Die Lehrzeit
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Die Lehrzeit

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Chapter 2
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Chapter 2

lena beobachtet die show vom rand. viktor zieht gewannd und maske ab, sie ist eine frau. show mit zwei jungensportlichen frauen mit korsett, küsse, streicheln,fesseln und anale dehnung. lena wieder hin und her gerissen

Sie stand schon seit einer Weile. Hinter der Säule, halb im Schatten, das Haar lose und feucht von der Kälte draußen, eine Strähne, die ihr an der Wange klebte und die sie nicht wegstrich. Von hier sah sie die Bühne schräg, die Kante des Lichts, das die Bretter hell machte und den Rest des Saals in ein warmes Halbdunkel tauchte. Sie hätte sich setzen können. Die Bank war noch da, ihr Leder, die Stelle, die sie gewärmt hatte. Aber sie blieb stehen, weil Stehen sich anders anfühlte, weil sie so gehen konnte, jederzeit, und weil sie das Gefühl brauchte, dass sie es konnte.

Zwei Frauen betraten die Bühne.

Sie kamen nicht wie die anderen, die vorher durch den Vorhang getreten waren, nicht mit der ruhigen Selbstverständlichkeit derer, die wussten, dass man ihnen zusah. Sie kamen schnell, fast übermütig, und die erste lachte über etwas, das Lena nicht hörte, und das Lachen war echt und passte nicht hierher und passte doch. Beide trugen Korsetts, schwarz, eng, die Brust hochgedrückt, die Rippen sichtbar unter dem Stoff, und darunter nichts als Haut und die langen Stiefel, die bis über die Knie reichten und deren Sohlen auf dem Holz klangen, als gingen sie auf etwas Hohlem.

Sie waren jung. Kaum älter als Lena, vielleicht gleich alt. Sportlich, die Schultern breit, die Arme fest, die Beine kräftig, und in ihren Bewegungen lag eine Vertrautheit, die Lena nicht einordnen konnte — ob sie sich kannten, ob sie geübt hatten, ob es ihnen einfach gegeben war.

Sie blieb stehen. Ihre Finger fanden die Säule, ohne dass sie es wollte, und die Knöchel wurden weiß gegen den kalten Stein.

Die beiden blieben in der Mitte der Bühne stehen, einander zugewandt, und für einen Moment taten sie nichts. Nur atmen. Die eine hob die Hand und legte sie der anderen an die Kehle, nicht fest, nur so, dass die Finger lagen, und die andere schloss die Augen, und Lena spürte ihren eigenen Puls bis in die Zungenspitze.

Das Korsett knarrte, als die eine sich vorbeugte. Ein kleines Geräusch, Leder und Fischbein, und es war das Geräusch, das Lena am meisten erschreckte, weil es so nah klang, so alltäglich, so sehr nach einem Kleidungsstück und nicht nach einer Bühne.

Dann küssten sie sich.

Es war kein Kuss wie im Kino. Es war langsam, und es dauerte, und die eine hielt der anderen den Kopf mit beiden Händen, und die andere ließ es geschehen, ließ sich halten, und ihre Hände hingen lose an den Seiten, als hätte sie vergessen, dass sie welche hatte. Der Mund der einen öffnete sich, und die andere folgte, und Lena sah die Zungen, sah den Speichel, der glänzte, als sie sich für einen Atemzug trennten und wieder fanden.

Lena merkte, dass ihr Mund trocken war. Sie schluckte, und es tat fast weh.

Die eine — die mit der Hand an der Kehle — ließ die Hand sinken, langsam, über das Schlüsselbein, über das Brustbein, bis zum oberen Rand des Korsetts. Dort blieb sie. Der Daumen strich über die Haut, die über dem Stoff hervortrat, und die andere atmete hörbar aus, ein Ton, der nicht viel war und den Lena trotzdem im Nacken spürte.

Die Hand glitt weiter. Unter den Rand des Korsetts, hinein, und die Finger verschwanden, und die andere bog den Rücken durch, kaum merklich, ein kleines Nachgeben, und das Korsett knarrte wieder, lauter jetzt, als der Stoff sich spannte. Lena sah nur die Hand, die unter dem Stoff arbeitete, sah die Bewegung der Finger von außen, und ihr eigener Brustkorb zog sich zusammen, als wäre sie es, die berührt wurde.

Sie verlagerte das Gewicht. Linker Fuß, rechter Fuß, linker Fuß. Der Stein der Säule war kalt an ihrer Schulter, und sie lehnte sich ein Stück hinein, ohne es zu merken.

Viktor stand links von ihr, zwei Schritte entfernt, die Hände hinter dem Rücken. Lena hatte sie nicht kommen hören. Sie stand einfach da, im Halbdunkel, das Gesicht halb abgewandt, und sah auf die Bühne wie Lena, und für einen Moment waren sie zwei, die dasselbe ansahen und nichts dazu sagten, und das war schlimmer als jedes Wort.

Auf der Bühne ließ die eine von der anderen ab. Sie trat einen halben Schritt zurück, hob die Hand, und in der Hand war ein Seil. Kein dickes. Dünn, dunkel, weich, wie es aussah, und sie ließ es durch die Finger gleiten, einmal, zweimal, als prüfte sie es, und dann trat sie hinter die andere.

Die andere legte die Hände auf den Rücken, von selbst, ohne Aufforderung, und Lena begriff, dass sie es schon kannte, dass es nicht das erste Mal war, dass ihr Körper wusste, wohin die Hände gehörten.

Das Seil legte sich um die Handgelenke. Die Frau dahinter wickelte es, methodisch, drei Windungen, dann zwischen den Gelenken hindurch, dann ein Knoten, den Lena nicht ganz sah, weil die Hände im Schatten lagen, und dann zog sie an. Nicht grob. Prüfend. Und die vorn ließ die Schultern sinken, als hätte sie auf diesen Zug gewartet.

Ein Rascheln ging durch den Saal. Nicht viel. Ein paar Leute an den Tischen lehnten sich vor, und Lena hörte das Knarren eines Stuhls, und dann wieder Stille, und über ihr das Summen, das nicht aufhörte, so tief, dass sie es mehr in der Brust fühlte als hörte.

Die Gefesselte stand jetzt ruhig. Die Arme hinten, der Rücken leicht gewölbt, das Korsett eng, und die andere ging um sie herum, langsam, einmal, und blieb vor ihr stehen. Sie strich ihr mit dem Handrücken über die Wange, und die Gefesselte drehte den Kopf in die Berührung hinein, die Augen halb geschlossen.

Lena hörte sich selbst atmen. Laut, in ihrem eigenen Kopf, und sie hoffte, dass es niemand sonst hörte.

Die freie Hand der einen fand den Rücken der anderen. Sie strich hinab, über das Korsett, über die Wirbelsäule, bis zum Ansatz der Stiefel, und dann weiter, zwischen die Beine, und die Gefesselte schloss die Augen ganz und ließ den Kopf sinken, und ihr Atem kam in kleinen Stößen, die Lena bis hierher sah, an den Schultern, am Zittern der Rippen.

Viktor bewegte sich. Nur eine Hand, die sie aus dem Rücken löste, und dann legte sie sie auf Lenas Schulter.

Lena zuckte nicht zusammen. Sie hätte es getan, vor einer Stunde, aber jetzt nicht. Die Hand war warm. Sie lag leicht, nur die Finger, und durch den Wollpullover spürte Lena die Wärme bis auf die Haut, und sie stand ganz still und tat, als wäre nichts.

„Du zitterst", sagte Viktor. Leise. Nur für sie, ins Ohr, und ihr Atem strich an Lenas Hals vorbei, warm und ein bisschen nach Kaffee und nach etwas Dunklerem, das Lena nicht benennen konnte. Es war keine Frage.

Lena sagte nichts. Ihre Hand lag immer noch an der Säule, die Knöchel weiß, und sie merkte es erst jetzt, und sie löste die Finger nicht, weil Lösen eine Antwort gewesen wäre.

Auf der Bühne ging die eine zur Seite. Sie hob etwas auf, das auf einem kleinen Tisch am Bühnenrand gelegen hatte, und als sie sich wieder aufrichtete, fing das Licht es ein: ein schlanker Gegenstand, silbern, glatt, kaum länger als ein Finger.

Lena sah es und wusste, was es war, und ihr Magen zog sich zusammen, und sie schaute trotzdem hin.

Die Gefesselte beugte sich vor. Langsam, mit geradem Rücken, die Hände hinten, bis ihr Oberkörper auf dem kleinen Podest lag, das Lena vorher nicht gesehen hatte, und ihre Beine standen breit, und das Korsett hob sich, und die Haut ihres Rückens war gespannt und glänzte im Licht, als wäre sie eingeölt oder als wäre es Schweiß, und Lena konnte es nicht unterscheiden.

Die andere kniete hinter ihr. Sie hielt den silbernen Gegenstand zwischen zwei Fingern, drehte ihn einmal im Licht, und dann senkte sie die Hand, und Lena verlor ihn aus den Augen, weil er zwischen den Schenkeln der Vorgebeugten verschwand, und sie sah nur noch die Hand, die langsam arbeitete, und die Schultern der Gefesselten, die sich hoben und senkten, hoben und senkten.

Ein Laut. Klein. Die Gefesselte hatte die Lippen geöffnet, und was herausgekommen war, war kaum ein Ton, eher ein Ausatmen mit einer Form darin, und Lena hörte es in der Magengrube, und ihr eigener Atem stockte, und sie sog scharf die Luft ein, laut, in der Stille zwischen den Tischen.

Sie hörte es. Ihr eigener Atem, in der Stille, und sie wusste, dass Viktor ihn gehört hatte.

Die Hand auf ihrer Schulter blieb. Sie drückte nicht. Sie zog nicht. Sie lag einfach, und die Wärme darin war jetzt eine Frage, die noch keine Antwort hatte, und Lena stand ganz still, die Knöchel an den Stein gepresst, das Haar feucht an der Wange, und sah auf die Bühne, wo der silberne Gegenstand langsam, bedächtig, in einer Bewegung, die kein Ende zu haben schien, weiter hineinging, und die Gefesselte den Kopf hob und die Augen öffnete und direkt in den Saal sah, als suchte sie jemanden, und für einen Moment, den Lena nicht wollte und nicht abwenden konnte, sah es aus, als sähe sie Lena an.

Der Blick der Gefesselten glitt weiter. Über Lena hinweg, über Viktor, über die Tische, und blieb nirgends hängen, und Lena merkte erst jetzt, dass sie die Luft angehalten hatte, und ließ sie aus, langsam, ohne Ton, und ihre Rippen taten weh davon.

Die Hand auf ihrer Schulter hob sich. Nicht weg. Nur ein Stück, dann zurück, ein leises Auf und Ab, als würde Viktor etwas abwägen, und die Fingerspitzen lagen jetzt einen Fingerbreit anders, ein bisschen näher am Hals, dort, wo der Pullover nicht mehr hoch reichte.

Auf der Bühne zog die andere den silbernen Gegenstand heraus. Langsam. Und die Gefesselte atmete aus, lang und zittrig, und ihre Knie gaben ein Stück nach, und die andere fing sie nicht auf, ließ sie stehen, bis sie sich selbst wieder aufrichtete, und das dauerte, und Lena sah jede Sekunde davon.

„Siehst du es", sagte Viktor, kaum mehr als Atem, und diesmal war es eine Frage, und Lena spürte sie im Nacken, an der Stelle, wo die Härchen sich aufrichteten, und sie wusste, dass sie jetzt antworten musste, und dass jede Antwort, die sie geben konnte, etwas verraten würde.

Sie nickte. Nur das. Ein kleines Nicken, und die Säule war kalt an ihrer Schulter, und ihre Hand löste sich endlich vom Stein, und sie merkte, dass die Finger steif waren, und sie öffnete und schloss sie einmal, langsam, im Dunkel neben ihrem Körper, wo niemand es sah.

Viktors Hand blieb liegen. Sie zog sich nicht zurück, und sie drückte nicht, und in der Stille zwischen dem Summen und dem Rascheln der Kleider auf der Bühne war es das Einzige, was Lena wirklich spürte.

Viktor nahm die Hand nicht weg. Sie blieb an der Stelle, wo der Pullover endete und die Haut begann, und Lena spürte jeden Finger einzeln, ihren Umriss, die Wärme, die nicht nachließ. Dann bewegte sie sich doch, ein kleines Stück nach vorn, und die Fingerspitzen lagen jetzt an der Mulde zwischen Hals und Schulter, dort, wo der Puls am deutlichsten schlug. Lena wusste, dass Viktor ihn fühlen musste. Sie konnte ihn selbst fühlen, gegen die eigene Kehle, viel zu schnell.

„Nicht nicken", sagte Viktor. Immer noch ins Ohr, immer noch leise, und es klang nicht wie ein Vorwurf, eher wie eine Korrektur, wie ein Lehrer, der eine falsche Antwort nicht tadelt, sondern noch einmal fragt. „Nicken kann jeder."

Auf der Bühne richtete die Gefesselte sich vollends auf. Ihre Handgelenke waren noch hinten, das Seil noch da, und sie rollte die Schultern, einmal, zweimal, als prüfte sie, wie viel Spiel blieb. Die andere ließ sie gewähren, stand daneben, die Arme locker, und betrachtete sie, wie man etwas betrachtet, das man selbst gemacht hat. Dann trat sie hinter sie, griff in das Seil und löste den Knoten. Nicht schnell. Finger für Finger, Windung für Windung, und die Haut der Gefesselten kam zum Vorschein, gerötet an den Stellen, wo das Seil gelegen hatte, mit feinen Abdrücken, die im Licht glänzten.

