Rohr, und Lenas Arme gingen mit, langsam, bis sie fast gestreckt waren, und als Miriam den letzten Knoten machte, stand Lena da, mit erhobenen Armen, und ihr Körper wusste plötzlich nicht mehr, wie man stand.
Es war nicht das Halten. Es war die Richtung. Ihre Schultern wurden nach oben gezogen, ihre Rippen öffneten sich, ihr Rücken musste sich strecken, um nicht zu hängen, und in diesem Strecken war sie größer, als sie sich je gefühlt hatte, und gleichzeitig kleiner, weil sie nichts tun konnte außer stehen. Sie versuchte, die Arme zu senken, ein Stück, nur um zu prüfen, und die Seide spannte sich, weich, ohne zu schneiden, und sie ließ es.
„Gut", sagte Miriam.
Sie ging um Lena herum. Diesmal langsam, ohne Eile, und Lena folgte ihr nicht mit den Augen, weil sie nach oben schaute, auf ihre eigenen Handgelenke, auf die Seide, auf den Haken im Rohr, und weil das Bild über ihr das einzige war, das sie halten konnte, ohne dass ihr Kopf sich drehte. Sie hörte Miriams Schritte. Sie hörte sie vor sich, dann neben sich, dann hinter sich, und dann blieb Miriam hinter ihr stehen, und Lena spürte die Luft sich bewegen, obwohl Miriam nichts sagte.
Dann kam die Seide.
Miriam legte sie unter Lenas Brust an. Nicht auf die Haut — über die Haut, die erste Windung, und dann zog sie sie durch, langsam, einmal um den Brustkorb, und als sie die Enden kreuzte und nach oben führte, hob sich Lenas Brust. Es war ein sanfter Zug, kein Schmerz, aber es war ein Heben, das Lena nicht befohlen hatte, und sie sah an sich herunter und sah ihre eigenen Brüste, die jetzt höher saßen, voller, gerundet, als hätte jemand sie in eine Form gelegt, die sie nicht kannte, und die Brustwarzen standen, und sie konnte nicht sagen, ob von der Kälte oder von dem Zug oder von etwas, das dazwischen lag.
„Atme", sagte Miriam.
Lena atmete. Die Seide gab nach, einen Millimeter, und dann zog Miriam sie wieder an, und die zweite Windung legte sich über die erste, ein Stück höher, und diesmal hob sich die Brust noch mehr, und Lena merkte, dass ihre Rippen gegen die Seide arbeiteten, wenn sie atmete, und dass die Seide mitarbeitete, wenn sie atmete, und dass es ein Kreislauf war, in dem sie und das Seil dasselbe taten.
Miriam führte die Enden über die Schultern, nach hinten, und kreuzte sie am Rücken, und Lena spürte die Kreuzung zwischen den Schulterblättern, ein kleines X, das sich bewegte, wenn sie sich bewegte, und dann kamen die Enden wieder nach vorn, unter den Achseln durch, und Miriam band sie unter der Brust zusammen, und zog, und Lenas Brust hob sich noch einmal, und diesmal war es so hoch, dass sie das Gefühl hatte, ihr Brustkorb wäre ein Ding, das jemand in die Hand genommen hatte, um es anzusehen.
„Ist es zu fest", sagte Miriam.
„Nein."
„Du sagst es, wenn es zu fest ist. Nicht später. Sofort."
„Ja."
Miriam nahm die Enden wieder und führte sie nach unten. Über den Bauch, langsam, und Lena sah zu, wie die Seide sich über ihre Haut legte, ein heller Strich auf dem blassen Bauch, und dann um die Taille, und Miriam zog sie nicht zu, sie legte sie nur, eine Runde, und dann eine zweite, tiefer, und dann hielt sie inne.
„Die Beine", sagte sie. „Ein Stück auseinander."
Lena trat die Füße auseinander. Nicht weit. So weit, wie die Socken es zuließen, ohne dass sie das Gleichgewicht verlor, und sie merkte, dass das Gleichgewicht anders war, wenn die Arme oben waren, dass sie mehr aus den Hüften kam als aus den Schultern, und dass sie die Hüften jetzt bewusst hielt, weil sie sonst geschwankt hätte.
Miriam kniete sich vor sie. Nicht hinunter zu ihr — auf dieselbe Höhe, wie sie es vorher getan hatte, aber diesmal vor ihr, und Lena sah auf ihren Scheitel, auf die dunklen Haare, auf die ruhigen Hände, die die Seide hielten, und dann senkte Miriam den Blick, und Lena merkte, wohin er ging, und sie merkte, dass sie nichts dagegen tat.
Die Seide kam zwischen ihre Beine.
Miriam führte sie von hinten, unter dem Slip hindurch, und Lena spürte sie zuerst am Oberschenkel, an der Innenseite, und dann höher, und dann dort, wo sie am empfindlichsten war, und Miriam berührte sie nicht mit den Fingern. Sie berührte sie mit der Seide, und die Seide war warm, weil sie vorher an Lenas Brust gelegen hatte, und sie war weich, so weich, dass es fast kein Kontakt war, und trotzdem war es der deutlichste Kontakt, den Lena je gespürt hatte.
Sie zog die Seide durch, langsam, und sie teilte den Slip, und sie teilte, was darunter lag, und Lena spürte, wie der Stoff des Slips sich von ihr löste, weil die Seide ihn hielt, und wie die Luft an die Stelle kam, die eben noch bedeckt gewesen war, und wie die Luft kalt war und wie sie das trotzdem nicht zusammenzog, weil die Seide sie offen hielt.
„Ganz ruhig", sagte Miriam.
Sie führte die Seide weiter, zurück, und sie legte sie so, dass sie an der einen Seite der Schamlippe lag, ganz sanft, ohne Druck, und dann nahm sie das andere Ende und legte es an die andere Seite, und als sie beide Enden zurückführte und nach hinten zog, hielten die beiden Stränge, was sie hielten, und Lena war geöffnet.
Es war kein Schmerz. Es war ein Ziehen, ein feines, gleichmäßiges Ziehen, das nirgendwohin ging und nirgendwohin musste, und Lena sah nach unten und sah, was sie nie gesehen hatte: die Seide, zwei helle Linien, die von ihrer Mitte ausgingen und sich nach hinten verliefen, und zwischen ihnen ihre eigene Haut, leicht geöffnet, feucht, und sie merkte, dass sie feucht war, und sie merkte, dass Miriam es sah, und sie merkte, dass sie es nicht verbergen wollte, weil sie nicht mehr wusste, wie man etwas verbirgt, wenn die Seide es offen hält.
Miriam zog die Enden fester. Nicht viel. Nur so viel, dass die Stränge sich strafften, und Lena spürte die Spannung an der Innenseite der Schamlippen, ein Gefühl, das sie nicht einordnen konnte, weil es nicht Lust war und nicht Schmerz, sondern etwas dazwischen, etwas, das wartete, das sich nicht entscheiden wollte, und das gerade deshalb so deutlich war.
„So", sagte Miriam. Sie stand auf, langsam, und trat einen Schritt zurück, und sah Lena an, von oben bis unten, und ihr Blick blieb nirgends hängen und war trotzdem überall, und Lena stand da, mit erhobenen Armen, mit der Seide um Brust und Taille und zwischen den Beinen, und sie wusste, dass sie aussah wie etwas, das jemand gebaut hatte, und sie wusste auch, dass sie selbst es zugelassen hatte, und dass das der Unterschied war, auf den es ankam.
„Fühlst du die Stränge", sagte Miriam.
„Ja."
„Alle."
Lena schloss die Augen. Sie fühlte die Seide unter der Brust, das Heben, das jede Atembewegung begleitete. Sie fühlte die Runden um den Bauch, die sich mit jeder Bewegung verschoben, einen Millimeter. Sie fühlte die Kreuzung am Rücken, das kleine X, das sie nicht sehen konnte und das trotzdem da war. Und sie fühlte die zwei Stränge zwischen den Beinen, die hielten, was sie hielten, und sie fühlte, wie ihre eigene Feuchtigkeit an der Seide war, an der Stelle, wo sie sie berührte, und wie die Seide sie trug, nicht aufnahm, nur trug, und wie das ein Unterschied war, den nur ihr Körper kannte.
„Es ist anders", sagte sie.
„Was."
„Das Leder hält mich. Das Hanf berührt mich." Sie öffnete die Augen und sah Miriam an, und ihre Stimme war leise, aber sie zitterte nicht. „Das hier — das hier hält mich und berührt mich gleichzeitig. Ich weiß nicht, wo ich aufhöre."
Miriam sah sie an. Länger als nötig. Und dann tat sie etwas, das sie vorher nicht getan hatte. Sie kam zurück, trat vor Lena, nahm ihren Kopf in beide Hände, nicht fest, nur so, dass Lenas Gesicht zwischen ihren Handflächen lag, und sie sah ihr in die Augen, aus der Nähe, so nah, dass Lena ihr eigenes Spiegelbild in Miriams Pupillen sehen konnte, klein, hell, ein Punkt, der sich bewegte, wenn sie blinzelte.
„Du hörst nicht auf", sagte Miriam. „Das ist es. Du hörst nicht auf, wo du denkst, dass du aufhörst. Du hörst da auf, wo ich sage."
Lena sagte nichts. Sie hätte etwas sagen können. Sie wusste, dass ein Satz in ihr lag, irgendwo, fertig, sie musste ihn nur nehmen, und sie nahm ihn nicht, weil sie spürte, dass Miriams Hände an ihrem Kopf das Einzige waren, was sie gerade halten konnte, und dass jede Bewegung, auch die der Lippen, zu viel gewesen wäre.
Miriam ließ los. Sie trat zurück, und in dem Moment, in dem ihre Hände wegfielen, merkte Lena, dass ihr Kopf sich ein Stück nach vorn geneigt hatte, ihr nach, und dass sie ihn zurücknehmen musste, und dass sie es tat, langsam, ohne dass es jemand sehen sollte. Miriam sah es trotzdem. Sie sagte nichts darüber. Sie ging zur Bank, setzte sich, die Hände auf den Knien, und sah Lena zu, wie sie stand, mit den Armen oben, mit der Seide, mit der geöffneten Haut, und sie ließ sie stehen, ohne ein Wort, und das Stehen war die nächste Lektion, und Lena wusste es, weil ihr Körper es wusste, bevor ihr Kopf es wusste.
Die Wand summte. Der Kühlschrank hinter der Bar brummte. Und irgendwo, in dem Halbdunkel über der Bühne, bewegte sich nichts, und Lena stand in der Mitte von allem, und die Seide atmete mit ihr, Strang für Strang.
Miriam stand auf. Nicht abrupt, nicht als hätte sie etwas vor, sondern so, wie sie sich immer bewegte, als wäre jede Bewegung vorher schon einmal in ihr gewesen und käme jetzt nur zur Ruhe. Sie ging zur Bank, wo Lenas Sachen lagen, und ordnete sie nicht, sie ging daran vorbei, zum Barhocker neben der Theke, und setzte sich. Die Hände auf die Oberschenkel, die Füße auf die Stange, den Rücken gerade. Sie sah Lena an. Von dort aus, aus dieser Entfernung, war Lena ein Ding in der Mitte des Raums, mit erhobenen Armen, ein helles Muster aus Seide auf blasser Haut, und Miriams Blick war der einer Frau, die ein Bild betrachtet, das sie nicht selbst gemalt hat und nicht mehr anfassen muss.
Lena stand. Die Arme oben. Die Seide atmete. Es war ein Stehen, das kein Stehen mehr war, weil ihr Körper nicht wusste, was er mit dem Gewicht machen sollte. Ihre Fersen brannten, leicht, ein Ziehen, das noch nicht weh tat. Der Rücken arbeitete gegen die Aufhängung, gegen das Rohr, gegen den Haken, der älter war als der Raum. Und zwischen ihren Beinen, dort, wo die zwei Stränge lagen, war eine Wärme, die nicht von der Seide kam, sondern von ihr, und die die Seide aufnahm, langsam, so wie Papier Wasser aufnimmt, bis es dunkel wird.
„Wie lange", sagte sie.
„Bis ich es sage."
Lena nickte. Sie hatte den Kopf nach vorn geneigt, weil das Kinn schwer wurde, wenn die Arme oben waren, und weil der Hals sich dehnte, wenn sie geradeaus sah, und das Dehnen war angenehm, solange sie nicht darüber nachdachte. Sie dachte nicht darüber nach. Sie dachte an die Seide. An die Stelle unter der Brust, wo die Windung lag, an die zwei Linien zwischen ihren Beinen, an das Kreuz am Rücken, das sie nicht sehen konnte und das bei jedem Atemzug ein Stück mitging. Sie dachte an die Seide, weil das Einzige, was sie halten konnte, das war, was sie hielt.
Die Stille im Raum war nicht leer. Über ihr lief das Rohr, kalt, lang, ein Stück Haus, das niemand für sie gedacht hatte. Der Haken hing daran, schwarz, geschmiedet, und Lena sah ihn an, wenn sie den Kopf hob, weil er das Einzige war, was über ihr war außer der Decke. Sie sah ihn an, und sie dachte nichts über ihn. Er war einfach da. Er würde sie halten, solange Miriam es wollte, und dann würde er nichts mehr halten, und er würde trotzdem bleiben.
Ihre Arme wurden schwerer. Nicht müde, noch nicht, nur schwer, ein Gewicht, das von innen kam und sich in den Schultern sammelte. Sie versuchte, sie ein Stück zu senken, und die Seide spannte sich, weich, und sie ließ es, weil das Senken nichts brachte außer der Spannung. Ihre Hände hingen über ihr, offen, die Handflächen nach vorn, und sie sah die Seide um ihre Handgelenke, das Weiß auf dem Weiß, und darunter die Streifen vom Leder, verblasst, und die Streifen vom Hanf, neu, fein, und sie merkte, dass sie die Handgelenke drehte, nur ein wenig, um zu sehen, wie das Licht auf den Streifen lag, und dass sie es aufhörte, weil es das war, was Miriam gemeint hatte. Kommentieren. Sie ließ die Handgelenke still.
„Du stehst gut", sagte Miriam vom Hocker.
Lena sagte nichts. Sie hatte gelernt, in diesem Raum, dass Lob keine Frage war und keine Aufforderung, sondern nur ein Geräusch, das man stehen lassen konnte.
Die Zeit tat wieder das, was sie tat. Sie stand. Lena wusste nicht, ob es fünf Minuten waren oder fünfzehn, nur dass ihre Fersen irgendwann taub wurden und die Taubheit dann wieder wegging und dann wieder kam, und dass ihr Rücken einmal kurz zuckte, ein Ausrutschen der Muskeln, das sie auffing, indem sie die Knie ein Stück beugte, und dass Miriam nichts sagte.
Dann kam ein Geräusch. Nicht aus dem Raum. Aus ihr. Ein Schlucken, das sie nicht geplant hatte, und ihr Hals war trocken, und sie merkte, dass sie das Wasser auf der Theke vergessen hatte, wieder, und dass es noch da stand, halb voll, und dass sie es nicht trinken konnte, weil ihre Hände über ihr waren und weil Miriam sich nicht bewegt hatte.
