Die Lehrzeit
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Die Lehrzeit

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Erste Lektion
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Chapter 1 of 2

Erste Lektion

In der Galerie sind skulpturen und Bilder mit Erotischem und Kamastura Stellungen. Sie ist entsetzt und fasziniert zugleich. Bilder über dehnung verschlagen ihr die Sprache. Jemand steckt ihr eine Karte zu, geheime underground show mit viel bdsm.

Die Galerie war um diese Uhrzeit leer. Kein Student, kein Aufseher, nur die Skulpturen und das Echo ihrer Schritte auf dem polierten Beton. Lena hatte sich auf Kunstgeschichte gefreut. Auf ruhige Formen. Auf etwas, das sich in ihr Notizbuch zeichnen ließ, ohne dass ihre Hand zitterte.

Stattdessen stand sie vor einem Gemälde, das ihr die Sprache verschlagen hatte.

Zwei Körper. Öl auf Leinwand, alt und rissig, die Farbe an den Rändern schon dunkel geworden. Ein Mann und eine Frau, ineinander verschlungen, aber nicht in einer Umarmung, die sie kannte. Seine Hände lagen an ihren Hüften, ihr Rücken bog sich so weit, dass Lena die Spannung in der eigenen Wirbelsäule spürte, ein Ziehen, als müsste sie sich mitbewegen. Ihre Beine waren um ihn gelegt, aber nicht so, wie man ein Bein um jemanden legt. Es war eine Verschränkung, die wehtat, wenn man zu lange hinsah. Die Malerin hatte die Sehnen gemalt. Die Dehnung. Die Stelle, an der Haut zu weiß wurde.

Lena trat einen Schritt zurück. Dann wieder vor. Ihre Handtasche rutschte ihr von der Schulter, und sie merkte es nicht einmal.

Sie hatte so etwas schon gesehen. In Büchern, in Vorlesungen, in einer Ausstellung in Wien, die ihre Schwester Clara als „prätentiös" abgetan hatte. Aber hier war es anders. Hier war es nicht historisch. Hier war es nicht erklärt. Hier war es nur da, an der Wand, in einer Galerie, in der es nach kaltem Stein roch und nach dem trockenen Holzstaub, der von den Sockeln aufstieg, wenn die Heizung ansprang.

Sie ging weiter.

Die nächste Wand. Eine Skulptur, Marmor, fast lebensgroß. Eine Figur, die sich nach vorn beugte, das Becken vorgeschoben, die Hüftneigung so übersteigert, dass sie anatomisch falsch war und trotzdem etwas in Lenas Bauch ansprach. Eine Spannung, die sich nicht löste. Sie blieb stehen und betrachtete die Stelle, an der das Licht auf das Gestein fiel. Der Stein war kalt. Sie wusste es, ohne ihn zu berühren. Sie wusste auch, dass ihre eigene Haut in diesem Moment wärmer war als der Raum.

Sie hätte gehen können. Sie hätte in ihr Notizbuch sehen können. Stattdessen ging sie weiter, als hätte jemand ihre Schritte vorgezeichnet.

Die Radierung hing neben einem hohen Fenster, im schrägen Nachmittagslicht. Das Papier war vergilbt, die Linien dünn und präzise. Ein Körper, der sich öffnete. Nicht metaphorisch. Ein Körper, der sich öffnete, mit sichtbaren Dehnungsfalten, die der Radierer mit einer Nadel in die Platte gegraben hatte, als hätte er die Stelle gekannt. Lena beugte sich vor. Ihre Augen folgten der Linie vom Knie zur Innenseite des Oberschenkels, von dort weiter, dorthin, wo die Falten sich sammelten. Sie hielt den Atem an, ohne es zu merken, und ließ ihn erst wieder los, als ihre Lunge zu brennen begann.

„Interessant, nicht wahr."

Die Stimme kam von links. Ruhig. Nicht jung, nicht alt. Eine Frauenstimme, die kein Bedürfnis hatte, laut zu sein.

Lena fuhr herum. Ihre Handtasche schlug gegen ihr Bein.

Eine Frau stand zwei Sockel weiter, in einem dunklen Mantel, die Hände in den Taschen. Sie sah Lena nicht an. Sie sah die Radierung an, als wäre sie die Fortsetzung des Bildes.

„Ich habe Sie nicht kommen hören", sagte Lena. Ihre Stimme klang dünner, als sie wollte.

„Das ist der Teppich." Die Frau nickte zu dem Läufer, der den Gang entlanglief. „Dämpft alles. Manchmal denke ich, die Galerie will, dass man hier leise ist."

Lena wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. Sie schaute zurück zur Radierung, dann wieder zur Frau, dann auf ihre eigenen Hände, die sie vor dem Bauch verschränkt hatte. Sie löste die Verschränkung, langsam, Finger für Finger, als hätte sie sich bei etwas ertappt.

„Sie studieren hier?", fragte die Frau.

„Kunstgeschichte. Erstes Semester."

„Und was sehen Sie?"

Die Frage war einfach. Lena hätte etwas über die Linienführung sagen können, über die Technik, über den historischen Kontext. Stattdessen sagte sie:

„Es sieht aus, als hätte es wehgetan. Und als hätte sie es gewollt."

Die Frau schwieg einen Moment. Dann drehte sie den Kopf, zum ersten Mal, und sah Lena an. Ihre Augen waren dunkel, ihr Gesicht schmal, und sie lächelte nicht, aber etwas an ihrem Mund veränderte sich.

„Genau."

Lena spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg. Sie schaute weg, auf den Boden, auf den Teppich, auf die Stelle, an der die Sockel kleine Schatten warfen, lang und schräg, weil die Sonne tief stand.

„Die Ausstellung läuft noch drei Wochen", sagte die Frau. Sie zog eine Hand aus der Tasche. In ihren Fingern hielt sie eine Karte, dünn und glatt, matt bedruckt. „Falls Sie mehr sehen wollen."

Sie legte die Karte auf den Sockel der Radierung. Nicht in Lenas Hand. Auf den Sockel, neben die kleine Plakette mit dem Titel, als wäre sie Teil der Ausstellung.

„Was ist das?", fragte Lena.

„Eine Einladung."

„Zu was?"

Die Frau sah sie wieder an, länger diesmal. „Zu dem, was Sie gerade gesehen haben. Nur nicht gemalt."

