Die S-Bahn roch nach nassen Mänteln und dem süßlichen Kaugummi, den irgendwo hinter ihr jemand mit offenem Mund kaute. Lena stand an der Tür, die Finger um den kalten Emaille-Griff über ihrem Kopf gelegt, und ließ sich von der Wucht der einfahrenden Bahn gegen die Scheibe drücken. Draußen zogen die Gleise vorbei, grau und ölig, und dahinter die Ränder der Stadt, die sie nicht ansah.
Der Tag lag noch in ihr wie ein Stein im Schuh. Zwei Vorlesungen, die sie nicht gehört hatte. Der Lesesaal, in dem sie eine Stunde über dasselbe Wort gebeugt gesessen hatte, weil sie immer wieder aufgeschaut war — zu dem Pult am Fenster, an dem er nicht gesessen hatte. Nicht an diesem Dienstag. Und der Gedanke, dass sie es bemerkt hatte, dass sie die leere Stelle angestarrt hatte wie ein Kind den fehlenden Zahn, ärgerte sie mehr als alles andere.
Sie trug den kurzen Rock. Sie hatte ihn angezogen, bevor sie überhaupt wusste, ob sie ihn sehen würde.
Die Türen schlossen sich zischend. Der Waggon schob sich an, und mit ihm die Menge, die sich neu verteilte, Schultern gegen Rücken, Taschen gegen Hüften. Lena hielt sich am Griff fest und spürte die erste Welle von Hitzestau unter ihrem Oberteil aufsteigen. Dienstag, dachte sie. Ein Wort wie ein Stempel.
Hinter ihr atmete jemand, näher als die anderen. Sie merkte es, bevor sie es einordnen konnte — einen Hauch zu tief, einen Takt zu ruhig in dem Schaukeln, das alle anderen hier mit kleinen Ausgleichsschritten abfingen. Ihr Nacken wurde warm. Sie drehte sich nicht um. Sie sah in die Scheibe.
Im Glas, halb transparent über ihrem eigenen Spiegelbild, stand er. Dunkelblondes Haar, kurz und akkurat. Das Polohemd unter der offenen Jacke. Er sah nicht sie an. Er sah, wie er immer sah, irgendwo an ihr vorbei, als wäre sie eine Bank, ein Geländer, ein Stück Ausstattung.
Lena biss sich auf die Unterlippe und wusste, dass er es im Fenster sah.
Die Bahn bog in die Kurve, und die Menge kippte als Ganzes zur Seite. Sie verlagerte ihr Gewicht, und ihr Rücken fand etwas Festes. Warm. Sie blieb dagegen. Sie sagte sich, es war das Gedränge.
„Nächster Halt: Friedrichstraße. Umstieg zur U-Bahn."
Die Stimme der Ansage schnitt durch das Rauschen, und für einen Moment war alles nur noch Bewegung — Leute griffen nach ihren Taschen, ein Mann neben ihr wuchtete einen Rucksack hoch, eine Frau lachte in ihr Handy und lehnte sich dabei halb gegen Lenas Schulter, ohne es zu merken. Der Geruch von Regen und nassem Stoff wurde stärker, als die Türen sich öffneten. Kühle Luft herein. Ein paar Körper hinaus.
Die Lücke hätte gereicht.
Lena hätte einen Schritt zur Seite machen können, sich an die freie Stange stellen, den Abstand herstellen, der sich gehörte. Sie tat es nicht. Sie hielt den Griff fester, und sie blieb, wo sie war, und sie wusste genau, dass sie es tat, und sie wusste, dass er es wusste.
Die Türen schlossen sich wieder. Die Menge rückte zusammen wie ein lebendiges Ding, und jetzt war kein Abstand mehr zu schaffen, auch wenn sie gewollt hätte.