Die Gefesselte drehte sich um. Sie rieb sich nicht die Handgelenke. Sie ließ die Arme einfach sinken, und dann tat sie etwas, das Lena nicht erwartet hatte: sie nahm das Seil, das die andere noch in der Hand hielt, wickelte es selbst wieder auf, ordentlich, in Schlingen um Daumen und Ellbogen, und legte es auf den kleinen Tisch am Bühnenrand zurück. Ihre Bewegungen waren ruhig. Zufrieden, fast. Als hätte sie etwas beendet, das sie begonnen hatte.

Lena merkte, dass sie den Atem wieder angehalten hatte, und ließ ihn aus, und mit dem Atem kam ein Satz, der ihr im Kopf lag, bevor sie ihn denken konnte. Sie hatte es für ein Ende gehalten, das Seil, den Knoten, das Lösen. Es war keins gewesen. Es war eine Form gewesen, die man annehmen und wieder ablegen konnte, und die Gefesselte hatte sie abgelegt wie einen Mantel, ohne sich kleiner zu fühlen.

„Du siehst die Hände", sagte Viktor. Die Finger lagen noch an ihrer Schulter. „Sieh die Schultern. Sieh, wie sie steht. Sie hat es gewollt, und sie hat es bekommen, und jetzt steht sie aufrechter als vorher." Ein kurzes Atmen, kein Lachen, nur Luft. „Das ist der Unterschied, den die meisten nicht sehen. Sie sehen das Seil und denken an Gefangenschaft."

Lena schaute hin. Sie schaute wirklich hin, so wie Viktor es gesagt hatte, und sie sah es jetzt: die Haltung der Gefesselten, die Art, wie ihr Gewicht auf beiden Füßen lag, ruhig, gleichmäßig, wie jemand stand, der wusste, wo er war. Und daneben die andere, die ihr jetzt das Korsett aufhakte, von oben nach unten, Haken für Haken, mit derselben Methodik wie vorher das Seil, und die Gefesselte hob die Arme, ließ sich aus dem Stoff helfen, und darunter kam ein schlichter, dunkler BH zum Vorschein, und Haut, und die roten Striemen des Seils an den Handgelenken, die nun offen lagen wie eine Schrift, die jeder lesen konnte.

Ein Rascheln ging durch den Saal. Ein Stuhl wurde zurückgeschoben, jemand lachte leise, nicht spöttisch, und an den Tischen hoben sich Gläser, und Lena begriff, dass das hier für die anderen nicht neu war. Sie hatte gedacht, sie sähe eine Aufführung. Sie sah eine Gewohnheit. Sie sah etwas, das diese Leute schon oft gesehen hatten und das sie trotzdem noch ansahen, und das war vielleicht das Eigenartigste an allem.

Viktors Hand verschob sich. Nur ein wenig, so wie sie sich schon einmal verschoben hatte, und diesmal strich der Daumen an Lenas Hals entlang, ganz leicht, und blieb in der kleinen Grube über dem Schlüsselbein liegen. Es war keine Zärtlichkeit. Es war auch keine Drohung. Es war ein Finger, der eine Stelle markierte, und Lena stand stockstill und ließ es geschehen, und ihr fiel auf, dass sie es ließ, dass sie es die ganze Zeit gelassen hatte.

Dann sah sie es. Viktors Arm war ausgestreckt, die Hand an Lenas Hals, und der Ärmel des dunklen Hemdes war zurückgerutscht, und auf der Innenseite des Unterarms, dort, wo die Haut dünn war, zog sich eine Narbe hin, blass, schmal, länger als ein Finger, und sie verlief nicht wie ein Schnitt von außen. Sie verlief quer, gerade, sauber. Lena sah sie nur einen Moment, dann rutschte der Ärmel wieder vor, als hätte der Stoff sich selbst zurückgezogen, und sie fragte nicht, und sie wusste, dass sie nicht fragen würde, und trotzdem blieb das Bild in ihr, wie ein Wort, das man gehört hat und nicht mehr loswird.

Auf der Bühne warfen die beiden jetzt keine Blicke mehr ins Publikum. Sie standen beieinander, die eine im BH, die andere noch im Korsett, und sie sprachen miteinander, zu leise, als dass Lena etwas verstand, und dann lachte die eine wieder, dieses echte, fehlplatzierte Lachen von vorhin, und sie stießen sich mit den Schultern an, und es sah aus wie zwei Menschen, die nach der Arbeit zusammenstehen und den Tag abschütteln. Die Striemen an den Handgelenken waren das Einzige, was blieb.

Die Bank am Rand der Bühne war noch leer. Lenas Platz. Sie sah ihn von hier, das Leder glänzte schwach, und sie dachte daran, wie sie dort gesessen hatte, die Hände auf der Handtasche, und wie weit das weg war, obwohl es keine Stunde her sein konnte. Sie hätte sich setzen können. Sie blieb stehen. Sie wusste nicht mehr genau, warum, nur dass das Stehen jetzt etwas anderes bedeutete als vorhin.

„Du hast noch nicht geantwortet", sagte Viktor. Die Hand lag noch da, der Daumen noch in der Grube über dem Schlüsselbein, und ihre Stimme war dieselbe wie vorher, ruhig, fast freundlich, und darunter lag etwas, das Lena nicht benennen wollte, weil Benennen es wahr gemacht hätte. „Ich habe gefragt, ob du es siehst. Du hast genickt. Nicken ist keine Antwort."

Lena öffnete den Mund. Ihre Lippen waren trocken, und sie merkte es, und sie schloss ihn wieder, und in der Stille zwischen dem Summen und dem Atem der beiden auf der Bühne hörte sie ihr eigenes Schlucken, laut, wie ein Stein in einem Brunnen. Sie wusste, was sie hätte sagen können. Sie wusste, dass es nicht stimmte, und sie wusste, dass Viktor es hören würde, wenn es nicht stimmte.

Also sagte sie nichts. Sie blieb stehen, unter der Hand, und schaute auf die Striemen an den Handgelenken der Frau auf der Bühne, und wartete, und das Warten war selbst eine Art Antwort, eine, die noch offen war, eine, die Viktor nicht auflöste.

„Ich sehe es", sagte sie.

Ihre Stimme kam leiser heraus, als sie gedacht hatte, aber sie kam ganz heraus, ohne Zittern, ohne Wegschauen. Sie hielt den Blick auf die Striemen gerichtet, auf die roten Linien an den Handgelenken, die im Bühnenlicht glänzten wie etwas, das man behalten durfte.

„Ich sehe, dass es nicht wehgetan hat. Nicht so, wie man denkt, wenn man das Wort hört." Sie atmete einmal durch, und Viktors Daumen lag noch in der Grube über ihrem Schlüsselbein, und sie ließ ihn dort. „Es hat beides gemacht. Das eine, weil das andere da war. Ich weiß nicht, wie ich es sonst sagen soll."

Viktor sagte nichts. Für einen Moment nur das Summen, das tiefe, das nicht aufhörte, und das Rascheln eines Glases an einem der Tische, irgendwo hinter ihnen. Dann nahm sie die Hand weg. Nicht abrupt, nicht als Strafe. Sie nahm sie weg wie jemand, der etwas zu Ende geprüft hat und zufrieden ist.

„Gut", sagte Viktor. Nur das. Und dann ging sie.

Lena drehte den Kopf, um zu sehen, wohin, und sah sie auf die Bühne zugehen, die drei Stufen hinauf, nicht schnell, nicht langsam, und die beiden Frauen oben traten zur Seite, als hätten sie es erwartet, als wäre es abgesprochen gewesen die ganze Zeit. Viktor blieb in der Mitte der Bühne stehen, im hellen Licht, und das Licht machte aus dem dunklen Mantel, den sie trug, etwas anderes als das, was er unten im Halbdunkel gewesen war.

Dann griff sie nach dem obersten Knopf.

Sie löste ihn langsam, ohne Show, ohne in den Saal zu schauen, und Lena begriff erst nach dem zweiten Knopf, was sie sah: dass die Selbstverständlichkeit, mit der Viktor sich öffnete, dieselbe war wie die Selbstverständlichkeit, mit der die Gefesselte die Hände auf den Rücken gelegt hatte. Nicht für die anderen. Für sich. Und die anderen durften zusehen.

Der Mantel fiel. Er rutschte von den Schultern, blieb einen Moment an den Ellbogen hängen und glitt dann ganz herunter, und darunter kam ein schwarzes Kleid zum Vorschein, das Lena vorher nicht gesehen hatte, weil der Mantel alles verdeckt hatte. Es saß eng. Es war nicht das, was man trug, um zu gefallen. Es war das, was man trug, wenn der Körper selbst die Aussage war.

Und Viktors Körper war eine Aussage.

Lena hatte sie vorher nur als Kontur gesehen, als Silhouette im Halbdunkel, als Stimme neben sich. Jetzt stand sie im Licht, und das Licht nahm ihr nichts weg, es gab ihr nur Kontur: die Schultern breit, die Taille klar, und darüber eine Oberweite, die das Kleid spannte, voll und schwer, und darunter die Hüften, rund, mit einer Linie, die nicht nach Askese aussah, sondern nach jemandem, der seinen Körper kannte und ihn nicht versteckte. Ende dreißig, schätzte Lena, und dann schätzte sie nicht mehr, weil das Schätzen aufhörte, wo das Sehen anfing.

Das Haar. Sie hatte es unter dem Mantel nur als dunklen Rand gesehen, als etwas, das im Schatten lag. Jetzt, im Bühnenlicht, war es rot. Nicht das Rot einer Flasche, nicht das Rot eines Plakats. Ein dunkles, tiefes Rot, das an den Schläfen ein wenig heller wurde, wo die Haut durchschien, und das in Wellen über die Schultern fiel, schwer, bis unter die Schulterblätter.

Und das Gesicht. Lena hatte gedacht, sie hätte es die ganze Zeit gesehen. Sie hatte die Stimme gehört, die Hände, die Haltung. Aber das Gesicht, wie es jetzt war, ohne Mantel, ohne die halbe Abwendung ins Dunkle, war ein anderes Gesicht. Die scharfen Züge waren noch da, die Wangenknochen, die Linie des Kiefers. Aber darunter lag etwas, das Lena nicht benennen konnte, weil es kein Wort dafür gab, das nicht zu klein war. Etwas, das sich nicht mehr zurückhielt.

Viktor drehte sich zur Seite, und das Kleid öffnete sich am Rücken, weil es dort nur mit einer einzigen Schnur gehalten wurde, und Viktor löste die Schnur, ohne Eile, und ließ den Stoff fallen.

Dann stand sie nackt auf der Bühne.

Lena hörte ein Rascheln durch den Saal gehen, ein kurzes, kollektives Ausatmen, und sie merkte, dass sie selbst mitgeatmet hatte, und dass ihr Mund trocken war, und dass sie die Säule längst losgelassen hatte und ihre Hände jetzt frei an den Seiten hingen, ohne dass sie es entschieden hatte.

Viktor ging zu dem kleinen Tisch am Bühnenrand. Sie hob etwas auf, das dort gelegen hatte, ein Bündel, dunkel, und als sie es auseinandernahm, wurde daraus ein Seil, länger als das vorher, dicker, und dazu eine zweite Sache, ein Stab, schlank, glatt, der das Licht fing wie poliertes Holz. Sie legte beides auf das Podest, das noch in der Mitte stand, und dann drehte sie sich zu den beiden Frauen um, die am Bühnenrand gewartet hatten, und nickte ihnen zu.

Die beiden traten vor. Diesmal ohne Lachen. Diesmal so, wie Lena sich vorgestellt hatte, dass Menschen auf eine Bühne treten, wenn sie etwas vorhaben.

Die erste kniete sich hin. Nicht auf ein Zeichen, sondern weil sie wusste, wohin sie gehörte, und die zweite blieb stehen, hinter ihr, und nahm das Seil. Sie wickelte es nicht um Handgelenke diesmal. Sie führte es um den Oberkörper, unter der Brust hindurch, dann über die Schultern, dann wieder hinunter, ein Muster, das Lena nicht durchschaute, und mit jeder Windung zog sich der Körper der Knienden anders, die Schultern nach hinten, die Brust nach vorn, bis sie am Ende aussah wie jemand, der etwas darbot, das er nicht darbieten wollte. Ihre Arme waren an den Seiten festgebunden, die Handflächen nach außen, und zwischen den Knien lag ein Abstand, den das Seil nicht schloss.

Die zweite trat einen Schritt zurück und betrachtete ihr Werk. Dann ging sie zu dem Tisch, nahm den Stab, und kniete sich ihrerseits hinter die Kniende.

Lena sah es kommen und schaute trotzdem hin. Sie hätte den Blick abwenden können, sie hatte es vorhin gekonnt, hinter der Säule, als noch niemand wusste, dass sie zusah. Jetzt wusste es Viktor. Viktor stand am Rand der Bühne, nackt, das rote Haar über die Schultern, und sah nicht auf die beiden, sondern in den Saal, und dann, über die Köpfe hinweg, zu Lena, und hielt ihren Blick, während der Stab hinter dem Rücken der Knienden verschwand.

Der Laut kam sofort. Kein kleines Ausatmen diesmal. Ein Klang, der durch den Saal ging wie ein Riss durch ein Tuch, und die Kniende riss den Kopf nach oben, und ihre Hände, fest an den Seiten, öffneten und schlossen sich, öffneten und schlossen sich, und der Stab arbeitete langsam, und die zweite hielt mit der freien Hand ihr Haar, zog den Kopf zurück, bis die Kehle lang war, und sprach etwas, das Lena nicht hörte, aber an den Lippen ablesen konnte, und die Kniende stöhnte, langgezogen, ohne Scham.

