Sie stand schon seit einer Weile. Hinter der Säule, halb im Schatten, das Haar lose und feucht von der Kälte draußen, eine Strähne, die ihr an der Wange klebte und die sie nicht wegstrich. Von hier sah sie die Bühne schräg, die Kante des Lichts, das die Bretter hell machte und den Rest des Saals in ein warmes Halbdunkel tauchte. Sie hätte sich setzen können. Die Bank war noch da, ihr Leder, die Stelle, die sie gewärmt hatte. Aber sie blieb stehen, weil Stehen sich anders anfühlte, weil sie so gehen konnte, jederzeit, und weil sie das Gefühl brauchte, dass sie es konnte.
Zwei Frauen betraten die Bühne.
Sie kamen nicht wie die anderen, die vorher durch den Vorhang getreten waren, nicht mit der ruhigen Selbstverständlichkeit derer, die wussten, dass man ihnen zusah. Sie kamen schnell, fast übermütig, und die erste lachte über etwas, das Lena nicht hörte, und das Lachen war echt und passte nicht hierher und passte doch. Beide trugen Korsetts, schwarz, eng, die Brust hochgedrückt, die Rippen sichtbar unter dem Stoff, und darunter nichts als Haut und die langen Stiefel, die bis über die Knie reichten und deren Sohlen auf dem Holz klangen, als gingen sie auf etwas Hohlem.
Sie waren jung. Kaum älter als Lena, vielleicht gleich alt. Sportlich, die Schultern breit, die Arme fest, die Beine kräftig, und in ihren Bewegungen lag eine Vertrautheit, die Lena nicht einordnen konnte — ob sie sich kannten, ob sie geübt hatten, ob es ihnen einfach gegeben war.
Sie blieb stehen. Ihre Finger fanden die Säule, ohne dass sie es wollte, und die Knöchel wurden weiß gegen den kalten Stein.
Die beiden blieben in der Mitte der Bühne stehen, einander zugewandt, und für einen Moment taten sie nichts. Nur atmen. Die eine hob die Hand und legte sie der anderen an die Kehle, nicht fest, nur so, dass die Finger lagen, und die andere schloss die Augen, und Lena spürte ihren eigenen Puls bis in die Zungenspitze.
Das Korsett knarrte, als die eine sich vorbeugte. Ein kleines Geräusch, Leder und Fischbein, und es war das Geräusch, das Lena am meisten erschreckte, weil es so nah klang, so alltäglich, so sehr nach einem Kleidungsstück und nicht nach einer Bühne.
Dann küssten sie sich.
Es war kein Kuss wie im Kino. Es war langsam, und es dauerte, und die eine hielt der anderen den Kopf mit beiden Händen, und die andere ließ es geschehen, ließ sich halten, und ihre Hände hingen lose an den Seiten, als hätte sie vergessen, dass sie welche hatte. Der Mund der einen öffnete sich, und die andere folgte, und Lena sah die Zungen, sah den Speichel, der glänzte, als sie sich für einen Atemzug trennten und wieder fanden.
Lena merkte, dass ihr Mund trocken war. Sie schluckte, und es tat fast weh.
Die eine — die mit der Hand an der Kehle — ließ die Hand sinken, langsam, über das Schlüsselbein, über das Brustbein, bis zum oberen Rand des Korsetts. Dort blieb sie. Der Daumen strich über die Haut, die über dem Stoff hervortrat, und die andere atmete hörbar aus, ein Ton, der nicht viel war und den Lena trotzdem im Nacken spürte.
Die Hand glitt weiter. Unter den Rand des Korsetts, hinein, und die Finger verschwanden, und die andere bog den Rücken durch, kaum merklich, ein kleines Nachgeben, und das Korsett knarrte wieder, lauter jetzt, als der Stoff sich spannte. Lena sah nur die Hand, die unter dem Stoff arbeitete, sah die Bewegung der Finger von außen, und ihr eigener Brustkorb zog sich zusammen, als wäre sie es, die berührt wurde.
Sie verlagerte das Gewicht. Linker Fuß, rechter Fuß, linker Fuß. Der Stein der Säule war kalt an ihrer Schulter, und sie lehnte sich ein Stück hinein, ohne es zu merken.
Viktor stand links von ihr, zwei Schritte entfernt, die Hände hinter dem Rücken. Lena hatte sie nicht kommen hören. Sie stand einfach da, im Halbdunkel, das Gesicht halb abgewandt, und sah auf die Bühne wie Lena, und für einen Moment waren sie zwei, die dasselbe ansahen und nichts dazu sagten, und das war schlimmer als jedes Wort.