Sein Atem strich über ihren Nacken. Nicht zufällig. Es war der Atem eines Mannes, der den Kopf gesenkt hielt, als müsse er etwas lesen, und der in Wahrheit so nah war, dass sie die Wärme durch den eigenen Stoff hindurch spürte. Lena schloss die Augen für genau eine Sekunde. Dann öffnete sie sie wieder, weil sie nicht den Mut hatte, sie länger geschlossen zu halten, ohne dass etwas in ihr in Bewegung geriet.
Seine Hand lag an ihrer Hüfte. Nicht fest. Nur da. Der Daumen an der Rundung des Beckenknochens, durch den dünnen Stoff des Minirocks. Ein Kontakt, den jeder hier für den Zufall eines überfüllten Wagens halten würde. Sie wusste, dass er keiner war.
Sie presste die Lippen zusammen, damit die Stimme nichts tat, was sie nicht wollte.
Die Hand wanderte.
Langsam, wie unter einem Vorwand, schob sie sich den Rock hinab, an der Außenseite ihres Oberschenkels entlang, und der Stoff spannte sich hauteng über ihre Haut, als sie sich unwillkürlich gegen ihn lehnte. Sie fühlte die rauen Kuppen seiner Finger, diese Finger, die im Schwimmbecken eine Stoppuhr hielten und im Lesesaal eine Seite umblätterten, und jetzt lagen sie auf ihr, und der Unterschied machte ihr die Kehle eng.
Sie hätte ihn wegstoßen können. Ein Wort, eine Bewegung, und es wäre vorbei, und das war der Punkt, an dem sie sich selbst dabei ertappte, wie sie es durchging — nicht als Gefahr, sondern als Option, die sie nicht wählte. Der Waggon ruckte, die Menge stieß sie nach hinten, und sie ließ es geschehen, als wäre es die Bahn und nicht sie, die sich entschied.
Seine Finger fanden den Saum ihres Rocks und darunter den Ansatz ihres Slips, und Lena spürte, wie ihr Mund trocken wurde. Ihre Hände schlossen sich fester um den Emaille-Griff, bis die Knöchel weiß hervortraten. Über sich hörte sie das Klacken der Stange in ihrer Halterung, ein Geräusch, das sie sonst nie bemerkt hätte.
Niemand sah her. Das war das Unglaubliche. Die Frau mit dem Handy lachte wieder, ein Geräusch wie aus einem anderen Raum, und ein Junge mit Kopfhörern nickte im Takt zu etwas, das nur er hörte, und ringsum standen Menschen so dicht, dass keiner den Boden sehen konnte, geschweige denn eine Hand.
Seine Finger glitten unter den Bund. Über die Rundung. Zwischen ihre Pobacken.
Lena machte einen Laut, den sie im letzten Moment in ein Räuspern umbog, und starrte in das Fenster, in dem sie sein Spiegelbild sah — gelassen, kontrolliert, als stünde er an einem Beckenrand und zählte Bahnen. Als wäre nichts. Als wären seine Finger nicht genau dort, wo sie jetzt waren, feucht und suchend, und ihr Atem nicht das Einzige, was ihr noch gehörte.
Er fand sie. Nicht zufällig, nicht tastend — er wusste, wo er hin wollte, und das war schlimmer als alles andere, weil es bedeutete, dass er es geplant hatte, und weil es bedeutete, dass sie es zugelassen hatte, seit sie in diese Bahn gestiegen war.
Ein Finger. Er drang in sie ein, langsam, unter dem Stoff, und Lenas Knie gaben einen halben Zentimeter nach, bevor sie sie wieder festmachte. Die Berührung war eng und fremd und vollkommen präzise, und sie biss sich so hart auf die Unterlippe, dass sie den Geschmack von Metall bekam.
„Nicht", flüsterte sie, ohne den Kopf zu drehen.
Sein Atem an ihrem Ohr wurde eine Spur tiefer. „Sag es noch einmal", sagte er, so leise, dass es unter dem Rattern der Schienen fast verschwand, und sie hasste ihn für die Ruhe darin, und sie hasste sich für das, was diese Ruhe mit ihr machte.
Sie sagte es nicht.