Dann ging sie. Ihre Schritte machten kein Geräusch auf dem Teppich. Sie verschwand hinter der nächsten Wand, und Lena hörte nur das leise Klicken einer Tür, irgendwo weiter hinten, und dann nichts mehr.

Lena stand allein vor der Radierung.

Sie schaute die Karte an. Sie lag auf dem Sockel, weiß gegen den grauen Stein, und sie wusste, dass sie sie nicht liegen lassen konnte. Nicht, weil jemand sie beobachtete. Sondern weil ihr Blick immer wieder dorthin zurückging, während sie eigentlich das Bild ansehen wollte.

Sie nahm sie.

Das Papier war dünner, als sie erwartet hatte. Glatt, fast wie Seidenpapier, und es roch nach Druckerschwärze, ein trockener, leicht metallischer Geruch, der an ihren Fingern blieb. Sie drehte sie um.

Auf der Vorderseite stand nichts als eine Adresse. Kein Name, keine Erklärung, kein Logo. Eine Straße, eine Hausnummer, ein Bezirk, den sie nicht kannte. Auf der Rückseite, in derselben schmalen Schrift, eine Uhrzeit. Und ein Wort.

Untergrund.

Lena las es dreimal. Dann steckte sie die Karte in die Seitentasche ihres Strickpullovers, dort, wo sie das Papier durch den Stoff an ihrer Hüfte spürte, ein kleiner, flacher Druck, der bei jedem Schritt mitging.

Sie ging weiter durch die Galerie. Sie versuchte, sich auf die anderen Werke zu konzentrieren. Ein Akt in Kohle, eine Fotografie, auf der jemand an einem Seil hing, nicht bedrohlich, aber auch nicht spielerisch. Sie blieb vor jedem Bild stehen, aber sie sah sie nicht mehr richtig. Ihre Gedanken waren in ihrer Tasche, bei dem dünnen Papier, bei dem Wort.

Ihre Hände waren wieder verschränkt.

Sie löste sie nicht.

Als sie am Ausgang ankam, war das Licht schon rot geworden. Die hohen Fenster warfen lange Streifen über den Boden, und die Schatten der Skulpturen reichten bis an die gegenüberliegende Wand. Am Türrahmen, neben dem kleinen Tisch mit den Flyern, hing ein Schild. Weiß, handgeschrieben, mit blauer Tinte.

Heute Abend: spezielle Führung.

Keine Uhrzeit. Kein Preis. Kein Name.

Lena blieb stehen. Sie schaute das Schild an, dann die Tür, dann wieder das Schild. Die Karte in ihrer Tasche fühlte sich schwerer an, als sie war. Sie dachte an die Frau, an ihre dunklen Augen, an die Art, wie sie die Radierung angesehen hatte, als wäre sie die Fortsetzung des Bildes.

Sie schob die Tür auf.

Die Abendluft war kühl und roch nach nassem Asphalt. Die Straße lag still vor ihr, die Laternen waren noch nicht an, und die Dämmerung färbte die Fassaden in ein blasses Blau. Lena zog die Karte aus der Tasche und faltete sie auseinander. Die Adresse. Die Uhrzeit. Das Wort.

Sie schaute in die Richtung, in die sie normalerweise nach Hause ging. Dann in die andere.

Ihr Herz schlug gegen ihre Rippen, schnell und ein bisschen zu laut, aber ihre Füße bewegten sich schon, bevor sie sich entschieden hatte. In die Richtung, die auf der Karte stand.

Sie ging langsam. Sie ging, als könnte sie jederzeit umkehren. Aber sie drehte sich nicht um.

Hinter ihr fiel die Tür der Galerie ins Schloss, ein dumpfes Geräusch, das in der leeren Straße kurz nachhallte und dann verschwand. Lena hörte es, aber sie blieb nicht stehen. Sie ging weiter, die Karte in der Hand, den Daumen auf der Adresse, als könnte sie sich verlesen, wenn sie nicht aufpasste.

Vor ihr lag die Stadt, und irgendwo darin ein Keller, den sie nicht kannte, und eine Uhrzeit, die noch nicht gekommen war.

Sie ging.

Die Straße zog sich hin wie ein Faden, der sich nicht abreißen ließ. Lena ging an Schaufenstern vorbei, in denen sich das letzte Licht brach, an einer Bäckerei, deren Rollgitter schon halb herunter war, an einem Mann, der seinen Hund an der Leine hielt und ihr kurz nachsah, ohne dass sie es bemerkte. Ihre Schritte waren regelmäßig, aber nicht sicher. Jeder Schritt war eine kleine Entscheidung, die sie schon getroffen hatte, bevor sie sie denken konnte.

Sie versuchte, sich an die Kunstgeschichte zu erinnern, an die Vorlesung über Manierismus, an die Seminarsitzung, in der sie über Körperbilder gesprochen hatten, ohne dass ein einziges Wort gefallen war, das beschrieb, was sie in der Galerie gesehen hatte. Die Dozentin hatte von „idealisierter Anatomie" gesprochen. Von „kompositorischer Spannung". Lena hatte mitgeschrieben, ordentlich, in ihrer kleinen Handschrift, und dabei nicht gewusst, dass ihr die Worte fehlen würden, wenn sie einmal wirklich etwas sah.

Die Adresse lag in einem Viertel, das sie kannte und nicht kannte. Sie war schon oft daran vorbeigegangen, ohne es zu wissen, weil es dort nichts gab, was man sich merkte. Eine schmale Gasse hinter der Markthalle, in der die Straßenlaternen weiter auseinander standen als anderswo, als hätte man vergessen, sie aufzustellen. Ein Kiosk, geschlossen. Ein Schaufenster mit erloschenem Neon. Und dann die Hausnummer, in Messing, verwittert, an einer Tür, die aussah wie jede andere.

Lena blieb davor stehen. Sie hatte nicht nachgedacht, während sie ging. Jetzt dachte sie. Ihre Finger fanden die Karte in ihrer Tasche, zogen sie heraus, falteten sie auseinander. Die Uhrzeit war noch nicht gekommen. Sie war zu früh. Fast eine halbe Stunde zu früh.