Auf der Bühne ließ die eine von der anderen ab. Sie trat einen halben Schritt zurück, hob die Hand, und in der Hand war ein Seil. Kein dickes. Dünn, dunkel, weich, wie es aussah, und sie ließ es durch die Finger gleiten, einmal, zweimal, als prüfte sie es, und dann trat sie hinter die andere.
Die andere legte die Hände auf den Rücken, von selbst, ohne Aufforderung, und Lena begriff, dass sie es schon kannte, dass es nicht das erste Mal war, dass ihr Körper wusste, wohin die Hände gehörten.
Das Seil legte sich um die Handgelenke. Die Frau dahinter wickelte es, methodisch, drei Windungen, dann zwischen den Gelenken hindurch, dann ein Knoten, den Lena nicht ganz sah, weil die Hände im Schatten lagen, und dann zog sie an. Nicht grob. Prüfend. Und die vorn ließ die Schultern sinken, als hätte sie auf diesen Zug gewartet.
Ein Rascheln ging durch den Saal. Nicht viel. Ein paar Leute an den Tischen lehnten sich vor, und Lena hörte das Knarren eines Stuhls, und dann wieder Stille, und über ihr das Summen, das nicht aufhörte, so tief, dass sie es mehr in der Brust fühlte als hörte.
Die Gefesselte stand jetzt ruhig. Die Arme hinten, der Rücken leicht gewölbt, das Korsett eng, und die andere ging um sie herum, langsam, einmal, und blieb vor ihr stehen. Sie strich ihr mit dem Handrücken über die Wange, und die Gefesselte drehte den Kopf in die Berührung hinein, die Augen halb geschlossen.
Lena hörte sich selbst atmen. Laut, in ihrem eigenen Kopf, und sie hoffte, dass es niemand sonst hörte.
Die freie Hand der einen fand den Rücken der anderen. Sie strich hinab, über das Korsett, über die Wirbelsäule, bis zum Ansatz der Stiefel, und dann weiter, zwischen die Beine, und die Gefesselte schloss die Augen ganz und ließ den Kopf sinken, und ihr Atem kam in kleinen Stößen, die Lena bis hierher sah, an den Schultern, am Zittern der Rippen.
Viktor bewegte sich. Nur eine Hand, die sie aus dem Rücken löste, und dann legte sie sie auf Lenas Schulter.
Lena zuckte nicht zusammen. Sie hätte es getan, vor einer Stunde, aber jetzt nicht. Die Hand war warm. Sie lag leicht, nur die Finger, und durch den Wollpullover spürte Lena die Wärme bis auf die Haut, und sie stand ganz still und tat, als wäre nichts.
„Du zitterst", sagte Viktor. Leise. Nur für sie, ins Ohr, und ihr Atem strich an Lenas Hals vorbei, warm und ein bisschen nach Kaffee und nach etwas Dunklerem, das Lena nicht benennen konnte. Es war keine Frage.
Lena sagte nichts. Ihre Hand lag immer noch an der Säule, die Knöchel weiß, und sie merkte es erst jetzt, und sie löste die Finger nicht, weil Lösen eine Antwort gewesen wäre.
Auf der Bühne ging die eine zur Seite. Sie hob etwas auf, das auf einem kleinen Tisch am Bühnenrand gelegen hatte, und als sie sich wieder aufrichtete, fing das Licht es ein: ein schlanker Gegenstand, silbern, glatt, kaum länger als ein Finger.
Lena sah es und wusste, was es war, und ihr Magen zog sich zusammen, und sie schaute trotzdem hin.
Die Gefesselte beugte sich vor. Langsam, mit geradem Rücken, die Hände hinten, bis ihr Oberkörper auf dem kleinen Podest lag, das Lena vorher nicht gesehen hatte, und ihre Beine standen breit, und das Korsett hob sich, und die Haut ihres Rückens war gespannt und glänzte im Licht, als wäre sie eingeölt oder als wäre es Schweiß, und Lena konnte es nicht unterscheiden.
Die andere kniete hinter ihr. Sie hielt den silbernen Gegenstand zwischen zwei Fingern, drehte ihn einmal im Licht, und dann senkte sie die Hand, und Lena verlor ihn aus den Augen, weil er zwischen den Schenkeln der Vorgebeugten verschwand, und sie sah nur noch die Hand, die langsam arbeitete, und die Schultern der Gefesselten, die sich hoben und senkten, hoben und senkten.