Der Finger bewegte sich, ein langsames Kreisen, und dann schob sich ein zweiter dazu, und Lena fühlte, wie ihr der Schweiß im Nacken ausbrach, obwohl die Luft an der Tür kühl war. Der Rock lag eng über ihren Schenkeln, und unter dem Stoff arbeitete seine Hand in einem Rhythmus, den der Waggon vorgab, sodass jede Bewegung der Bahn sich in ihr fortsetzte, als hätte der Zug selbst Hände.
Sie hielt den Griff. Sie hielt den Blick im Fenster. Sie hielt sich an dem einen Gedanken fest, dass niemand etwas sehen konnte, und dieser Gedanke war gleichzeitig ihr Halt und ihr Verderben, weil er bedeutete, dass sie es zuließ, und weil sie es zuließ, und weil sie es zuließ.
Die zweite Hand kam.
Er ließ sie nicht warten. Er ließ sie nie warten, das hatte sie in den letzten Wochen gelernt, und so strich diese Hand von vorn über ihren Bauch, unter den Bund ihres Slips, und fand sie dort, wo sie schon längst feucht war, so feucht, dass es keine Ausrede mehr gab, kein Gedränge, keinen Zufall, keinen Dienstag.
Ein Finger an ihrer Klitoris. Derselbe langsame Rhythmus. Vorn und hinten, zwei Hände, eine Bewegung, und Lena stand in einer überfüllten S-Bahn und wurde von ihrem Lehrer so geöffnet, dass sie den Griff über sich nur noch mit beiden Händen halten konnte.
Sie schloss die Augen. Sie durfte es jetzt, es war egal, niemand sah ihr Gesicht, und in der Dunkelheit hinter ihren Lidern war es schlimmer und besser zugleich, weil sie seine Hände dann nur fühlte, ohne die Kontrolle der Bilder. Sein Daumen drückte, sein Finger in ihr krummte sich leicht nach vorn, und ihre Hüften machten eine Bewegung, die sie nicht befohlen hatte, eine kleine, demütigende Bewegung nach hinten, gegen seine Hand.
„Braves Mädchen", sagte er, kaum hörbar, und sie hätte ihn dafür schlagen können, und stattdessen wurde sie feuchter, und sie wusste, dass er es spürte, weil sein Atem für einen Moment aussetzte, nur einen Moment, und das war das Einzige, was er ihr in dieser ganzen Fahrt zugestand.
Die Ansage kam wieder. „Nächster Halt: Zoologischer Garten."
Die Menge verlagerte sich im Voraus, ein Vorwärtsdrängen, Taschen wurden geschultert, ein Ellenbogen stieß Lena in die Seite. Für eine Sekunde löste sich der Druck, seine Hände wurden langsamer, und Lena begriff, dass das die Tür war. Der Moment, in dem sie sich hätte herausdrehen können, mit der Menge aussteigen, die Treppe hoch, nach Hause, unter die Dusche, vergessen.
Sie blieb stehen.
Seine Finger blieben in ihr, und seine andere Hand lag flach auf ihrem Bauch, als hielte er sie fest, und die Türen öffneten sich, kalte Luft strömte herein, Menschen quetschten sich an ihr vorbei, und Lena stand ganz still in dem Strom wie ein Stein in einem Bach, und ließ sich von den Körpern um sie herum berühren, ohne einen einzigen davon zu meinen.
Sie sah in das Fenster. Sein Spiegelbild sah jetzt zurück. Eisblau, ruhig, und darunter etwas, das sie zum ersten Mal an ihm sah und das ihr den Atem nahm — keine Gelassenheit mehr, sondern das Gegenteil, nur einen Millimeter unter der Oberfläche, ein Hungern, das er genauso wenig beherrschte wie sie.
„Friedrichstraße", murmelte sie, nur um etwas zu sagen, das nicht sein Name war.
„Ich weiß", sagte er, und seine zweite Hand schob sich unter den Saum ihres Rocks, die Finger glitten über den feuchten Stoff ihres Slips, fanden die Stelle, die schon brannte, und blieben dort, ohne sich zu bewegen, ein Druck, der nichts tat und alles versprach.