Viktor sah immer noch zu Lena. Und dann tat sie etwas, das Lena nicht erwartet hatte: sie hob die Hand und legte sie flach auf ihre eigene Brust, nicht als Pose, sondern als hätte sie den eigenen Puls prüfen wollen, und ließ sie dort, während der Saal atmete.

Der Stab ging tiefer. Die Kniende bog den Rücken durch, so weit das Seil es zuließ, und dann weiter, als ginge es darüber hinaus, und Lena sah, wie sich ihre Schenkel öffneten, nicht viel, aber sichtbar, und wie die zweite den Stab drehte, und wie die Kniende darauf antwortete, mit einem Zucken, das durch den ganzen Körper lief, von den Schultern bis in die Waden.

„Sieh hin", sagte Viktor. Sie stand noch am Bühnenrand, aber ihre Stimme trug jetzt, ohne lauter zu sein, als hätte der Saal beschlossen, still zu sein, damit sie zu hören war. „Das ist nicht das, was du denkst. Das ist nicht jemand, dem etwas angetan wird. Sieh ihre Hände."

Lena sah hin. Die Hände der Knienden waren fest an den Seiten gebunden, aber die Finger bewegten sich nicht mehr. Sie lagen ruhig. Die Kniende hielt den Kopf zurückgelegt, die Kehle lang, die Augen geschlossen, und in ihrem Gesicht war nichts von Angst. Da war etwas anderes. Etwas, das Lena nur aus einem einzigen Moment ihres eigenen Lebens kannte, aus einem, den sie niemandem erzählt hatte, und sie spürte, wie ihr die Hitze in den Nacken stieg, weil sie es erkannte, weil sie es nicht erkennen wollte und es trotzdem tat.

Die zweite zog den Stab heraus, langsam, und die Kniende atmete aus, langgezogen, und dann, als der Stab ganz draußen war, tat die zweite etwas, das Lena nicht sofort verstand. Sie legte den Stab weg, kniete sich zwischen die geöffneten Schenkel der Knienden, und ihre Hand verschwand dort, wo der Stab gewesen war, und arbeitete, und diesmal war es anders. Schneller. Gezielter. Die Kniende stöhnte in einem Rhythmus, der keine Pausen mehr hatte, und ihre Hüften bewegten sich, so weit das Seil sie ließ, und darüber hinaus, als wäre das Seil nicht da.

Ein Stuhl kippte. Irgendwo im Halbdunkel, jemand stand auf, eine Hand auf dem Tisch, und setzte sich wieder, und das Klappern ging im Stöhnen unter.

Lena stand ganz still. Ihr eigener Atem war laut in ihrem Kopf, und sie hörte ihn, und sie hörte auch, wie ihr eigener Körper auf das antwortete, was sie sah, ohne dass sie es entschieden hatte. Die Hitze, die sich zwischen ihren Beinen sammelte, war keine Entscheidung. Sie war eine Tatsache. Sie presste die Oberschenkel zusammen, einmal, und dann ließ sie es wieder, weil das Zusammenpressen es schlimmer machte, nicht besser.

Die Kniende kam. Lena sah es nicht an einem Gesicht, sondern an allem: an der Art, wie der ganze Körper sich spannte, dann nachgab, dann zitterte, an dem Laut, der kein Stöhnen mehr war, sondern etwas Dünneres, Höheres, an den Fingern, die sich wieder öffneten und schlossen, und an der Hand der zweiten, die nicht aufhörte, sondern weitermachte, langsam jetzt, bis die Kniende den Kopf zur Seite drehte und etwas sagte, das wie ein Nein klang und wie ein Ja.

Die zweite hörte auf. Sie zog die Hand zurück, und ihre Finger glänzten im Licht, und sie hielt sie hoch, einen Moment, nicht für den Saal, sondern für sich selbst, und dann wischte sie sie an ihrem eigenen Oberschenkel ab, ruhig, sachlich, als hätte sie etwas Handwerkliches getan.

Dann löste sie das Seil. Windung für Windung, wie vorher, und die Kniende sank nach vorn, auf die Hände, die endlich wieder frei waren, und blieb so, atemlos, den Kopf gesenkt, und die zweite kniete neben ihr und wartete, bis sie sich aufrichten konnte, und half ihr dann hoch, und die beiden standen da, verschwitzt, rot an den Stellen, wo das Seil gelegen hatte, und sahen einander an wie zwei, die etwas zusammen durchgestanden hatten, das niemand sonst verstand.

Viktor war von der Bühne gestiegen. Sie stand jetzt neben Lena, ohne Mantel, ohne Kleid, das rote Haar feucht an den Schläfen, und sie roch nach Haut und nach dem Summen, das aus den Wänden kam, und Lena spürte die Wärme ihres Körpers, ohne sie zu berühren.

„Du hast es gesehen", sagte Viktor.

„Ja", sagte Lena. Ihre Stimme war rau, und sie ließ sie rau.

„Und?"

Lena schaute auf die Bühne. Die beiden Frauen gingen jetzt zum Bühnenrand, Hand in Hand, und verschwanden hinter dem Vorhang, und das Podest stand noch da, und das Seil lag darauf, aufgerollt, ordentlich, wie etwas, das man wieder benutzen würde.

„Es ist beides", sagte Lena. „Das eine und das andere. Gleichzeitig. Ich habe gedacht, es wären zwei Dinge, und man wählt. Aber sie hat nicht gewählt. Sie hat beides gehabt." Sie hielt inne, und dann sagte sie den Satz, den sie die ganze Zeit im Kopf gehabt hatte, seit die Gefesselte das Seil aufgewickelt hatte. „Und sie hat es gewollt. Deshalb tut es nicht weh. Nicht so, wie es wehtun würde, wenn sie es nicht wollte."

Viktor sah sie an. Das Gesicht war nah, und Lena sah jetzt, was die Nähe hinzufügte: eine kleine Narbe am Kinn, kaum sichtbar, und die Art, wie die Augen nicht ganz ruhig waren, obwohl der Rest des Gesichts es war. Die Narbe am Unterarm hatte sie nicht vergessen. Sie fragte nicht. Sie spürte, dass Fragen hier etwas zerstören würde, das gerade erst entstand.

„Dann hast du die erste Lektion verstanden", sagte Viktor. „Die zweite ist, dass Verstehen nicht dasselbe ist wie Wissen." Sie trat einen halben Schritt näher, und ihre Brust streifte Lenas Arm, einmal, kaum, und Lena spürte es bis in die Zehen. „Verstehen kann man zusehen. Wissen muss man am eigenen Körper."

Lena schluckte. Ihr Herz schlug so laut, dass sie sicher war, Viktor müsse es hören, und sie sagte nichts, weil jedes Wort jetzt eine Tür gewesen wäre, die sie aufgestoßen hätte, und sie wusste nicht, ob sie bereit war, durchzugehen.

Viktor wartete. Sie wartete wirklich, ohne zu drängen, die Hände locker an den Seiten, nackt, ruhig, und in dieser Ruhe lag mehr Druck als in jeder Berührung vorher, weil sie Lena die Entscheidung ließ, und die Entscheidung war das Schwerste.

„Ich weiß es nicht", sagte Lena endlich. „Noch nicht."

„Das ist eine ehrliche Antwort", sagte Viktor. „Ehrliche Antworten sind selten hier." Sie wandte sich zur Bühne, und Lena sah ihren Rücken, die Linie der Wirbelsäule, die roten Haarwellen, die sich über die Schulterblätter legten, und dann tat Viktor etwas, das Lena nicht erwartet hatte: sie blieb stehen und drehte den Kopf zurück, über die Schulter, und lächelte. Kein breites Lächeln. Ein kleines. Ein Lächeln, das sagte, dass sie gehört hatte, was Lena nicht gesagt hatte.

„Komm morgen wieder", sagte Viktor. „Dienstag. Du weißt die Zeit."

Und dann ging sie zur Bühne zurück, hob den Mantel vom Boden auf, zog ihn über, ohne ihn zuzuknöpfen, und verschwand hinter dem roten Vorhang, und das Summen in den Wänden ging weiter, tief, gleichmäßig, und auf dem Podest lag das Seil, aufgerollt, und wartete.

Der Dienstag kam, ohne dass Lena ihn herbeigewünscht hätte. Er kam einfach, wie Tage kamen, und sie merkte erst am Nachmittag, dass sie ihn die ganze Zeit gezählt hatte, seit sie aufgewacht war, und dass das Zählen eine Antwort gewesen war, die sie niemandem gegeben hatte.

Sie zog den weiten Pullover an, den grauen, und dann wieder aus, und dann einen anderen, dunkleren, und stand vor dem Spiegel in ihrer kleinen Wohnung und sah sich an wie jemanden, den sie nicht kannte. Sie kämmte das feuchte Haar nicht trocken. Sie ließ es, wie es war, wellig und schwer, und steckte eine Strähne hinter das Ohr, und dann zog sie sie wieder hervor, weil Verstecken jetzt das Falsche gewesen wäre.

Die Straße zum Club war dieselbe wie beim ersten Mal. Der Eingang, der keiner war, die Treppe, die nach unten führte, das Klopfen, das sie diesmal nicht lange überlegte. Die Tür ging auf, bevor sie ein zweites Mal ansetzte, und der junge Mann mit dem Piercing stand da, im Halbdunkel, und sah sie an, und diesmal war in seinem Blick etwas, das sie beim ersten Mal nicht gesehen hatte, ein Wiedererkennen, ein kleines Nicken, das kaum eine Bewegung war.

„Du bist wieder da", sagte er. Er sagte es nicht erstaunt. Er sagte es wie etwas, das er erwartet hatte.

„Ist sie da?", fragte Lena, und ihre Stimme kam leiser heraus, als sie wollte.

„Noch nicht." Er trat zur Seite und ließ sie ein. „Dienstag ist früh. Sie kommt später, meistens. Du kannst warten."

Er sagte nicht, wo. Er musste es nicht. Lena ging an ihm vorbei, die Treppe hinunter, und der Geruch kam ihr entgegen, derselbe wie beim ersten Mal, Leder und Öl und etwas Süßes darunter, das sie nicht einordnen konnte, und diesmal erschreckte er sie nicht. Sie ging durch den Saal, an den Tischen vorbei, die noch leer waren, an der Bar, wo eine Frau Gläser polierte und nicht aufsah, und dann blieb sie stehen, weil ihre Füße sie dorthin getragen hatten, ohne dass sie es entschieden hatte.

Die Vitrine.

Sie stand davor wie beim ersten Mal, aber anders. Beim ersten Mal hatte sie die Dinge gesehen und gedacht, dass sie sie nicht verstand. Jetzt stand sie davor und wusste, dass sie sie nicht verstand, und das war ein Unterschied, ein kleiner, aber es war ihrer. Hinter dem Glas lagen sie auf ihren Fächern, das Leder, das Metall, das Holz, und die kleinen Kärtchen daneben, mit Namen, die sie beim ersten Mal nur überflogen hatte. Sie beugte sich vor, näher, bis ihr Atem einen Fleck auf dem Glas hinterließ, und las.

Sie las die Kärtchen wie jemand, der eine Sprache lernt. Manche Wörter kannte sie, manche nicht, und bei den Wörtern, die sie nicht kannte, blieb sie länger, und ihre Lippen bewegten sich, lautlos, als spräche sie sie aus, um zu prüfen, wie sie sich anfühlten.

„Das ist ein Dehner", sagte eine Stimme hinter ihr.

Lena fuhr nicht zusammen. Sie hatte das Zucken schon im Nacken, aber sie hielt es zurück, und sie drehte sich langsam um, und vor ihr stand eine der beiden Frauen von der Bühne. Die mit dem Lachen. Sie trug jetzt keinen BH und kein Korsett, sondern einen einfachen grauen Hoodie, zu groß, die Ärmel über die Hände gezogen, und Jogginghosen, und sie sah aus wie jemand, der gerade aufgestanden war, und nichts an ihr erinnerte an das, was Lena gestern gesehen hatte, und alles an ihr erinnerte daran.

„Der da", sagte sie und tippte mit dem Finger gegen das Glas, nicht auf das Metall, sondern auf das Kärtchen daneben, „den benutzt man nicht zum Dehnen. Nicht so, wie das Wort klingt. Man benutzt ihn, um zu prüfen, wie viel jemand aushält, ohne dass es weh tut. Und dann ein bisschen mehr."

Lena schaute auf das Kärtchen, dann auf die Frau, und dann wusste sie nicht, was sie sagen sollte, und sagte das, was sie sich vorgenommen hatte zu sagen, seit sie hier unten stand.

„Ich habe euch gestern gesehen", sagte sie. „Auf der Bühne. Ich wollte fragen —" Sie hielt inne. Ihre Stimme war zu leise geworden, und sie räusperte sich, und es klang in der leeren Halle lauter, als sie wollte. „Ich wollte fragen, wie es sich anfühlt. Auf der Bühne zu stehen. Und —" Sie suchte das Wort, und dann nahm sie es, so wie es kam. „Und die Dehnung."

Die Frau sah sie an. Sie ließ den Blick einfach liegen, ohne Eile, und in diesem Blick war keine Überraschung, kein Spott, nur ein Abwägen, als prüfte sie, ob die Frage echt war. Dann zog sie eine Augenbraue hoch, kaum, und drehte sich halb um, zur Lounge, wo der Vorhang nur einen Spalt offen stand.