Sie lehnte sich an die Wand neben der Tür. Der Putz war rau, kalt, und sie spürte ihn durch den Strickpullover hindurch an der Schulter. Sie schaute die Straße hinauf und hinunter. Niemand. Ein Fahrrad, an einem Geländer angeschlossen, ohne Sattel. Ein Papierbecher auf dem Pflaster, zusammengedrückt. Sie schaute auf ihre Uhr, dann wieder auf die Tür, dann auf die Karte.

Sie hätte umkehren können. Das war das Einzige, was sie sicher wusste. Sie hätte die Karte in einen Papierkorb werfen können, und morgen wäre es eine Anekdote, die sie Clara beim Abendessen erzählte, und Clara hätte die Augenbrauen gehoben und „das klingt nach einer Sekte" gesagt, und Lena hätte gelacht, und damit wäre es vorbei gewesen.

Sie warf die Karte nicht weg.

Sie wusste nicht, warum. Es war nicht Neugier, jedenfalls nicht nur. Es war etwas anderes, etwas, das sie schon in der Galerie gespürt hatte, vor der Radierung, als ihre Lunge gebrannt hatte und sie den Atem erst losgelassen hatte, als sie nicht mehr konnte. Dieses Gefühl, dass etwas in ihr sich bewegte, das sie nicht kannte, und dass sie wissen wollte, wie es aussah, wenn es sich bewegte.

Die Tür öffnete sich, ohne dass sie geklopft hatte.

Nicht ganz. Nur einen Spalt. Ein Gesicht erschien in der Dunkelheit dahinter, ein junges Gesicht, blass, mit einem Piercing in der Unterlippe und einem Blick, der Lena nicht überrascht ansah, sondern erwartend, als hätte er sie schon vor zehn Minuten erwartet.

„Sie haben eine Karte", sagte der Junge. Es war keine Frage.

Lena nickte. Sie hielt die Karte hoch, ein bisschen zu schnell, ein bisschen zu weit, als wollte sie beweisen, dass sie dazugehörte.

Der Junge sah sie an, dann die Karte, dann wieder sie. Dann trat er zur Seite, und die Tür öffnete sich weiter, und Lena sah eine Treppe, die nach unten führte, in ein Licht, das wärmer war als das der Straße, und aus der Tiefe kam ein Geräusch, das sie nicht einordnen konnte. Ein tiefes, gleichmäßiges Summen. Und darunter, kaum hörbar, ein Klang, der klang wie ein Seil, das sich spannt.

Lena trat über die Schwelle.

Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss.

Der Junge hieß nicht, wie sie ihn genannt hätte. Er stellte sich nicht vor. Er ging vor ihr die Treppe hinunter, die Hände in den Taschen einer ausgewaschenen Jeansjacke, und das Summen wurde mit jeder Stufe lauter, bis Lena den Ursprung nicht mehr nur hörte, sondern in den Fußsohlen spürte. Der Geruch wechselte. Oben war es kalt gewesen, nach Straße und nassem Stein. Hier unten roch es nach Gummi, nach Leder, nach einem schweren Parfüm, das irgendwo in der Luft hing und nicht wegging, und darunter, kaum zu fassen, nach Schweiß und Bier.

Die Treppe endete nicht an einer Tür. Sie endete an einem Vorhang, schwerer Stoff, dunkelrot, der an einer Stange lief. Der Junge schob ihn beiseite und trat hindurch, ohne sich umzusehen, und Lena folgte ihm, weil ihre Beine es taten, und dann stand sie in der Halle, und ihre Kehle wurde eng.

Es war größer, als sie sich einen Keller vorgestellt hatte. Die Decke war hoch, ein Gewölbe aus Backstein, und die Beleuchtung kam nicht von oben, sondern von unten, aus kleinen Lampen, die in den Boden eingelassen waren und alles in warmes, schräges Licht setzten. Die Wände waren voller Käfige.

Nicht Tierkäfige. Menschenkäfige. Gitterstäbe aus mattem Stahl, manche so eng, dass eine Faust nicht durchpasste, manche weit genug, dass ein Körper sich hätte hindurchdrücken können. In einem der Käfige saß eine Frau auf einem Hocker, die Beine übereinandergeschlagen, und rauchte, und sah niemanden an. In einem anderen hing eine Schaukel, an der ein Seil befestigt war, das in einer Schlaufe endete. Ein dritter war leer, bis auf eine Decke auf dem Boden, ordentlich gefaltet, als hätte jemand sie gerade erst hingelegt und würde gleich zurückkommen.

Zwischen den Käfigen standen Vitrinen. Schaufensterpuppen, wie aus einem Kaufhaus, aber falsch gekleidet. Eine trug einen Latexanzug, schwarz, glänzend, der an den Gelenken nahtlos war, als wäre er ihr auf den Leib gegossen worden. Eine andere stand in einem Korsett aus Leder, das die Brust hochdrückte und die Taille einschnürte, und daneben lagen auf einem Tablett, sauber ausgelegt wie Schmuck, Dinge, die Lena nur halb erkannte. Ein Knebel aus Silikon. Eine Kette mit Klammern. Etwas Längliches, Dunkles, das auf einem Ständer ruhte, und als sie genauer hinsah, war es kein Werkzeug, sondern ein Dildo, größer als ihre Hand, mit einer Kurbel am Ende. Sie sah schnell weg. Sie sah zurück.

In der Mitte der Halle stand die Bühne.

Sie war nicht hoch, vielleicht knöcheltief über dem Boden, aber sie war der einzige Punkt im Raum, auf den alles zulief. Ein Rund aus dunklem Holz, und darauf, in der Mitte, ein Kreuz. Nicht das Kreuz einer Kirche. Zwei Balken, massiv, mit Ringen an den Enden, an denen Lederriemen hingen, lang und schlaff, als hätte jemand sie benutzt und nicht wieder aufgerollt. Links davon eine Bank, gepolstert, mit Schlaufen an beiden Seiten. Rechts ein Ständer, an dem Seile hingen, aufgerollt, in verschiedenen Farben, und daneben, an einem Haken, eine Peitsche, deren Riemen bis zum Boden reichten und dort einen kleinen Kreis beschrieben, als hätte jemand sie vor kurzem fallen lassen.

Lena blieb am Rand der Bühne stehen. Ihre Handtasche hing an ihrer Schulter, aber sie hielt sie nicht mehr fest. Ihr Strickpullover war zu warm für diesen Raum. Sie spürte den Schweiß an der Innenseite ihrer Handgelenke, fein, kaum da, und sie wusste nicht, ob es die Wärme war oder etwas anderes.