Die Türen schlossen sich. Die Bahn fuhr an. Lena biss sich auf die Unterlippe und hielt den Griff über ihrem Kopf mit beiden Händen, und über ihr in der Menge, die sich wieder zusammenschob, war nichts mehr zu hören als das Rattern der Räder und ihr eigener Herzschlag, der viel zu laut war, um wahr zu sein.
Die Bahn beschleunigte in die Dunkelheit des Tunnels, und mit der Dunkelheit kam das Fenster zurück — kein Stadtbild mehr, nur noch Glas, und in dem Glas, deutlicher als vorher, sein Gesicht hinter ihrem. Er hatte den Kopf nicht gehoben. Er tat weiter, als läse er die Anzeige über der Tür, die Haltestellen abzählte, die Uhrzeit prüfte, irgendetwas, das ihn nichts anging. Aber seine Augen standen auf ihr, und sie standen zu lange auf ihr, und sie wusste, dass er wusste, dass sie es sah.
Sein Zeigefinger bewegte sich. Nicht schnell. Nur ein Millimeter, ein Kreis, der gerade groß genug war, dass sie ihn fühlte, und klein genug, dass sie ihn sich einbilden konnte. Sie bildete ihn sich nicht ein. Sie spürte die raue Kuppe durch den nassen Stoff, dieses winzige Kreisen, das nichts war und alles, und sie presste die Schenkel zusammen, um ihn festzuhalten, und merkte im selben Moment, dass sie damit genau das tat, was er wollte. Ihn festhalten. Ihn einladen. Ihm sagen, bleib.
Sie zwang ihre Schenkel wieder auseinander. Langsam. Es kostete sie mehr, als es sollte.
„Du zitterst", sagte er an ihrem Ohr, so tief, dass die Vibration in ihrem Kiefer landete. Keine Frage. Eine Feststellung, wie am Beckenrand. Wie eine Zeit, die er von der Uhr ablas.
„Nein", sagte sie.
„Doch."
Sie hasste, dass er recht hatte. Sie hasste, dass er es aussprach, weil Aussprechen es wahr machte, weil Aussprechen hieß, dass er es sah, und weil Sehen hieß, dass er es behielt. Sie schloss die Hand fester um den Griff, und diesmal ließ sie es zu, dass ihre Finger weiß wurden, weil niemand hier oben hinsah, weil der Griff kalt war und ehrlich und das Einzige in diesem Waggon, das keine Meinung über sie hatte.
Eine Stimme neben ihr. Eine Frau, Mitte vierzig, Regen im Haar, die sich halb an Lenas Schulter lehnte, ohne es zu merken, und in ihr Handy sprach. „…nein, ich sag dir, der Zug steht, ich komm später, ich weiß auch nicht, die S-Bahn ist voll bis oben…" Sie lachte kurz, schob sich eine Strähne hinters Ohr, und ihr Ellenbogen stieß sacht gegen Lenas Oberarm. Lena erstarrte. Nicht wegen des Ellenbogens. Wegen der Nähe. Wegen der Stimme. Wegen der Tatsache, dass diese Frau so nah war, dass sie Lenas Atem hätte hören können, wenn sie zugehört hätte, und Lenas Atem war nicht das, was man hören sollte.
Seine Finger blieben ruhig. Er wartete, bis die Frau sich weitergedreht hatte, bis ihr Lachen wieder in ihre eigene Welt zurückfiel, und dann bewegte er sich erst weiter. Nicht schneller. Nur weiter. Der Druck wanderte, ein halber Zentimeter nach oben, und dann zurück, und Lena begriff, dass er sie nicht trieb. Er ließ sie atmen. Er ließ sie stehen in der Angst, dass die Frau sich umdrehen würde, und in der Angst, dass sie es nicht tat, und beides zugleich war schlimmer als alles, was er mit den Fingern tat.