Ein Laut. Klein. Die Gefesselte hatte die Lippen geöffnet, und was herausgekommen war, war kaum ein Ton, eher ein Ausatmen mit einer Form darin, und Lena hörte es in der Magengrube, und ihr eigener Atem stockte, und sie sog scharf die Luft ein, laut, in der Stille zwischen den Tischen.
Sie hörte es. Ihr eigener Atem, in der Stille, und sie wusste, dass Viktor ihn gehört hatte.
Die Hand auf ihrer Schulter blieb. Sie drückte nicht. Sie zog nicht. Sie lag einfach, und die Wärme darin war jetzt eine Frage, die noch keine Antwort hatte, und Lena stand ganz still, die Knöchel an den Stein gepresst, das Haar feucht an der Wange, und sah auf die Bühne, wo der silberne Gegenstand langsam, bedächtig, in einer Bewegung, die kein Ende zu haben schien, weiter hineinging, und die Gefesselte den Kopf hob und die Augen öffnete und direkt in den Saal sah, als suchte sie jemanden, und für einen Moment, den Lena nicht wollte und nicht abwenden konnte, sah es aus, als sähe sie Lena an.
Der Blick der Gefesselten glitt weiter. Über Lena hinweg, über Viktor, über die Tische, und blieb nirgends hängen, und Lena merkte erst jetzt, dass sie die Luft angehalten hatte, und ließ sie aus, langsam, ohne Ton, und ihre Rippen taten weh davon.
Die Hand auf ihrer Schulter hob sich. Nicht weg. Nur ein Stück, dann zurück, ein leises Auf und Ab, als würde Viktor etwas abwägen, und die Fingerspitzen lagen jetzt einen Fingerbreit anders, ein bisschen näher am Hals, dort, wo der Pullover nicht mehr hoch reichte.
Auf der Bühne zog die andere den silbernen Gegenstand heraus. Langsam. Und die Gefesselte atmete aus, lang und zittrig, und ihre Knie gaben ein Stück nach, und die andere fing sie nicht auf, ließ sie stehen, bis sie sich selbst wieder aufrichtete, und das dauerte, und Lena sah jede Sekunde davon.
„Siehst du es", sagte Viktor, kaum mehr als Atem, und diesmal war es eine Frage, und Lena spürte sie im Nacken, an der Stelle, wo die Härchen sich aufrichteten, und sie wusste, dass sie jetzt antworten musste, und dass jede Antwort, die sie geben konnte, etwas verraten würde.
Sie nickte. Nur das. Ein kleines Nicken, und die Säule war kalt an ihrer Schulter, und ihre Hand löste sich endlich vom Stein, und sie merkte, dass die Finger steif waren, und sie öffnete und schloss sie einmal, langsam, im Dunkel neben ihrem Körper, wo niemand es sah.
Viktors Hand blieb liegen. Sie zog sich nicht zurück, und sie drückte nicht, und in der Stille zwischen dem Summen und dem Rascheln der Kleider auf der Bühne war es das Einzige, was Lena wirklich spürte.
Viktor nahm die Hand nicht weg. Sie blieb an der Stelle, wo der Pullover endete und die Haut begann, und Lena spürte jeden Finger einzeln, ihren Umriss, die Wärme, die nicht nachließ. Dann bewegte sie sich doch, ein kleines Stück nach vorn, und die Fingerspitzen lagen jetzt an der Mulde zwischen Hals und Schulter, dort, wo der Puls am deutlichsten schlug. Lena wusste, dass Viktor ihn fühlen musste. Sie konnte ihn selbst fühlen, gegen die eigene Kehle, viel zu schnell.
„Nicht nicken", sagte Viktor. Immer noch ins Ohr, immer noch leise, und es klang nicht wie ein Vorwurf, eher wie eine Korrektur, wie ein Lehrer, der eine falsche Antwort nicht tadelt, sondern noch einmal fragt. „Nicken kann jeder."
Auf der Bühne richtete die Gefesselte sich vollends auf. Ihre Handgelenke waren noch hinten, das Seil noch da, und sie rollte die Schultern, einmal, zweimal, als prüfte sie, wie viel Spiel blieb. Die andere ließ sie gewähren, stand daneben, die Arme locker, und betrachtete sie, wie man etwas betrachtet, das man selbst gemacht hat. Dann trat sie hinter sie, griff in das Seil und löste den Knoten. Nicht schnell. Finger für Finger, Windung für Windung, und die Haut der Gefesselten kam zum Vorschein, gerötet an den Stellen, wo das Seil gelegen hatte, mit feinen Abdrücken, die im Licht glänzten.