„Erste Mal hier?"

Die Stimme kam von rechts. Eine Frau, nicht der Junge, der schon weitergegangen war, irgendwohin in die Halle, wo Lena ihn nicht mehr sah. Diese Frau lehnte an der kleinen Bar, die an der Längswand stand, ein Holztresen mit einer Kaffeemaschine, die hier fehl am Platz wirkte, und ein paar Flaschen dahinter, in einem Regal, das eher an eine Küche erinnerte als an einen Ausschank. Sie hatte ein Handtuch über der Schulter, trug ein schwarzes T-Shirt und sah Lena an, ohne etwas zu erwarten.

„Ja", sagte Lena.

„Willst du was trinken?"

„Ich weiß nicht."

„Wasser", sagte die Frau, und es war keine Frage mehr. Sie griff unter den Tresen und stellte ein Glas hin, füllte es aus einer Flasche, schob es über den Tresen. Das Glas war kalt, als Lena es nahm. Sie trank, zu schnell, und spürte, wie das Wasser ihr die Kehle hinunterging, und merkte erst dabei, wie trocken sie gewesen war.

„Die Führung fängt in zwanzig Minuten an", sagte die Frau. „Bis dahin kannst du dich umsehen. Anfassen ist erlaubt, wenn nichts dransteht."

„Anfassen?"

„Nur bei den Sachen auf den Tischen. Nicht bei den Puppen. Nicht bei den Menschen." Sie sagte es so beiläufig, dass Lena einen Moment brauchte, um das letzte Wort zu hören. Nicht bei den Menschen. Sie sah sich um, und jetzt sah sie sie.

In den Tischgruppen, die über die Halle verteilt standen, kleine runde Tische mit Kerzen in Gläsern, saßen Leute. Nicht viele. Vielleicht ein Dutzend. Zwei Männer in Hemden, die Bier tranken und leise redeten. Eine Gruppe von drei Frauen, die lachten, aber nicht laut. Ein Pärchen, das sich über den Tisch beugte und sich etwas zuflüsterte, die Hände des Mannes um die der Frau gelegt. Sie waren alle angezogen, alle normal, aber keiner von ihnen schien sich zu wundern, wo er war. Sie saßen zwischen den Käfigen wie in einem Café, und das war das Seltsamste an allem.

Am Rand der Halle, hinter einem Vorhang, der halb offen stand, sah Lena die Lounge. Ein Sofa, tief und dunkel, daneben ein zweites, und dazwischen ein niedriger Tisch mit einem Aschenbecher und einer Flasche, die schon halb leer war. Die Vorhänge waren nicht geschlossen, aber sie hingen so, dass man von der Bühne aus nicht hineinsehen konnte, und Lena verstand, dass das Absicht war.

Und dort, auf dem zweiten Sofa, saß die Frau.

Dieselbe Frau. Der dunkle Mantel hing über der Lehne, sie trug nur noch ein schwarzes Oberteil, und ihre Hände lagen ruhig auf den Knien. Sie sah nicht zu Lena, nicht zum Eingang, zu niemandem. Sie sah in ihr Glas, das auf dem Tisch stand, und wartete, mit der Geduld von jemandem, der es gewohnt war zu warten.

Lena stellte das Wasserglas ab. Es klang lauter auf dem Tresen, als sie wollte.

„Die da", sagte sie, und ihre Stimme kam dünner heraus, als sie gedacht hatte. „Wer ist das?"

Die Frau hinter der Bar folgte ihrem Blick. Sie wischte mit dem Handtuch über den Tresen, langsam, ohne hinzusehen. „Das ist Viktor."

„Viktor?"

„Viktor." Sie sagte es, als wäre der Name eine Erklärung. „Er gibt die Führungen. Meistens."

Lena sah wieder hin. Die Frau, die sie in der Galerie für eine Fremde gehalten hatte, saß auf dem Sofa, ein Bein über das andere gelegt, und jetzt, ohne den Mantel, sah Lena ihre Arme, schmal und sehnig, und die Art, wie sie die Schultern hielt, gerade, ohne Anspannung. Sie wirkte nicht wie jemand, der auf etwas wartete. Sie wirkte wie jemand, der entschieden hatte, dass die Zeit jetzt anfangen konnte.

„Ich dachte, es wäre eine Frau", sagte Lena.

Die Frau hinter der Bar lachte nicht. Sie sah Lena an, einen Moment zu lang, und dann zuckte sie mit einer Schulter. „Denken viele."

„Was ist das hier?"

„Das siehst du doch." Die Frau nahm das Handtuch von der Schulter und legte es unter den Tresen. „Ein Club. Dienstags und freitags offen. Samstags nur für Mitglieder." Sie sah an Lena herunter, kurz, aber nicht unfreundlich. „Du hast eine Karte, also bist du eingeladen, nicht Mitglied. Das ist ein Unterschied."

„Was ist der Unterschied?"

„Mitglieder wissen, was sie wollen." Sie ging zum Ende des Tresens, hob eine Klappe an. „Du nicht. Noch nicht."

Lena wollte etwas sagen, aber ihr fiel nichts ein, was nicht wie eine Frage geklungen hätte, und sie wollte nicht noch eine Frage stellen. Sie nahm ihr Glas und ging von der Bar weg, langsam, ohne Ziel, und ließ sich von der Halle treiben.

Sie blieb vor einer der Vitrinen stehen. Die Puppe im Korsett hatte ein Gesicht aus glattem Kunststoff, ohne Augen, nur die Form einer Augenhöhle, und darunter ein Mund, der zu einem Lächeln geformt war, das zu nichts gehörte. Um ihren Hals lag ein schmales Band, und an dem Band hing ein Ring, klein, aus Metall, und Lena brauchte einen Moment, um zu begreifen, wofür. Sie schaute auf ihre eigenen Hände. Ihre Finger waren kalt. Sie steckte sie in die Ärmel des Pullovers, bis nur noch die Knöchel herausschauten.

„Nicht anfassen."

Der Junge war wieder da, neben ihr, ohne dass sie ihn hatte kommen hören. Er sah nicht sie an, sondern die Puppe. „Die sind alt. Wenn was kaputtgeht, ist es teuer."

„Ich habe sie nicht angefasst."

„Ich weiß." Er sah sie jetzt an, kurz. „Ich sage es nur."