„Du willst etwas", sagte Miriam.
„Wasser."
„Nein." Miriam stand nicht auf. „Das andere."
Lena sah nach unten, an sich vorbei, auf ihre eigenen Füße in den Socken, die auf dem kalten Beton standen, einen halben Schritt auseinander. Sie spürte die Seide zwischen den Beinen, feucht jetzt, nicht mehr nur warm, und sie spürte, dass ihr Becken sich ein Stück vorgeschoben hatte, ohne dass sie es befohlen hatte, ein Millimeter, der nichts war und alles. Sie richtete sich wieder auf. Es war ein Aufrichten aus der Hüfte, ein kleines Zurücknehmen, und die Seide folgte ihr, weil sie ihr folgte, weil sie gab, wenn man sie zog, und sich wieder legte, wenn man nachließ.
„Ich weiß nicht, was ich will", sagte sie.
„Doch."
Lena schloss die Augen. Das rote Licht war wieder da, warm, durchblutet, und in dem Licht war ihr Körper deutlicher als im Raum, weil sie ihn im Dunkeln nicht sehen musste, um ihn zu fühlen. Sie fühlte die Seide unter der Brust, den Zug, den das Heben machte, wenn sie atmete, und sie fühlte die zwei Stränge tiefer, und sie fühlte, wie ihre eigene Feuchtigkeit unter dem einen Strang hervorkam, langsam, ein Tropfen, der die Seide entlanglief, und sie wusste nicht, wohin er ging, und sie wusste, dass er irgendwohin ging, und dass Miriam es sehen würde, wenn sie hinsah.
„Ich will nicht, dass es aufhört", sagte sie.
Sie hatte es gesagt, bevor sie es gedacht hatte, und diesmal bereute sie es nicht, weil sie spürte, dass es die Wahrheit war, und weil sie inzwischen wusste, dass es in diesem Raum keinen Sinn hatte, eine Wahrheit kleiner zu machen als sie war.
Miriam sagte nichts.
Lena hörte, wie der Hocker ein Geräusch machte. Nicht das Aufstehen. Nur das Gewicht, das sich verlagerte, ein leises Knarren, und dann war wieder Stille, und Lena stand mit geschlossenen Augen und wartete, dass Miriam etwas tat, etwas sagte, irgendetwas, das ihr sagte, ob das, was sie gesagt hatte, in Ordnung war oder zu viel.
Nichts kam.
Sie öffnete die Augen. Miriam saß noch auf dem Hocker, dieselbe Haltung, die Hände auf den Oberschenkeln, und sah sie an. Ihr Gesicht war ruhig. Es war so ruhig, dass Lena nicht lesen konnte, was darin war, und sie merkte, dass sie es zum ersten Mal wirklich versuchte, das Lesen, dass sie Miriams Gesicht absuchte wie ein Bild, wie sie es in der Vorlesung tat, wenn der Professor fragte, was sie sah, und dass sie nichts fand, weil ein Gesicht kein Bild war und weil Miriam wusste, wie man nicht gefunden wird.
„Sag es noch einmal", sagte Miriam.
„Was."
„Du weißt, was."
Lena atmete. Die Seide gab nach. Sie hob den Kopf, so weit das Rohr es zuließ, und ihre Arme zogen, ein Stück, und sie ließ sie ziehen, weil das Ziehen jetzt zu ihr gehörte.
„Ich will nicht, dass du es abmachst", sagte sie. „Ich will nicht, dass die Seide weggeht. Nicht jetzt. Nicht heute."
Miriam sah sie an. Sie stand nicht auf. Sie bewegte sich nicht. Sie ließ Lena stehen, mit den Armen oben, mit der Seide, mit dem Satz, der im Raum hing wie etwas, das man nicht zurücknehmen kann, und Lena merkte, dass das Warten das Schlimmste war, schlimmer als der Zug in den Schultern, schlimmer als die zwei Stränge, schlimmer als alles, was sie heute gespürt hatte, weil das Warten nichts tat und deshalb alles.
„Ich habe es gehört", sagte Miriam schließlich.
„Und?"
„Und nichts." Sie lehnte sich ein Stück zurück, auf dem Hocker, und ihre Hände blieben auf den Oberschenkeln, ruhig. „Du stehst noch. Das ist die Antwort."
Lena verstand nicht. Oder sie verstand es, aber mit einer Verzögerung, wie man eine Sprache versteht, die man erst seit kurzem lernt, in der man erst die Wörter erkennt und dann den Satz und dann, einen Moment zu spät, den Sinn. Sie stand noch. Miriam hatte nicht gesagt, dass sie bleiben durfte. Sie hatte gesagt, dass sie stand. Das war etwas anderes. Das war die Sache selbst, ohne den Rahmen darum, und der Rahmen war das, was Lena sonst immer hinzufügte, wenn sie etwas sich erklärte.
Sie stand. Ihre Arme waren schwer, ihr Rücken arbeitete, ihre Fersen waren taub und dann wieder nicht. Die Seide lag um ihre Brust und um ihre Taille und zwischen ihren Beinen, und sie gehörte jetzt zu ihr, in einer Weise, die nichts mit Festhalten zu tun hatte und alles mit Bleiben. Sie hätte gehen können, wenn sie gewollt hätte. Sie hätte Miriam bitten können, sie loszumachen. Sie hatte es schon einmal gesagt, das Wort, das Wort, das sie am Dienstag gesagt hatte, das Wort, das sie wieder sagen konnte, jederzeit, und Miriam hätte es gehört, weil Miriam alles hörte. Und sie sagte es nicht. Sie stand.
Miriam stand auf. Langsam, ohne sich abzustützen, und sie ging, nicht zu Lena, sondern zur Bank, wo Lenas Sachen lagen, und sie blieb davor stehen, und sie sah die Sachen an, den dünnen Pullover, die Hose, den BH, die zu einem Haufen geworden waren, und sie sagte nichts über den Haufen. Sie ging an der Bank vorbei, zur Vitrine, und Lena hörte das Schloss, das sie kannte, das gleiche leise Klicken, und dann hörte sie Miriams Schritte zurückkommen, und diesmal blieb Miriam vor ihr stehen, nah, so nah, dass Lena den Stoff ihres Hemdes wieder riechen konnte, das Zedernholz, das ein bisschen wie der Raum war.
Miriam legte die Hand auf Lenas Hals. Nicht an die Kehle, an die Seite, dort, wo der Puls arbeitet, und ihre Finger lagen warm und still, und Lena spürte ihre eigenen Schläge gegen die Fingerspitzen, schnell, zu schnell für jemanden, der stand, und sie merkte, dass sie nicht mehr versuchte, das Schlucken hinauszuzögern, weil sie wusste, dass Miriam es fühlte und dass es keine Rolle mehr spielte, ob sie es fühlte.
„Du zitterst", sagte Miriam.
Miriams Finger blieben, wo sie waren. Kein Druck, kein Nachlassen. Nur die Wärme ihrer Haut auf der Wärme von Lenas, und darunter, unter beidem, das Klopfen, das Lena nicht abstellen konnte, so sehr sie es auch versuchte, und sie versuchte es jetzt wirklich, sie atmete flacher, sie spannte den Hals an, und das Klopfen wurde lauter, weil der Hals sich wehrte.
„Ich zittere nicht, weil ich Angst habe", sagte Lena.
Es war eine Antwort auf etwas, das Miriam nicht gefragt hatte. Miriam hatte es nur festgestellt, wie man feststellt, dass es regnet. Und Lena hörte sich selbst, wie sie es sagte, und wusste, dass sie damit etwas verteidigte, und wusste nicht, was.
„Ich habe nicht gesagt, dass du Angst hast", sagte Miriam.
„Nein."
„Du hast es gehört."
Lena schwieg. Ihre Arme hingen über ihr, schwerer als vorhin, und in den Schultern saß jetzt ein Zittern, das sie bis eben nicht bemerkt hatte, ein feines, gleichmäßiges Beben, das nicht aufhörte, wenn sie es anspannte, sondern dann erst richtig anfing. Sie konnte nicht beide gleichzeitig tun, das Ruhighalten und das Antworten. Sie wählte das Antworten.
„Ich zittere, weil ich es will", sagte sie.
Miriam nahm die Hand nicht weg. Sie neigte den Kopf ein Stück, so wie sie es tat, wenn sie ein Bild ansah, und Lena spürte, dass der Blick jetzt auf ihrem Gesicht lag und nicht auf dem Hals, und dass es schlimmer war, im Gesicht angesehen zu werden, weil im Gesicht alles offen lag, was sie sonst weglegte, wenn sie sprach.
„Was willst du", sagte Miriam.
„Die Seide."
„Die Seide ist ein Ding."
Lena schloss die Augen, und das rote Licht war wieder da, und in dem Licht war der Satz, den sie sagen wollte, schon fertig, und sie hasste ihn, weil er klang wie etwas aus einem Buch, und sie sagte ihn trotzdem, weil sie keinen anderen hatte, der stimmte.
„Ich will nicht losgelassen werden."
Miriams Hand blieb. Irgendwo im Raum tropfte es, das Öl, das immer tropfte, in einem Abstand, den Lena inzwischen zählen konnte, wenn sie wollte, und sie wollte nicht, sie wollte nur, dass Miriam etwas tat, irgendetwas, damit das, was sie gesagt hatte, ein Ende bekam und nicht einfach weiter im Raum stand wie das halbe Wasser auf der Theke.
Miriam tat nichts.
Lena hörte ihr eigenes Blut. Sie hörte das Rohr über sich, das leise Knacken, das es manchmal machte, wenn das Haus sich setzte. Sie hörte ihren Atem, der zu schnell war, und sie hörte, wie sie ihn langsamer machte, und sie hörte, dass das nicht half. Und dann, weil nichts kam, weil Miriam sie einfach stehen ließ mit dem Satz, weil das Stehenlassen selbst eine Antwort war, die sie nicht lesen konnte, tat Lena etwas, das sie nicht geplant hatte.
Sie sagte es noch einmal.
„Ich will nicht, dass du mich losmachst", sagte sie. „Ich will, dass du mich hier lässt. Ich will nicht, dass du aufhörst."
Miriams Finger bewegten sich. Nur ein Millimeter, ein Streichen am Hals entlang, von unten nach oben, bis an den Kieferwinkel, und dann blieben sie dort liegen, und Lena spürte, wie ihr Kinn sich hob, ohne dass sie es befohlen hatte, wie es sich in die Hand hineinlegte, wie ein Tier sich in eine Hand legt, und sie ließ es, und das Ließ war das Wort, das sie nicht dachte, weil sie sonst darüber nachgedacht hätte.
„Du hast es zweimal gesagt", sagte Miriam.
„Ja."
„Warum."
Lena öffnete die Augen. Miriam stand vor ihr, so nah, dass die Seide zwischen ihnen beiden war, und ihr Gesicht war noch ruhig, aber irgendetwas daran war anders geworden, ein Stück weniger Bild, ein Stück mehr Gesicht, und Lena merkte, dass sie das zum ersten Mal sah, ohne zu suchen.
„Weil du es beim ersten Mal nicht geglaubt hast", sagte sie.
Miriam sah sie an. Sie sagte nichts. Sie ließ die Hand am Kiefer liegen, und Lena stand, und die Arme waren oben, und der Rücken arbeitete, und zwischen den Beinen war die Seide jetzt so feucht, dass sie sich kühl anfühlte, kühler als die Luft, und das war das Einzige im Raum, das sich bewegte, das langsame Kühl-Werden der Seide auf ihrer Haut.
„Ich habe es geglaubt", sagte Miriam schließlich. „Ich habe gewartet, ob du es selbst glaubst."
Lena verstand das nicht ganz, und sie verstand es ganz, beides gleichzeitig, und das war das Neue, das sie in diesem Raum lernte, dass zwei Dinge gleichzeitig wahr sein konnten, ohne dass eines dem anderen etwas wegnahm. Sie hatte immer gedacht, Verstehen sei ein Weg mit einem Ende. Hier war es ein Stehen, wie das ihre, ohne Ende, solange man es aushielt.
„Und?", sagte sie. „Glaube ich es?"
Miriam ließ die Hand sinken. Sie nahm sie weg vom Hals, ohne Eile, und Lena spürte die Stelle, an der sie gewesen war, noch lange, als wäre die Hand noch da, als hätte sie einen Abdruck hinterlassen, der nicht verschwand, wenn man nicht hinsah. Miriam trat einen halben Schritt zurück. Nur einen halben. Genug, dass Lenas Atem wieder den Raum atmete und nicht mehr den Stoff ihres Hemdes.
„Du stehst noch", sagte Miriam.
„Das hast du schon gesagt."
„Und es ist immer noch die Antwort."
Lena lachte. Es kam aus ihr heraus, kurz, tonlos, ein Geräusch, das sie selbst überraschte, und sie hätte es zurückhalten können, aber sie tat es nicht, weil sie merkte, dass es nicht spöttisch war, sondern das andere, das Erleichterte, das sie sonst niemandem zeigte. Miriam sah es. Ihr Gesicht blieb ruhig, aber die Augen wurden ein Stück wärmer, ein Grad, den man nicht messen konnte, und Lena sah es, weil sie gelernt hatte, in diesem Raum zu sehen, was da war.
„Ich will es noch einmal sagen", sagte Lena.
„Nein."
„Warum nicht."
„Weil man eine Wahrheit nicht so oft sagt, bis sie ein Geräusch wird", sagte Miriam. Sie ging nicht zum Hocker zurück. Sie blieb stehen, einen halben Schritt entfernt, und sah Lena an, und ihre Hände waren jetzt leer, hingen an ihren Seiten, und Lena merkte, dass sie sich das zum ersten Mal vorstellte, Miriam mit leeren Händen, und dass es sie nicht beruhigte, sondern das Gegenteil tat.
„Was machst du jetzt", sagte Lena.
„Nichts."
„Wie lange."
„Bis du etwas sagst, das du nicht vorhattest."
Lena atmete. Sie sah nach oben, an ihren eigenen Armen vorbei, zum Haken, der schwarz und geschmiedet über ihr hing, und sie sah, dass an dem Haken ein kleiner Grat war, eine Schweißnaht, die jemand vor langer Zeit gezogen hatte, ungleichmäßig, ein Stück Handarbeit, und sie sah es an, weil es das Einzige war, was sie ansehen konnte, ohne Miriam anzusehen, und sie merkte, dass sie es ansehen wollte, das Ungleichmäßige, weil es ihr gehörte, in diesem Moment, weil niemand sonst es gerade ansah.
„Ich habe Angst", sagte sie.
Miriam sagte nichts.
„Nicht vor dir", sagte Lena. „Nicht vor der Seide. Nicht vor dem, was du tust." Sie suchte nach dem Wort und fand es nicht, und dann fand sie es doch, und es war kein großes Wort, es war ein kleines, und das kleine war schwerer zu sagen als das große. „Ich habe Angst davor, dass es aufhört und ich dann zurückgehe."
„Zurück wohin", sagte Miriam.