Die Gefesselte drehte sich um. Sie rieb sich nicht die Handgelenke. Sie ließ die Arme einfach sinken, und dann tat sie etwas, das Lena nicht erwartet hatte: sie nahm das Seil, das die andere noch in der Hand hielt, wickelte es selbst wieder auf, ordentlich, in Schlingen um Daumen und Ellbogen, und legte es auf den kleinen Tisch am Bühnenrand zurück. Ihre Bewegungen waren ruhig. Zufrieden, fast. Als hätte sie etwas beendet, das sie begonnen hatte.
Lena merkte, dass sie den Atem wieder angehalten hatte, und ließ ihn aus, und mit dem Atem kam ein Satz, der ihr im Kopf lag, bevor sie ihn denken konnte. Sie hatte es für ein Ende gehalten, das Seil, den Knoten, das Lösen. Es war keins gewesen. Es war eine Form gewesen, die man annehmen und wieder ablegen konnte, und die Gefesselte hatte sie abgelegt wie einen Mantel, ohne sich kleiner zu fühlen.
„Du siehst die Hände", sagte Viktor. Die Finger lagen noch an ihrer Schulter. „Sieh die Schultern. Sieh, wie sie steht. Sie hat es gewollt, und sie hat es bekommen, und jetzt steht sie aufrechter als vorher." Ein kurzes Atmen, kein Lachen, nur Luft. „Das ist der Unterschied, den die meisten nicht sehen. Sie sehen das Seil und denken an Gefangenschaft."
Lena schaute hin. Sie schaute wirklich hin, so wie Viktor es gesagt hatte, und sie sah es jetzt: die Haltung der Gefesselten, die Art, wie ihr Gewicht auf beiden Füßen lag, ruhig, gleichmäßig, wie jemand stand, der wusste, wo er war. Und daneben die andere, die ihr jetzt das Korsett aufhakte, von oben nach unten, Haken für Haken, mit derselben Methodik wie vorher das Seil, und die Gefesselte hob die Arme, ließ sich aus dem Stoff helfen, und darunter kam ein schlichter, dunkler BH zum Vorschein, und Haut, und die roten Striemen des Seils an den Handgelenken, die nun offen lagen wie eine Schrift, die jeder lesen konnte.
Ein Rascheln ging durch den Saal. Ein Stuhl wurde zurückgeschoben, jemand lachte leise, nicht spöttisch, und an den Tischen hoben sich Gläser, und Lena begriff, dass das hier für die anderen nicht neu war. Sie hatte gedacht, sie sähe eine Aufführung. Sie sah eine Gewohnheit. Sie sah etwas, das diese Leute schon oft gesehen hatten und das sie trotzdem noch ansahen, und das war vielleicht das Eigenartigste an allem.
Viktors Hand verschob sich. Nur ein wenig, so wie sie sich schon einmal verschoben hatte, und diesmal strich der Daumen an Lenas Hals entlang, ganz leicht, und blieb in der kleinen Grube über dem Schlüsselbein liegen. Es war keine Zärtlichkeit. Es war auch keine Drohung. Es war ein Finger, der eine Stelle markierte, und Lena stand stockstill und ließ es geschehen, und ihr fiel auf, dass sie es ließ, dass sie es die ganze Zeit gelassen hatte.
Dann sah sie es. Viktors Arm war ausgestreckt, die Hand an Lenas Hals, und der Ärmel des dunklen Hemdes war zurückgerutscht, und auf der Innenseite des Unterarms, dort, wo die Haut dünn war, zog sich eine Narbe hin, blass, schmal, länger als ein Finger, und sie verlief nicht wie ein Schnitt von außen. Sie verlief quer, gerade, sauber. Lena sah sie nur einen Moment, dann rutschte der Ärmel wieder vor, als hätte der Stoff sich selbst zurückgezogen, und sie fragte nicht, und sie wusste, dass sie nicht fragen würde, und trotzdem blieb das Bild in ihr, wie ein Wort, das man gehört hat und nicht mehr loswird.
Auf der Bühne warfen die beiden jetzt keine Blicke mehr ins Publikum. Sie standen beieinander, die eine im BH, die andere noch im Korsett, und sie sprachen miteinander, zu leise, als dass Lena etwas verstand, und dann lachte die eine wieder, dieses echte, fehlplatzierte Lachen von vorhin, und sie stießen sich mit den Schultern an, und es sah aus wie zwei Menschen, die nach der Arbeit zusammenstehen und den Tag abschütteln. Die Striemen an den Handgelenken waren das Einzige, was blieb.