Der Zug ruckte. Ihre Hüfte stieß nach hinten, gegen seine Hand, und sie hörte ihren eigenen Atem durch die Nase ausfahren, zu laut, und sie biss sich auf die Innenseite der Wange, um es zurückzuholen.
Und dann kam es, ohne dass sie es rief — der Lesesaal. Vor ein paar Tagen. Sie saß an ihrem Tisch, das Buch aufgeschlagen, und er ging an ihr vorbei, ohne sie anzusehen, wie immer, und ließ etwas auf ihren Tisch fallen, ein gefaltetes Blatt Papier, klein, in der Größe einer Karte, und sie hatte es aufgemacht, als er schon an der Tür war, und darauf stand nichts als ein Wort. Ein Datum. Nur das. Und sie hatte es den ganzen Heimweg in der Manteltasche getragen, ohne es wegzuwerfen, und sie hatte es am Abend unter das Kopfkissen geschoben, wie ein Mädchen, und sie hatte sich dafür verachtet, und sie hatte es liegen gelassen.
Jetzt, mit seiner Hand zwischen ihren Beinen und seinem Atem im Nacken, wusste sie, dass es keine Karte gewesen war. Es war eine Ansage gewesen. Dasselbe, was die Stimme über der Tür jetzt in den Waggon sagte. Eine Zeit. Ein Ort. Ein Befehl, den man nur lesen musste, um zu wissen, dass man längst gehorcht hatte.
„Nächster Halt: Hauptbahnhof", sagte die Stimme.
Die Menge bewegte sich im Voraus, ein Rascheln, ein Schultern, ein Griff nach Taschen. Die Tür neben ihnen wurde zur Sammelstelle, und zum ersten Mal an diesem Abend wurde der Druck um Lenas Körper herum weniger statt mehr. Platz. Ein halber Meter, der sich öffnete, ein Spalt zwischen ihr und seinem Körper, in dem plötzlich Luft war, kalte, klare Luft, und mit der Luft kam die Möglichkeit.
Seine Hände blieben, wo sie waren. Er zog sie nicht zurück. Er wartete, wie er immer wartete, und sie wusste, dass er wartete, und sie wusste, dass er es tat, weil er es sehen wollte. Ob sie ging. Ob sie blieb. Ob sie sich löste, wenn die Tür sich öffnete, und der ganze Waggon ihr eine Ausrede in die Hand gab, die größer war als alle anderen vorher.
Lena sah in die Scheibe. Sein Spiegelbild sah zurück. Und in seinem Gesicht war jetzt nichts mehr von der Ruhe, die sie im Schwimmbad gesehen hatte, wenn er seine Bahnen zählte und nicht wusste, dass sie zählte, wie oft er sie ansah. Da war nur der Mund, fest geschlossen, und die Kiefer, angespannt, und ein Mann, der sich zusammenhalten musste, so wie sie sich zusammenhalten musste, und der es genauso wenig tat wie sie.
Sie blieb stehen.
Der Zug hielt. Die Türen öffneten sich zischend, und mit dem Zischen kam der Lärm, Bahnsteig, Ansagen, ein Kinderwagen, der sich durch die Menge schob, eine Stimme, die „Vorsicht" rief, und die Menschen flossen um Lena herum wie Wasser um einen Stein, ohne sie zu bewegen, weil sie sich nicht bewegte, weil sie sich längst entschieden hatte, in dem Moment, in dem sie in diese Bahn gestiegen war und ihn hinter sich gespürt hatte und nicht ausgestiegen war.
„Braves Mädchen", sagte er wieder, und diesmal, so leise, dass es unter dem Bahnsteigslärm fast unterging, und diesmal hörte sie es anders. Nicht als Spott. Als etwas, das er ihr gab, weil er wusste, dass sie es brauchte, und sie verachtete ihn dafür, dass er es wusste, und sie verachtete sich dafür, dass sie es brauchte.