„In den Raum davor." Lena sah sie an. „In den Raum, in dem ich die Bilder angesehen habe und nichts gefühlt habe außer, dass sie schön sind."
Miriam hörte das. Sie hörte es lange, länger, als Lena es ertragen konnte, und dann tat sie etwas, das Lena nicht erwartet hatte. Sie hob die Hand, nicht zu Lenas Hals, sondern zu der Seide unter ihrer Brust, und sie legte zwei Finger unter den Strang, dort, wo er am straffsten lag, und sie zog ihn ein Stück von der Haut weg, ein klein wenig, nur so weit, dass Luft darunter kam, und Lena spürte die Luft an der Stelle, wo die Seide gewesen war, und die Stelle war feucht und warm und plötzlich so nackt, dass sie die Augen schloss.
„Ich höre dich", sagte Miriam. „Das ist alles, was ich jetzt tue."
Sie ließ die Seide wieder zurückfallen. Sie legte sich an, weich, wie sie sich immer anlegte, und Lena spürte sie an derselben Stelle, an der sie eben gewesen war, und die Stelle war jetzt eine andere Stelle, weil sie wusste, dass Miriam sie berührt hatte, und weil Berühren in diesem Raum nicht dasselbe war wie in dem Raum davor.
„Sag mir, wenn du es nicht mehr willst", sagte Miriam. „Das ist das Einzige, was du sagen musst. Sonst nichts."
Lena nickte. Es war ein Nicken, das sie nicht ganz zu Ende brachte, weil ihr Kinn schwer war und der Hals gedehnt, und es wurde ein halbes Nicken, und Miriam sah es und ließ es gelten, weil sie wusste, dass ein halbes Nicken alles war, was Lena gerade hatte.
Die Zeit tat wieder das, was sie tat. Sie stand. Lena wusste nicht, wie lange, nur dass ihre Fersen wieder taub wurden und die Taubheit diesmal nicht wiederkam, sondern blieb, und dass ihr Rücken einen Punkt erreichte, an dem er nicht mehr arbeitete, sondern nur noch hielt, und dass das Halten leichter war als das Arbeiten, und dass sie das nicht gedacht hatte, sondern gefühlt, und dass es ein Gefühl war, das sie behalten wollte.
Miriam ging zum Hocker zurück und setzte sich. Sie nahm das halbe Wasser von der Theke, trank einen Schluck, setzte es zurück, und sah Lena an, von dort, aus der Entfernung, aus der sie Lena vorhin angesehen hatte, wie ein Bild, das sie nicht gemalt hatte. Nur dass Lena jetzt wusste, dass das nicht stimmte, dass sie das Bild war und dass sie es malte, mit jedem Atemzug, mit jedem Stehen, mit jedem Wort, das sie nicht zurücknahm.
„Ich will dich noch etwas fragen", sagte Miriam.
„Ja."
„Der Plug."
Lena spürte ihn. Sie hatte ihn die ganze Zeit gespürt, sie hatte ihn nicht vergessen, aber sie hatte ihn auch nicht gedacht, und jetzt, weil Miriam ihn nannte, war er da, voll und warm, und sie merkte, dass sie ihn die ganze Zeit mitgetragen hatte wie etwas, das man nicht ablegt, weil man es nicht ablegen kann.
„Die Frau mit dem Hoodie hat gesagt, ich soll es dir sagen", sagte Lena.
„Ich weiß, was sie gesagt hat."
„Ich habe es getan."
„Ich weiß." Miriam trank nicht noch einmal. „Ich habe es gesehen, als du hereingekommen bist. Du bist anders gegangen."
Lena stand, und sie stand anders, sie wusste es jetzt, sie spürte es, und sie schämte sich nicht, und das war das Neue, das sie nicht gedacht hatte, dass sie sich nicht schämte, nicht einmal ein bisschen, nicht einmal die kleine Scham, die sie sonst immer mitbrachte, wenn sie etwas tat, das Clara nicht getan hätte.
„Und?", sagte sie.
„Und nichts." Miriam lehnte sich zurück. „Du hast es getan. Du hast es mir gesagt. Beides gehört zu dir. Mehr habe ich nicht gefragt."
Lena wartete. Sie wartete auf das Lob, oder auf die Strafe, oder auf das eine oder das andere, das in diesem Raum auf alles folgte, und es kam keines von beiden, und sie merkte, dass das Warten auf das eine oder das andere das Letzte war, was sie noch aus dem Raum davor mitgebracht hatte, und dass sie es hier lassen konnte, wenn sie wollte.
Sie ließ es nicht. Noch nicht. Aber sie sah es, das Warten, wie man ein Ding sieht, das man noch trägt und bald abstellen wird, und sie wusste, dass es nicht mehr lange dauern würde, und dass Miriam es auch wusste, und dass keiner von ihnen es sagte.
Über ihnen knackte das Rohr.
Lena sagte es, bevor das Rohr sich beruhigt hatte.
„Mehr."
Es war kein lautes Wort. Es war ein Wort, das aus dem Bauch kam, nicht aus dem Hals, und es lag in dem leeren Raum wie etwas, das man nicht mehr zurückholen kann. Miriams Hand, die das halbe Wasserglas am Hocker hielt, blieb stehen, eine Fingerbreite über der Theke.
„Sag es ganz", sagte Miriam.
Lena sah nach oben, an ihren eigenen Armen vorbei, zum Haken, an dem die Seide hing. Ihre Handgelenke waren weiß, wo das Seil lag, und darunter, dünn wie Fäden, die alten Streifen. „Ich will mehr", sagte sie. „Ich will nicht, dass es hier aufhört."
Miriam setzte das Glas ab. Sie stand nicht schnell auf. Sie stand auf wie jemand, der einen Satz zu Ende denkt, bevor er sich bewegt, und dann ging sie, nicht zu Lena, sondern zur Bank, wo Lenas Sachen lagen, der dünne Pullover, die Hose, der BH, ein Haufen, den niemand gefaltet hatte. Sie nahm die Hose, hob sie an einem Bein hoch, ließ sie wieder fallen. Dann nahm sie den Slip.
„Den brauchst du nicht mehr", sagte sie.
Lena sah sie an. Sie verstand das Wort nicht sofort, sie verstand nur, dass Miriam den Slip in der Hand hielt, den dünnen grauen Stoff, der noch warm war von ihrem Körper, und dass Miriam damit zur Vitrine ging, das Schloss aufschloss, das sie schon kannte, das leise Klicken, und etwas herausnahm, das Lena nicht gleich erkannte, weil ihre Augen an dem Slip hingen, der jetzt über Miriams Handrücken hing wie ein Stofffetzen, der nicht mehr zu ihr gehörte.
Es war eine Schere.
Klein, schmal, mit einem dunklen Griff und Klingen, die im Licht der Bar einen kurzen Strich warfen. Miriam kam zurück, blieb vor Lena stehen, und ihre Hände waren ruhig, so ruhig wie bei allem, was sie in diesem Raum tat, und Lena merkte, dass ihr eigener Atem flacher wurde, obwohl sie sich gesagt hatte, dass sie nicht atmen würde wie jemand, der Angst hat.
„Steh still", sagte Miriam. „Nicht, weil du musst. Weil du es kannst."
Lena stand still. Ihre Arme oben, die Seide an Brust und Taille, die zwei Stränge zwischen den Beinen, die sie offenhielten. Miriam kniete sich vor sie, auf dieselbe Höhe, und griff nach dem Bund des Slips, und sie zog ihn nicht herunter, sie fasste ihn nur, mit zwei Fingern, dort, wo der Stoff über Lenas Hüfte lag, und dann setzte sie die Schere an.
Das erste Schneiden war ein Geräusch, das Lena nicht gekannt hatte. Nicht das Knacken von Metall, nicht das Reißen von Papier. Ein leises, gleichmäßiges Zischen, wie ein Atemzug, der aus Stoff kam, und der Slip gab nach, an der Seite, wo die Naht gewesen war, und Miriam schnitt weiter, langsam, ohne zu ziehen, und der Stoff fiel nicht, er blieb liegen, weil die Seide ihn noch hielt, die zwei Stränge, die ihn teilten.
„Ich schneide ihn nicht ab, weil er mir im Weg ist", sagte Miriam, während die Schere weiterlief, ein Stück, eine Fingerbreite, und dann hielt sie inne. „Ich schneide ihn ab, weil du ihn nicht mehr brauchst. Das ist ein Unterschied."
Lena sah auf ihre Hüfte, auf die Klinge, die dort arbeitete, so nah an ihrer Haut, dass sie die Kühle des Metalls spürte, obwohl es sie nicht berührte. Sie sagte nichts. Sie hätte sagen können, dass es ihr gehörte, der Slip, dass er neu war, dass sie ihn am Nachmittag noch gewaschen und aufgehängt hatte, und sie sagte es nicht, weil sie merkte, dass es nicht stimmte, dass er ihr nicht mehr gehörte, seit sie die Treppe heruntergekommen war.
Miriam schnitt die zweite Seite. Dann die Naht in der Mitte, ein kurzer Schnitt, und der Slip lag jetzt offen, zwei Hälften, die nur noch an der Seide hingen. Miriam legte die Schere auf den Boden, neben ihr Knie, und nahm den Stoff mit beiden Händen, und sie zog ihn weg, langsam, vorsichtig, so wie man etwas wegnimmt, das noch an etwas anderem hängt, und die Seide rutschte mit, ein Millimeter, und Lena spürte die Luft an einer Stelle, die eben noch bedeckt gewesen war.
Dann war der Slip weg. Miriam hielt die zwei Hälften in einer Hand, zusammengeknüllt, und sie sah sie an, kurz, und dann ließ sie sie auf den Boden fallen, neben die Schere, und Lena sah den grauen Stoff auf dem Beton liegen, und es war ihr gleich, und sie merkte, dass es ihr gleich war, und dass das etwas war, das sie sich am Morgen nicht hätte vorstellen können.
„Besser", sagte Miriam.
Sie stand auf und ging zur Vitrine zurück, und diesmal ließ sie die Tür auf, sie lehnte sie nur an, und Lena hörte sie arbeiten, das Klirren von Metall, das Rascheln von etwas Weichem, und sie sah nicht hin, weil Miriam nicht gesagt hatte, dass sie hinsehen durfte, und weil sie inzwischen wusste, dass das Nicht-Hinsehen ein Teil von dem war, was sie hier tat.
Miriam kam mit zwei Dingen zurück. In der einen Hand hielt sie etwas Kleines, das Lena erst für Münzen hielt, bis sie die Form sah: zwei Klammern, schmal, gebogen, mit einem Gelenk in der Mitte und einer kleinen Schraube am Ende. In der anderen Hand hielt sie nichts, die war offen, leer, und Lena wusste nicht, warum ihr die leere Hand mehr Angst machte als die volle.
„Die kennst du", sagte Miriam.
„Nein."
„Du hast sie gesehen. In der Vitrine. Am Dienstag." Miriam hielt die eine Klammer hoch, ins Licht der Bar, und drehte sie langsam, so dass Lena das Gelenk sah, das kleine Scharnier, und die Schraube, mit der man es enger stellen konnte. „Das sind Klemmen. Sie tun nicht weh wie etwas, das schneidet. Sie tun weh wie etwas, das hält. Es ist ein anderer Schmerz. Du wirst ihn kennenlernen."
Lena sah die Klammer an. Sie war aus mattem Metall, kein Glanz, wie das Seil, und sie sah aus wie ein Werkzeug, das jemand für eine bestimmte Sache gemacht hatte und für nichts anderes, und Lena merkte, dass sie die Knie zusammenziehen wollte, und dass sie es nicht tat, weil die Seide zwischen ihren Beinen sie offenhielt, und weil sie es nicht wollte.
Miriam legte die Klammer auf die Bank, neben das Hanfseil, das noch dort lag, und trat vor Lena. Sie nahm die erste Klammer wieder in die Hand, und dann hob sie die andere Hand, und diesmal tat sie es langsam, so langsam, dass Lena jedes Stück des Weges sah, und sie legte die Hand auf Lenas Brust.
Nicht auf die Brustwarze. Daneben. Die Hand lag flach, warm, und bedeckte die Hälfte, und Lena spürte die Wärme durch die eigene Haut, und sie spürte, wie die Brustwarze sich zusammenzog, obwohl Miriam sie nicht berührte, als hätte die Haut schon vorher gewusst, was kam.
„Atme", sagte Miriam.
Lena atmete. Und dann nahm Miriam die Finger weg, ließ nur zwei zurück, Daumen und Zeigefinger, und sie nahm die Brustwarze zwischen sich, vorsichtig, ohne zu drücken, und sie hielt sie so, während sie die Klammer mit der anderen Hand ansetzte, und Lena sah zu, wie das Metall sich um sie legte, ein kleiner Mund, der sich schloss, und dann drehte Miriam die Schraube.
Es war kein Schmerz. Das war das Erste, und es überraschte sie wieder, so wie der Plug sie überrascht hatte. Es war ein Druck, ein Zusammendrücken, das von außen kam und nach innen ging, und die Brustwarze, die eben noch kalt gewesen war, wurde unter dem Metall warm, heiß fast, als hätte jemand einen Punkt auf ihrer Haut gefunden, der vorher nicht dagewesen war.
„Fester?", sagte Miriam.
Lena schluckte. „Ja."
Miriam drehte die Schraube eine halbe Umdrehung weiter. Der Druck wurde mehr, ein Stück, und dann noch ein Stück, und Lena merkte, wie ihr Atem sich veränderte, wie er kürzer wurde, oben im Brustkorb, und wie ihr Rücken sich streckte, weil die Seide sie oben hielt und weil der Druck sie nach vorn zog, zwei Richtungen, und sie wusste nicht, welcher sie folgen sollte.
Miriam ließ los. Die Klammer blieb. Lena sah an sich herunter, und da war sie, das kleine matte Ding an ihrer Brustwarze, und die Haut darum war gerötet, ein Ring, der sich langsam dunkler färbte, und der Anblick war so deutlich, dass sie die Augen schließen musste, nur kurz, und dann wieder aufmachte, weil sie es sehen wollte.
„Die zweite", sagte Miriam.
Sie machte es genauso. Langsam, mit derselben Hand, und diesmal wusste Lena, was kam, und es war schlimmer, weil sie es wusste, weil sie den Druck schon kannte und weil ihr Körper schon wusste, wie er darauf antworten würde. Als die zweite Klammer saß und Miriam die Schraube drehte, machte Lena ein Geräusch, das sie nicht geplant hatte, ein kurzes, tiefes Ausatmen, das fast ein Wort war, und Miriam hörte es und drehte nicht weiter und ließ es stehen.
„Gut", sagte sie.
Sie trat einen Schritt zurück und sah Lena an, von oben bis unten, und Lena stand mit erhobenen Armen, mit der Seide um Brust und Taille, mit den zwei Klammern, und sie merkte, dass ihr Körper sich verändert hatte, ohne dass sie sich bewegt hatte. Die Brüste saßen höher, weil die Seide sie hob, und die Klammern zogen sie ein Stück nach vorn, und jedes Mal, wenn sie atmete, bewegte sich der Druck, ein Millimeter, und jeder Millimeter war ein kleiner, klarer Punkt, der durch ihren ganzen Körper ging.