Die Bank am Rand der Bühne war noch leer. Lenas Platz. Sie sah ihn von hier, das Leder glänzte schwach, und sie dachte daran, wie sie dort gesessen hatte, die Hände auf der Handtasche, und wie weit das weg war, obwohl es keine Stunde her sein konnte. Sie hätte sich setzen können. Sie blieb stehen. Sie wusste nicht mehr genau, warum, nur dass das Stehen jetzt etwas anderes bedeutete als vorhin.
„Du hast noch nicht geantwortet", sagte Viktor. Die Hand lag noch da, der Daumen noch in der Grube über dem Schlüsselbein, und ihre Stimme war dieselbe wie vorher, ruhig, fast freundlich, und darunter lag etwas, das Lena nicht benennen wollte, weil Benennen es wahr gemacht hätte. „Ich habe gefragt, ob du es siehst. Du hast genickt. Nicken ist keine Antwort."
Lena öffnete den Mund. Ihre Lippen waren trocken, und sie merkte es, und sie schloss ihn wieder, und in der Stille zwischen dem Summen und dem Atem der beiden auf der Bühne hörte sie ihr eigenes Schlucken, laut, wie ein Stein in einem Brunnen. Sie wusste, was sie hätte sagen können. Sie wusste, dass es nicht stimmte, und sie wusste, dass Viktor es hören würde, wenn es nicht stimmte.
Also sagte sie nichts. Sie blieb stehen, unter der Hand, und schaute auf die Striemen an den Handgelenken der Frau auf der Bühne, und wartete, und das Warten war selbst eine Art Antwort, eine, die noch offen war, eine, die Viktor nicht auflöste.
„Ich sehe es", sagte sie.
Ihre Stimme kam leiser heraus, als sie gedacht hatte, aber sie kam ganz heraus, ohne Zittern, ohne Wegschauen. Sie hielt den Blick auf die Striemen gerichtet, auf die roten Linien an den Handgelenken, die im Bühnenlicht glänzten wie etwas, das man behalten durfte.
„Ich sehe, dass es nicht wehgetan hat. Nicht so, wie man denkt, wenn man das Wort hört." Sie atmete einmal durch, und Viktors Daumen lag noch in der Grube über ihrem Schlüsselbein, und sie ließ ihn dort. „Es hat beides gemacht. Das eine, weil das andere da war. Ich weiß nicht, wie ich es sonst sagen soll."
Viktor sagte nichts. Für einen Moment nur das Summen, das tiefe, das nicht aufhörte, und das Rascheln eines Glases an einem der Tische, irgendwo hinter ihnen. Dann nahm sie die Hand weg. Nicht abrupt, nicht als Strafe. Sie nahm sie weg wie jemand, der etwas zu Ende geprüft hat und zufrieden ist.
„Gut", sagte Viktor. Nur das. Und dann ging sie.
Lena drehte den Kopf, um zu sehen, wohin, und sah sie auf die Bühne zugehen, die drei Stufen hinauf, nicht schnell, nicht langsam, und die beiden Frauen oben traten zur Seite, als hätten sie es erwartet, als wäre es abgesprochen gewesen die ganze Zeit. Viktor blieb in der Mitte der Bühne stehen, im hellen Licht, und das Licht machte aus dem dunklen Mantel, den sie trug, etwas anderes als das, was er unten im Halbdunkel gewesen war.
Dann griff sie nach dem obersten Knopf.
Sie löste ihn langsam, ohne Show, ohne in den Saal zu schauen, und Lena begriff erst nach dem zweiten Knopf, was sie sah: dass die Selbstverständlichkeit, mit der Viktor sich öffnete, dieselbe war wie die Selbstverständlichkeit, mit der die Gefesselte die Hände auf den Rücken gelegt hatte. Nicht für die anderen. Für sich. Und die anderen durften zusehen.
Der Mantel fiel. Er rutschte von den Schultern, blieb einen Moment an den Ellbogen hängen und glitt dann ganz herunter, und darunter kam ein schwarzes Kleid zum Vorschein, das Lena vorher nicht gesehen hatte, weil der Mantel alles verdeckt hatte. Es saß eng. Es war nicht das, was man trug, um zu gefallen. Es war das, was man trug, wenn der Körper selbst die Aussage war.