Er ging weiter, zum nächsten Tisch, wo er einen leeren Aschenbecher gegen einen sauberen tauschte, und Lena sah ihm nach. Er war jung, jünger als sie vielleicht, aber er bewegte sich in diesem Raum wie jemand, der ihn gebaut hatte. Sie fragte sich, wie lange er schon hier war. Sie fragte sich, ob er je woanders gewesen war.

An der Wand hinter der Bühne hing eine Reihe von Fotografien, schwarzweiß, in schmalen Rahmen, und Lena ging hin, weil es das Einzige war, was sie noch nicht kannte. Sie waren grob, körnig, in einem Licht aufgenommen, das hart und direkt war. Auf dem ersten hing ein Seil von der Decke, und darunter, an dem Seil, ein Körper, der den Rücken bog, die Arme über dem Kopf verschränkt, die Sehnen am Hals sichtbar. Auf dem zweiten eine Hand, die eine andere Hand hielt, die Finger ineinander, aber nicht zärtlich, sondern so, dass man sah, wer führte. Auf dem dritten ein Gesicht, halb im Schatten, den Mund offen, und Lena konnte nicht sagen, ob es Schmerz war oder etwas anderes, und sie stand länger davor, als sie wollte.

„Du bist früh."

Sie fuhr herum.

Die Frau stand hinter ihr. Viktor. Ohne Mantel, in dem schwarzen Oberteil, das an den Schultern ein wenig zu weit war, als hätte sie es nicht für sich gekauft. Sie stand nicht nah, aber nah genug, dass Lena den Geruch wahrnahm, der von ihr kam, etwas Trockenes, wie Zedernholz, nichts Süßes. Ihre Augen waren dunkel, und in diesem Licht sahen sie noch dunkler aus als in der Galerie.

„Ich war zu früh", sagte Lena. „Tut mir leid."

„Muss es nicht." Viktor sah an ihr vorbei, zu den Fotografien. „Was hältst du von denen?"

„Ich weiß nicht, was ich sagen soll."

„Das ist eine Antwort."

Lena schaute zurück zu dem dritten Bild, dem Gesicht, dem offenen Mund. „Ist das echt?"

„Alles hier ist echt." Viktor sagte es ohne Betonung. „Nichts an diesen Wänden ist gestellt. Die Leute, die du hier siehst, sind gekommen, weil sie etwas wollen, das sie draußen nicht bekommen." Sie sah Lena wieder an. „Und du?"

„Ich weiß nicht, was ich will."

„Auch das", sagte Viktor, und diesmal bewegte sich etwas an ihrem Mund, das noch kein Lächeln war, „ist eine Antwort."

Sie ging zur Bühne, drei Schritte, und blieb am Rand stehen, die Hände locker an den Seiten. Sie sah nicht zurück, aber Lena verstand, dass sie erwartete, dass sie folgte. Sie folgte.

„Setz dich", sagte Viktor und zeigte auf die gepolsterte Bank am Rand der Bühne. „Nicht auf die Bühne. Nur hier."

Lena setzte sich. Das Leder war kalt und gab nach, und sie saß aufrecht, die Knie zusammen, die Handtasche auf dem Schoß, und wusste, wie sie aussah. Wie eine Studentin, die zu früh zu einer Vorlesung gekommen war. Sie wusste es und konnte nichts dagegen tun.

Viktor blieb stehen. Sie sah nicht auf Lena herab, sondern über sie hinweg, in die Halle, als zählte sie die Anwesenden, und Lena hatte das Gefühl, dass sie wartete, bis die zwanzig Minuten um waren, aber nicht ungeduldig. Eher wie jemand, der die Stille benutzte, um etwas zu sehen, was man nur in der Stille sieht.

„Du hast die Radierung angesehen", sagte Viktor schließlich. „Länger als die anderen Bilder."

„Ja."

„Was hat dich gehalten?"

Lena dachte nach. Sie hätte sagen können, die Linienführung, die Lichtführung, die Technik. Aber sie war das schon einmal gefragt worden, und sie hatte schon einmal geantwortet, und jetzt wollte sie nicht mehr die Antwort geben, die sie gelernt hatte. Sie sah auf ihre Hände, dann auf die Bühne, auf das Kreuz, auf die Riemen, die daran hingen und immer noch nicht aufgerollt waren.

„Die Stelle", sagte sie. „Wo die Haut zu weiß wurde."

Viktor sah sie an. Nicht überrascht. Etwas anderes, das Lena nicht benennen konnte. „Gut", sagte sie. „Du siehst, was da ist, nicht was du erwartest." Sie machte eine Pause. „Das ist die erste Lektion. Die anderen kommen später."

Lena hielt die Handtasche fester. „Was für Lektionen?"

Viktor sah zur Uhr, die über der Bar hing, dann zurück. „Die Führung fängt an. Du kannst mitgehen. Du kannst auch gehen." Sie sagte es ohne Vorwurf. „Aber wenn du bleibst, dann bleibst du bis zum Ende."

Sie ging zur Bar, wo die Frau mit dem Handtuch schon zwei Gläser mehr auf den Tresen gestellt hatte, und Lena blieb auf der Bank sitzen, das Leder kalt unter ihren Schenkeln, und sah zu, wie die Leute an den Tischen ihre Stühle drehten, langsam, ohne Eile, als hätten sie auf diesen Moment gewartet und wären trotzdem überrascht, dass er jetzt kam. Der Junge ging von Tisch zu Tisch und löschte die Kerzen. Die Halle wurde dunkler, bis nur noch das Licht auf der Bühne brannte, ein einziger, warmer Kegel, der auf das Kreuz fiel und die Riemen aus dem Schatten holte.

Lena sah auf die Tür hinter dem roten Vorhang. Sie war noch offen. Sie konnte gehen.

Sie blieb sitzen.

Viktor klatschte zweimal in die Hände. Nicht laut. Nur so, dass es die Halle erreichte, ein trockenes Geräusch, das die letzten Gespräche an den Tischen versiegen ließ. Lena sah, wie sich die Stühle drehten, wie die Leute sich zur Bühne wandten, ohne Eile, aber ohne Zögern. Zwanzig waren es, vielleicht einundzwanzig. Mehr als sie gedacht hatte.