Die Türen schoben sich zu, und mit ihnen schob sich die Menge wieder zusammen, aber diesmal anders. Diesmal wusste sie, wer hinter ihr stand, und sie wusste, dass er wusste, dass sie es wusste, und dass keiner von ihnen etwas dagegen tat.
Die Bahn fuhr an, und sein Körper schob sich mit dem Anfahren gegen ihren Rücken, und sie ließ es zu, dass ihr Gewicht für einen Moment nach hinten sackte, gegen seine Brust, gegen den Stoff der Jacke, die nach kaltem Regen und irgendwas Darunterliegendem roch, nach Haut, die sie kannte. Ihre Wange fand den Kragen seines Polos, und sie merkte, wie sich ihre Lider senkten, und sie riss sie wieder hoch, weil sie im Fenster sein Gesicht sehen wollte, weil sie sehen wollte, ob es in ihm genauso aussah wie in ihr.
Es sah so aus. Nur eine Spur härter.
Seine Hand lag jetzt flach auf ihrem Bauch, unter dem Rand ihres Oberteils, die Finger gespreizt, als hielte er sich an ihr fest, und die andere Hand war noch immer zwischen ihren Beinen, ruhig, wartend, als hätte sie alle Zeit dieser Fahrt. Lena wusste, dass er wartete. Sie wusste auch, worauf. Er wartete darauf, dass sie sich bewegte, dass sie ihn bat, dass sie etwas tat, das nicht mehr Ausrede war, und sie nahm sich vor, es nicht zu tun, und sie wusste schon beim Vornehmen, dass sie es tun würde.
„Jonas", sagte sie, und es war kein Flüstern mehr, es war ein Wort, das sie ihm gab, weil sie es nicht länger behalten konnte, und sie spürte, wie seine Kiefer sich an ihrer Schläfe anspannten, und sie wusste, dass sie ihn getroffen hatte, dass sie die eine Sache gesagt hatte, die auch ihn kostete.
Er antwortete nicht. Er drehte nur die Hand, die auf ihrem Bauch lag, sodass der Daumen über ihren Nabel strich, unter dem dünnen Stoff, und die Berührung war so leicht, dass sie sich fast nichts nennen konnte, und genau deshalb brannte jede Stelle, über die er fuhr, als hätte er sie mit einem Messer gezogen.
Die Bahn bog in eine Kurve, und die Menge kippte, und in dem Kippen fand seine Hand den Weg nach unten, an der Innenseite ihres Oberschenkels entlang, den Saum hoch, und dann lag sie wieder bei der anderen, zwei Hände jetzt an derselben Stelle, und Lena fühlte, wie ihr der Atem flach wurde, wie die Luft in ihrem Brustkorb nur noch oben ging, weil unten kein Platz mehr war.
„Nicht hier", sagte sie, und es klang nicht wie eine Bitte und nicht wie ein Befehl, es klang wie das, was es war: eine Feststellung, dass sie sich gleich nicht mehr würde halten können, und dass er das wusste, und dass es ihn nicht kümmerte.
„Doch", sagte er, und dann, leiser, direkt an ihrem Ohr, mit dieser Stimme, die tiefer wurde, wenn er Dinge sagte, die er sich selbst nicht eingestand: „Genau hier."
Sie hasste ihn. Sie hasste ihn so sehr, dass ihr die Augen heiß wurden, und sie hasste ihn, weil er recht hatte, weil sie es hier wollte, in dieser Bahn, in diesem Gedränge, mit ihrer Hand am kalten Griff und ihrem Rücken an seiner Brust und ihrem Namen in seinem Mund, den er noch nicht ausgesprochen hatte, und den sie trotzdem hörte, irgendwo unter dem Rattern.
Seine Finger bewegten sich wieder. Erst einer, langsam, dann zwei, und dann fand der Daumen die Stelle vorn, die schon so nass war, dass sie sich selbst dafür verachtete, und er strich darüber, ohne Druck, ohne Rhythmus, nur so, als wolle er sich vergewissern, dass sie noch da war, dass sie noch gehörte, und sie biss sich auf die Innenseite der Wange und gab keinen Laut, keinen einzigen, und sie wusste, dass er es bemerkte, weil er ein zweites Mal über sie strich, härter jetzt, und sie wusste, dass er es tat, weil er sie zum Klingen bringen wollte, hier, in dieser Bahn, vor diesen Menschen, und weil er es konnte.