Und Viktors Körper war eine Aussage.
Lena hatte sie vorher nur als Kontur gesehen, als Silhouette im Halbdunkel, als Stimme neben sich. Jetzt stand sie im Licht, und das Licht nahm ihr nichts weg, es gab ihr nur Kontur: die Schultern breit, die Taille klar, und darüber eine Oberweite, die das Kleid spannte, voll und schwer, und darunter die Hüften, rund, mit einer Linie, die nicht nach Askese aussah, sondern nach jemandem, der seinen Körper kannte und ihn nicht versteckte. Ende dreißig, schätzte Lena, und dann schätzte sie nicht mehr, weil das Schätzen aufhörte, wo das Sehen anfing.
Das Haar. Sie hatte es unter dem Mantel nur als dunklen Rand gesehen, als etwas, das im Schatten lag. Jetzt, im Bühnenlicht, war es rot. Nicht das Rot einer Flasche, nicht das Rot eines Plakats. Ein dunkles, tiefes Rot, das an den Schläfen ein wenig heller wurde, wo die Haut durchschien, und das in Wellen über die Schultern fiel, schwer, bis unter die Schulterblätter.
Und das Gesicht. Lena hatte gedacht, sie hätte es die ganze Zeit gesehen. Sie hatte die Stimme gehört, die Hände, die Haltung. Aber das Gesicht, wie es jetzt war, ohne Mantel, ohne die halbe Abwendung ins Dunkle, war ein anderes Gesicht. Die scharfen Züge waren noch da, die Wangenknochen, die Linie des Kiefers. Aber darunter lag etwas, das Lena nicht benennen konnte, weil es kein Wort dafür gab, das nicht zu klein war. Etwas, das sich nicht mehr zurückhielt.
Viktor drehte sich zur Seite, und das Kleid öffnete sich am Rücken, weil es dort nur mit einer einzigen Schnur gehalten wurde, und Viktor löste die Schnur, ohne Eile, und ließ den Stoff fallen.
Dann stand sie nackt auf der Bühne.
Lena hörte ein Rascheln durch den Saal gehen, ein kurzes, kollektives Ausatmen, und sie merkte, dass sie selbst mitgeatmet hatte, und dass ihr Mund trocken war, und dass sie die Säule längst losgelassen hatte und ihre Hände jetzt frei an den Seiten hingen, ohne dass sie es entschieden hatte.
Viktor ging zu dem kleinen Tisch am Bühnenrand. Sie hob etwas auf, das dort gelegen hatte, ein Bündel, dunkel, und als sie es auseinandernahm, wurde daraus ein Seil, länger als das vorher, dicker, und dazu eine zweite Sache, ein Stab, schlank, glatt, der das Licht fing wie poliertes Holz. Sie legte beides auf das Podest, das noch in der Mitte stand, und dann drehte sie sich zu den beiden Frauen um, die am Bühnenrand gewartet hatten, und nickte ihnen zu.
Die beiden traten vor. Diesmal ohne Lachen. Diesmal so, wie Lena sich vorgestellt hatte, dass Menschen auf eine Bühne treten, wenn sie etwas vorhaben.
Die erste kniete sich hin. Nicht auf ein Zeichen, sondern weil sie wusste, wohin sie gehörte, und die zweite blieb stehen, hinter ihr, und nahm das Seil. Sie wickelte es nicht um Handgelenke diesmal. Sie führte es um den Oberkörper, unter der Brust hindurch, dann über die Schultern, dann wieder hinunter, ein Muster, das Lena nicht durchschaute, und mit jeder Windung zog sich der Körper der Knienden anders, die Schultern nach hinten, die Brust nach vorn, bis sie am Ende aussah wie jemand, der etwas darbot, das er nicht darbieten wollte. Ihre Arme waren an den Seiten festgebunden, die Handflächen nach außen, und zwischen den Knien lag ein Abstand, den das Seil nicht schloss.
Die zweite trat einen Schritt zurück und betrachtete ihr Werk. Dann ging sie zu dem Tisch, nahm den Stab, und kniete sich ihrerseits hinter die Kniende.
Lena sah es kommen und schaute trotzdem hin. Sie hätte den Blick abwenden können, sie hatte es vorhin gekonnt, hinter der Säule, als noch niemand wusste, dass sie zusah. Jetzt wusste es Viktor. Viktor stand am Rand der Bühne, nackt, das rote Haar über die Schultern, und sah nicht auf die beiden, sondern in den Saal, und dann, über die Köpfe hinweg, zu Lena, und hielt ihren Blick, während der Stab hinter dem Rücken der Knienden verschwand.