„Und jetzt", sagte Miriam, „das andere."
Sie kniete sich wieder vor sie, und diesmal nahm sie die Seide in die Hand, die zwei Stränge, die zwischen Lenas Beinen lagen und sie offenhielten, und sie zog sie ein Stück straffer, so dass Lena die Spannung an der Innenseite spürte, ein Ziehen, das sie schon kannte, und dann nahm Miriam die dritte Klammer.
Lena sah sie an. „Da?"
„Da."
Miriam schob die Seide ein Stück zur Seite, mit zwei Fingern, und Lena spürte die Luft an der Stelle, die jetzt frei lag, und sie spürte auch Miriams Finger, die dort waren, ohne zu drücken, nur um zu halten, was sie hielten, und dann setzte sie die Klammer an.
Es war ein Schmerz, diesmal, ein echter, ein heller, der nicht wie Druck war, sondern wie ein kleines, scharfes Erwachen, und Lena riss die Luft ein, oben im Brustkorb, und ihre Arme zogen an der Seide, ein Ruck, der nichts bewegte, und ihre Fersen hoben sich vom Boden, einen Millimeter, und dann stand sie wieder.
„Atme durch", sagte Miriam. „Es geht vorbei. Es wird ein anderes Gefühl."
Lena atmete. Sie atmete, und der Schmerz blieb, aber er wurde nicht größer, er blieb an derselben Stelle, ein Punkt, der nicht nachgab, und dann, langsam, während sie atmete, wurde er warm, so wie die Brustwarze warm geworden war, und dann war er kein Schmerz mehr, sondern ein Dasein, ein Ding, das sie trug, und sie merkte, dass ihre Knie weich wurden, und dass sie sie hielt, weil die Seide sie hielt.
„Die andere Seite", sagte Miriam.
Sie machte es genauso. Sie schob die Seide, sie setzte die Klammer, sie drehte die Schraube, und diesmal wusste Lena, was kam, und sie riss die Luft nicht ein, sie atmete langsam, durch die Nase, wie Miriam es ihr gesagt hatte, und der Schmerz kam und blieb und wurde warm, und als Miriam die zweite Klammer an der anderen Seite der Schamlippe setzte, stand Lena in der Mitte des Raums und trug vier kleine Punkte, zwei an der Brust, zwei tiefer, und alle vier waren warm, und alle vier waren deutlich, und alle vier waren ihretwegen da.
Miriam richtete sich auf. Sie nahm die zwei Enden der Seide, die zwischen Lenas Beinen lagen, und sie zog sie, nicht fest, nicht ruckartig, sondern langsam, gleichmäßig, so wie man eine Schnur spannt, und Lena spürte, wie die Klammern sich mitzogen, wie die Haut, die sie hielten, sich dehnte, ein Millimeter, dann zwei, und dann war da eine Spannung, die von der Mitte ausging und nach außen lief, und Lena merkte, dass sie weiter geöffnet war, als sie es je gewesen war, nicht nur von der Seide, sondern von den Klammern, die hielten, was sie hielten, und weiter zogen, als die Seide allein es gekonnt hätte.
„Fühlst du es", sagte Miriam.
„Ja."
„Was."
Lena suchte. Sie suchte nach einem Wort, das groß genug war, und sie fand keines, und dann nahm sie das, was da war. „Es ist, als würde ich auseinandergehalten", sagte sie. „Nicht mit Gewalt. Mit Augen."
Miriam zog die Seide ein Stück fester, und die Spannung nahm zu, und Lena spürte, wie die Klammern sich tiefer setzten, wie die Haut zwischen ihnen sich straffte, und dann ließ Miriam die Enden nach oben laufen, über Lenas Bauch, und sie band sie an dem Seil fest, das um Lenas Taille lag, und als der Knoten saß, hing die Seide von der Taille herunter, und die zwei Stränge zwischen Lenas Beinen waren jetzt nicht mehr nur gelegt, sie waren gespannt, gehalten, und jede Bewegung, die Lena machte, jede Atembewegung, zog an den Klammern, und die Klammern zogen an der Haut, und die Haut zog an ihr.
Lena stand. Sie stand und sie spürte jede Stelle, die sie trug, und sie merkte, dass sie nicht mehr wusste, wo ihr Körper aufhörte und wo die Dinge anfingen, dass alles ein Ding geworden war, das atmete, und dass sie dieses Ding war.
Miriam ging zur Vitrine. Diesmal ließ sie sich Zeit, und Lena hörte sie arbeiten, das Klirren, das Schieben einer Schublade, und dann kam sie zurück, und in ihrer Hand war etwas, das Lena diesmal sofort erkannte, weil es die Form hatte, die sie seit dem ersten Abend in diesem Raum kannte und nicht benannt hatte.
Es war Metall. Schmiedeeisern, schwarz, mit einer Biegung, die aussah wie ein Haken, und unten, am Ende, ein kleiner Ball, der sich in der Biegung drehte, und oben, am anderen Ende, eine Öse, durch die man etwas ziehen konnte. Miriam hielt es hoch, ins Licht, und drehte es langsam, und das Metall war warm in ihrer Hand, das sah Lena, weil Miriam es vorher in der Schublade gehalten hatte, wo es lag.
„Das ist ein Haken", sagte Miriam. „Du weißt, wofür."
Lena sah den Haken an. Sie sah ihn lange, länger als die Klammern, länger als die Schere, und sie merkte, dass ihr Mund trocken war, nicht von der Angst, sondern von dem Wissen, das in ihr aufstieg wie Wasser in einem Rohr, langsam und unaufhaltsam.
„Ich weiß, wofür", sagte sie.
Miriam nickte, nur einmal, und dann tat sie etwas, das Lena nicht erwartet hatte. Sie legte den Haken nicht auf die Bank, sie hielt ihn nicht hoch wie ein Werkzeug, das man erklärt. Sie ging zu Lena zurück, ganz nah, so nah, dass Lena die Wärme ihres Körpers spürte, und sie legte die freie Hand an Lenas Hüfte, dort, wo die Seide auflag, und sie zog sie ein Stück zur Seite.
„Weiter öffnen", sagte sie. „Nicht mehr, als du kannst."
Lena atmete. Sie atmete und sie ließ es zu, und sie merkte, dass ihr Körper sich bewegte, ohne dass sie ihn bewegte, dass ihre Hüfte sich drehte, ein kleines Stück, und dass die Seide zwischen ihren Beinen sich spannte, und dass die Klammern sich mitzogen, und dass der Druck an vier Stellen gleichzeitig zunahm, oben und unten, und dass es sie nicht mehr erschreckte.
Miriam ließ die Hand an ihrer Hüfte. Mit der anderen führte sie den Haken nach unten, langsam, und Lena sah nicht hin, sie fühlte es, das kalte Metall, das an der Innenseite ihrer Schenkel entlangstrich, ein Strich, der nicht drückte, nur berührte, und dann war der kleine Ball am Ende an der Stelle, die der Plug besetzt hielt, und Miriam hielt inne.
„Der Plug bleibt, wo er ist", sagte sie. „Der Haken geht daneben."
Lena verstand nicht sofort, was das bedeutete, und dann verstand sie es, als Miriam den Haken drehte und die Biegung ansetzte, und der kleine Ball sich gegen die Stelle legte, die noch frei war, und sie spürte, wie das Metall sich anschmiegte, wie es sich in die Falte legte, die der Plug nicht ausfüllte, und wie es dort blieb, warm werdend, weil es ihre Wärme aufnahm.
„Atme aus", sagte Miriam.
Lena atmete aus, und während sie ausatmete, schob Miriam den Haken weiter, ein Stück, und dann noch ein Stück, und Lena spürte, wie ihr Körper nachgab, so wie er am Dienstag nachgegeben hatte, nur anders, weil der Plug schon da war und weil das Metall sich um ihn legte, nicht gegen ihn, sondern neben ihm, und weil die Öse oben, durch die die Seide lief, jetzt an der Seide hing, die Miriam um ihre Taille gebunden hatte.
Miriam nahm die Seide. Sie nahm die zwei Enden, die von der Taille herunterhingen, und sie fädelte sie durch die Öse, und dann zog sie, und Lena spürte, wie der Haken sich hob, ein Millimeter, und wie der kleine Ball sich gegen die Innenseite drückte, und wie der Druck nicht nachließ, sondern blieb, ein fünfter Punkt, der zu den vier anderen gehörte.
„Und jetzt", sagte Miriam, „ziehst du selbst."
Lena sah sie an.
„Die Seide", sagte Miriam. „Du hältst sie. Du ziehst. Nicht ich."
Lena nahm die Seide. Ihre Hände waren oben, in den Seilen, und sie konnte sie nicht benutzen, und sie verstand, dass Miriam das wusste, dass es der Punkt war, und dann tat sie das Einzige, was ihr blieb, sie lehnte sich zurück, ein Stück, in die Seide, die sie oben hielt, und die Seide um ihre Taille zog sich mit, und die Seide, die durch die Öse lief, zog den Haken, und der Haken zog den kleinen Ball, und der kleine Ball drückte gegen die Stelle, die warm war, und Lena machte ein Geräusch, das kein Wort war.
„Mehr", sagte sie.
Es war kein lautes Wort. Es war ein Wort, das aus dem Bauch kam, und diesmal war es nicht das erste Mal, dass sie es sagte, und es war trotzdem neu, weil sie es jetzt wusste, weil sie wusste, wohin es führte, und weil sie es trotzdem sagte.
Miriam trat einen Schritt zurück. Sie ließ Lena die Seide halten, und sie sah zu, wie Lena sich bewegte, wie sie sich zurücklehnte und wieder aufrichtete, ein kleines, langsames Wiegen, und wie der Haken sich mitbewegte, und wie die Klammern sich mitbewegten, und wie Lenas Atem in einem Rhythmus ging, der nicht mehr ihr eigener war, sondern der des Ziehens.
„Gut", sagte Miriam. „Du lernst."
Sie ging zur Bank und nahm das Hanfseil, das dort lag, das kurze Stück, das sie am Dienstag benutzt hatte, und sie kam zurück und kniete sich neben Lena, und sie band das Seil nicht an Lenas Händen fest, sie band es an der Seide fest, dort, wo die Öse des Hakens saß, und sie führte die Enden nach hinten, um Lenas Taille herum, und sie verknotete sie auf dem Rücken, so dass die Spannung blieb, auch wenn Lena sich nicht mehr bewegte.
„Jetzt hält es sich selbst", sagte Miriam. „Du musst nichts mehr tun. Du musst nur stehen."
Lena stand. Sie stand und sie spürte, wie die Spannung blieb, wie sie nicht nachließ, weil der Knoten sie hielt, und wie ihr Körper sich in dieser Spannung einrichtete, so wie man sich in einen Stuhl einrichtet, und wie das Ziehen kein Ziehen mehr war, sondern ein Zustand, ein Zustand, in dem sie sich befand.
Miriam stand auf und ging um sie herum. Sie ging langsam, und Lena hörte ihre Schritte auf dem Beton, und sie hörte, wie sie hinter ihr stehen blieb, und dann spürte sie Miriams Hand auf ihrem Rücken, zwischen den Schulterblättern, flach, warm, und Miriam strich mit der Hand nach unten, über die Wirbelsäule, langsam, bis zum Kreuz, und dann weiter, bis zu der Stelle, wo der Haken saß, und sie berührte die Öse nicht, sie berührte nur die Haut daneben.
„Was fühlst du", sagte Miriam.
Lena suchte. Sie suchte nach einem Wort, und diesmal fand sie eines, und es war nicht groß, aber es war richtig. „Ich fühle, dass ich gehalten werde", sagte sie. „Von allen Seiten. Und dass ich mich nicht wehren muss."
Miriam ließ die Hand auf ihrem Rücken liegen. Sie sagte nichts, eine Weile, und Lena hörte ihren Atem hinter sich, ruhig, gleichmäßig, und dann spürte sie, wie Miriams Hand sich bewegte, wie sie wieder nach oben strich, über die Wirbelsäule, bis zum Nacken, und wie sie dort liegen blieb, warm, und wie der Daumen sich bewegte, ein kleiner Kreis, an der Stelle, wo das Seil um Lenas Hals lag, nicht fest, nur gelegt.
„Du hast am Dienstag gefragt, was Ergebung ist", sagte Miriam. „Ich habe es dir gesagt. Du hast es nicht verstanden."
„Nein."
„Du verstehst es jetzt."
Lena atmete. Sie atmete und sie merkte, dass ihr die Augen warm wurden, nicht von Tränen, sondern von etwas anderem, von einem Druck, der von innen kam, und sie blinzelte, und sie blieb stehen, weil sie stehen wollte, und weil das Stehen jetzt das war, was sie tat.
„Ja", sagte sie.
Miriam nahm die Hand weg. Sie ging wieder zur Vitrine, und diesmal blieb sie länger, und Lena hörte das Geräusch von Leder, das Geräusch von etwas, das sich öffnete, und dann kam sie zurück, und in ihrer Hand war ein Riemen, schmal, aus dunklem Leder, und an einem Ende war eine kleine Schlaufe, und am anderen Ende war nichts, nur das Leder, das sich verjüngte.
„Und jetzt", sagte Miriam, „zeige ich dir, wie man das trägt."
Sie trat hinter Lena, und sie legte den Riemen nicht an, sie hielt ihn nur, und Lena spürte das Leder an der Haut ihres Rückens, kühl, und dann warm, und Miriam führte den Riemen nach vorn, unter Lenas Armen hindurch, und sie legte ihn um die Taille, über die Seide, und sie zog ihn nicht fest, sie legte ihn nur, und dann nahm sie die Schlaufe und führte sie durch die Öse des Hakens, und sie zog, langsam, und der Haken hob sich, ein Stück, und der kleine Ball drückte, und Lena machte wieder das Geräusch, das kein Wort war.
„Das ist der Unterschied", sagte Miriam, hinter ihr, nah an ihrem Ohr. „Die Seide hält dich offen. Das Leder hält dich zusammen. Du trägst beides. Du entscheidest, was mehr ist."
Lena stand. Sie stand in der Mitte des Raums, mit den vier Klammern, mit dem Haken, mit der Seide und dem Leder, und sie spürte, wie die zwei Dinge sich in ihr trafen, das Öffnen und das Halten, und wie sie sich nicht widersprachen, sondern wie sie dasselbe sagten, nur von zwei Seiten.
„Ich will mehr", sagte sie.
Miriam ließ den Riemen los. Sie trat vor Lena, und sie sah sie an, von oben bis unten, und ihr Gesicht war ruhig, aber ihre Augen waren es nicht, und Lena sah das, und sie wusste, dass sie es gesehen hatte, und dass Miriam wusste, dass sie es gesehen hatte.
„Das", sagte Miriam, „ist das erste Mal, dass du es sagst, ohne dass ich frage."