„Komm", sagte sie.

Lena folgte ihr. Die Lounge war hinter dem Vorhang, ein Raum, der größer war, als sie ihn sich vorgestellt hatte, mit tiefen Sofas, einem niedrigen Tisch, auf dem zwei Tassen standen, und einer Decke, die über eine Lehne geworfen war, als hätte jemand hier geschlafen. Auf dem einen Sofa saß die zweite Frau, die andere von gestern, die, die vorne gekniet hatte, und sie hielt eine Tasse in beiden Händen und sah auf, als die beiden hereinkamen, und in ihrem Gesicht war zuerst nichts, dann ein Erkennen, dann etwas, das wie ein kleines, müdes Lächeln aussah.

„Sie ist die von gestern", sagte die mit dem Hoodie. „Die, die hinter der Säule stand." Sie ließ sich auf das Sofa fallen, die Beine unter sich, und zog die Ärmel noch weiter über die Hände. „Sie will wissen, wie es ist. Auf der Bühne. Und die Dehnung."

Die zweite Frau stellte die Tasse ab. Sie sah Lena an, länger als die erste, und dann tat sie etwas, das Lena nicht erwartet hatte: sie klopfte mit der flachen Hand auf das Sofa neben sich, zweimal, ohne ein Wort, und Lena verstand und setzte sich, und das Sofa war tiefer, als sie gedacht hatte, und sie sank hinein, und ihre Knie waren plötzlich höher als ihre Hüften, und sie wusste nicht, wohin mit den Händen.

„Wie es ist", sagte die Frau neben ihr, und ihre Stimme war rauer als die der anderen, tiefer, als hätte sie lange nicht gesprochen. „Das ist keine Frage, die eine Antwort hat. Es ist jeden Abend anders."

„Aber gestern —" Lena hielt inne, weil sie nicht wusste, wie sie es sagen sollte, ohne dass es falsch klang. „Ihr habt ausgesehen, als wäre es nichts. Als wäre es — normal."

Die mit dem Hoodie lachte. Es war dasselbe Lachen wie auf der Bühne, echt und fehl am Platz, und sie warf den Kopf zurück, und dann wurde sie wieder ernst, so schnell, dass Lena den Übergang kaum mitbekam. „Es ist normal. Für uns. Das ist der ganze Trick." Sie streckte die Beine aus und legte die Füße auf den Tisch, und die Socken waren verschiedenfarbig, eine grau, eine blau, und Lena sah es und wusste nicht, warum es sie berührte. „Am Anfang ist es nicht normal. Am Anfang denkst du an alles gleichzeitig. An die Leute. An das Licht. Ob du falsch aussiehst. Ob dir jemand zusieht, der es besser weiß." Sie zuckte mit den Schultern. „Und dann, irgendwann, hörst du auf zu denken. Und dann fängt es an."

„Und die Dehnung?", fragte Lena, und diesmal kam ihre Stimme fester heraus, und sie merkte es und ließ es so.

Die Frau neben ihr, die mit der Tasse, setzte sich anders hin. Sie zog ein Knie hoch und legte das Kinn darauf, und als sie sprach, sah sie nicht Lena an, sondern die Wand, als wäre es leichter, es so zu sagen.

„Die Dehnung ist nicht das, was du siehst", sagte sie. „Du siehst das Metall, oder das Seil, oder die Hand. Aber das ist nur außen. Die Dehnung ist innen. Es ist, als würde etwas in dir nachgeben, das du die ganze Zeit festgehalten hast, ohne es zu wissen. Und in dem Moment, wo es nachgibt, kommt eine Ruhe, die du sonst nirgends kriegst." Sie atmete einmal aus, langsam. „Es tut weh. Aber es ist ein Weh, das du gewählt hast. Und deshalb ist es kein Weh. Es ist —" Sie suchte, und fand nichts, und ließ es offen. „Es ist einfach anders."

Lena saß ganz still. Ihre Hände lagen jetzt auf ihren eigenen Knien, ohne dass sie es bemerkt hatte, und ihre Daumen drückten leicht auf den Stoff der Hose, und sie hörte sich selbst atmen, und sie hoffte, dass es nicht zu laut war.

„Und wie lange dauert es?", fragte sie. „Bis man es kann. Bis es normal wird."

Die mit dem Hoodie sah zur anderen, und die andere sah zurück, und zwischen ihnen ging etwas hin und her, das Lena nicht lesen konnte, eine Verständigung, die älter war als dieser Abend.

„Kommt drauf an", sagte die mit dem Hoodie. „Bei mir hat es ein Jahr gedauert. Bei ihr —" sie nickte zur anderen, „— drei Wochen. Sie ist eine, die schnell nachgibt."

„Ich bin eine, die schnell weiß, was sie will", sagte die andere, ohne Schärfe, und dann, zu Lena, mit einem kleinen Zug um den Mund: „Das ist nicht dasselbe. Aber es hilft."

Lena nickte. Sie wusste nicht, ob sie verstand, und sie sagte es nicht, weil sie es nicht sagen wollte, bevor es stimmte.

„Macht es dir Angst?", fragte die mit dem Hoodie plötzlich, und diesmal war es keine beiläufige Frage. Sie hatte die Füße vom Tisch genommen und saß aufrecht, und sie sah Lena direkt an, und in ihrem Gesicht war nichts mehr von dem Lachen.

Lena dachte nach. Wirklich. Sie ließ sich die Zeit, und die beiden ließen sie ihr, und das war das Eigenartigste an dem ganzen Abend, dass niemand sie drängte, und dass das Nicht-Drängen selbst ein Druck war.

„Ja", sagte sie endlich. „Aber nicht so, wie ich gedacht habe." Sie suchte nach dem Unterschied. „Es ist keine Angst davor, dass etwas passiert. Es ist mehr — Angst davor, dass ich es will. Und dass ich es dann nicht mehr nicht-wollen kann."

Die beiden Frauen sahen sie an. Dann tat die mit der Tasse etwas, das Lena nicht erwartet hatte: sie streckte die Hand aus und legte sie Lena an den Unterarm, nur kurz, nur die Finger, und nahm sie wieder weg.

„Das ist die richtige Angst", sagte sie. „Behalt die."

Hinter dem Vorhang ging die Tür. Nicht laut, aber die beiden Frauen hoben gleichzeitig die Köpfe, wie Tiere, die etwas hören, und Lena merkte, dass sie es auch gehört hatte, und dass sie wusste, wer es war, ohne es zu wissen.

„Sie ist da", sagte die mit dem Hoodie und stand auf, und sie zog den Vorhang ein Stück weiter auf, und durch den Spalt sah Lena den Saal, die Lichter, die jetzt brannten, und eine Gestalt, die durch die Tische ging, den Mantel noch an, das rote Haar im Halbdunkel.

Lena stand auf. Ihre Beine waren steif vom Sitzen, und sie spürte es, und sie war froh, dass sie es spürte, weil es etwas Körperliches war, etwas, das sie verankerte, während alles andere in ihr sich zu bewegen schien.

„Danke", sagte sie zu den beiden, und sie meinte es, und sie wusste nicht genau, wofür.

Die mit dem Hoodie sah sie an, und dann sagte sie etwas, das Lena mitnahm, als sie durch den Vorhang trat, etwas, das sie nicht einordnen konnte und das sie trotzdem behielt.

„Sie wird dich fragen, ob du es wissen willst", sagte sie. „Antworte nicht zu schnell. Sie merkt es, wenn es nicht stimmt."

Lena ging durch den Vorhang, in den Saal, und ihre Schritte klangen auf dem Boden, und Viktor stand an der Bar und drehte sich um, als sie kam, und sah sie an, und in ihrem Blick war nichts von Überraschung, nur ein kleines, langsames Nicken, als hätte sie gewusst, dass Lena kommen würde, und als hätte sie die ganze Zeit gewusst, wie lange es dauern würde, bis sie es tat.

„Du bist gekommen", sagte Viktor, und es war keine Frage und kein Vorwurf, nur eine Feststellung, die sie zwischen sich und Lena stellte wie einen Gegenstand, den man später noch brauchen würde.

„Ja", sagte Lena, und dann, weil das zu wenig war: „Ich habe die ganze Woche daran gedacht."

Viktor nahm den Mantel nicht ab. Sie hielt ein Glas in der Hand, das sie noch nicht geleert hatte, und sie sah Lena an, und in ihrem Gesicht arbeitete etwas, das Lena nicht benennen konnte und das sie zum ersten Mal an ihr sah: eine Spur von Müdigkeit, dünn, unter der Kontrolle, aber da.

„Ich war heute länger als sonst", sagte Viktor. „Oben. Es gibt Dinge, die man nicht hier unten erledigt." Sie stellte das Glas ab, ohne es auszutrinken. „Miriam. So heiße ich. Viktor ist der Name, den die Leute hier unten kennen, und es ist mir lieber, wenn es so bleibt. Aber du stehst jetzt nicht mehr draußen."

Lena wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. Sie sagte den Namen nicht, und sie merkte, dass es richtig war, ihn nicht zu sagen.

„Du warst in der Lounge", sagte Miriam. „Bei den beiden."

„Sie haben mir erklärt, wie es ist. Auf der Bühne."

„Und?"

„Es war keine Erklärung", sagte Lena. „Es war mehr — sie haben mir nicht gesagt, was ich fühlen soll. Sie haben mir gesagt, was sie fühlen. Das ist etwas anderes."

Miriam sah sie einen Moment länger an, als nötig war. Dann nickte sie, das kleine, langsame Nicken von vorhin, und sie ging an Lena vorbei, tiefer in den Saal hinein, und Lena folgte ihr, weil sie nicht wusste, was sonst, und weil sie wusste, dass es das war, was von ihr erwartet wurde, ohne dass es jemand aussprach.

Sie blieben vor der Vitrine stehen. Nicht zufällig. Miriam blieb dort stehen, wo Lena vorhin gestanden hatte, und sie sah nicht auf die Dinge hinter dem Glas, sondern auf das Glas selbst, auf den Fleck, den Lenas Atem hinterlassen hatte, der noch da war, kaum sichtbar, ein kleiner Nebel, der langsam verschwand.

„Was hast du gelesen?", fragte Miriam.

„Nicht alles. Die Kärtchen. Manche Wörter kannte ich, manche nicht."

„Welche nicht."

Lena überlegte. Sie hätte lügen können, sich erinnern können an die vertrauten, aber sie entschied sich in dem halben Moment, in dem man sich entscheidet, für die Wahrheit, weil die Wahrheit hier offenbar die einzige Währung war, die galt.

„Der Dehner", sagte sie. „Und — das Wort daneben. Ich habe es nicht verstanden. Es stand auf einem anderen Kärtchen, weiter hinten."

Miriam sah sie an, und dann tat sie etwas, das Lena nicht erwartet hatte: sie nahm einen kleinen Schlüssel aus der Manteltasche, einen, der an einem Ring mit zwei anderen hing, und sie schloss die Vitrine auf. Das Glas ging auf, lautlos, auf Schienen, und die Luft, die herauskam, roch anders als der Saal, trockener, nach Metall und altem Leder und einem Öl, das Lena nicht kannte.

„Dann lies", sagte Miriam. „Nicht mit den Augen. Mit der Hand."

Lena sah sie an. Dann sah sie in die Vitrine. Die Dinge lagen da, auf ihren Fächern, und sie sahen aus wie vorher, und sie sahen jetzt anders aus, weil nichts mehr zwischen ihr und ihnen war.

„Ich weiß nicht, wie man das anfasst", sagte sie.

„Das ist der Punkt", sagte Miriam. „Du weißt es nicht. Und du willst es trotzdem wissen. Das ist der ganze Anfang."

Lena streckte die Hand aus. Sie zögerte, und sie ließ sich das Zögern, und dann nahm sie das Erste, das vorne lag, ein Stück Leder, weich, geschmeidig, das in der Hand schwerer war, als es aussah. Sie hielt es, ohne es zu bewegen, und sie fühlte die Oberfläche, die Wärme, die das Leder aus ihrer Hand annahm, als hätte es darauf gewartet.

„Und jetzt?", fragte sie.

„Nichts", sagte Miriam. „Du hältst es. Das ist alles. Du musst nichts damit tun."

Lena hielt es. Sie hielt es länger, als sie gedacht hatte, und es war nichts dabei, und es war alles dabei, und sie merkte, dass ihre Schultern sich senkten, ohne dass sie es befohlen hatte, und dass ihr Atem langsamer ging, und dass sie in dem Moment, in dem sie es merkte, wieder schneller atmete, weil sie sich beim Merken ertappt fühlte.

Miriam sah es. Sie sagte nichts dazu. Sie nahm ihr das Leder nicht weg und ließ es ihr auch nicht. Sie stand daneben und wartete, und das Warten war, wie das Nicht-Drängen in der Lounge, ein Druck, den Lena selbst aufbaute, weil sie ihn nicht aushielt, ohne etwas zu tun.

„Was ist das Wort?", fragte Lena endlich, und sie legte das Leder zurück, an seinen Platz, genau dorthin, wo es gelegen hatte.

Miriam zeigte nicht auf das Kärtchen. Sie sagte das Wort, und sie sagte es leise, so leise, dass es nur zwischen ihnen beiden existierte.

„Ergebung. Auf dem Kärtchen steht Ergebung." Sie sah Lena an. „Aber das ist eine Übersetzung. Das Wort, das dort wirklich steht, ist älter. Es heißt nicht, dass man aufgibt. Es heißt, dass man etwas hergibt, das man behalten könnte. Und dass man es hergibt, weil man will, dass der andere es hat."