Der Zug hielt wieder, und die Menge bewegte sich, und diesmal war es anders, diesmal kam kein Abstand, diesmal schob sich alles nur noch enger, weil die Leute, die ausstiegen, durch die ersetzt wurden, die einstiegen, und Lena stand in dem neuen Gedränge wie in einem Handschuh, und seine Hände blieben, wo sie waren, und bewegten sich weiter, und sie begriff, dass es keinen Moment mehr geben würde, in dem sie sich lösen konnte, dass sie die Wahl gehabt hatte und sie nicht genutzt hatte und dass das jetzt ihr Leben war, hier, für diese Fahrt, in dieser einen Minute, die sich dehnte wie eine ganze Nacht.
„Sag es", murmelte er.
„Nein."
Sein Daumen drückte, und ihr Knie gab nach, einen Millimeter, und sie fing sich an dem Griff, und sie hörte sich selbst atmen, hörte das Zittern darin, und sie schloss die Augen, weil es einfacher war, es nicht zu sehen.
„Sag es, Lena."
Und weil er ihren Namen sagte, weil er ihn so sagte, als wäre er kein Name, sondern eine Sache, die ihm gehörte, sagte sie es. „Bitte."
Nicht mehr. Nur das eine Wort, und sie wusste, dass es genug war, weil seine Finger sofort schneller wurden, weil seine Hand auf ihrem Bauch sich fester gegen sie legte, als wollte er sie halten, während er sie auseinandernahm, und weil sie in seinem Atem, der jetzt an ihrem Hals stand, ein Zittern hörte, das sie noch nie an ihm gehört hatte.
Die Ansage kam, und diesmal hörte sie kein Wort, nur ein Rauschen, eine Stimme, die irgendwas verkündete, das nicht wichtig war, und über ihr in dem Waggon lachten Menschen, und jemand stieß gegen ihre Schulter, und alles davon war weit weg, wie unter Wasser, und das Einzige, was nah war, waren seine Hände, seine Finger, die sie öffneten, langsam, präzise, mit dieser wahnsinnigen Ruhe, die sie seit dem Lesesaal an ihm kannte und die sie jetzt, hier, in sich trug.
„Du bist so feucht", sagte er, und es war keine Feststellung mehr, es war ein Genuss, den er sich nahm, ein Wort, das er sich in den Mund legte wie etwas Süßes, und sie hätte ihm dafür ins Gesicht schlagen können, und stattdessen presste sie die Stirn an die kalte Scheibe und ließ es geschehen, dass ihr Becken sich bewegte, kleine Bewegungen, die sie nicht machte und die trotzdem ihre waren.
Seine Finger fanden den Rhythmus der Schienen. Er nahm ihn auf, wie er alles aufnahm, und gab ihn ihr zurück, und Lena stand in der Mitte eines vollen Waggons und wurde von einem Mann in einem Polohemd so geführt, dass sie die Haltestellen nicht mehr zählte und die Menschen nicht mehr sah und nur noch den einen Gedanken hatte, der sie nicht losließ: dass sie es zuließ, dass sie es zuließ, dass sie es zuließ.
Und dann, in dem Moment, in dem sie dachte, sie könnte sich nicht mehr halten, nahm er die Hände weg.
Einfach weg. Beide. Er ließ sie stehen, offen, nass, mit nichts als dem kalten Griff in ihren Fingern und dem Zug, der sie schaukelte, und Lena machte einen Laut, der halb ein Fluch war und halb etwas anderes, und sie drehte sich zum ersten Mal an diesem Abend zu ihm um, weil sie ihn sehen wollte, weil sie ihm ins Gesicht sehen wollte, um zu wissen, warum.