Sie nahm Lenas Kinn in die Hand, nicht fest, nur um es zu halten, und sie drehte Lenas Kopf ein Stück, so dass Lena in ihr Gesicht sah, und dann ließ sie los, und sie ging zur Bank und setzte sich, und sie sah Lena an, die noch stand, und sie sagte nichts mehr, und das Schweigen war nicht leer, es war voll.
Das Schweigen hielt. Lena stand, die Arme oben, die Seide an Brust und Taille, die vier Klammern warm an ihren Stellen, und Miriam saß auf der Bank und sah sie an, ohne etwas zu tun, und das Nichtstun war das, was Lena am schwersten aushielt, weil ihr Körper inzwischen gelernt hatte, im Angesehenwerden zu leben.
„Ich will mehr", sagte sie.
Es war das zweite Mal, dass sie es ohne Frage sagte, und sie hörte sich selbst dabei zu, wie sie es am Morgen im Spiegel getan hätte, prüfend, ob es stimmte, und es stimmte, es kam aus dem Bauch und nicht aus dem Kopf, und der Bauch war inzwischen der einzige Ort, an dem sie noch wusste, was sie wollte.
Miriam stand auf. Sie stand langsam, so wie sie immer aufstand, als hätte sie den Satz vorher zu Ende gedacht, und sie ging nicht zu Lena, sie ging zur Bank, wo Lenas Sachen lagen, der dünne Pullover, die Hose, der BH, und darunter, halb unter dem BH, der graue Slip, den sie vorhin aufgeschnitten hatte, zwei Hälften, die noch zusammenhielten, weil der Stoff sich nicht so leicht trennen ließ.
Sie nahm die zwei Hälften hoch. Sie hielt sie ins Licht der Bar, drehte sie, wie sie den Riemen gedreht hatte, am Dienstag, mit derselben ruhigen Genauigkeit, und Lena sah den grauen Stoff, den sie am Nachmittag noch gewaschen und über die Heizung gehängt hatte, und sie merkte, dass sie ihn nicht mehr erkannte.
„Der hält nicht mehr", sagte Miriam. „Er ist durchgeschnitten und wieder zusammengelegt. Beim nächsten Mal würde er reißen, an der Stelle, wo ich geschnitten habe. Also schneide ich ihn ganz weg."
Sie legte die zwei Hälften auf die Bank, neben das Hanfseil, und ging zur Vitrine, und diesmal ließ sie die Tür offen, sie lehnte sie nur an, und Lena hörte das Klirren und das Schieben, und dann kam Miriam zurück mit der Schere, die noch auf dem Boden gelegen hatte, und sie hob sie auf und wischte die Klinge mit dem Daumen ab, langsam, obwohl nichts daran war, was man abwischen musste.
„Steh still", sagte Miriam. „Nicht, weil du musst."
„Weil ich es kann."
Miriam sah auf. Es war ein kurzer Blick, kein Lächeln, aber irgendetwas darin war wärmer als das Licht über der Bar, und dann kniete sie sich vor Lena, auf dieselbe Höhe, und sie griff nach dem Bund des Slips, der noch an Lenas Hüfte lag, unter der Seide, über der Haut.
Die Schere setzte an. Diesmal an der Innenseite, dort, wo der Stoff sich dehnte, wenn Lena die Beine auseinandernahm, und Miriam schnitt nicht schnell, sie schnitt in kleinen, gleichmäßigen Strichen, und Lena spürte die Klinge nicht, sie spürte nur den Stoff, der sich löste, Millimeter für Millimeter, und die Luft, die an Stellen kam, die vorher bedeckt gewesen waren.
„Warum schneidest du ihn nicht einfach runter", sagte Lena. „Über die Hüfte. Dann wäre es schneller."
„Weil ich nicht will, dass du ihn vermisst", sagte Miriam, ohne aufzusehen. „Wenn ich ihn runterziehe, ist er noch ganz, und du denkst, du könntest ihn wieder anziehen. Wenn ich ihn aufschneide, ist er weg. Das ist die Sache."
Die Schere schnitt weiter, und dann war der Bund durch, und Miriam zog die zwei Hälften nicht weg, sie ließ sie liegen, wo sie lagen, auf Lenas Hüfte, und sie setzte die Schere noch einmal an, an der anderen Innenseite, und schnitt, im selben ruhigen Takt, und Lena hörte das Geräusch, das der Stoff machte, wenn er nachgab, ein leises Reißen, kein Knall, nur ein Nachgeben.
Dann lagen vier Lappen auf Lenas Haut, zwei vorn, zwei hinten, und Miriam nahm den ersten, den hinteren, und zog ihn weg, langsam, und die Luft kam an Lenas Rückseite, und Lena spürte, wie sich dort alles zusammenzog, nicht aus Kälte, sondern weil es jetzt offen war.
„Beine auseinander", sagte Miriam.
Lena tat es. Sie tat es, ohne zu zählen, ohne den Atem anzuhalten, und Miriam nahm die zwei vorderen Lappen und zog sie weg, erst den einen, dann den anderen, und dann war der Slip weg, ganz, und Miriam legte die vier Stücke zusammen, faltete sie einmal, und legte sie auf die Bank, neben das Hanfseil, und Lena sah ihr eigenes Grau da liegen, ordentlich, wie etwas, das man aufbewahrt, und sie wusste, dass es nicht aufbewahrt wurde, sondern dass es nur noch da war.
„Der gehört nicht mehr dir", sagte Miriam. „Der gehört jetzt dem Raum. Wenn du wiederkommst, liegt er da, oder nicht. Du hast keine Hand mehr daran."
Lena sagte nichts. Sie stand, die Beine auseinander, die Arme oben, und sie merkte, dass die Kühle an ihr jetzt vollständig war, überall, und dass sie nicht fror, sondern dass sie wach war, wacher als am ganzen Tag.
Miriam ging zur Vitrine. Sie öffnete die angelehnte Tür ganz, und Lena hörte das Schieben von Metall auf Metall, ein Geräusch wie kleine Ketten, und dann kam Miriam zurück, und in ihrer Hand war etwas, das Lena zuerst für zwei Ringe hielt, aber es waren keine Ringe, es waren zwei kurze Stäbe aus schwarzem Metall, und an jedem Ende war eine kleine Kugel, und in der Mitte war ein Gelenk, und an dem Gelenk hing eine kleine Feder, die man zusammendrücken konnte.
„Knie dich hin", sagte Miriam. „Auf die Bank, mit dem Rücken zu mir."
Lena kniete sich auf die Bank. Das Leder war kühl unter ihren Knien, und sie saß auf den Fersen, und der Haken an ihrem Nacken und die Klammern an ihren Brustwarzen zogen, als sie sich setzte, und sie ließ den Zug zu, sie atmete ihn ein.
Miriam trat hinter sie. Sie legte die zwei Metallstäbe auf die Bank, neben Lenas Knie, und dann nahm sie den ersten und hielt ihn vor Lenas Gesicht, damit sie ihn sah, bevor sie ihn spürte.
„Das ist ein Nippelklipp", sagte sie. „Er beißt nicht. Er hält. Der Unterschied ist derselbe wie eben."
Sie griff um Lena herum, sie nahm die linke Brustwarze zwischen Daumen und Zeigefinger, und sie rollte sie, einmal, zweimal, bis sie hart war, und Lena sah ihre eigene Brust, die sich in Miriams Hand veränderte, und dann setzte Miriam den Clip an, und sie schloss ihn nicht schnell, sie schloss ihn langsam, und die zwei kleinen Kugeln kamen zusammen, und die Feder gab nach, und es war ein Druck, kein Schmerz, ein Druck, der blieb.
Lena machte das Geräusch, das kein Wort war, und diesmal kam es nicht aus dem Hals, es kam tiefer, aus der Brust, und sie hörte es selbst und erschrak nicht.
„Atme", sagte Miriam. „Der Druck wird mehr, wenn du nicht atmest. Also atme."
Lena atmete. Sie atmete durch die Nase, langsam, und sie merkte, wie der Druck mit jedem Atemzug ein Stück weiter in sie hineinging, und wie er dort ankam, wo die Seide lag, und wie die Seide und der Clip dasselbe sagten, von zwei Seiten.
Miriam nahm den zweiten Clip. Sie tat dasselbe mit der rechten Brustwarze, und diesmal wusste Lena, was kam, und sie wartete nicht passiv, sie lehnte sich ein Stück zurück, in Miriams Hand hinein, und Miriam ließ es zu, sie sagte nichts dazu, und der zweite Clip schloss sich, und jetzt waren beide da, links und rechts, und die zwei Federn zogen an zwei Stellen, die vorher nur warm gewesen waren.
„Steh auf", sagte Miriam.
Lena stand auf. Sie stand auf, und die zwei Clips zogen mit, sie hingen an ihr, und als sie sich aufrichtete, spürte sie das Gewicht, klein, aber echt, und sie merkte, dass sie die Schultern ein Stück zurücknahm, ohne es zu wollen, weil das Gewicht sie dorthin zog.
„Sieh mich an", sagte Miriam.
Lena sah sie an. Miriam stand vor ihr, einen Schritt weg, und sie sah auf Lenas Brust, nicht lange, nur prüfend, und dann sah sie Lena in die Augen, und Lena hielt es aus, länger als sonst, und sie merkte, dass das Aushalten jetzt keine Anstrengung mehr war, sondern dass es etwas war, das sie tat wie Atmen.
Miriam kniete sich wieder vor sie. Sie kniete sich vor Lenas Beine, und sie nahm die zwei Stäbe, die noch auf der Bank lagen, und sie hielt sie hoch, und Lena sah sie jetzt genauer, und sie sah, dass die Kugeln an den Enden nicht rund waren, sie waren flach, wie kleine Knöpfe, und die Feder dazwischen war fein, wie die Feder in einem Kugelschreiber.
„Das sind dieselben", sagte Miriam. „Nur kleiner. Und die Stelle ist empfindlicher, also mach ich sie langsamer."
Sie nahm Lenas rechtes Bein und legte es über ihre Schulter, nicht hoch, nur angelegt, so dass Lena auf einem Knie stand und das andere Bein auf Miriams Schulter ruhte, und die Seide an Lenas Taille verschob sich, und der Haken zog, und Lena spürte, wie ihr Becken sich öffnete, ohne dass sie es befahl.
Miriam nahm die rechte Schamlippe zwischen Daumen und Zeigefinger. Sie rollte sie nicht, sie hielt sie nur, und dann setzte sie den kleinen Clip an, und sie schloss ihn wieder langsam, und Lena spürte, wie die zwei flachen Kugeln sich zusammenschoben, und wie das Fleisch dazwischen nachgab, und wie der Druck dort ankam, wo sie ihn noch nie gehabt hatte.
Es war kein Schmerz. Es war ein Wissen. Es war die Stelle, die sie kannte, aber von innen, und jetzt war sie von außen gehalten, und Lena hörte sich atmen, und der Atem kam stoßweise, und sie ließ ihn stoßen.
„Und jetzt die andere", sagte Miriam.
Sie setzte den zweiten Clip an, links, und sie tat es genauso langsam, und Lena stand, auf einem Knie, das andere Bein auf Miriams Schulter, und sie sah auf Miriams Hand hinunter, und sie sah die zwei kleinen schwarzen Kugeln an sich, links und rechts, und sie sah den Stoff der Seide darüber, und sie merkte, dass ihr das Bild gefiel, nicht weil es schön war, sondern weil es stimmte.
Miriam ließ das Bein von ihrer Schulter. Sie stand auf, und sie trat einen Schritt zurück, und sie sah Lena an, von oben bis unten, und dann ging sie zur Bank und nahm die Seide, die noch um Lenas Taille lag, an den zwei losen Enden, die hinten herunterhingen, und sie zog sie nicht, sie wickelte sie nur um ihre Hand, einmal, und dann zog sie, langsam, und die Seide straffte sich über Lenas Bauch.
Und dann zog sie weiter.
Die zwei Clips an den Schamlippen wurden auseinandergezogen, Millimeter für Millimeter, und Lena spürte, wie sich das Fleisch dehnte, und wie die zwei flachen Kugeln sich voneinander entfernten, und wie dazwischen etwas frei wurde, das vorher zusammengelegen hatte, und die Luft kam an diese Stelle, kühl, und Lena machte ein Geräusch, das sie nicht kannte, und sie hörte es und ließ es stehen.
„Nicht zu weit", sagte Miriam. „Nur so weit, dass du weißt, wo du bist."
Sie band die zwei Seidenenden an der Rückseite von Lenas Taille fest, mit einem Knoten, den Lena nicht sah, nur spürte, und dann trat sie wieder vor Lena, und sie sah die Öffnung an, die jetzt da war, und Lena sah, dass Miriam sie ansah, und sie schämte sich nicht, und das war neu.
„Und jetzt", sagte Miriam, „das Metallstück."
Sie ging zur Vitrine, und diesmal blieb sie länger, und Lena hörte das Klirren und das Suchen, und dann kam sie zurück, und in ihrer Hand war ein Stück Metall, das Lena nicht einordnen konnte, es war wie ein schmaler Haken, gebogen, mit einer kleinen Kugel am Ende und einem Ring am anderen Ende, und an dem Ring war ein kurzes Stück Kette, und an der Kette war ein kleiner Karabiner.
„Das ist ein Analhaken", sagte Miriam. „Er geht hinein, und er bleibt, und die Kette hängt heraus. Du wirst ihn spüren, wenn du dich bewegst, und du wirst ihn spüren, wenn du still bist. Beides ist der Punkt."
Lena sah das Metall an. Sie sah es an, und sie sah ihre eigene Öffnung, die durch die Seide jetzt weiter war als sonst, und sie wusste, dass das, was Miriam sagte, das Nächste war, und sie wusste, dass sie es wollte, und sie wusste es, ohne dass sie es sagen musste.
„Ich will es", sagte sie trotzdem.
Miriam sah auf. Es war derselbe kurze Blick wie vorhin, kein Lächeln, aber warm, und dann nahm sie die kleine Flasche Öl, die noch auf dem Boden stand, und sie goss etwas davon in ihre Hand, und sie wärmte es zwischen den Fingern, und dann trat sie hinter Lena.
Das Öl war warm, wärmer als ihre Haut, und es kam nicht auf einmal. Miriam ließ es von den Fingerspitzen laufen, langsam, und es fand die Stelle zwischen Lenas Beinen von selbst, weil Öl immer den Weg nach unten findet, und Lena spürte es, wie es die Innenseite des einen Schenkels hinunterlief, an der Seide vorbei, und dann dort ankam, wo die zwei Klammern sie offenhielten. Ein Tropfen. Und noch einer. Und dann Miriams Finger, die nachkamen, zwei, glatt, und die Öffnung entlangfuhren, ohne hineinzugehen, nur entlang, von hinten nach vorn, einmal.
Lena machte einen Ton, den sie nicht kannte. Nicht das Geräusch von vorhin, das aus dem Bauch kam. Etwas Höheres, Kürzeres, das sie sofort in den Hals zurückschluckte, als hätte sie es nicht erlaubt. Ihre Fersen hoben sich vom Boden, einen Millimeter, und setzten sich wieder.