Lena sah auf die Vitrine. Die Dinge lagen da, und sie verstand sie nicht, und sie verstand jetzt etwas anderes, etwas, das nicht in der Vitrine lag, sondern in dem, wie Miriam es gesagt hatte, ohne Pathos, ohne Feierlichkeit, als wäre es eine Tatsache über die Welt.

„Warum haben Sie mir das nicht am ersten Abend gesagt?", fragte sie.

„Weil du am ersten Abend nicht gefragt hast", sagte Miriam. „Und weil man das nicht sagt. Man lässt es finden." Sie zog den Mantel ein Stück zurecht, sie war noch nicht fertig mit dem Gehen, aber sie war schon halb weg. „Die beiden sind noch da. Bis die Show anfängt. Wenn du willst, kannst du zusehen, wie sie sich vorbereiten. Nicht auf der Bühne. Dahinter."

Sie ging. Diesmal ohne sich umzudrehen, und Lena blieb vor der Vitrine stehen, und sie sah ihr nach, und dann sah sie wieder auf das offene Glas, und dann schloss sie es, langsam, mit beiden Händen, bis es einrastete, und sie wusste nicht, ob sie das durfte, und sie tat es trotzdem, und es fühlte sich richtig an.

Hinter ihr ging der Vorhang zur Lounge. Die mit dem Hoodie steckte den Kopf heraus, sah Lena, und verschwand wieder, und ließ den Vorhang so, dass ein Spalt blieb, und Lena verstand.

Sie ging zurück. Die beiden saßen wieder, die mit dem Hoodie auf dem Sofa, die andere auf dem Boden, den Rücken gegen die Sofakante, die Beine ausgestreckt, und zwischen ihnen auf dem Tisch lagen jetzt Dinge, die vorher nicht dagewesen waren: eine Rolle Seil, ein kleines Fläschchen, ein Tuch, und die zweite Frau hielt ein Stück Seil in den Händen und wickelte es um ihre eigene Hand, immer wieder, in einer Bewegung, die so alt war, dass sie nicht mehr nachdachte.

„Sie hat dir die Vitrine aufgeschlossen", sagte die mit dem Hoodie, ohne aufzusehen. „Das macht sie nicht oft."

„Ich habe nichts angefasst", sagte Lena, und dann, weil es nicht stimmte: „Fast nichts."

„Doch", sagte die andere vom Boden, ohne aufzusehen, das Seil in den Händen. „Du hast etwas angefasst. Man sieht es an dir."

Lena setzte sich, ohne gefragt zu werden, auf das Sofa, weiter weg als beim ersten Mal, und dann, weil es sich falsch anfühlte, ein Stück näher, und sie ließ es so. Sie sah den beiden zu, wie sie das Seil wickelten und wieder abwickelten, und nach einer Weile fragte sie das, wofür sie gekommen war, und diesmal kam es nicht leise heraus.

„Was macht ihr, bevor die Show anfängt?"

Die mit dem Hoodie sah von ihrem Seil auf, und in ihrem Gesicht bewegte sich etwas, das Lena nicht sofort lesen konnte — nicht Ablehnung, aber auch nicht die leichte Offenheit von vorhin, als sie über das Dehnen gesprochen hatten. Sie ließ das Seil in ihren Händen liegen und sah zur anderen hinüber, die auf dem Boden saß, den Rücken gegen die Sofakante, die Beine ausgestreckt.

Die andere hielt Lenas Blick länger, als es höflich war. Dann zog sie ein Bein an, stellte den Fuß auf den Boden, und ihr Knie zeigte jetzt auf Lena wie ein Wegweiser, den sie nicht aussprach.

„Zusehen", sagte sie, und es klang, als prüfte sie das Wort auf einer Zunge, die es nicht mochte. „Vorbereiten ist nicht Show. Vorbereiten ist das, was danach keiner mehr sieht."

„Ich weiß", sagte Lena, und weil das zu schnell gekommen war, setzte sie nach: „Ich will nicht die Show sehen. Die habe ich gesehen. Ich will das davor."

Die mit dem Hoodie schnaubte, halb Lachen, halb Luft. Sie warf die Seilrolle neben sich aufs Sofa, wo sie liegen blieb, halb aufgerollt, und stand auf, und als sie stand, war sie größer, als Lena sie in Erinnerung hatte, die Schultern breit unter dem zu weiten Stoff. Sie ging zum Tisch und nahm das Fläschchen, drehte es einmal in den Fingern, ohne es zu öffnen.

„Es gibt eine Bedingung", sagte sie. „Du redest nicht. Nicht mit uns, nicht mit dir, nicht mit dem Raum. Du sitzt, wo wir dich hinsetzen, und du bleibst dort, bis wir fertig sind. Wenn du etwas willst — Wasser, raus, Luft — hebst du die Hand. Wie in der Schule." Sie sah auf. „Kannst du das?"

Lena hob die Hand. Nur die Hand, ohne ein Wort, und hielt sie oben, und ließ sie wieder sinken, und die mit dem Hoodie sah es und lachte diesmal wirklich, kurz und echt, und schüttelte den Kopf, als hätte Lena etwas gutgemacht, das sie nicht angekündigt hatte.

„Gut", sagte sie. „Dann komm."

Die andere vom Boden stand langsamer auf. Sie sammelte das Seil ein, das sie gewickelt hatte, ließ es aber nicht auf dem Tisch liegen, sondern trug es mit, über die Schulter gelegt wie ein Handtuch, und Lena begriff, dass es nicht Requisite war, nicht für später. Es war etwas, das sie einfach mitnahm, weil es dazugehörte, wie eine Jacke.

Sie gingen nicht durch den Vorhang in den Saal. Die mit dem Hoodie schob den Vorhang nur ein Stück zur Seite und führte sie an der Rückwand entlang, hinter den Tischen, durch eine Tür, die Lena vorher nicht gesehen hatte, weil sie dieselbe Farbe hatte wie die Wand. Dahinter ein schmaler Gang, kalt, mit nackten Rohren an der Decke, und am Ende ein Raum, der keine Lounge war und keine Bühne und nichts von beidem sein wollte.

Es war ein Umkleideraum, aber das Wort stimmte nicht ganz. Zwei Spinde, offen, mit Kleiderbügeln, an denen dunkle Stoffe hingen. Ein Tisch mit einer Marmorplatte, darauf Make-up, ein Spiegel mit Rahmen, dessen Licht noch nicht eingeschaltet war, und daneben eine Reihe Haken, an denen Dinge hingen, die Lena auf den ersten Blick nicht alle benennen konnte. Ein Stuhl stand an der Wand, ein einfacher Holzstuhl, und auf ihm lag ein Handtuch, zusammengefaltet, als hätte jemand ihn für sie vorbereitet, ohne es zu wissen.

„Da", sagte die mit dem Hoodie und zeigte mit dem Kinn auf den Stuhl. Kein Wort zu viel. Lena setzte sich, und der Stuhl war hart, härter als das Sofa, und ihre Füße erreichten den Boden gerade so, und sie legte die Hände in den Schoß, weil es sich so gehörte, und dann ließ sie sie wieder locker, weil das Gehörige falsch war.

Die beiden stellten sich nicht in Pose. Das war das Erste, was Lena auffiel. Sie taten einfach, was zu tun war, und das Tun selbst war unspektakulär, und gerade das machte es unmöglich, wegzusehen. Die mit dem Hoodie zog den Reißverschluss auf und ließ den Hoodie von den Schultern fallen, und darunter war sie nackt von der Taille aufwärts, und sie griff nach dem ersten Kleiderbügel, ohne sich umzudrehen, ohne zu prüfen, ob Lena hinsah.

Das Korsett hing an dem Bügel wie etwas Leeres, das auf einen Körper wartete. Sie nahm es herunter, hielt es sich vor, drehte es einmal, und dann trat die andere hinter sie, ohne dass es abgesprochen wirkte, und nahm ihr das Korsett aus den Händen. Die mit dem Hoodie hob die Arme, so wie man die Arme hebt, wenn man angezogen wird, und ließ es geschehen, und die andere legte ihr das Korsett um die Taille, von hinten, mit einer Selbstverständlichkeit, die nach Jahren aussah.

Lena sah die Schnürung. Sie hatte sich das anders vorgestellt, grob, schnell. Es war langsam. Die andere zog die Bänder nicht durch, sie führte sie, eines nach dem anderen, von unten nach oben, und mit jeder Kreuzung rückte der Stoff ein Stück zusammen, und mit jedem Zug veränderte sich der Körper vor ihr, kaum merklich, dann deutlicher, die Taille schmaler, die Brust höher, die Rippen unter der Haut wie etwas, das man sehen durfte, wenn man es richtig machte.

Die mit dem Hoodie atmete in kleinen Stößen aus, so wie jemand atmet, der sich an ein neues Maß gewöhnt. Sie sagte nichts. Sie stand einfach da, die Arme noch oben, und ließ die andere arbeiten, und in ihrem Rücken bewegten sich die Schulterblätter, als wären sie wach.

„Zwei Finger breit", sagte die andere, und es war das erste, was in diesem Raum gesprochen wurde, und sie sagte es nicht zu Lena, sondern zu sich selbst, als prüfte sie den Abstand zwischen Stoff und Haut, und dann zog sie den letzten Knoten fest, und die mit dem Hoodie ließ die Arme sinken, langsam, und drehte sich einmal, und das Korsett knarrte, dasselbe Geräusch wie auf der Bühne, und Lena spürte es im Nacken, weil es jetzt keine Bühne war, sondern ein Raum mit einem Tisch und einem Stuhl, und sie saß auf dem Stuhl.

Die andere trat einen Schritt zurück und betrachtete ihr Werk, so wie sie es auf der Bühne getan hatte, und dann tat sie etwas, das Lena nicht erwartet hatte: sie griff nach dem Tuch auf dem Tisch und wischte der mit dem Hoodie den Schweiß von der Stirn, einmal, kurz, als wäre es nichts. Die mit dem Hoodie ließ es zu, ohne den Kopf zu bewegen, und dann sagte sie, mit einer Stimme, die ganz anders klang als alles, was Lena bisher von ihr gehört hatte, leise, fast nebenbei:

„Der Knoten war zu locker beim letzten Mal. Rechts."

„Ich weiß", sagte die andere. „Deshalb mach ich ihn jetzt zweimal."

Das war alles. Kein Vorwurf, keine Entschuldigung. Nur zwei Menschen, die über einen Knoten sprachen wie über ein Werkzeug, das man richtig einstellen musste, und Lena saß auf ihrem Stuhl und begriff, dass sie Zeugin von etwas war, das nicht für sie gedacht war, und dass genau das der Grund war, warum sie es nicht vergessen würde.

Die mit dem Hoodie ging zu den Haken an der Wand. Sie nahm die Stiefel herunter, die dort hingen, hoch, schwarz, mit den langen Schnürsenkeln, und sie setzte sich auf den Boden, ohne sich zu setzen, eigentlich nur auf die Fersen, und begann, sie zu schnüren. Von unten nach oben. Sie zog die Senkel straff, prüfte mit dem Daumen, und zog weiter, und Lena sah die Muskeln in ihren Unterarmen arbeiten, und die Striemen von gestern waren noch da, blass jetzt, aber da, als hätte jemand mit einem dünnen Stift Linien gezogen.

Die andere stand daneben und hielt die zweite Sohle fest, den Fuß, damit er nicht rutschte, und sie tat es, ohne dass es besprochen war, einfach so, weil sie wusste, wann die mit dem Hoodie das Gleichgewicht verlieren würde. Sie kannten die Bewegungen des anderen. Sie kannten die Pausen. Als wäre der eine Körper eine Karte, die der andere auswendig gelernt hatte.

Lena merkte, dass sie die Beine übereinandergeschlagen hatte. Sie merkte es und ließ sie so, weil das Ändern jetzt eine Antwort gewesen wäre. Ihre Handflächen lagen feucht auf dem Stoff ihrer Hose, und sie drückte sie einmal fest auf die Oberschenkel, und dann ließ sie los, und der Stoff war warm an den Stellen, wo sie gelegen hatten.

Die mit dem Hoodie stand auf. In den Stiefeln war sie noch größer, und sie ging ein paar Schritte, prüfte die Sohlen auf dem Boden, drehte die Ferse, hob den Fuß, setzte ihn wieder ab, und es sah aus wie jemand, der ein neues Paar Schuhe einläuft, nur dass die Schuhe alt waren und der Körper das Neue daran war. Sie blieb vor dem Spiegel stehen, dessen Licht noch aus war, und betrachtete sich im Halbdunkel, und dann schaltete sie das Licht ein.

Es war kein helles Licht. Es war warm, gelb, und es legte sich auf ihr Gesicht, und Lena sah es zum ersten Mal richtig, ohne Bühnenlicht, ohne Entfernung: die junge Haut, die Sommersprossen über der Nase, die Art, wie sie die Lippen kurz aufeinanderpresste und wieder löste, als übte sie einen Ausdruck, den sie gleich brauchen würde.

„Handgelenke", sagte die andere hinter ihr.

Die mit dem Hoodie hielt die Arme vor, die Handflächen nach oben, und die andere nahm das Seil, das sie über der Schulter getragen hatte, und begann es um die Gelenke zu wickeln. Nicht fest. Prüfend. Sie legte die Windungen so, dass sie sich nicht kreuzten, und ließ zwischen Haut und Seil einen Fingerbreit Luft, und die mit dem Hoodie ließ die Hände offen, die Finger entspannt, als hätte sie vergessen, dass sie Hände hatte.