„Bevor wir anfangen", sagte Viktor. Sie stand am Rand der Bühne, nicht darauf. „Ihr kennt die Regeln. Wer sich unwohl fühlt, geht. Kein Grund nötig. Wer bleiben will, bleibt bis zum Ende." Ihr Blick ging über die Reihen, kurz, nicht prüfend. „Und niemand fasst an, was ihm nicht gehört."

Sie wartete einen Moment. Niemand ging.

„Also gut."

Sie trat auf die Bühne. Nicht in die Mitte, nicht in den Lichtkegel, sondern an die Kante, wo das Licht schon weicher wurde, und Lena verstand, dass das Absicht war. Das Kreuz in der Mitte blieb leer. Es war nicht das, was Viktor zeigen wollte. Noch nicht.

„Die meisten von euch kommen von draußen", sagte Viktor. „Aus Büros, aus Seminaren, aus Betten, in denen nichts passiert. Ihr habt eine Idee davon, was ihr wollt. Eine vage. Eine, die man nicht ausspricht, weil sie albern klingt oder schmutzig oder beides." Sie ließ die Hände an den Seiten. „Hier klingt nichts albern. Hier ist nichts schmutzig. Hier ist nur, was ist."

Sie ging zur ersten Vitrine, die an der Längswand stand, und die Leute an den Tischen drehten sich mit, wie Sonnenblumen. Lena blieb auf der Bank sitzen, aber sie rutschte ein Stück nach vorn, ohne es zu merken, bis ihre Knie fast den Bühnenrand berührten.

„Wir fangen mit dem Einfachen an." Viktor öffnete die Vitrine. Sie hatte einen Schlüssel, klein und matt, der an einem Ring an ihrem Gürtel hing, und Lena fragte sich, wie viele Schlüssel sie trug und für welche Türen. „Das hier", sie hob ein Bündel auf, „ist ein Seil. Hanf. Nichts Besonderes." Sie ließ es durch ihre Hände gleiten, langsam, damit man die Fasern sah. „Was glaubt ihr, wie viel davon man braucht, um einen erwachsenen Menschen zu halten?"

Schweigen.

„Zehn Meter", sagte jemand aus der hinteren Reihe.

„Drei", sagte Viktor. Sie ließ das Seil nicht los. „Wenn man weiß, wo." Sie wickelte es einmal um ihre eigene Hand, fest, und Lena sah, wie sich die Haut unter dem Seil weiß zusammenzog, ein schmaler Streifen, der unter dem Druck verschwand. „Das ist der erste Punkt. Es geht nicht um Kraft. Es geht um die Stelle. Ein Seil an der falschen Stelle hält nichts. An der richtigen hält es mehr, als der Mensch will, der darin liegt."

Sie legte das Seil auf den Tisch zurück und ging zur nächsten Vitrine. Lena sah ihr nach. Ihre Stimme war ruhig geblieben, aber etwas an der Art, wie sie „mehr, als der Mensch will" gesagt hatte, blieb in der Luft hängen, als hätte sie keine Erklärung nötig gehabt.

„Ihr habt das Wort gesehen", sagte Viktor, und ihre Hand lag jetzt auf dem Deckel der zweiten Vitrine. „Untergrund. Manche von euch haben es auf einer Karte gefunden, manche haben es gesucht. Was ihr darunter versteht, ist euer Problem. Was es hier bedeutet, ist: nichts davon ist ein Spiel, das man abbricht, wenn es unbequem wird." Sie öffnete die Vitrine. „Und nichts davon ist ein Schmerz, den man nicht wollte."

In der Vitrine, auf schwarzem Samt, lagen Dinge. Lena sah sie an und erkannte sie halb. Ein Knebel, schmal, aus Leder, mit einem Riemen, der um einen Kopf gelegt werden konnte. Eine Augenbinde, ebenfalls Leder, dick genug, dass kein Licht durchkam. Und daneben, länger, schmaler, ein Gegenstand, den sie nicht einordnen konnte, bis Viktor ihn hochhob und ins Licht drehte.

„Das ist eine Feder", sagte Viktor. „Nicht das, was ihr denkt." Sie strich mit dem Daumen über die Spitze, und Lena sah, dass es keine Feder war, sondern ein Stab, biegsam, vorne verdickt, mit einer kleinen Kugel am Ende. „Für die Haut. Für die Stellen, an denen man nicht mit der Hand hinkommt, ohne zu kratzen." Sie ließ ihn sinken. „Manche glauben, es geht um Schmerz. Es geht um Aufmerksamkeit. Der Körper merkt sich, wo man ihn berührt. Wenn man ihn überall berührt, merkt er sich nichts."

Lena schaute auf ihre eigenen Hände. Sie lagen auf der Handtasche, die Finger ineinander, und sie löste sie nicht. Sie merkte, wie ihr der Pullover am Rücken klebte, obwohl die Halle kühl war, kühler als die Straße draußen. Sie merkte es und sagte sich, dass es die Kerzen waren, die noch nicht ganz erloschen waren, irgendwo, ein Rest Glut in einem Glas.

Viktor ging weiter. Die dritte Vitrine war die, vor der Lena vorhin gestanden hatte, und jetzt, als Viktor sie öffnete, sah Lena die Puppe im Korsett von der Seite, und das Gesicht ohne Augen wirkte aus diesem Winkel noch falscher, als hätte jemand vergessen, ihm etwas zu geben, was alle anderen hatten.

„Manche von euch werden sich fragen, warum wir Puppen haben", sagte Viktor. Sie berührte die Schulter der Puppe nicht, sie zeigte nur. „Weil man an einer Puppe sehen kann, was man an einem Menschen nicht sieht. Die Linie. Die Stelle, an der ein Körper aufgibt." Sie deutete auf die Taille der Puppe, wo das Korsett sich einschnürte. „Das hier ist kein Kleidungsstück. Das ist ein Werkzeug. Es tut weh, wenn man es richtig trägt. Es tut mehr weh, wenn man es zu lange trägt, und irgendwann merkt der Körper nicht mehr, wo der Schmerz aufhört und er anfängt. Das ist der Punkt."

„Warum sollte man das wollen?"

Die Stimme kam von einem der Tische. Ein Mann, mittelalt, in einem Hemd, das er am Hals offen trug. Er fragte nicht spöttisch. Er fragte, als wüsste er es wirklich nicht.