„Nicht schlucken", sagte Miriam hinter ihr. „Das war deins."
Der Finger kam zurück. Diesmal langsamer. Er fuhr nicht die ganze Strecke, er blieb an der Stelle, wo der kleine Ball des Hakens noch nicht saß, und er kreiste dort, einmal, zweimal, mit einem Druck, der nichts tat und deshalb alles, und das Öl wurde warm unter der Bewegung, und Lena spürte, wie die Haut dort sich veränderte, wie sie nachgab, ein bisschen, wie etwas, das sich öffnet, weil es geöffnet wird.
„Atme", sagte Miriam.
„Ich atme."
„Durch die Nase."
Lena atmete durch die Nase. Es ging nicht sofort. Der erste Zug kam zu kurz, der zweite zu tief, und der dritte ging, und mit dem dritten sanken ihre Schultern ein Stück, und die Seide über ihrer Brust gab nach, und die zwei Clips an ihren Brustwarzen zogen mit, weil das Gewicht sich verlagerte, und jeder der zwei Punkte wurde einen Moment lang deutlicher, als hätte jemand kurz an ihnen gerührt.
Miriams Finger gingen weiter. Sie waren jetzt zwei, nicht einer, und sie lagen an der Öffnung an, so wie man zwei Finger an einen Mund legt, der noch nicht geöffnet ist, und sie drückten nicht. Sie warteten. Und Lena wartete mit, und in dem Warten spürte sie, wie die Öffnung selbst sich entschied, wie sie nachgab, nicht weil jemand drückte, sondern weil sie es wollte, und der erste Finger ging hinein, bis zum ersten Gelenk, und blieb.
Es war kein Schmerz. Es war ein Wissen, das durch sie hindurchging, vom Becken bis in die Knie, und sie merkte, dass ihre Knie weich wurden, und dass die Seide sie hielt, und dass sie sich darauf verlassen konnte.
„Fühlst du das Öl", sagte Miriam.
„Ja."
„Wo."
Lena suchte. Sie suchte nicht nach einem Wort, das groß genug war, sie suchte nach dem richtigen. „Es ist nicht außen", sagte sie. „Es ist auch nicht innen. Es ist an der Stelle dazwischen. Da, wo ich nicht weiß, ob ich noch ich bin."
Miriams Finger bewegten sich. Nur ein Stück, ein langsames Gleiten, das Öl verteilte sich, und die Bewegung war so gleichmäßig, dass Lena nicht sagen konnte, wann sie aufhörte und wann sie anfing, und sie merkte, dass ihr Becken sich mitbewegte, ohne dass sie es befahl, ein kleines Vor und Zurück, das den Finger in sich behielt, weil es ihn nicht verlieren wollte.
„Das ist gut", sagte Miriam. „Beweg dich. Nicht für mich. Für dich."
Lena bewegte sich. Sie ließ das Becken kreisen, langsam, und der Finger blieb an seiner Stelle, und die Öffnung arbeitete um ihn, und das Öl wurde zu einem Geräusch, ganz leise, feucht, das nur sie beide hörten, weil der Raum sonst still war. Sie hörte es und schämte sich nicht. Sie hörte es und bewegte sich weiter, und mit jeder Bewegung zogen die zwei Klammern an ihren Schamlippen ein Stück mit, weil die Seide an ihrer Taille festgebunden war, und jedes Ziehen war ein kleiner, klarer Punkt, und alle Punkte kamen zusammen und liefen nach innen, dorthin, wo der Finger war.
Der zweite Finger kam dazu. Er kam nicht schnell. Er legte sich neben den ersten, und dann gingen beide zusammen hinein, bis zum zweiten Gelenk, und Lena merkte, wie die Dehnung sich veränderte, wie sie breiter wurde, und wie es nicht weh tat, sondern wie es sie öffnete, Stück für Stück, so wie Miriam sie die ganze Zeit geöffnet hatte, mit den Händen, mit der Seide, mit den Worten.
„Weiter", sagte Lena.
Es war kein Befehl. Es war ein Bitten, das sie sich selbst erlaubte, und sie hörte es und ließ es stehen, weil sie wusste, dass Miriam es hörte, und weil Miriam nicht lachte, nicht kommentierte, nur die Finger ein Stück tiefer schob, gleichmäßig, ohne Eile.
Lena lehnte den Kopf zurück. Die Steine hinter ihr waren kühl, und ihr Hinterkopf fand den Stein, der vorstand, und sie ließ ihn dort liegen, und mit dem Kopf ging der Hals, und mit dem Hals kam der Atem, und mit dem Atem kam alles. Sie schloss die Augen. Das rote Licht war wieder da, warm, durchblutet, und in dem Licht waren die Finger deutlicher als im Raum, weil sie im Dunkeln nichts sehen musste außer dem Gefühl. Zwei Finger, die sich bewegten, langsam, und das Öl, das mitging, und die Öffnung, die sich an die Finger gewöhnte, so wie man sich an eine Hand gewöhnt, die einen hält.
Miriam zog die Finger zurück. Langsam, Millimeter für Millimeter, und Lena spürte das Öl, das herauskam, warm, an der Innenseite ihres Schenkels, und dann die Leere, die keine Leere war, sondern ein Nachgeben, das blieb. Ihre Knie zitterten jetzt. Sie konnte nicht sagen, ob von der Anstrengung des Stehens oder von dem anderen, und sie hielt sie, weil sie sie halten wollte, und weil Miriam nichts sagte, was ihr das Halten abgenommen hätte.
„Öffne die Augen", sagte Miriam.
Lena öffnete sie. Miriam stand vor ihr, die Hände noch glänzend vom Öl, und sie hielt das Metallstück in einer Hand, das schmale, gebogene, mit der Kugel am Ende und der Kette am Ring, und sie drehte es langsam, so dass das Licht der Bar über die Biegung lief.
„Das Öl ist nicht für den Haken", sagte Miriam. „Das Öl ist für dich. Damit du weißt, wo du bist, wenn er hineingeht, und nicht nur, dass er hineingeht."
Lena sah das Metall an. Sie sah es an, und sie sah Miriams Hand, und dann tat sie etwas, das sie vorher nicht getan hätte. Sie hob das Becken, ein kleines Stück, in die Richtung der Hand, nicht viel, nur so viel, dass es eine Antwort war, und sie hörte sich selbst atmen, und sie ließ den Atem hören.
Miriam sah es. Sie sagte nichts darüber. Sie trat näher, bis ihre Knie fast Lenas Knie berührten, und sie nahm die freie Hand, die nicht das Metall hielt, und legte sie flach auf Lenas Bauch, unterhalb des Nabels, dort, wo die Seide um die Taille lag, und sie hielt sie dort, warm, und dann schob sie die Hand ein Stück nach unten, bis an den Rand der Seide, und dann weiter, bis die Fingerspitzen an der Stelle ankamen, wo das Öl war.
„Bleib so", sagte sie. „Beweg dich nicht. Ich will, dass du das Öl fühlst, bevor ich anfange, weil du es später nicht mehr einzeln fühlen wirst. Dann ist es alles zusammen."
Lena blieb so. Sie stand, die Beine auseinander, die Arme oben, und die vier Klammern und der Haken hielten sie an ihren Stellen, und Miriams Finger lagen an ihrer Öffnung, ohne zu drücken, und das Öl wurde langsam kühl, weil nichts sich bewegte, und genau in dieser Kühle merkte Lena, wie sehr sie sich bewegte, innerlich, wie ihr Körper arbeitete, ohne dass sie es befahl, wie die Öffnung nachgab und sich wieder schloss, wie etwas atmete, das kein Atem war.
„Jetzt", sagte Miriam.
Sie nahm die Hand vom Bauch und die Finger von der Öffnung, und sie trat einen halben Schritt zurück und kniete sich auf ein Knie, nicht beide, so dass sie auf Lenas Höhe war und trotzdem tiefer, und sie hielt den Haken hoch, mit der Kugel nach vorn, und sie ließ Lena ihn sehen, ganz, in Ruhe, so lange, dass Lena den Blick nicht mehr abwenden konnte, weil sie es nicht wollte.
„Nicht fest", sagte Miriam. „Nicht tief. Nur so weit, dass er bleibt. Und du sagst es, wenn es zu viel ist. Nicht später. Sofort."
„Ja."
Miriam setzte die Kugel an. Sie setzte sie an die Stelle, die das Öl vorbereitet hatte, und sie drückte nicht, sie wartete, und Lena spürte, wie die Kugel sich anlegte, kalt, obwohl die Hand sie gehalten hatte, und wie die Kälte die Wärme traf, die das Öl gemacht hatte, und wie beides sich mischte, und wie ihr Körper sich in diesem Moment entschied, ohne sie zu fragen.
Dann ging die Kugel hinein.
Langsam, Millimeter für Millimeter, und Lena spürte jede Stelle, die sie passierte, und sie spürte, wie die Öffnung sich um sie legte, wie ein Mund, der etwas aufnimmt, das er nicht loslässt, und dann saß die Kugel, und Miriam hielt inne, und der Haken ruhte in ihr, und Lena merkte, dass sie die Luft angehalten hatte, und sie ließ sie aus, langsam, und mit dem Ausatmen sank die Kugel einen Hauch tiefer, so als hätte sie auf den Atem gewartet.
„Gut", sagte Miriam. „Jetzt die Kette."
Sie nahm das kurze Stück Kette, das an dem Ring hing, und sie ließ es nicht hängen, sie legte es nicht einfach, sie führte es an der Innenseite von Lenas rechtem Oberschenkel hinauf, und dann band sie es, mit einem kleinen Karabiner, an der Seide fest, die um Lenas Taille lag, so dass die Kette eine Verbindung war, keine Dekoration, und Lena spürte sie sofort, diese Verbindung, weil sie nicht mehr nur in ihr war, sie war auch an ihr, sie verband die Kugel innen mit der Seide außen, und jede Bewegung, die sie machte, ging durch die Kette.
Lena bewegte sich, um es zu prüfen. Ein halber Schritt, ein Kippen des Beckens, und die Kette zog, und die Kugel folgte, ein Millimeter, und die Öffnung folgte mit, und Lena machte wieder den Ton, den sie nicht kannte, und diesmal schluckte sie ihn nicht, sie ließ ihn stehen.
Miriam stand auf. Sie sah auf die Kette, die an Lenas Schenkel lag, und dann auf Lenas Gesicht, und ihr Blick blieb dort, länger als nötig, und Lena hielt ihn aus, und sie merkte, dass sie ihn aushielt, weil sie inzwischen wusste, dass Miriams Blick das war, was sie hielt, mehr noch als die Seide.
„Und jetzt", sagte Miriam, „stehst du."
Lena stand. Sie stand, und die Kette lag an ihrem Schenkel, und die Kugel saß in ihr, und die vier Klammern hielten ihre Stellen, und der Plug, der die ganze Zeit dagewesen war, war jetzt nicht mehr allein, er war ein Teil von einem Ganzen, das atmete, und das Ganze war sie. Sie sah nach unten, an sich vorbei, auf ihre eigenen Füße in den Socken, auf die zwei Stränge der Seide, die ihre Beine hinunterliefen, auf die Kette, die an dem einen Strang festgemacht war, und sie merkte, dass ihr das Bild gehörte, ganz, und dass sie es nicht mehr hergeben wollte.
Miriam ging zur Bank und setzte sich. Sie lehnte sich zurück, die Hände auf den Oberschenkeln, und sah Lena an, von dort, aus der Entfernung, und sie sagte nichts, und das Schweigen war voll, weil es alles enthielt, was sie nicht sagte.
Lena stand. Die Wand summte. Der Kühlschrank hinter der Bar brummte. Irgendwo tropfte das Öl, das immer tropfte, und in dem Tropfen lag ein Rhythmus, an den Lena ihren Atem hängen konnte, wenn sie wollte, und sie wollte, und sie hing ihren Atem daran, und mit dem Atem ging die Kette, und mit der Kette ging die Kugel, und mit der Kugel ging alles.
„Ich will es nicht abmachen", sagte sie.
Es war das erste Mal, dass sie es so sagte, ohne dass sie gefragt worden war, ohne dass ein Wort vorhergegangen war, das es verlangt hätte, und sie hörte sich selbst dabei zu und wusste, dass es stimmte.
Miriam sah sie an. Sie stand nicht auf. Sie sagte nichts. Aber ihr Gesicht war nicht mehr das Bild, das sie sonst war, es war ein Gesicht, und in dem Gesicht war etwas, das Lena nicht lesen konnte, und das sie trotzdem erkannte, weil sie es in sich selbst hatte, seit sie die Treppe heruntergekommen war.
„Dann bleib", sagte Miriam.
Lena blieb. Sie stand in der Mitte des Raums, mit den Armen oben, mit der Seide und dem Leder und dem Metall, und sie blieb, und das Bleiben war das Einzige, was sie tat, und es war genug, weil es alles war.
Miriam stand auf, und diesmal tat sie es schnell. Nicht hektisch — schnell wie jemand, der weiß, dass er zu lange gesessen hat. Sie ging zwei Schritte auf Lena zu und blieb so nah vor ihr stehen, dass Lenas angehobene Ellbogen fast den Stoff ihres Hemdes berührten.
„Du stehst", sagte Miriam. „Stehen ist Stillstand. Ich habe dich nicht gefragt, ob du stillstehen kannst."
Lena sah sie an. Der Satz brauchte einen Moment, bis er ankam, weil ihr Körper in dem Stehen schon so weit gekommen war, dass er das Stehen selbst für die Sache hielt.
„Gehen", sagte Miriam. „Von hier zur Bank, und zurück. Langsam. Du fällst nicht. Die Seide hält dich."
Lena sah zur Bank. Sie stand an der Wand, drei, vier Schritte entfernt, das gepolsterte Leder im Halbdunkel, das Hanfseil darauf, das Stück grauer Stoff. Vier Schritte waren nichts. Vier Schritte waren ein Weg, den sie am Nachmittag in der Küche zurückgelegt hätte, ohne nachzudenken.
Sie setzte den Fuß.
Der erste Schritt war ein Fehler, das merkte sie sofort, weil er zu groß war. Sie hatte vergessen, dass die Kette an ihrem rechten Oberschenkel hing, und als sie das Bein nach vorn brachte, zog die Seide an der Öse, und die Öse zog den Haken, und der Haken zog die Kugel, und die Kugel bewegte sich in ihr, ein Millimeter, dann noch einer, und Lena blieb stehen, mitten im Schritt, den Fuß in der Luft.
„Weiter", sagte Miriam.
Lena setzte den Fuß ab. Sie setzte ihn kleiner ab, als sie vorgehabt hatte, und der zweite Schritt war schon anders, weil sie jetzt wusste, dass die Kette mitging, und weil sie versuchte, die Kette nicht zu ziehen, und genau dadurch zog sie sie, weil sie das Becken dabei verdrehte.