Lena sah, wie die andere den Knoten machte. Sie sah die Finger, die das Seil führten, ruhig, ohne Eile, und sie sah, wie die mit dem Hoodie in dem Moment, als der Knoten saß, die Schultern sinken ließ, ein kleines, tiefes Nachgeben, das nicht im Gesicht war, sondern im Rücken.

Dann tat die andere etwas, das Lena nicht kommen sah. Sie nahm die Hände der Gefesselten nicht weg, sie blieb hinter ihr stehen, und sie legte ihr die Stirn an den Hinterkopf, nur einen Moment, und atmete, und die mit dem Hoodie atmete mit, im selben Rhythmus, und es dauerte vielleicht drei Atemzüge, und in diesen drei Atemzügen sagte niemand etwas, und der Raum war so still, dass Lena das Öl in den Rohren hörte, irgendwo über ihnen, ein langsames, warmes Tropfen.

Dann trat die andere zurück. Sie prüfte den Knoten noch einmal, zog an einem Ende, ließ los, und die mit dem Hoodie drehte die Handgelenke, einmal, zweimal, wie sie es auf der Bühne getan hatte, als prüfte sie das Spiel, und es war genug Spiel, und sie nickte, kaum, und die andere nahm das Fläschchen vom Tisch und öffnete es.

Der Geruch kam sofort. Kein Parfüm. Etwas Klares, Kühles, mit einem Unterton von etwas Pflanzlichem, das Lena nicht kannte. Die andere goss ein wenig auf die Finger und verrieb es, und dann trat sie vor die mit dem Hoodie und strich ihr mit den glänzenden Fingern über die Innenseite der Oberarme, über die Stelle, wo das Seil später liegen würde, und dann über die Rippen, unter dem Korsett hindurch, soweit sie kam, und die mit dem Hoodie stand ganz still und ließ es geschehen, und in ihrem Gesicht war nichts von Anspannung, nur eine Konzentration, die nach innen gerichtet war, als horchte sie auf etwas in ihrem eigenen Körper.

Lena hätte die Hand heben können. Sie dachte daran, nur kurz, das Wasser, das sie nicht brauchte, die Luft, die sie hatte. Sie tat es nicht. Sie saß auf dem Stuhl, die Hände im Schoß, und ihre eigene Haut fühlte die Stelle am Oberarm, wo die andere der mit dem Hoodie das Öl verrieben hatte, als wäre es ihre, und sie wusste, dass das nicht stimmte, und sie spürte es trotzdem.

Die andere schraubte das Fläschchen zu. Sie wischte sich die Hände an einem Tuch ab, das auf dem Tisch lag, und dann ging sie zu dem zweiten Kleiderbügel und nahm etwas herunter, das Lena vorher nicht gesehen hatte, weil es hinter den Korsetts gehangen hatte: ein Stück Leder, schmal, mit Riemen, das aussah wie ein Geschirr für etwas, das keine Form hatte.

„Das ist neu", sagte die mit dem Hoodie, und es war keine Frage.

„Gestern angekommen", sagte die andere. „Ich hab's noch nicht getragen."

„Dann trag's heute."

Die andere sah sie an, einen Moment länger als nötig, und dann tat sie, was gesagt worden war, ohne ein Wort, und Lena begriff, dass sie gerade etwas gesehen hatte, das man nicht sah, wenn man auf der Bühne stand, weil es vor der Bühne passierte, in einem Raum mit einem Holzstuhl und einem warmen Licht, und dass sie es behalten würde, länger als sie wollte.

Die andere legte das Geschirr an. Sie musste sich dafür bücken, und die mit dem Hoodie half ihr, ohne dass sie es verlangt hatte, sie hielt die Riemen, während die andere sie durch die Schnallen führte, und zwischen ihnen ging das Handeln hin und her wie ein Atemzug, den zwei teilen. Als es saß, trat die andere vor den Spiegel und betrachtete sich, und sie drehte sich einmal, und das Leder knarrte leise, und in ihrem Gesicht war zum ersten Mal an diesem Abend etwas, das Lena als Unsicherheit erkannte, dünn, schnell versteckt, aber da.

Die mit dem Hoodie sah es. Sie ging zu ihr, stellte sich hinter sie vor den Spiegel, und legte ihr die Hände auf die Schultern, nicht fest, nur so, dass sie lagen, und sie sah sie im Spiegel an, nicht sich selbst, und sagte etwas, das Lena nicht verstand, weil es zu leise war, und die andere nickte, und ihre Schultern sanken ein Stück, und die Unsicherheit war nicht weg, aber sie war jetzt kleiner als das Leder.

Lena saß ganz still. Ihre Zunge lag trocken am Gaumen, und sie merkte, dass sie seit einer Weile nicht geschluckt hatte, und sie schluckte, und es war laut in ihrem Kopf, und die beiden hörten es nicht, weil sie einander ansahen, im Spiegel, und weil das, was zwischen ihnen war, keine Zuschauer brauchte.

Dann ließ die mit dem Hoodie die Hände sinken. Sie prüfte noch einmal den Sitz des Korsetts, zog an einer Stelle nach, und die andere ließ es geschehen, und dann standen sie nebeneinander vor dem Spiegel, und Lena sah sie zum ersten Mal so, wie der Saal sie gleich sehen würde, und es war anders als gestern, weil sie jetzt das Davor kannte, den Knoten, das Öl, das Zögern, und weil das Wissen die Bühne nicht kleiner machte, sondern größer.

Die mit dem Hoodie drehte sich zur Tür. Sie ging zum Vorhang, der von diesem Raum aus zum Bühnenrand führte, und sie griff nach dem Stoff, und dann, bevor sie ihn aufzog, drehte sie sich noch einmal um, zu Lena, und in ihrem Gesicht war jetzt wieder das Lachen von vorhin, aber ruhiger, als hätte es sich gesetzt.

„Siehst du den Stuhl dort?", sagte sie und zeigte mit dem Kinn, nicht auf Lenas Stuhl, sondern auf einen zweiten, der an der anderen Wand stand, näher am Vorhang, halb im Schatten, mit einem Handtuch über der Lehne. „Wenn du wirklich zusehen willst, dann nicht von hier hinten. Da." Sie ließ den Vorhang noch nicht los. „Der ist für die, die davorstehen. Nicht für die, die mitmachen. Wenn du dich da hinsetzt, bist du sichtbar. Auch für die im Saal, wenn der Vorhang aufgeht. Willst du das?"

Lena sah den Stuhl an. Dann sah sie die beiden an, die mit dem Hoodie, die den Vorhang schon halb in der Hand hielt, und die andere, die im Spiegel noch ihr eigenes Leder betrachtete, als wäre es das erste Mal, dass sie es sah.

Sie stand auf. Ihre Beine waren steif vom langen Sitzen, und sie spürte es, und sie ging die paar Schritte, und dann setzte sie sich auf den zweiten Stuhl, näher am Vorhang, halb im Schatten, und das Handtuch über der Lehne roch nach dem Öl, das die andere verrieben hatte, und sie legte die Hände auf die Knie und sah nach vorn, wo die mit dem Hoodie jetzt den Vorhang aufzog, und dahinter war der Bühnenrand, das Holz, das Licht, das noch nicht brannte, und der Saal, in dem die Stühle standen und warteten.

Der Vorhang ging auf, und das Licht kam.

Es kam von oben, ein breiter Kegel, der die Mitte der Bühne hell machte und die Ränder des Saals noch tiefer ins Dunkel schob. Von Lenas Stuhl aus war der Kegel nicht mehr ein Bild, das man betrachtete. Er war ein Raum, in den sie hineinsah, und alles darin war größer, als sie es von der Bank aus erinnert hatte: das Holz, die Fugen, das Podest in der Mitte, das jetzt nicht mehr in der Mitte stand, sondern links, nah, so nah, dass sie die Schrauben an den Beinen sehen konnte und den Abrieb, wo jahrelang Haut über die Kante gerutscht war.

Sie hörte die Stühle hinter sich. Ein Rascheln, ein Knarren, ein Rascheln. Sie drehte sich nicht um. Sie merkte, dass sie sich nicht umdrehte, und sie merkte auch, dass es Blicke waren, die über ihre Schulter strichen, an ihrem Nacken entlang, neugierig, abwägend, die Blicke derer, die den Stuhl am Vorhang kannten und wussten, wer darauf sitzt und wer nicht. Einer blieb länger. Sie spürte ihn wie einen Finger, der nicht landete, und dann ließ er ab, und sie saß still, das Handtuch im Rücken, die Hände auf den Knien, und ihr Blick lag auf dem Podest und ließ nicht los.

Die mit dem Hoodie kam zuerst.

Sie trat aus dem Dunkel hinter dem Lichtkegel, langsam, und die Stiefel machten auf dem Holz das Geräusch, das Lena jetzt kannte, das Hohle, das nach innen klang. Das Korsett saß, wie es im Umkleideraum gesessen hatte, zwei Finger breit, und die Striemen von gestern lagen noch an ihren Handgelenken, blass, aber da. Sie blieb neben dem Podest stehen und sah nicht in den Saal. Sie sah zur Seite, dorthin, wo die andere kommen würde.

Die andere kam.

Sie trug das Leder. Das Geschirr, das neu war, das sie noch nicht getragen hatte, es saß über ihrem nackten Oberkörper wie etwas, das nicht für sie gemacht worden war und das sie trotzdem ausfüllte, und an ihren Hüften hing der schmale Gurt, und als sie ins Licht trat, knarrte das Leder leise, und Lena hörte es, weil sie so nah saß, dass sie es hören konnte, und weil der Saal hinter ihr so still geworden war, dass man ein Knarren hörte.

Sie blieben einander zugewandt. Sie sprachen nicht. Die mit dem Hoodie hob die gefesselten Hände, nicht hoch, nur vor den Körper, eine kleine Bewegung, und die andere nahm sie, hielt sie, und dann drehte sie sie um, sanft, und führte sie nach unten, und die mit dem Hoodie ließ sich führen, ohne Widerstand, und kniete sich auf das Podest.

Lena sah die Knie auf dem Holz. Sie sah, wie sich die Haut über den Kniescheiben spannte und wieder glättete, als das Gewicht ankam. Sie sah die Wadenmuskeln arbeiten, als die mit dem Hoodie den Oberkörper vornüberlegte, die Stirn fast am Holz, die Arme hinten, das Korsett eng, und dann sah Lena den Rücken, der sich wölbte, und die Wirbelsäule, die als Linie hervortrat, und darüber die Schulterblätter, die sich bewegten wie etwas Eigenes.

Die andere kniete hinter ihr. Sie kniete breit, die Knie außen, und sie legte die Hand auf den unteren Rücken der Vorgebeugten, nicht fest, nur so, dass sie lag, und dann griff sie mit der anderen Hand zur Seite, auf den kleinen Tisch, und nahm etwas herunter, das Lena bis jetzt nicht gesehen hatte, weil es im Schatten gelegen hatte.

Der Stab.

Er war aus Metall. Nicht poliert wie der von gestern, nicht glatt. Er war matt, und als die andere ihn ins Licht hob, sah Lena, was auf seiner Oberfläche war: Noppen, in Reihen, kleine runde Erhebungen, und zwischen ihnen Rillen, fein, gedreht, wie das Muster auf einem Griff, nur dass es kein Griff war, sondern die ganze Länge, und die ganze Länge war länger, als Lena gedacht hatte, länger als eine Hand, länger als zwei.

Lena hörte sich schlucken. Es war laut in ihrem eigenen Kopf und wahrscheinlich nicht laut im Saal, und sie hoffte es, und sie schaute weiter hin.

Die andere drehte den Stab im Licht. Einmal. Zweimal. Sie ließ ihn nicht glänzen wie etwas, das man vorführt. Sie prüfte ihn, mit den Fingern, über die Noppen, über die Rillen, als wollte sie fühlen, was er tun würde, bevor sie ihn tat. Dann nahm sie die Hand vom Rücken der Vorgebeugten und griff nach dem Fläschchen, das neben ihr auf dem Holz stand, und goss etwas auf ihre Finger, und verrieb es, und die Flüssigkeit fing das Licht ein, kurz, wie ein dünner Film.

Sie beugte sich vor. Sie sprach etwas, das Lena nicht hörte, und die Vorgebeugte nickte, kaum, mit der Stirn am Holz, und dann hob die andere die Hand mit dem Stab, und setzte ihn an.

Lena sah es genau.

Sie sah die Stelle, wo das Metall die Haut berührte, und sie sah, wie die Haut sich spannte, weil der Stab nicht hineinging, sondern dagegen drückte, und dann sah sie, wie die Haut nachgab, langsam, in einem Maß, das sie sich nicht vorgestellt hatte. Der After der mit dem Hoodie öffnete sich, nicht plötzlich, nicht wie ein Loch, sondern wie etwas, das sich entschied, und die Ränder traten hervor, glänzend von dem Öl, und sie dehnten sich, rund, gleichmäßig, um die erste Noppe, und dann um die zweite, und Lena sah, wie die Haut sich um das Metall legte, als hätte sie es schon einmal getan, und wie die Rillen des Stabes sich mit der Haut füllten und wieder freigaben.

Die mit dem Hoodie atmete aus. Ein Laut, der kein Stöhnen war, sondern etwas Tieferes, ein Ton aus dem Bauch, und ihr Rücken senkte sich ein Stück, und ihre gefesselten Hände an den Seiten öffneten und schlossen sich, öffneten und schlossen sich, und Lena sah die Sehnen in ihren Handrücken arbeiten, weiß unter der Haut.