Der Laut kam sofort. Kein kleines Ausatmen diesmal. Ein Klang, der durch den Saal ging wie ein Riss durch ein Tuch, und die Kniende riss den Kopf nach oben, und ihre Hände, fest an den Seiten, öffneten und schlossen sich, öffneten und schlossen sich, und der Stab arbeitete langsam, und die zweite hielt mit der freien Hand ihr Haar, zog den Kopf zurück, bis die Kehle lang war, und sprach etwas, das Lena nicht hörte, aber an den Lippen ablesen konnte, und die Kniende stöhnte, langgezogen, ohne Scham.
Viktor sah immer noch zu Lena. Und dann tat sie etwas, das Lena nicht erwartet hatte: sie hob die Hand und legte sie flach auf ihre eigene Brust, nicht als Pose, sondern als hätte sie den eigenen Puls prüfen wollen, und ließ sie dort, während der Saal atmete.
Der Stab ging tiefer. Die Kniende bog den Rücken durch, so weit das Seil es zuließ, und dann weiter, als ginge es darüber hinaus, und Lena sah, wie sich ihre Schenkel öffneten, nicht viel, aber sichtbar, und wie die zweite den Stab drehte, und wie die Kniende darauf antwortete, mit einem Zucken, das durch den ganzen Körper lief, von den Schultern bis in die Waden.
„Sieh hin", sagte Viktor. Sie stand noch am Bühnenrand, aber ihre Stimme trug jetzt, ohne lauter zu sein, als hätte der Saal beschlossen, still zu sein, damit sie zu hören war. „Das ist nicht das, was du denkst. Das ist nicht jemand, dem etwas angetan wird. Sieh ihre Hände."
Lena sah hin. Die Hände der Knienden waren fest an den Seiten gebunden, aber die Finger bewegten sich nicht mehr. Sie lagen ruhig. Die Kniende hielt den Kopf zurückgelegt, die Kehle lang, die Augen geschlossen, und in ihrem Gesicht war nichts von Angst. Da war etwas anderes. Etwas, das Lena nur aus einem einzigen Moment ihres eigenen Lebens kannte, aus einem, den sie niemandem erzählt hatte, und sie spürte, wie ihr die Hitze in den Nacken stieg, weil sie es erkannte, weil sie es nicht erkennen wollte und es trotzdem tat.
Die zweite zog den Stab heraus, langsam, und die Kniende atmete aus, langgezogen, und dann, als der Stab ganz draußen war, tat die zweite etwas, das Lena nicht sofort verstand. Sie legte den Stab weg, kniete sich zwischen die geöffneten Schenkel der Knienden, und ihre Hand verschwand dort, wo der Stab gewesen war, und arbeitete, und diesmal war es anders. Schneller. Gezielter. Die Kniende stöhnte in einem Rhythmus, der keine Pausen mehr hatte, und ihre Hüften bewegten sich, so weit das Seil sie ließ, und darüber hinaus, als wäre das Seil nicht da.
Ein Stuhl kippte. Irgendwo im Halbdunkel, jemand stand auf, eine Hand auf dem Tisch, und setzte sich wieder, und das Klappern ging im Stöhnen unter.
Lena stand ganz still. Ihr eigener Atem war laut in ihrem Kopf, und sie hörte ihn, und sie hörte auch, wie ihr eigener Körper auf das antwortete, was sie sah, ohne dass sie es entschieden hatte. Die Hitze, die sich zwischen ihren Beinen sammelte, war keine Entscheidung. Sie war eine Tatsache. Sie presste die Oberschenkel zusammen, einmal, und dann ließ sie es wieder, weil das Zusammenpressen es schlimmer machte, nicht besser.
Die Kniende kam. Lena sah es nicht an einem Gesicht, sondern an allem: an der Art, wie der ganze Körper sich spannte, dann nachgab, dann zitterte, an dem Laut, der kein Stöhnen mehr war, sondern etwas Dünneres, Höheres, an den Fingern, die sich wieder öffneten und schlossen, und an der Hand der zweiten, die nicht aufhörte, sondern weitermachte, langsam jetzt, bis die Kniende den Kopf zur Seite drehte und etwas sagte, das wie ein Nein klang und wie ein Ja.
Die zweite hörte auf. Sie zog die Hand zurück, und ihre Finger glänzten im Licht, und sie hielt sie hoch, einen Moment, nicht für den Saal, sondern für sich selbst, und dann wischte sie sie an ihrem eigenen Oberschenkel ab, ruhig, sachlich, als hätte sie etwas Handwerkliches getan.