Er stand da und sah sie an. Aus der Nähe, ohne Glas, ohne Spiegelbild, und es war schlimmer als alles, was sie im Fenster gesehen hatte, weil da kein Raum mehr war für Zweifel. Seine Augen waren nicht ruhig. Sie waren das Gegenteil von ruhig, und er ließ sie es sehen, absichtlich, und das war das Geschenk und die Demütigung in einem.
„Nicht hier", sagte er, und diesmal war es ihr Satz, den er ihr zurückgab, und sie begriff, dass er es die ganze Zeit gehört hatte, dass er es die ganze Zeit behalten hatte, um es ihr jetzt vor die Füße zu legen.
Die Bahn wurde langsamer. Die Menge bewegte sich vorwärts, zur Tür, ein Sog, der sie beide erfasste, und Lena stand mit brennender Haut und zitternden Beinen und wusste, dass sie in wenigen Sekunden aussteigen würde, weil sie hier nicht bleiben konnte, weil sie hier nichts mehr halten konnte, und weil er es wusste und es zuließ.
Seine Hand fand ihre, kurz, unter dem Vorwand des Gedränges, und drückte einmal zu. Es war kein Zufall. Es war ein Zeichen, und sie hasste sich dafür, dass sie es verstand, und sie hasste sich dafür, dass sie zurückdrückte.
Die Türen öffneten sich, und der Bahnsteig kam herein, kalt und hell und voller Menschen, die nichts von alldem wussten, und Lena stieg aus, weil ihr nichts anderes übrig blieb, und sie ging, ohne sich umzudrehen, weil sie wusste, dass er hinter ihr stand, und weil sie wusste, dass er warten würde, und weil sie wusste, dass sie nicht weit gehen würde.
Sie blieb am Ende des Bahnsteigs stehen, wo der Wind durch die Tunnelöffnung zog, und sie hörte seine Schritte hinter sich, ruhig, gleichmäßig, ohne Eile, und sie spürte, wie ihr Slip an ihr klebte, feucht und verräterisch, und sie dachte an das Datum, das er ihr auf den Tisch gelegt hatte, und daran, dass sie es unter ihr Kopfkissen geschoben hatte, und daran, dass sie es dort nie hervorgeholt hatte, weil sie es nicht wegwerfen konnte.
Seine Stimme kam von hinten, nah, ohne dass er sie berührte. „Dienstag", sagte er, und es war dieselbe Ansage wie immer, dieselbe Zeit, derselbe Ort, und diesmal hörte sie es anders, weil sie wusste, dass es kein Termin war, sondern ein Wort, das sie trug, unter dem Rock, in der Haut, in dem Kissen unter ihrem Kopf.
Sie drehte sich um. Sein Gesicht war wieder das Gesicht, das sie aus dem Lesesaal kannte, ruhig, kontrolliert, eisblau, und sie wusste, dass es gelogen war, und sie wusste, dass er wusste, dass sie es wusste, und sie wusste, dass das der Punkt war, an dem sie beide standen, hier, am Ende eines Bahnsteigs, an einem Dienstagabend, und dass keiner von ihnen einen Schritt zurückgehen würde.
„Ich weiß", sagte sie, und es waren seine zwei Worte aus der Bahn, und sie gab sie ihm zurück, und sie sah, wie sich etwas in seinem Mund bewegte, ein halber Millimeter, ein Zugeständnis, das niemand sehen würde, der nicht hinsah.
Dann kam der nächste Zug, und er stieg ein, ohne sich noch einmal umzudrehen, und die Türen schlossen sich zwischen ihnen, und Lena stand auf dem Bahnsteig und sah dem Zug nach, bis die roten Lichter in der Dunkelheit des Tunnels verschwanden, und sie stand noch da, als der nächste kam, und sie stand noch da, als der übernächste kam, weil sie in ihrem Slip seine Hand noch spürte und in ihrem Mund seinen Namen noch schmeckte und weil sie wusste, dass sie in dieser Nacht nicht schlafen würde.