Die andere schob weiter. Nicht schnell. Sie schob in kleinen Bewegungen, die kein Ende hatten, und mit jeder Bewegung sah Lena mehr, sah die Haut, die sich weiter dehnte, sah die Ränder, die sich um den Stab legten, sah die Rillen, die sich drehten, weil die andere den Stab langsam drehte, und Lena wusste nicht, ob das Drehen das war, was die mit dem Hoodie atmen ließ, oder ob es das Schieben war, aber sie sah, dass beides zusammenkam, und dass die mit dem Hoodie auf beides antwortete, mit dem Rücken, mit den Schultern, mit den Fingern.

Ein Stuhl kippte hinter ihr. Irgendwo, weit hinten, und jemand fluchte leise, und das Klappern ging im Atem der Vorgebeugten unter. Lena rührte sich nicht. Sie merkte, dass sie die Luft angehalten hatte, und ließ sie aus, und ihre Rippen taten weh davon, und sie atmete wieder ein, und ihr Blick blieb auf der Stelle, wo das Metall in die Haut ging, auf den Rändern, die sich spannten und hielten.

Die andere zog den Stab zurück. Langsam. Und Lena sah, wie die Ränder der Haut dem Metall folgten, ein Stück, und dann liegen blieben, offen, glänzend, und wie sie sich wieder schlossen, langsam, wie etwas, das sich erinnert, und dann setzte die andere den Stab wieder an, und diesmal ging er tiefer, und die Haut dehnte sich weiter, als Lena es für möglich gehalten hätte, und die mit dem Hoodie stöhnte, langgezogen, ohne Scham, und ihre Hüften bewegten sich, so weit das Podest es zuließ, und darüber hinaus.

Lena sah ihre eigene Hand. Sie lag auf ihrem Knie, und die Finger waren weiß an den Knöcheln, und sie wusste nicht, wann sie sie so fest geschlossen hatte, und sie öffnete sie, langsam, und der Stoff der Hose war warm, wo sie gelegen hatten.

Sie sah auf. Und diesmal sah sie mehr als den Stab.

Sie sah, wie die andere mit der freien Hand das Haar der Vorgebeugten nahm und es hob, nicht zog, nur hob, so dass die Kehle lang wurde und das Kinn sich hob und das Gesicht sich drehte, und sie sah das Gesicht der mit dem Hoodie, jetzt, im Licht, und in dem Gesicht war nichts von dem Lachen von vorhin. Da war Konzentration. Da war ein Nach-innen-Horchen, wie im Umkleideraum, nur stärker, tiefer, und darunter etwas, das Lena nur an einer Stelle kannte, an einer Stelle, die sie niemandem erzählt hatte, und sie spürte, wie ihr die Hitze in den Nacken stieg, weil sie es erkannte, und sie erkannte es an sich selbst, hier, auf diesem Stuhl, mit feuchten Handflächen und einem Puls, den sie bis in die Zungenspitze fühlte.

Die andere bewegte den Stab jetzt in einem Rhythmus. Sie drehte ihn, während sie schob, und die Noppen und die Rillen arbeiteten zusammen, und Lena sah, wie die Haut der mit dem Hoodie auf jede Bewegung antwortete, wie sie sich um das Metall legte und es wieder freigab, und wie der After sich weiter dehnte, mehr, als sie gedacht hatte, dass er sich dehnen konnte, und wie die Ränder glänzten und rot wurden, und wie die mit dem Hoodie den Kopf in das Haar zurücklegte, das die andere noch hielt, und die Augen schloss, und ausatmete, lang, zittrig, in einem Ton, der beides war, Schmerz und etwas anderes, das kein Wort hatte.

Lena merkte, dass sie die Oberschenkel zusammendrückte. Sie merkte es und ließ es, weil das Zusammenpressen es schlimmer machte, und sie ließ die Beine auseinander, ein Stück, und spürte die Hitze, die zwischen ihnen saß, ohne dass sie sie entschieden hatte, als Tatsache, als etwas, das zu ihr gehörte und das sie nicht wegwünschte.

Die andere zog den Stab heraus. Ganz. Und diesmal, als das Metall frei war, sah Lena den After der mit dem Hoodie offen stehen, gerötet, glänzend, in einer Form, die nicht mehr ganz die alte war und noch nicht wieder die alte, und die Haut zitterte, fein, an den Rändern, wie etwas, das sich an die Leere gewöhnen musste.

Die mit dem Hoodie atmete. Sie atmete in kleinen Stößen, den Kopf noch im Haar der anderen, und ihre gefesselten Hände an den Seiten hatten aufgehört, sich zu öffnen und zu schließen. Sie lagen still. Ganz still. Und Lena sah, dass die Ruhe in ihrem Rücken jetzt eine andere war als vorher, tiefer, als hätte jemand etwas in ihr gelöst, das sie die ganze Zeit gehalten hatte, ohne es zu wissen.

Die andere legte den Stab auf den Tisch. Sie wischte sich die Finger an einem Tuch ab, ruhig, sachlich, und dann beugte sie sich über die Vorgebeugte und sprach etwas in ihr Ohr, leise, und die mit dem Hoodie nickte, mit der Stirn am Holz, und ihre Schultern sanken noch ein Stück.

Und dann, für einen Moment, in dem niemand im Saal zu atmen schien, drehte die andere den Kopf.

Sie sah nicht in den Saal. Sie sah an den Tischen vorbei, über die Köpfe hinweg, und ihr Blick fand den Stuhl am Vorhang, halb im Schatten, und blieb dort, auf Lena, einen Atemzug lang, zwei, und in ihrem Gesicht war nichts von Spott, nichts von Vorführung, nur ein Wissen, ein stilles, genaues Wissen, dass Lena gesehen hatte, was sie gesehen hatte, und dass sie es genau gesehen hatte.

Lena hielt den Blick. Sie wusste nicht, ob sie es entschied oder ob es einfach geschah, aber sie hielt ihn, und sie spürte, wie ihr die Hitze aus dem Nacken in die Wangen stieg und wie sie es trotzdem nicht abwandte, und dann ließ die andere den Blick los, langsam, und wandte sich wieder der Vorgebeugten zu, als hätte sie nur geprüft, ob die Stelle noch besetzt war.

Lena atmete aus. Sie hörte es selbst, laut, in ihrem Kopf, und dann hörte sie etwas anderes: ein Rascheln hinter sich, ein Flüstern, zwei Stimmen, die sich etwas zuschoben, und ein Kichern, kurz, erstickt. Sie drehte sich nicht um. Sie merkte, dass die Blicke jetzt anders waren als vorher, nicht mehr prüfend, sondern wissend, und dass man sie einordnete, und sie merkte auch, dass es sie kaum berührte, weil ihr Blick schon wieder auf die Bühne ging, auf die Stelle, wo die andere jetzt das Seil löste, Windung für Windung, und die mit dem Hoodie sich langsam aufrichtete, den Rücken gerade, das Korsett eng, das Gesicht ruhig, und aufstand, und auf beiden Füßen stand, ruhig, gleichmäßig, aufrechter als vorher.

Die andere nahm das Seil von ihren Handgelenken. Sie rieb nicht, sie ließ die Arme einfach sinken, und dann tat die mit dem Hoodie etwas, das Lena jetzt, von hier, in jedem Detail sah: sie drehte die Handgelenke, einmal, zweimal, prüfte das Spiel, wo keins mehr war, und dann nahm sie das Seil, das die andere noch hielt, und wickelte es selbst wieder auf, ordentlich, in Schlingen um Daumen und Ellbogen, und legte es auf den Tisch, und ihre Bewegungen waren ruhig, zufrieden, als hätte sie etwas beendet, das sie begonnen hatte.

Lena sah die Striemen an ihren Handgelenken. Sie sah sie im Licht, rot, fein, und sie sah, wie die mit dem Hoodie sie nicht verbarg, wie sie die Arme offen ließ, als wären die Striemen kein Schaden, sondern eine Schrift, die jeder lesen durfte, der hinsah.

Dann drehten sich beide zur Seite, und das Licht ging aus, und der Vorhang fiel, und im Saal brach das Geräusch los.

Sie blieb sitzen, während der Saal sich leerte.

Die Stühle schabten über den Boden, ein Geräusch, das in Wellen kam, erst vereinzelt, dann dichter, und dazwischen Stimmen, die sich wieder zusammenfanden, Lachen, das aus der Anspannung herausfiel, das Klimpern von Gläsern, die auf Tabletts gestellt wurden. Zwei Frauen an dem Tisch links von ihr zogen ihre Mäntel an und sprachen über etwas ganz anderes, über eine Wohnung, über einen Preis, über jemanden, der abgesagt hatte, und Lena hörte es und verstand es nicht, weil ihre Ohren noch auf das Summen eingestellt waren, das aus den Wänden kam und das jetzt, mit weniger Leuten im Raum, lauter zu sein schien statt leiser.

Sie rührte sich nicht. Das Handtuch lag noch an ihrem Rücken, und es roch nach dem Öl, das die andere verrieben hatte, und sie atmete es ein, ohne es zu wollen. Ihre Hände lagen auf den Knien, trocken inzwischen, und als sie sie einmal bewegte, spürte sie den Abdruck, den die Nähte des Stoffs in den Handflächen hinterlassen hatten, feine rote Linien, die langsam verblassten.

Der Vorhang war zu. Das Licht über der Bühne war aus, und die Bretter lagen im Halbdunkel, und das Podest stand noch da, links, mit dem Abrieb an der Kante, und daneben auf dem kleinen Tisch lag der Stab, matt, mit den Noppen, und niemand räumte ihn weg. Ein Mann in einem dunklen Pullover ging an der Bühne vorbei, sah kurz hin, sah wieder weg, als wäre es ein Stuhl, der dort stand, ein Ding, das eben dazugehörte.

Die Bar machte zu. Die Frau hinter dem Tresen wischte die Theke in langen Zügen, drehte die Gläser um, hängte das Tuch auf, und dann verschwand auch sie durch eine Tür, die Lena nicht kannte. Zwei Leute blieben an einem Tisch sitzen, ein Pärchen, die Köpfe zueinander geneigt, und sie flüsterten, und Lena hörte nicht, was, und sie wollte es nicht hören.

Es dauerte lange. Sie wusste nicht, wie lange, aber es war lange genug, dass ihr die Füße kalt wurden auf dem Boden und dass sie zweimal die Sitzposition änderte, ohne aufzustehen, und dass die beiden am Tisch irgendwann aufstanden, ihre Jacken nahmen, zur Treppe gingen, und dann war es still.

Nicht ganz still. Das Summen war da. Und irgendwo, hinter der Wand, in den Rohren, das Öl, das tropfte, langsam, warm, in einem Rhythmus, den sie jetzt kannte, weil sie ihn im Umkleideraum gehört hatte, und sie merkte, dass sie ihn suchte, ohne es zu wollen.

Sie blieb sitzen.

Es war keine Entscheidung, die sie traf. Es war eher das Ausbleiben einer Entscheidung, und das war etwas anderes, und sie wusste es, und sie blieb trotzdem. Der Stuhl war hart unter ihr, das Holz drückte gegen die Sitzknochen, und sie ließ den Druck zu, weil er echt war, weil er ihr sagte, wo sie war.

Dann ging der Vorhang zur Lounge auf.

Die mit dem Hoodie kam zuerst. Sie hatte den Hoodie wieder an, den grauen, zu großen, die Ärmel über die Hände gezogen, und darunter nichts, was man sah, und sie ging barfuß, und ihre Schritte auf dem Boden waren leise, aber Lena hörte sie, weil der Saal jetzt so leer war, dass man Schritte hörte. In der einen Hand hielt sie eine Flasche Wasser. In der anderen hielt sie etwas, klein, das sie mit den Fingern umschloss, so dass Lena es erst nicht erkennen konnte.

Die andere kam hinter ihr. Sie trug das Leder nicht mehr. Sie trug einen langen, dunklen Strickpullover, der ihr bis über die Hüften ging, und darunter, so weit Lena es sah, nichts, und sie hatte das Seil nicht mehr über der Schulter, und in ihren Händen war nichts, und sie sah anders aus als auf der Bühne, kleiner fast, und ihre Schritte waren die einer Person, die müde ist und es nicht zeigt.

Sie blieben vor Lenas Stuhl stehen. Nicht dicht, zwei Schritte weg, und die mit dem Hoodie hielt ihr die Flasche hin, ohne ein Wort, und Lena nahm sie, und die Flasche war kalt, und das war das Erste, was sie seit dem Vorhang wirklich spürte, die Kälte in der Hand, gegen die Wärme, die noch in ihr war.

„Trink", sagte die mit dem Hoodie.

Lena trank. Das Wasser ging kalt die Kehle hinunter, und sie merkte erst beim Trinken, wie trocken sie war, und sie trank länger, als sie wollte, und als sie absetzte, war die Flasche zur Hälfte leer, und sie hielt sie mit beiden Händen, weil ihre Hände etwas zu tun brauchten.

Die andere setzte sich nicht. Sie blieb stehen, halb abgewandt, und sah über den leeren Saal, und dann tat sie etwas, das Lena nicht erwartet hatte: sie legte den Kopf ein Stück schief und sah Lena an, richtig an, und in ihrem Gesicht war jetzt das müde Lächeln von vorhin, aber ohne die Müdigkeit darunter, als hätte sie es abgelegt wie das Leder.

„Du bist geblieben", sagte sie. Es war eine Feststellung.

„Ja", sagte Lena.