Dann löste sie das Seil. Windung für Windung, wie vorher, und die Kniende sank nach vorn, auf die Hände, die endlich wieder frei waren, und blieb so, atemlos, den Kopf gesenkt, und die zweite kniete neben ihr und wartete, bis sie sich aufrichten konnte, und half ihr dann hoch, und die beiden standen da, verschwitzt, rot an den Stellen, wo das Seil gelegen hatte, und sahen einander an wie zwei, die etwas zusammen durchgestanden hatten, das niemand sonst verstand.
Viktor war von der Bühne gestiegen. Sie stand jetzt neben Lena, ohne Mantel, ohne Kleid, das rote Haar feucht an den Schläfen, und sie roch nach Haut und nach dem Summen, das aus den Wänden kam, und Lena spürte die Wärme ihres Körpers, ohne sie zu berühren.
„Du hast es gesehen", sagte Viktor.
„Ja", sagte Lena. Ihre Stimme war rau, und sie ließ sie rau.
„Und?"
Lena schaute auf die Bühne. Die beiden Frauen gingen jetzt zum Bühnenrand, Hand in Hand, und verschwanden hinter dem Vorhang, und das Podest stand noch da, und das Seil lag darauf, aufgerollt, ordentlich, wie etwas, das man wieder benutzen würde.
„Es ist beides", sagte Lena. „Das eine und das andere. Gleichzeitig. Ich habe gedacht, es wären zwei Dinge, und man wählt. Aber sie hat nicht gewählt. Sie hat beides gehabt." Sie hielt inne, und dann sagte sie den Satz, den sie die ganze Zeit im Kopf gehabt hatte, seit die Gefesselte das Seil aufgewickelt hatte. „Und sie hat es gewollt. Deshalb tut es nicht weh. Nicht so, wie es wehtun würde, wenn sie es nicht wollte."
Viktor sah sie an. Das Gesicht war nah, und Lena sah jetzt, was die Nähe hinzufügte: eine kleine Narbe am Kinn, kaum sichtbar, und die Art, wie die Augen nicht ganz ruhig waren, obwohl der Rest des Gesichts es war. Die Narbe am Unterarm hatte sie nicht vergessen. Sie fragte nicht. Sie spürte, dass Fragen hier etwas zerstören würde, das gerade erst entstand.
„Dann hast du die erste Lektion verstanden", sagte Viktor. „Die zweite ist, dass Verstehen nicht dasselbe ist wie Wissen." Sie trat einen halben Schritt näher, und ihre Brust streifte Lenas Arm, einmal, kaum, und Lena spürte es bis in die Zehen. „Verstehen kann man zusehen. Wissen muss man am eigenen Körper."
Lena schluckte. Ihr Herz schlug so laut, dass sie sicher war, Viktor müsse es hören, und sie sagte nichts, weil jedes Wort jetzt eine Tür gewesen wäre, die sie aufgestoßen hätte, und sie wusste nicht, ob sie bereit war, durchzugehen.
Viktor wartete. Sie wartete wirklich, ohne zu drängen, die Hände locker an den Seiten, nackt, ruhig, und in dieser Ruhe lag mehr Druck als in jeder Berührung vorher, weil sie Lena die Entscheidung ließ, und die Entscheidung war das Schwerste.
„Ich weiß es nicht", sagte Lena endlich. „Noch nicht."
„Das ist eine ehrliche Antwort", sagte Viktor. „Ehrliche Antworten sind selten hier." Sie wandte sich zur Bühne, und Lena sah ihren Rücken, die Linie der Wirbelsäule, die roten Haarwellen, die sich über die Schulterblätter legten, und dann tat Viktor etwas, das Lena nicht erwartet hatte: sie blieb stehen und drehte den Kopf zurück, über die Schulter, und lächelte. Kein breites Lächeln. Ein kleines. Ein Lächeln, das sagte, dass sie gehört hatte, was Lena nicht gesagt hatte.
„Komm morgen wieder", sagte Viktor. „Dienstag. Du weißt die Zeit."
Und dann ging sie zur Bühne zurück, hob den Mantel vom Boden auf, zog ihn über, ohne ihn zuzuknöpfen, und verschwand hinter dem roten Vorhang, und das Summen in den Wänden ging weiter, tief, gleichmäßig, und auf dem Podest lag das Seil, aufgerollt, und wartete.