Die vier Klammern meldeten sich. Die zwei an ihren Brustwarzen zogen bei jeder Bewegung mit, weil die Seide über die Brust sich mit der Schulterbewegung verschob, und die zwei tiefer zogen anders, weil die Beine sich bewegten und die Seide zwischen ihnen festgebunden war. Lena hörte sich atmen, laut, im leeren Raum, und sie hörte, dass es nicht der Atem von jemandem war, der vier Schritte ging.
Der dritte Schritt. Sie hob das rechte Bein, und die Kette zog, und die Kugel folgte, und mit der Kugel kam ein Druck, der nicht weh tat und trotzdem so deutlich war, dass sie die Augen kurz schloss. Sie schloss sie nicht ganz, nur halb, und als sie sie wieder aufmachte, war die Bank noch zwei Schritte weg, und Miriam stand hinter ihr und sah zu, und Lena wusste es an der Stelle zwischen den Schulterblättern, wo der Blick saß, bevor sie ihn hörte.
„Du gehst wie jemand, der etwas versteckt", sagte Miriam.
Lena blieb stehen. „Ich verstecke nichts."
„Du gehst mit angezogenen Hüften. Du hältst den Bauch fest. Du versuchst, das Metall nicht zu bewegen, und weil du es versuchst, bewegst du es." Miriams Stimme war ruhig, ohne Vorwurf, wie eine Beschreibung. „Geh, wie du gehst, wenn niemand hinsieht. Dann bewegst du es auch."
Lena atmete aus. Sie ließ die Hüften los, ein kleines Nachgeben, das ihr erst jetzt auffiel, weil sie sie die ganze Zeit gehalten hatte. Der Bauch wurde weich. Und dann ging sie weiter, ohne auf die Kette zu denken, und mit dem vierten Schritt zog die Kugel so, wie sie ziehen sollte, und Lena machte das Geräusch, das kein Wort war, und diesmal mitten im Schritt, mit dem Gewicht auf dem einen Bein.
Sie erreichte die Bank. Sie stand vor dem Leder, und ihre Knie waren weich, und die Seide oben hielt sie, und sie merkte, dass sie sich an der Bank abstützen wollte, und dass ihre Hände über ihr waren und es nicht konnten.
„Dreh dich um", sagte Miriam.
Lena drehte sich. Mit erhobenen Armen war das Drehen ein anderes Drehen, ein Kreisen aus der Taille, und die Kette wickelte sich dabei fast um ihren Schenkel, und die Kugel drehte sich mit, und Lena spürte, wie die Öffnung sich um sie legte, anders als vorher, von einer anderen Seite, und wie das Öl an ihr warm wurde, weil die Bewegung es verteilte.
Sie stand mit dem Rücken zur Bank und sah Miriam an, die noch in der Mitte des Raums stand, wo Lena eben gestanden hatte.
„Zurück", sagte Miriam.
Lena ging zurück. Der Weg war derselbe, und er war nicht derselbe, weil sie jetzt wusste, wie die Kette ging, und weil sie es nicht mehr versuchte zu verhindern. Sie ließ das Becken kreisen, klein, mit jedem Schritt, und die Kugel bewegte sich mit, und die vier Klammern zogen an ihren Stellen, und die zwei Seidenstränge zwischen ihren Beinen spannten sich und gaben nach, spannten und gaben nach.
Beim dritten Schritt sagte sie es.
„Es ist mehr, wenn ich gehe."
„Ja."
„Warum."
Miriam wartete, bis Lena wieder vor ihr stand, und dann hob sie die Hand und legte sie auf Lenas Schulter, nur kurz, ein Druck, der nichts tat außer anzuerkennen, dass Lena angekommen war. „Weil Stillstand nur eine Stelle ist", sagte sie. „Gehen ist jede Stelle. Jeder Schritt ist eine andere Stelle, und du musst jede einzeln aushalten. Das ist der Unterschied zwischen Stehen und Dienen."
Lena sah sie an. Das Wort stand im Raum wie das Metall in ihr, und sie wusste, dass Miriam es absichtlich gesagt hatte, und sie wusste auch, dass es nicht das war, was sie erwartet hatte.
„Dienen", sagte sie.
„Dienen heißt nicht, still zu sein." Miriam ließ die Schulter los und ging um sie herum, langsam, und ihre Schritte auf dem Beton waren die einzigen Geräusche außer Lenas Atem. „Still sein kann jeder. Still sein ist das, was man macht, wenn man Angst hat und hofft, dass es vorbeigeht. Dienen ist Antworten. Auf jede Bewegung, die von dir verlangt wird, antwortest du mit deinem Körper. Nicht mit Worten. Mit dem Gehen, mit dem Atmen, mit dem, was du tust, wenn es zieht."
Sie blieb hinter Lena stehen. Lena hörte sie atmen, nah am Ohr, und dann spürte sie Miriams Hand im Nacken, zwei Finger, die an der Halswirbelsäule lagen, leicht, ohne zu drücken.
„Noch einmal", sagte Miriam. „Zur Bank. Und diesmal gehst du nicht, um hinzukommen. Du gehst, damit ich sehe, wie du antwortest."
Lena ging.
Sie ging anders. Sie ging nicht mehr mit dem Ziel, die Bank zu erreichen, und weil sie nicht mehr mit dem Ziel ging, wurde der Weg länger, obwohl er derselbe war. Sie spürte den ersten Schritt in der Ferse, dann im Knie, dann in der Hüfte, und dann kam die Kette, und mit der Kette kam die Kugel, und mit der Kugel kam die Antwort, die ihr Körper gab, ohne dass sie sie ausdachte. Sie ließ sie kommen. Sie ließ das Becken kreisen, und sie ließ die Seide zwischen ihren Beinen arbeiten, und sie ließ die vier Klammern ihre vier kleinen Punkte setzen, einen nach dem anderen, bei jedem Schritt.
Beim vierten Schritt machte sie das Geräusch, das kein Wort war, und sie machte es laut genug, dass Miriam es hören musste, und Miriam hörte es, weil Miriam alles hörte.
Sie erreichte die Bank und drehte sich, ohne dass Miriam es sagen musste. Das Drehen war leichter geworden, weil sie wusste, wie die Kette lief, und weil sie wusste, dass die Kugel sich drehte und nicht riss, und als sie stand, mit dem Rücken zur Bank, sah sie Miriam an, und ihr Atem ging schnell, und ihr Gesicht war warm, und sie merkte, dass sie sich nicht mehr dafür entschuldigte.
„Gut", sagte Miriam.
Lena wartete. Sie wartete auf das nächste Wort, auf Zurück, auf Noch einmal, und sie merkte, dass sie darauf wartete, dass es kam, und dass das Warten selbst schon eine Antwort war.
„Du hast vorhin gesagt, du willst mehr", sagte Miriam. „Mehr ist kein Ding, das man bekommt. Mehr ist eine Richtung. Wenn du mehr willst, gehst du weiter, als du denkst, dass du kannst, und dann gehst du noch einen Schritt."
„Wie weit."
„Bis ich es sage."
Lena ging. Sie ging nicht mehr zur Bank und zurück, sie ging in den Raum hinein, an Miriam vorbei, und Miriam ließ sie, und Lena hörte ihre eigenen Socken auf dem Beton, und mit jedem Schritt kam die Kette, und mit jedem Schritt kam die Kugel, und mit jedem Schritt kam ein kleiner, klarer Punkt von den zwei Klammern an ihren Schamlippen, weil die Seide an ihrer Taille festgebunden war und bei jedem Schritt ein Stück zog.
Sie ging bis zur Bühne. Sie ging bis an den Rand, wo das Halbdunkel anfing, und sie blieb dort stehen, und sie sah das Kreuz, das im Dunkel stand, und die Bank mit den Riemen, und sie sah es mit einem Körper, der inzwischen anders sah als vor einer Stunde.
„Weiter", sagte Miriam hinter ihr.
Lena ging auf die Bühne. Der Boden war anders, ein Holzpodest, das unter ihren Socken ein wenig nachgab, und das Nachgeben war neu, und mit dem Nachgeben kam eine andere Bewegung in ihren Schritt, ein kleines Federn, das die Kugel tiefer setzte, einen Moment lang, und Lena stand still, weil sie es musste, weil ihr Körper in dem Moment nichts anderes tun konnte als stehen und das aushalten.
„Antworte", sagte Miriam.
„Ich antworte", sagte Lena, und ihre Stimme war leiser, als sie sie kannte, und trotzdem fest.
Sie ging weiter, über die Bühne, bis zum Kreuz. Sie blieb davor stehen. Es war aus dunklem Holz, alt, mit Riemen an den Querbalken, und sie sah nach oben, an ihren eigenen Armen vorbei, und in dem Moment, in dem sie den Kopf hob, zog die Seide an ihren Handgelenken, und die zwei Clips an ihren Brustwarzen hoben sich mit, weil die Brust sich dehnte, und Lena machte wieder das Geräusch, und sie ließ es stehen, weil Miriam es gesagt hatte, und weil Miriam es hörte.
Sie drehte sich. Sie ging zurück, über die Bühne, und der Weg zurück war länger, weil sie jetzt die Bühnenkante vor sich hatte, und weil sie wusste, dass sie hinuntersteigen musste, und weil das Hinuntersteigen mit der Kette ein anderes Hinuntersteigen war.
Sie stieg hinunter. Sie setzte den Fuß vorsichtig, und die Kette zog, und die Kugel folgte, und als sie unten ankam, stand Miriam vor ihr, zwei Schritte entfernt, und sah sie an.
„Wie fühlt sich das an", sagte Miriam.
Lena suchte. Sie suchte nicht lange. „Es fühlt sich an, als würde ich bei jedem Schritt etwas tun", sagte sie. „Nicht etwas aushalten. Etwas tun. Auch wenn ich nichts tue."
Miriam nickte. Nur einmal. „Das ist es", sagte sie. „Dienen ist nicht, dass du etwas aushältst. Dienen ist, dass jede Bewegung, die du machst, eine Antwort ist, auch wenn niemand fragt. Du hast vorhin gedacht, Stillstand wäre die Antwort. Stillstand ist nur die Stelle, an der man aufhört zu antworten."
Lena stand vor ihr und atmete. Die Kette lag an ihrem Schenkel. Die Kugel saß in ihr. Die vier Klammern hielten ihre vier Stellen, und die Seide über ihrer Brust hob und senkte sich mit jedem Atemzug, und sie merkte, dass sie nichts mehr tat, was sie nicht auch gewollt hätte.
Miriam ging zur Bank. Sie setzte sich nicht, sie blieb davor stehen und sah auf die Dinge, die dort lagen: das Hanfseil, die vier Stücke grauer Stoff, das zusammengerollte Leder, das Lena am Dienstag zurückgebracht hatte. Sie nahm das Leder nicht. Sie nahm nichts. Sie sah es nur an, als prüfte sie eine Liste, und dann sah sie wieder auf.
„Geh noch einmal", sagte sie. „Bis zur Bank, und zurück zu mir. Und diesmal zählst du nicht."
„Ich habe nicht gezählt."
„Du hast. Du hast vorhin die vier Schritte gezählt, weil du wissen wolltest, wie viele es sind. Zählen ist kommentieren. Kommentieren ist der Kopf. Ich will den Bauch."
Lena ging.
Sie ging, und sie zählte nicht, und weil sie nicht zählte, wusste sie nicht, wie viele Schritte es waren, und weil sie es nicht wusste, wurde der Weg zu einer einzigen Bewegung, die kein Anfang und kein Ende hatte. Die Kette zog, die Kugel folgte, die vier Klammern setzten ihre Punkte, die Seide zwischen ihren Beinen spannte und gab nach, und Lena hörte ihren eigenen Atem wie etwas, das zu ihr gehörte und nicht mehr zu dem Raum.
Sie erreichte die Bank. Sie drehte sich, ohne zu zählen, und ging zurück, und auf dem Rückweg ließ sie das Becken kreisen, weil ihr Körper es wollte, und mit dem Kreisen kam die Kugel an eine Stelle, die sie vorher nicht gefunden hatte, und Lena blieb mitten im Schritt stehen, weil es zu viel war und weil sie es trotzdem behalten wollte, und dann ging sie weiter, weil Weitergehen die Antwort war.
Sie blieb vor Miriam stehen. Diesmal so nah, dass die Seide zwischen ihren Brüsten fast den Stoff von Miriams Hemd berührte, und sie sagte nichts, und sie wartete nicht, und sie sah Miriam an, ohne wegzuschauen.
Miriam sah zurück. Länger als nötig. Und dann tat sie etwas, das sie noch nicht getan hatte: sie hob die Hand und legte sie flach auf Lenas Brust, über die Seide, über die zwei Clips, und sie hielt sie dort, ohne zu drücken, und Lena spürte die Wärme durch alles hindurch, durch die Seide, durch das Metall, durch die eigene Haut.
„Du hast es verstanden", sagte Miriam. „Für heute."
Lena hörte das Wort für heute und ließ es stehen, ohne es zu greifen.
Miriam nahm die Hand weg. Sie ging zur Bank und nahm das Hanfseil, das kurze Stück, und sie kam zurück und blieb hinter Lena stehen, und diesmal kniete sie sich nicht, sie blieb stehen, und ihre Hände arbeiteten an der Rückseite von Lenas Taille, an dem Knoten, der die zwei Seidenenden hielt.
„Nicht alles", sagte sie. „Nur das Gehen."
Sie löste den Knoten, der die Seide durch die Öse des Hakens hielt, und die Spannung ließ nach, ein Stück, und Lena spürte, wie die Kugel sich setzte, wie die Öffnung sich wieder schloss, wie das Öl warm wurde, weil nichts mehr zog. Dann nahm Miriam die Kette von dem Karabiner an Lenas Schenkel, und sie ließ sie hängen, und die Kette pendelte kurz, kühl, an der Innenseite des Oberschenkels, und dann blieb sie liegen.
„Der Rest bleibt", sagte Miriam. „Die Seide. Die Klammern. Der Haken. Nur die Kette kommt ab."
Lena stand und spürte die Veränderung. Es war kein Nachlassen. Es war ein anderer Zustand, ein Körper, der eben noch in Bewegung gehalten worden war und jetzt wieder stehen durfte, und sie merkte, dass das Stehen jetzt anders war als vorher, weil sie es nicht mehr als Stillstand empfand, sondern als eine Stelle, an der sie angekommen war.
Miriam ging um sie herum, nach vorn, und sie sah Lenas Gesicht an, und dann sah sie auf ihre Hände, die noch über ihr in der Seide hingen, und sie sah auf die Handgelenke, weiß, und auf die alten Streifen, verblasst, und auf die neuen, fein, und sie sagte nichts darüber.
„Dienstag", sagte sie. „Dann üben wir das Gehen."
Lena sah sie an. Sie verstand das Wort, und sie verstand es nicht, beides gleichzeitig, weil sie gerade gegangen war und weil sie nicht wusste, was es zu üben gab, wenn sie es schon getan hatte.
„Ich bin doch gegangen", sagte sie.
„Du bist gegangen, weil ich es gesagt habe." Miriam ging zur Bank und nahm das Hanfseil wieder in die Hand, wickelte es um ihre Handfläche, ordentlich, wie sie alles ordnete. „Am Dienstag gehst du, weil du es willst, und ich sage nichts. Das ist der Unterschied. Das ist das Gehen."