„Alle gehen, wenn das Licht ausgeht. Fast alle." Die mit dem Hoodie ließ sich auf den Boden sinken, einfach so, mitten im leeren Saal, den Rücken gegen die Wand neben Lenas Stuhl, die Knie angezogen, und sie sah von unten zu ihr hoch. „Du nicht."

Lena wusste nicht, was sie darauf sagen sollte, und sie sagte nichts, und das schien in Ordnung zu sein, weil die mit dem Hoodie es auch nicht weiterverfolgte. Sie öffnete die Hand, die sie die ganze Zeit geschlossen gehalten hatte, und auf ihrer Handfläche lag etwas, klein, dunkel, glatt, kaum länger als ein Daumen, und es sah aus wie ein Tropfen, der fest geworden war, und an seinem Ende war ein schmaler Fuß, der sich verbreiterte, so dass man ihn hinstellen konnte wie ein Ei.

„Das", sagte die mit dem Hoodie, „ist ein Plug." Sie drehte ihn einmal zwischen zwei Fingern, langsam, und das Licht von irgendwo, von der Notbeleuchtung über der Treppe, fing sich auf seiner Oberfläche, glatt, dunkel, ohne Glanz. „Klein. Der kleinste, den wir haben. Für den Anfang."

Lena sah ihn an. Sie sah ihn wirklich an, und sie merkte, dass sie ihn nicht mehr ansah wie ein Ding in einer Vitrine, obwohl er genauso aussah, klein, dunkel, glatt, und dass das der Unterschied war, der in ihr passiert war, irgendwann zwischen dem Vorhang und jetzt.

Die andere trat einen Schritt näher. Sie hatte etwas in der Hand, das Lena vorher nicht gesehen hatte, weil sie es hinter dem Rücken gehalten hatte, und jetzt stellte sie es auf den Boden, neben den Stuhl, in Lenas Blickfeld: ein kleines Fläschchen, Glas, mit einem Korken, und darin eine Flüssigkeit, klar, fast wie Wasser, aber dicker, und als die andere das Fläschchen bewegte, lief die Flüssigkeit langsamer an der Wand hinab als Wasser es getan hätte.

„Und das", sagte sie, „ist das Öl. Dasselbe, das ich vorhin benutzt habe. Du hast es gerochen." Sie sagte es nicht als Frage.

Lena nickte. Sie roch es jetzt wieder, kaum, einen Hauch, der aus dem Fläschchen kam, kühl, mit dem pflanzlichen Unterton, der ihr im Umkleideraum aufgefallen war, und sie merkte, dass sie den Geruch wiedererkannte wie ein Wort in einer fremden Sprache, das man einmal gehört hat und plötzlich versteht.

Die mit dem Hoodie sah von unten zu ihr hoch. Sie hatte den Plug noch in der Hand, und sie hielt ihn so, dass Lena ihn sehen konnte, ohne ihn ihr hinzuhalten, und in ihrem Gesicht war nichts von Drängen, nichts von dem Lachen von vorhin, nur etwas Ruhiges, Abwartendes, das Lena schon einmal gesehen hatte, an einer anderen Person, an einem anderen Ort, in einer anderen Nacht.

„Du musst nicht", sagte sie. „Das ist kein Teil der Show. Die Show ist vorbei. Die ist für die da oben." Sie nickte mit dem Kinn zur Bühne, ohne hinzusehen. „Das hier ist für uns. Und für dich, wenn du willst. Wenn nicht, trinkst du dein Wasser aus, gehst die Treppe hoch, und morgen ist nichts davon passiert. Kein Vorwurf. Kein Kärtchen. Nichts."

Lena hielt die Flasche. Das Wasser darin gluckste leise, als sie sie bewegte, und sie sah auf den Plug in der Hand der anderen, und dann auf das Fläschchen am Boden, und dann auf die andere, die noch stand, halb abgewandt, die Arme unter dem Pullover verschränkt, und die sie ansah, nicht prüfend, nicht auffordernd, einfach so, als hätte sie Zeit.

„Falls du es versuchen willst", sagte die andere vom Boden, und es war das erste, was sie seit dem Vorhang sagte, und ihre Stimme war rau wie vorhin, und sie sagte es nicht zu Lena, sondern eher in den leeren Saal hinein, als wäre es eine Möglichkeit, die man hinlegt und liegen lässt.

Lena sah die beiden an. Sie sah die mit dem Hoodie auf dem Boden, die den Plug zwischen den Fingern hielt wie etwas Alltägliches, wie einen Schlüssel, und sie sah die andere, die stand und wartete, und sie sah den leeren Saal hinter ihnen, die umgedrehten Gläser an der Bar, das Podest, das noch da war, den Stuhl, auf dem sie saß, den zweiten Stuhl, der noch am Vorhang stand, mit dem Handtuch über der Lehne, das sie nicht zurückgelegt hatte.

Sie dachte an Clara. Sie wusste nicht, warum, und sie schob es weg, weil es nicht hierher gehörte, weil Clara nichts davon wusste und nichts davon wissen sollte, und weil der Gedanke an sie in diesem Moment wie ein Licht war, das man anmacht und das alles zu hell macht.

Sie stellte die Flasche auf den Boden. Neben den Stuhl, neben das Fläschchen, und sie ließ die Hände dann auf den Knien liegen und sah auf den Plug, und dann sagte sie das, was sie sich vorgenommen hatte zu sagen, und sie sagte es so, wie sie es vorhatte, ohne dass es leise wurde.

„Ich weiß nicht, ob ich es will."

Die mit dem Hoodie sah sie an. Dann tat sie etwas, das Lena nicht erwartet hatte: sie lachte, kurz, echt, dieses fehlplatzierte Lachen, und schüttelte den Kopf, und es war kein Spott darin, sondern etwas anderes, etwas, das nach Anerkennung aussah.

„Gut", sagte sie. „Das ist die richtige Antwort. Wer 'ja' sagt, bevor er das weiß, lügt sich selbst an, und das merkt man." Sie hielt ihr den Plug hin, nicht aufdringlich, nur hin, auf der flachen Hand, und er lag dort wie ein Angebot, das man annehmen oder liegen lassen konnte. „Du musst es nicht wissen, um es zu versuchen. Du musst nur wissen, dass du es nicht wissen musst."

Lena sah auf die Hand. Sie sah die Linien in der Handfläche, die Striemen am Handgelenk, blass, und den Plug darauf, klein, dunkel, glatt, und sie sah, dass die Hand ruhig war. Sie hatte gedacht, ihre eigene Hand würde zittern, wenn es so weit wäre, und dann hob sie sie, und sie zitterte nicht, und sie nahm den Plug nicht sofort, sondern legte ihre Fingerspitzen erst daneben, an den Rand der Handfläche, so dass sie die Haut berührte und das Ding nicht, und sie hielt es so, einen Moment, und dann nahm sie ihn.

Er war leichter, als sie gedacht hatte. Und kalt. Und glatt, glatter als Leder, glatter als Metall, und er lag in ihrer Hand wie etwas, das keine Meinung über sie hatte.

Die andere setzte sich jetzt auch. Sie ließ sich neben der mit dem Hoodie an die Wand sinken, und die beiden saßen dann da, nebeneinander, die Knie angezogen, und sahen nicht auf Lena, sondern in den leeren Saal, und es war, als hätten sie beschlossen, ihr den Rücken freizuhalten, ihr etwas zu geben, das kein Blick war.

„Zwei Dinge", sagte die mit dem Hoodie, und sie hob zwei Finger, ohne den Kopf zu drehen. „Erstens: Du machst es hier, oder du machst es später, oder du machst es nie. Alles drei ist in Ordnung. Zweitens: Wenn du es machst, dann langsam. Das ist kein Ding, das man reinsteckt wie einen Stöpsel in eine Flasche. Das ist Haut, die sich gewöhnen muss. Du gibst ihr Zeit. Wenn sie nicht will, will sie nicht, und dann hörst du auf."

Lena sah auf den Plug in ihrer Hand. Dann auf das Fläschchen am Boden. Dann auf ihre eigenen Knie, auf den Stoff der Hose, der an den Stellen, wo ihre Hände gelegen hatten, noch warm war.

„Und das Öl?", fragte sie.

„Das Öl macht es leichter", sagte die andere, ohne sich zu bewegen. „Nicht angenehmer. Leichter. Das ist ein Unterschied. Manche glauben, das Öl nimmt den Schmerz weg. Es nimmt ihn nicht weg. Es macht, dass die Haut nachgibt, ohne zu reißen. Der Rest ist deiner."

Lena beugte sich vor. Sie nahm das Fläschchen, und der Korken saß fest, und sie drehte ihn, und er ging auf mit einem kleinen Geräusch, einem Knacken, das in dem leeren Saal laut war. Sie roch das Öl wieder, kühl, pflanzlich, und sie goss ein wenig auf die Finger ihrer rechten Hand, und es war kalt, und dann wurde es warm, weil ihre Haut warm war, und sie verrieb es zwischen Daumen und Zeigefinger, und es fühlte sich an wie nichts Besonderes, wie etwas, das man auf die Lippen tut, wenn sie trocken sind.

Sie sah auf den Plug. Sie hielt ihn in der linken Hand, und er war inzwischen nicht mehr kalt, sondern hatte ihre Wärme angenommen, und sie merkte, dass sie ihn nicht mehr als Ding sah, sondern als etwas, das gleich ihre Haut berühren würde, und ihr Magen zog sich zusammen, und sie ließ es zu.

„Ich kann nicht sehen, was ich tue", sagte sie.

Die mit dem Hoodie lachte, kurz, und dann stand sie auf, ohne Eile, und ging zu dem kleinen Tisch am Bühnenrand, und sie kam mit einem Handspiegel zurück, klein, mit einem abgegriffenen Griff, und sie hielt ihn Lena hin, nicht so, dass sie sich selbst sehen musste, sondern so, dass sie zwischen ihre eigenen Beine sehen konnte, und sie stellte sich daneben, nicht nah, und hielt den Spiegel ruhig.

„Kein Grund, es im Dunkeln zu machen", sagte sie. „Das ist keine Mutprobe. Das ist Handwerk."

Lena sah in den Spiegel. Sie sah den Boden, das Holz, die Fugen, und dann, als sie die Beine ein Stück öffnete, sich selbst, und sie sah es zum ersten Mal so, wie sie es sonst nur tastend kannte, und es war nichts Fremdes, es war ihr Körper, und der Anblick machte es leichter, nicht schwerer, weil sie jetzt wusste, wohin sie mit der Hand musste.

Sie setzte den Plug an.

Die erste Berührung war nur Haut an Haut, und sie atmete aus, langsam, und dann drückte sie, kaum, und spürte den Widerstand, und sie drückte nicht weiter, sondern hielt, und wartete, und der Widerstand blieb einen Moment, und dann gab er nach, ein kleines Stück, wie eine Tür, die sich einen Fingerbreit öffnet, und sie atmete aus, und drückte wieder, und es ging weiter, langsam, in einem Maß, das kein Ende zu haben schien und das sie selbst bestimmte.

Es tat weh. Nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Es war ein dumpfer Druck, ein Dehnen, das sie bis in den Bauch spürte, und sie hielt inne, und wartete, und der Druck blieb, und dann wurde er weniger, und sie drückte wieder, und der Plug ging tiefer, und sie sah im Spiegel, wie ihr Körper ihn aufnahm, langsam, rund um den schmalen Fuß, und wie ihr eigenes Fleisch sich an ihn legte, und sie sah es und spürte es gleichzeitig, und das war mehr, als sie gedacht hatte, dass ein Anblick und ein Gefühl zusammen sein können.

Dann saß er. Ganz. Der Fuß lag außen, breit, und der Plug in ihr, und sie ließ die Hand sinken und saß still, und ihr Atem ging schneller als vorher, und zwischen ihren Beinen war ein Gefühl, das sie nicht benennen konnte, und sie ließ es unbenannt, weil Benennen es kleiner gemacht hätte.

„Und?", sagte die mit dem Hoodie. Sie hielt den Spiegel noch, und sie sah nicht in ihn hinein, sie sah Lena an.

Lena saß ganz still. Sie spürte den Plug, und sie spürte ihn nicht, und beides gleichzeitig, und sie merkte, dass sie den Druck nicht wegwünschte, sondern dass sie ihn behalten wollte, weil er sagte, wo sie war, und weil er etwas war, das sie selbst getan hatte, und weil er nicht mehr wegging, solange sie ihn nicht wegnahm.

„Es ist —" Sie suchte das Wort und fand es nicht, und dann sagte sie das, was sie hatte, und es kam ruhig heraus. „Es ist da. Und es ist meins."

Die mit dem Hoodie sah zur anderen, die noch an der Wand saß, und die andere nickte, kaum, und dann stand auch sie auf, langsam, und beide standen sie jetzt vor Lena, und Lena saß auf dem harten Stuhl, den Plug in sich, den Spiegel neben sich auf dem Boden, das leere Wasser, das leere Fläschchen, und der Saal um sie herum war leer und blieb leer.

„Du kannst ihn drin lassen, solange du willst", sagte die mit dem Hoodie. „Oder rausnehmen. Beides ist richtig. Es gibt keine Prüfung." Sie zog die Ärmel noch weiter über die Hände, und dann, im Gehen, drehte sie sich noch einmal um, und in ihrem Gesicht war das Lachen, ruhig jetzt, gesetzt. „Und wenn du morgen wiederkommst, sagst du es ihr. Nicht mir. Ihr. Sie merkt es sowieso."

Sie gingen. Ihre Schritte wurden leiser, dann waren sie hinter dem Vorhang, und dann war da nur noch das Summen und das Öl in den Rohren, das tropfte, langsam, warm, und Lena blieb sitzen.

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