Viktor sah ihn an. „Weil irgendwann die Stelle kommt, an der der Körper nicht mehr fragt, ob er es will. Er tut es einfach. Und das", sie ließ die Hand sinken, „ist etwas, das viele nie erleben. Nicht draußen. Draußen muss man immer entscheiden."

Lena hörte das, und etwas in ihr hörte es zweimal. Einmal als Antwort auf die Frage des Mannes. Einmal als etwas anderes, das sie nicht benennen wollte, und sie schaute schnell auf den Boden, auf die kleinen Lampen, die in die Steinplatten eingelassen waren, und auf das warme Licht, das von unten kam und die Schatten nach oben warf, als stünde die Halle auf dem Kopf.

„Jetzt zu dem, was die meisten von euch eigentlich meinen", sagte Viktor, und ihre Stimme hatte etwas, das noch keine Wärme war, aber auch keine Kälte. Sie ging zur vierten Vitrine, und die Leute an den Tischen drehten sich mit, und Lena merkte, dass auch sie sich vorbeugte, obwohl sie saß, als könnte sie sonst nicht sehen, was kam.

Die vierte Vitrine war größer. Viktor öffnete beide Türen, und das Licht fiel auf das, was darin lag, und Lena sah es zuerst nicht richtig, weil es zu viele Dinge waren, ordentlich ausgelegt wie Besteck in einer Schublade. Dann sah sie es.

Sie waren aus Silikon, aus Glas, aus Metall, in Größen, die in keiner Vorstellung Platz hatten, die Lena sich je gemacht hatte. Manche schmal und lang, manche kurz und breit, manche mit Rillen, manche glatt, manche gebogen wie ein Finger, der etwas sucht. Und dann, in der hinteren Reihe, die großen. Der eine, den sie vorhin schon gesehen hatte, mit der Kurbel am Ende, lag nicht mehr auf seinem Ständer. Viktor hielt ihn hoch.

„Das", sagte sie, „ist die Frage, die die meisten zuerst stellen." Sie drehte ihn im Licht. „Wie groß ist zu groß."

Niemand lachte. Lena hörte, wie irgendwo hinter ihr jemand die Luft einsog, kurz, und dann nichts mehr.

„Die Antwort ist: es gibt kein zu groß", sagte Viktor. „Es gibt nur zu schnell." Sie legte den Gegenstand auf den Samt zurück, ohne ihn zu verbergen. „Der Körper ist nicht das Problem. Der Körper kann mehr, als ihr glaubt. Die Dehnung ist nicht das, was wehtut. Das ist nur das, was man merkt. Weh tut die Eile. Wenn man zu schnell geht, reißt etwas, und dann ist es vorbei, und dann hat man Wochen, in denen man sich fragt, warum man es nicht langsamer gemacht hat."

Sie nahm einen der kleineren Gegenstände auf, einen schmalen, aus Glas, klar, mit einer Rundung am Ende. „Man fängt hier an. Man bleibt hier, bis der Körper nicht mehr zählt. Bis er aufhört, die Größe zu messen, und anfängt, die Füllung zu spüren. Das ist der Übergang. Zwischen dem, was man nimmt, und dem, was man bekommt."

Lena saß ganz still. Ihre Knie waren zusammen, ihre Hände lagen auf der Handtasche, und sie merkte, dass sie die Tasche nicht mehr spürte, obwohl sie sie hielt. Sie schaute auf den Gegenstand in Viktors Hand, und dann, ohne dass sie es wollte, schaute sie auf ihre eigenen Finger, auf die Breite ihrer Hand, auf die Stelle zwischen Daumen und Zeigefinger, wo die Haut sich spannte, wenn man die Finger spreizte, und sie schloss die Hand schnell wieder, als hätte sie sich bei etwas ertappt, und ihre Wangen wurden heiß.

„Manche von euch werden jetzt denken, dass das hier eine Vorführung ist", sagte Viktor. Sie legte den Gegenstand zurück, ordentlich, an seinen Platz, und schloss die Vitrine nicht. „Es ist keine. Es ist eine Ankündigung."

Sie ging zur Bühnenmitte, endlich, in den Lichtkegel, und das Kreuz hinter ihr wurde sichtbar, die Riemen, die noch immer nicht aufgerollt waren, und die Bank mit den Schlaufen an beiden Seiten, und der Ständer mit den Seilen in ihren Farben, und die Peitsche, deren Riemen bis zum Boden reichten und dort einen kleinen Kreis beschrieben.

„In einer halben Stunde beginnt die Show", sagte Viktor. „Was ihr dort sehen werdet, ist echt. Wer sich das nicht ansehen will, geht jetzt. Wer bleibt, bleibt bis zum Ende." Sie sah nicht in die Reihen, als sie es sagte. Sie sah auf das Kreuz, als spräche sie mit ihm. „Und wer bleibt, wird danach etwas über sich wissen, das er vorher nicht wusste."

Sie machte eine Pause. In der Halle war es so still, dass Lena das Summen wieder hörte, das tiefe, gleichmäßige, das sie schon auf der Treppe gehört hatte und das jetzt aus dem Boden zu kommen schien, aus den Lampen, aus dem Stein. Und darunter, kaum hörbar, das andere Geräusch, das Klang, der klang wie ein Seil, das sich spannt.

„Fragen?"

Eine Hand ging hoch. Die Frau aus der Dreiergruppe, die vorhin gelacht hatte. „Ist das alles nur für Männer?"

Viktor sah sie an. „Nein."

„Und für Frauen, die nicht wissen, ob sie es wollen?"

„Besonders für die", sagte Viktor. „Die anderen kommen nicht wieder."

Ein leises Lachen ging durch die Reihen, kurz, und verstummte. Lena lachte nicht. Sie spürte, wie ihr die Kälte des Leders durch die Jeans kroch, langsam, als hätte die Bank sich an sie gewöhnt und würde jetzt kalt, weil sie zu lange saß.

„Noch eine Frage", sagte Viktor. Diesmal war es der Junge mit dem Piercing, der an der Bar lehnte und die Arme verschränkt hatte. Er fragte nicht sie. Er fragte die Halle. „Wer ist sie?"

Viktor sah ihn an, einen Moment zu lang. Dann sah sie an ihm vorbei, in die Reihen, und Lena hatte das Gefühl, dass der Blick über sie hinwegging, ohne stehen zu bleiben, und dass genau das die Antwort war.

„Sie ist neu", sagte Viktor. „Neu ist gut. Neu sieht noch."