Sie legte das Seil auf die Bank zurück und blieb davor stehen, und Lena stand in der Mitte des Raums, mit den Armen oben, mit der Seide und den Klammern und dem Haken und dem Metall in ihr, und sie sah Miriam an, die auf die Bank sah, und sie wusste, dass der Abend hier endete, weil Miriam es nicht sagte und weil Miriam nichts mehr tat, und das Nichtstun war die Antwort.
„Ich komme", sagte Lena.
Miriam sah auf. Kurz. Und dann nickte sie, und sie ging zum Haken über der Bank, und sie löste die Seide, die durch das Rohr lief, langsam, und Lenas Arme kamen herunter, und das Blut kam zurück, und die Schultern fielen, und Lena stand da mit Händen, die wieder ihre waren, und mit einem Körper, der noch wusste, wie er gegangen war.
Miriam legte die Seide nicht weg.
Sie hielt die zwei Enden in der einen Hand und ging um Lena herum, hinter sie, und Lena blieb stehen, wo sie stand, mit gesenkten Armen, mit dem Metall in ihren vier Stellen, mit dem Öl, das noch in ihr war und langsam kalt wurde. Sie hörte Miriams Schritte auf dem Beton, zwei, dann blieb es still, und dann spürte sie Miriams Atem im Nacken, näher als vorhin.
„Die Seide war nur eine Leine", sagte Miriam. „Eine Leine, die du gehalten hast, weil ich sie dir gegeben habe. Das ist nicht genug. Ich will nicht, dass du sie hältst. Ich will, dass ich sie halte, und du weißt es, und es macht keinen Unterschied, ob du siehst, wohin."
Sie legte das Seil über Lenas Schulter, ließ es vorn über die Brust fallen, nahm es mit der anderen Hand wieder auf, und dann führte sie es zurück, über den Nacken, unter den Haaren hindurch, die Lena mit einer Handbewegung zur Seite strich, ohne zu fragen. Das Hanf lag jetzt um ihren Hals, zweimal, dicht unter dem Kinn, nicht eng, aber nicht locker, und Miriam zog die zwei Enden nach hinten, hinter Lenas Rücken, und hielt sie dort mit einer Hand.
„Atme", sagte sie.
Lena atmete. Das Seil bewegte sich mit ihrem Hals, ein Fingerbreit Spiel, und sie merkte, wie jedes Atemholen jetzt etwas war, das sie an das Seil gab.
„Gut", sagte Miriam. „Jetzt die Schultern. Auseinander."
Lena zog die Schultern auseinander, und Miriam führte das Seil von hinten über die eine Schulter nach vorn, unter dem Arm hindurch, wieder zurück, und dann über die andere, im gleichen Muster, und sie zog es an, Stück für Stück, nicht schnell, und mit jedem Zug kam Lenas Rücken ein Stück mehr in eine Haltung, die sie nicht gewählt hatte. Die Arme wurden nach hinten geführt, ohne dass Miriam sie festhielt, nur durch die Führung des Seils, und als Miriam die zwei Enden hinten an dem Haken über der Bank festmachte, war es kein Hängen mehr. Es war ein Geschirr.
Lena stand mit dem Rücken zur Bank, mit dem Seil um den Hals und über beide Schultern, mit den Armen, die nach hinten gezogen waren, und mit einer Spannung, die sie nicht sehen konnte, weil sie hinter ihr war, und Miriam trat wieder vor sie, und Lena merkte, dass sie Miriam jetzt nicht mehr so ansehen konnte wie vorher, weil jede Bewegung des Kopfes gegen das Seil ging, und Miriam sah es, und Miriam tat, als sähe sie es nicht.
„Das ist ein Zaumzeug", sagte Miriam. „Kein Geschirr, das dich trägt. Ein Zaumzeug, das dich führt. Wenn ich hinter dir stehe, und ich stehe meistens hinter dir, dann habe ich diese zwei Enden in der Hand, und dann kann ich dich an jeder Stelle deines Körpers anhalten. Nicht mit Kraft. Mit Richtung. Du wirst merken, dass es keinen Sinn hat, dagegen zu gehen, weil das Seil dich nicht hält. Es zeigt dir nur, wohin du schon gehst."
Sie trat hinter Lena, nahm die zwei Enden vom Haken, und ließ sie kurz durch ihre Hände laufen, und dann zog sie einmal, sachte, nach rechts, und Lenas Kopf drehte sich mit, und Lenas Schultern drehten sich mit, und Lena stand jetzt halb zur Bank gewandt, ohne dass sie einen Schritt gemacht hatte.
„Siehst du", sagte Miriam. „Das ist alles. Du machst nichts. Du folgst nur dem, was schon an dir zieht."
Lena sagte nichts. Sie stand und spürte die zwei Enden in Miriams Hand, hinten, außerhalb ihres Blickfelds, und sie merkte, dass ihr das mehr ausmachte als alles, was heute an ihr gewesen war. Die Kette war sichtbar gewesen. Die Kugel war in ihr gewesen, aber sie hatte sie selbst gesetzt. Die vier Klammern waren an ihr gewesen, aber sie hatte sie gespürt, wo sie waren. Das Seil am Hals aber war hinter ihr, und Miriam war hinter ihr, und Lena stand nach vorn gewandt und konnte nichts tun außer atmen und warten, was Miriam mit den zwei Enden machte.
„Und jetzt das andere", sagte Miriam.
Sie ließ die Enden wieder am Haken, und sie ging an Lenas Seite, und sie nahm die kleine Flasche vom Tisch, das Öl, das Lena am Dienstag zurückgebracht hatte, und sie drehte den Verschluss auf, und Lena hörte das Geräusch, das sie kannte, das leise Knacken des Deckels, und sie wusste, was kam, und ihr Körper wusste es früher als ihr Kopf, weil ihr Becken sich ein Stück verschob, kaum merklich, aber Miriam sah es.
„Du weißt es schon", sagte Miriam. „Der Körper hört früher zu. Das ist gut. Der Kopf kommt später, und dann ist er nicht mehr wichtig."
Sie träufelte Öl auf ihre Finger, zwei, und ließ es zwischen den Fingerkuppen laufen, bis die Haut glänzte, und sie trat hinter Lena, und Lena stand mit dem Seil um den Hals und den Armen hinten und dem Rücken zur Bank, und Miriam legte die freie Hand flach auf Lenas Kreuzbein, unterhalb der Seide, und sie hielt sie dort einen Moment, ohne zu drücken, wie sie vorhin auf der Brust gehalten hatte.
„Nicht die Kugel", sagte Miriam. „Die Kugel bleibt, wo sie ist. Ich gehe daran vorbei. Ich will, dass du beides gleichzeitig hast. Vorn die Kugel, hinten mich. Und dazwischen die Wand, die dein Körper ist."
Lena nickte. Ihr Nacken ging gegen das Seil, und sie hörte das Hanf an ihrer Haut, ein leises Kratzen, und dann spürte sie Miriams zwei Finger, glatt vom Öl, an der Stelle, an der die Kugel saß, und Miriam ging nicht hinein, sie ging daran vorbei, an der Kugel vorbei, tiefer, und Lenas Atem stockte in der Kehle, weil das Seil ihm keinen Platz ließ, stockte und kam dann wieder, und Miriams zwei Finger waren jetzt in ihr, hinter der Kugel, und Miriam wartete.
„Sag es", sagte Miriam.
„Ich will es", sagte Lena.
„Was willst du."
„Ich will, dass du es machst."
„Und ich will, dass du weißt, dass du es gesagt hast. Das ist der Unterschied zwischen heute und Dienstag."
Miriam zog die zwei Finger ein Stück zurück und drückte sie wieder hinein, langsam, und Lena spürte, wie ihr Inneres dem Druck folgte, wie die Öffnung sich an die Finger gewöhnte, wie der Schließmuskel etwas tat, was sie nicht befohlen hatte, nämlich nachgeben, und sie merkte, dass ihr ganzer Körper mit dem einen Punkt beschäftigt war, an dem Miriams Finger waren, und dass nichts anderes mehr zählte, nicht die Kugel vorn, nicht das Seil am Hals, nicht die Klammern an ihren Brustwarzen, die jetzt, ohne dass jemand sie berührt hatte, anfingen zu ziehen, weil Lenas Brust sich hob.
Miriam ging mit den zwei Fingern tiefer, bis zum zweiten Gelenk, und dann drehte sie sie, langsam, im Kreis, und Lenas Knie wurden weich, und Lena legte Gewicht auf die Fersen, weil sie sonst nach vorn gekippt wäre, und Miriam sah das, und Miriam zog nicht am Seil, sie ließ die Enden am Haken, sie hatte beide Hände frei, und sie benutzte beide.
Die zweite Hand kam dazu. Ein Finger, mit Öl, an der Stelle zwischen den beiden, an der Lenas Körper sich schloss, und Miriam legte ihn nur an, ohne hinein, und Lena verstand, und Lena machte es selbst, sie öffnete sich, sie ließ es zu, und Miriams Finger ging hinein, während die zwei anderen vorn in ihr blieben, und jetzt war es ein Druck von beiden Seiten, mit einer dünnen Wand dazwischen, und Lena stand mit dem Seil um den Hals und den Armen hinten und hörte sich selbst ein Geräusch machen, das sie nicht kannte.
„Da ist es", sagte Miriam, leise, hinter ihr. „Das ist nicht vorn. Das ist nicht hinten. Das ist die Stelle, an der dein Körper sich selbst findet."
Lena konnte nicht antworten. Sie stand und Miriams Hände arbeiteten in ihr, drei Finger, in einem langsamen Rhythmus, der kein Tempo hatte, sondern eine Richtung, und mit jedem Zug spürte Lena, wie die Kugel vorn sich mitbewegte, wie sie an die Wand drückte, die Miriams Finger von der anderen Seite drückten, und wie aus diesem Gegeneinander etwas entstand, das weder das eine noch das andere war.
Miriam beugte sich vor, ihr Mund an Lenas Ohr, und sie sagte es nicht laut, sie sagte es in Lenas Ohr hinein, und Lena hörte es mit dem ganzen Kopf, weil das Seil am Hals jedes Wort mit in ihren Körper schickte.
„Du wirst jetzt nicht kommen, weil ich es sage. Du wirst kommen, weil du es nicht mehr halten kannst. Das ist der Unterschied. Und wenn du es kommen lässt, dann ist es deins, nicht meins. Ich gebe es dir nur."
Lena schloss die Augen. Sie fühlte Miriams Finger in ihr, hinten, und die Kugel vorn, und die Klammern an ihren Brustwarzen, die jetzt anfingen zu brennen, weil ihr Herz schneller ging, und die Klammern an ihren Schamlippen, die sie seit dem Nachmittag trug und die jetzt, mit jedem Zug in ihr, ein Stück weiter gezogen wurden, und sie spürte, wie ihr Becken anfing, sich zu bewegen, ohne dass sie es führte, und Miriam ließ es zu, Miriam hielt sie nicht fest, Miriam folgte nur, mit den Fingern, mit der Hand am Kreuzbein, mit dem Atem in ihrem Nacken.
Der Druck baute sich nicht vorn auf. Er baute sich in der Mitte auf, an der Stelle, an der die zwei Finger und die Kugel sich fast berührten, und Lena merkte, dass sie anfing, mitzugehen, mit dem Becken, mit dem Atem, mit dem ganzen Körper, und dass es keine Entscheidung mehr war, sondern eine Bewegung, die schon lief.
„Miriam", sagte sie, und es war das erste Mal, dass sie den Namen sagte, hier, in diesem Raum.
„Ja", sagte Miriam, hinter ihr.
„Ich kann nicht mehr."
„Dann lass es."
Und Lena ließ es. Es kam nicht wie ein Schlag. Es kam wie ein Nachgeben, das sich von der Mitte nach außen ausbreitete, langsam, und mit dem Nachgeben kamen die Finger in ihr an eine Stelle, die sie nicht gekannt hatte, und Miriam drückte dort, einmal, fest, und Lenas Becken zog sich zusammen, und mit dem Zusammenziehen kam die Kugel vorn gegen die Wand, und die Klammern an ihren Brustwarzen zogen, und die an ihren Schamlippen zogen, und das Seil am Hals war einen Moment eng, weil Lenas Atem ihn eng machte, und dann ließ Lena es los, mit einem Laut, der aus ihr kam und den sie nicht zurückhielt.
Sie stand, und ihr Körper arbeitete, ohne dass sie es steuerte, in Wellen, die Miriam mit den Fingern begleitete, ohne zu drängen, und Lena spürte, wie ihr Inneres um Miriams Finger schloss, wieder und wieder, und wie die Kugel vorn sich mit jeder Welle ein Stück bewegte, und wie das Metall an ihren vier Stellen mit jeder Welle einen Punkt setzte, der blieb.
Dann wurde es still in ihr. Nicht das Ende. Ein Zurückkommen, Stück für Stück, aus der Mitte nach außen, und Miriam wartete, bis die letzte Welle durch war, und dann zog sie die Finger heraus, langsam, und Lena spürte, wie die Öffnung sich schloss, warm, und wie das Öl nachlief, ein Tropfen, an der Innenseite ihres Schenkels, und sie stand und atmete und fühlte das Seil am Hals wie etwas, das sie trug und nicht mehr hielt.
Miriam ging um sie herum, nach vorn, und sie sah Lenas Gesicht an, und Lenas Gesicht war rot, und ihre Augen waren offen, und sie sah Miriam an, ohne wegzuschauen, und Miriam sah zurück, und dann nahm sie die zwei Enden vom Haken, und sie löste das Seil von Lenas Hals, langsam, Wicklung für Wicklung, und sie ließ es über die Schultern gleiten, und die Arme kamen herunter, und Lenas Hände waren wieder ihre Hände.
„Die Klammern bleiben", sagte Miriam. „Bis du gehst. Damit du weißt, dass es nicht vorbei ist, wenn du die Tür siehst."
Lena nickte. Sie stand und spürte die vier Punkte an ihrem Körper, und sie spürte die Kugel in sich, und sie spürte Miriams Finger noch, als wären sie noch da.
Miriam legte das Seil auf die Bank zurück, ordentlich, wie sie alles ordnete, und sie nahm das Öl und schraubte den Deckel zu, und sie stellte die Flasche neben das Seil, und dann blieb sie vor der Bank stehen und sah auf die Dinge, und Lena stand in der Mitte des Raums und sah Miriam an, die auf die Bank sah, und sie wusste, dass der Abend hier endete, weil Miriam nichts mehr tat, und das Nichtstun war die Antwort.
„Dienstag", sagte Miriam, ohne sich umzudrehen. „Und diesmal gehst du, weil du es willst."
Lena stand und sah auf Miriams Rücken, und sie sagte nichts, und sie wusste, dass sie kommen würde, und sie wusste auch, dass sie es nicht Miriam sagen musste, weil Miriam es schon wusste, und weil Miriam es an ihr gesehen hatte, an der Stelle, an der sie ihr gerade die Finger herausgezogen hatte.