Sie ging zur Bar, wo die Frau mit dem Handtuch schon Gläser auf ein Tablett stellte, und die Leute an den Tischen standen auf, langsam, ohne Eile, und begannen, sich zu bewegen, zu trinken, zu reden, als wäre die Führung vorbei und hätte noch nicht angefangen. Lena blieb sitzen. Ihre Hände lagen auf der Handtasche, und sie öffnete sie nicht, und sie stand nicht auf, und sie schaute nicht zur Tür hinter dem roten Vorhang, obwohl sie wusste, dass sie offen war.

Sie schaute auf die Bühne. Auf das Kreuz. Auf die Riemen, die noch immer nicht aufgerollt waren. Und auf die Bank mit den Schlaufen an beiden Seiten, an der sie saß, und sie fragte sich, ohne dass sie es wollte, wie es wäre, wenn man sich darauf legte, und die Schlaufen um die Handgelenke legte, und dann wartete.

„Du bist blass."

Der Junge stand vor ihr. Er hatte sich nicht angeschlichen, aber sie hatte ihn trotzdem nicht kommen hören. Er hielt ein Tablett mit leeren Gläsern, und er sah sie an, nicht unfreundlich, aber auch nicht besorgt.

„Ich bin okay", sagte Lena.

„Das habe ich nicht gefragt." Er stellte das Tablett auf die Bank neben sich. „Die erste Führung macht das mit vielen. Man sieht zu viel auf einmal." Er sah zur Vitrine, die Viktor offen gelassen hatte, und dann wieder zu ihr. „Du musst nichts anfassen. Du musst nichts sagen. Du musst nur da sein."

„Und wenn ich gehe?"

„Dann gehst du." Er zuckte mit einer Schulter. „Viktor zwingt niemanden. Viktor lässt nur niemanden rein, der nicht will."

Er nahm das Tablett wieder auf und ging, und Lena sah ihm nach, wie er zwischen den Tischen verschwand, und sie merkte, dass sie die ganze Zeit die Luft angehalten hatte, seit er vor ihr gestanden war, und ließ sie jetzt los, langsam, und es tat weh in der Brust, wie wenn man zu lange unter Wasser war.

Sie stand auf.

Nicht um zu gehen. Ihre Beine trugen sie zur Vitrine, zur vierten, die offen war, und sie blieb davor stehen, die Hände in den Ärmeln des Pullovers, und schaute auf die Reihe der Gegenstände, ordentlich ausgelegt, und auf den großen, hinten, mit der Kurbel, der auf seinem Samt lag, als wäre er nichts.

Sie stellte sich vor, wie es wäre, ihn zu halten. Nicht zu benutzen. Nur zu halten. Das Gewicht in der Hand, die Kurbel zwischen den Fingern, und die Frage, wie viel Kraft man brauchte, um sie zu drehen, und was dann passierte, und ob man es merkte, wenn man zu schnell war, oder ob das nur eine Geschichte war, die man sich erzählte, damit es weniger schlimm klang.

Sie hörte Schritte hinter sich und drehte sich nicht um.

„Man darf sie ansehen", sagte Viktor. Sie stand neben ihr, nicht nah, und sah ebenfalls in die Vitrine. „Man darf sie auch fragen. Nur nicht anfassen."

„Ich habe nichts gefragt."

„Nein." Viktor sah sie von der Seite an. „Aber du schaust sie an, als hättest du eine."

Lena spürte die Hitze wieder, in den Wangen, im Nacken, und sie schaute auf den Boden, weil sie nicht wusste, wohin mit ihren Augen. „Ich weiß nicht, was ich fragen soll."

„Das ist die richtige Stelle zum Anfangen", sagte Viktor. Sie griff in die Vitrine, ohne hinzusehen, und nahm einen der schmalen Gegenstände aus Glas heraus, den, den sie vorhin schon in der Hand gehalten hatte. Sie legte ihn nicht in Lenas Hand. Sie legte ihn auf den Rand der Vitrine, zwischen sie, auf den Samt, und ließ ihn dort liegen.

„Der erste", sagte sie. „Nichts weiter."

Lena sah ihn an. Er war kürzer als ihr kleiner Finger, kürzer als sie gedacht hatte, und er war klar, und in dem Licht sah man die Rundung am Ende, klein und glatt, und sie wusste, dass sie ihn nicht anfassen würde, nicht hier, nicht jetzt, mit Viktor daneben, und sie wusste auch, dass sie ihn anfassen wollte, und dass Viktor das wusste, und dass Viktor nichts sagen würde, weil es nicht nötig war.

„Die Show fängt in zehn Minuten an", sagte Viktor. Sie schob den Gegenstand mit dem Finger ein Stück näher zu Lena, ohne ihn aufzuheben. „Du kannst sie von hier aus sehen. Oder von der Bank. Oder von gar nicht."

Sie ging.

Lena blieb vor der Vitrine stehen. Der Gegenstand lag auf dem Samt, klar, klein, und sie schaute ihn an, und sie schaute die anderen an, die großen, hinten, und dann schaute sie zur Bühne, zum Kreuz, zu den Riemen, die noch immer nicht aufgerollt waren, und zu der Peitsche, deren Riemen bis zum Boden reichten und dort einen kleinen Kreis beschrieben, und sie fragte sich, wer den Kreis gemacht hatte, und wann, und ob es beim Aufhängen passiert war oder ob jemand ihn absichtlich so hingelegt hatte, damit man ihn sah.

Sie ging zurück zur Bank. Setzte sich. Das Leder war kalt, wie vorher, aber es war jetzt ihr Leder, die Stelle, die sie schon einmal gewärmt hatte, und sie saß aufrecht, die Knie zusammen, die Handtasche auf dem Schoß, und wartete, wie die anderen warteten, und sie wusste, dass sie aussah wie eine Studentin, die zu früh gekommen war, und sie wusste es und tat es trotzdem.

Über ihr ging das Licht auf der Bühne an, heller als vorher, und das Summen wurde lauter, und die Leute an den Tischen setzten sich wieder, langsam, ohne Eile, und drehten ihre Stühle zur Bühne, und Lena drehte ihren Oberkörper mit, weil sie sonst nichts gesehen hätte, und ihre Hände lagen auf der Handtasche, und die Tür hinter dem roten Vorhang war noch offen.

Sie blieb sitzen.

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